S.P.O.N. - Im Zweifel links Steinbrück braucht zwei Helfer

Niedersachsen zeigt, dass die SPD die Bundestagswahl tatsächlich gewinnen kann. Peer Steinbrück bekommt eine zweite Chance als Kanzlerkandidat. Aber jetzt sollte die Partei ihm Wächter an die Seite stellen: einen rechts und einen links.

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SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück braucht jetzt zwei Wächter: Steinmeier rechts, Gabriel links
dapd

SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück braucht jetzt zwei Wächter: Steinmeier rechts, Gabriel links


Jeder hat eine zweite Chance verdient. Aber nicht alle bekommen eine. Darum hat Peer Steinbrück Glück gehabt. In Hannover wurde gerade seine Kandidatur gerettet. Hätte die SPD in Niedersachsen verloren, wäre Steinbrück kaum zu halten gewesen. Nun darf der ungeschickte Kandidat noch einmal von vorne beginnen. Schön, wenn er aus den vergangenen Wochen gelernt hat. Aber die SPD sollte sich darauf nicht verlassen. Sie sollte Steinbrück rechts und links einen Wächter an die Seite stellen. Sie sollte zur Troika zurückkehren.

Im Herbst will Peer Steinbrück Kanzler der Bundesrepublik Deutschland werden. Aber erst mal wäre seinetwegen beinahe Niedersachsen verloren gegangen. Die SPD hat gewonnen. Aber es war knapp. Und das lag an Steinbrück. Der Kandidat war nicht nur keine Hilfe. Er war eine Last. Da macht sich niemand etwas vor. "Es ist mir auch bewusst, dass ich maßgeblich dafür eine gewisse Mitverantwortung trage", sagte Steinbrück noch am Wahlabend. Diese beinahe merkelhaft verdrehte Formulierung lässt daran zweifeln, ob es ihm wirklich bewusst ist. Die Worte sitzen diesem Kandidaten sonst so locker. Er sagt alles schnell dahin. Mal dies, mal das.

Seit er das Amt des Herausforderers inne hat, redet er sich um Kopf und Kanzleramt. Das ist sein Fehler.

Aber manche Medien sind inzwischen dazu übergegangen, sich aus Steinbrücks politischer Arbeit einen voyeuristischen Spaß zu machen. Sie verfolgen seine Reden und seine Termine mit der glucksenden Erwartung des nächsten Fettnäpfchens. Da geht es nicht um Politik, sondern um Patzer, Pannen, Peinlichkeiten. Aber der Mann ist kein Clown und die Politik kein Zirkus. Kleine Erinnerung: Es geht tatsächlich um Inhalte. Merkel macht weniger Fehler als Steinbrück - weil sie weniger macht. Was haben wir von der Kanzlerin zu Mindestlöhnen und Mieten gehört, zu Steuern und dem Kampf gegen Steuerflucht, und zur so dringend notwendigen Regulierung der Finanzmärkte? Merkel hat sich der politischen Vernachlässigung des Landes schuldig gemacht.

Steinbrück braucht Hilfe

Ja, man kann sich die Frage stellen, ob jemand wie Steinbrück, dem schon das Geschick zum Kandidaten fehlt, zum Kanzler taugt. Wie würde sich Steinbrück schlagen, auf dem nächsten Euro-Krisengipfel, spät nachts, wenn Europas Zukunft auf dem Spiel steht und auf den Kapitalmärkten wetzt man schon die Messer? Wahrscheinlich besser als in der Öffentlichkeit. Steinbrück ist kein Politiker. Er ist ein Spitzenbeamter. Für einen Kanzler muss das heute kein Nachteil sein. Aber es zeigt, dass Steinbrück Hilfe braucht. Die SPD kann es sich nicht mehr leisten, ihm die Kandidatur allein zu überlassen.

Die Chefs von Fraktion und Partei, Frank-Walter Steinmeier und Sigmar Gabriel, sollten Steinbrück von nun an in die Mitte nehmen. Wie soll er sich dagegen wehren? Er hatte seine Chance - und hat sie vertan. Bei der Bundestagswahl wird ihm niemand zu Hilfe kommen wie jetzt in Hannover der zuverlässige Stephan Weil. Bei dem haben sich die Niedersachsen gedacht: Das ist mal ein Politiker, der wirkt so integer, dem würde man glatt sein Bundesland anvertrauen. Steinbrück kann sich bei Weil dafür bedanken, dass die SPD ihn als Kandidaten überhaupt hält.

Der Kandidat Peer Steinbrück geht also zugleich gestärkt und geschwächt aus dieser Wahl hervor. Man weiß jetzt, dass er gegen Merkel antreten wird. Aber es gibt genügend Hinweise dafür, dass er allein diesem Kampf nicht gewachsen ist. Gabriel muss ihn von links decken und Steinmeier von rechts. Und wo bleibt dann die Beinfreiheit, die Steinbrück eingefordert hat? Die soll er haben und ausleben. Aber künftig bitte nur noch nach vorne.

Da steht Angela Merkel.

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insgesamt 255 Beiträge
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Seite 1
herr-vorragend 21.01.2013
1. .
Steinbrück sagt was er denkt. Das ist oft nicht diplomatisch und auch nicht sehr strategisch. Aber es ist ehrlich. Eine Tugend, die in der Politik nicht mehr allzu oft zu erkennen ist.
hatomune 21.01.2013
2. Die Profis!
Es ist nur schwerlich nachzuvollziehen, was den Steinbrück da in letzter Zeit geritten hat. Der Teufel war's nicht! So schlimm isse snoch nicht. Mac Allister aber it vom Teufel geritten worden! 18 Uhr verkündet er im Brustton der Überzeugung: ICH BIN MIR SICHER...! Einfach unprofessionell!
echo0815 21.01.2013
3. Das Patt im Lagerwahlkampf der Parteien
zeigt, dass sich der Riss durch die Gesellschaft weiter vertieft und zementiert wird. Da könnte man sich fragen, ob die Entwicklung nicht hin läuft zu einem überwiegend vorherrschenden 2-Parteiensystem. So bleibt die Erkenntnis zur Bundestagswahl, dass Mehrheiten nur noch innerhalb der ostdeutschen Bundesländer organisiert werden können. Es wird daher spannend, wie hier die Kandidaten und Parteien in den nächsten Monaten agieren.
idealist100 21.01.2013
4. Hallo Herr Augstein
Zitat von sysopdapdNiedersachsen zeigt, dass die SPD die Bundestagswahl tatsächlich gewinnen kann. Peer Steinbrück bekommt eine zweite Chance als Kanzlerkandidat. Aber jetzt sollte die Partei ihm Wächter an die Seite stellen: einen rechts und einen links. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/steinbrueck-reloaded-spd-kanzlerkandidat-bekommt-zweite-chance-a-878733.html
Das hilft alles nichts. Er steht halt für die Politik der Banken Zocker usw. Einfach seine Lebenslüge anschauen: Hartz 4, Zeitarbeit, 1.-€ Jobber, Werksverträge alles auf seinem Mist gewachsen. In NRW die Headgefonds gepudert mit Sozialbauwohnungen zum abzocken und jetzt für Mietobergrenzen. Midestlohn, Rente mit 67 alles Steinbrück. Es hilft nichts, soviele Negativbaustellen lassen sich halt nicht verleugnen.
tulius-rex 21.01.2013
5. Nichts gegen Steinbrück
Nichts gegen Steinbrück. Er ist offen, qualifiziert, ehrlich, kompetent, spricht eine klare Sprache. Da hat Helmut Schmidt schon recht. Der klare Gegenentwurf zur verdrucksten Kanzlerin. Die Diskussion um einzelne Steinbrückäußerungen ist kleinkariert und erinnert an die Brioni-Anzug-Diskussion über Schröder. Die Angreifer haben bald ihr Pulver verschossen.
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