Wahlkampf in Niedersachsen: Steinbrück ringt mit dem Publikum

Von , Emden

Der SPD-Kanzlerkandidat versucht einen Neustart: Bei seinem ersten großen Auftritt im neuen Jahr im Wahlkampfland Niedersachsen ignoriert er die Pannen der vergangenen Wochen, schweigt zur Kanzlergehalt-Debatte. Eine Veranstaltung mit zweifelhaftem Erfolg.

Steinbrücks erster Auftritt nach Ausrutscher: Verkrampft und zurückhaltend Fotos
DPA

Es sind nur wenige Sekunden, 21, 22, 23… Peer Steinbrück stockt. Er steht auf der Bühne der Nordseehalle in Emden, vor 1400 Leuten. Der Sozialdemokrat blickt auf einen Mann in blauer Jacke, mit schwarzer Schiebermütze auf dem Kopf, der gerade gebrüllt hat: "Wo ist Ihr Kanzlergehalt?" Mitten rein in Steinbrücks Rede über die Kommunen, die die SPD finanziell stärken will.

24, 25, 26… der Kanzlerkandidat guckt immer noch. Einige Leute drehen sich um, tuscheln. Da hat Steinbrück sich wieder gefangen und tut das, was er sich für diesen Freitag vorgenommen hat - nämlich nicht zu reagieren, auf stur zu schalten.

Kanzlergehalt? - "Dazu ist alles gesagt", das ist alles, was sich Steinbrück an diesem Tag in der 50.000-Einwohner-Stadt im nordwestlichsten Winkel der Republik dazu abringt. Hier eröffnen die Sozialdemokraten in Niedersachsen die heiße Phase ihres Wahlkampfs, in 16 Tagen wird der Landtag neu gewählt. In den Umfragen sieht es nicht schlecht aus für Kandidat Stephan Weil, Rot-Grün liegt vorn - ein Regierungswechsel scheint möglich.

"Der Karren muss aus dem Dreck"

Eigentlich alles super, sollte man denken. Doch viele Genossen sind verschnupft - andere sauer. Sie finden ungeschickt oder schlicht dumm, was Steinbrück ihnen da Ende des Jahres noch beschert hat. Dabei war die wochenlange Diskussion über die Art und Höhe seiner Honorare gerade nahezu verstummt. Doch Steinbrück hat eben seinen eigenen Kopf: Er gab ein Interview über Geld als Nebeneinkunftsmillionär und sagte darin eben auch, dass seiner Meinung nach der Bundeskanzler zu wenig verdiene - im Vergleich zu einem Sparkassen-Direktor. Was die Relationen angeht, liegt Steinbrück damit sicher nicht verkehrt - nur nahm er mit seiner Aussage billigend den Eindruck in Kauf, dass ihm die Bezüge nicht reichen. Wenn man Kanzlerkandidat ist, kommt das weniger gut an.

Deshalb ist Hermann Kümmerlehn, 54 Jahre aus Leer, auch so erbost: "Es wirkt auf mich, als ginge es Steinbrück nur ums Geld - dann soll er doch in die freie Wirtschaft gehen." Kümmerlin ist der, der eben noch durch den Saal gebrüllt hat. Das finden nicht alle Zuhörer gut, wie sie später zeigen: "Halt deine Schnauze", zischt einer im Vorübergehen, eine Frau singt immer wieder neben ihm: "Merkel muss weg". Doch wer Besucher fragt, was sie von Steinbrücks Verhalten in den vergangenen Wochen halten, findet Skepsis. So sagt Günter Meyer, 48 Jahre, davon 30 in der SPD: "Der Karren muss endlich wieder aus dem Dreck gezogen werden, Steinbrück muss seine Aussage klarstellen."

Ihr verbiegt mich nicht

Steinbrück und seine Leute glauben, dass das mit der Augen-zu-und-durch-Strategie funktionieren wird. Einfach so tun, als ob nichts gewesen wäre. Schließlich habe der Kanzlerkandidat die Wahrheit gesagt, seine Aussage zum Kanzlergehalt werde nur verkürzt wiedergegeben. "Ich glaube, dass Politiker das aussprechen müssen, was sie denken", sagt der Sozialdemokrat beim Besuch der insolventen Siag Nordseewerke, die Offshore-Anlagen produzieren. Seine Botschaft: Ihr verbiegt mich nicht.

Eine Dreiviertelstunde ist er über das Gelände des Offshore-Bauers gestiefelt - der Kragen des blauen Mantels hochgeschlagen, auf dem Kopf ein grüner Sicherheitshelm. Doch die Reporter lassen nicht locker, sie fragen nach dem Kanzlergehalt.

"Dazu ist alles gesagt, die Bewertungen sind gemacht", sagt Steinbrück. Er meint die Bewertungen der anderen. Später schiebt er nach: "Wir reden über Politik, wie die Energiewende vergeigt wurde." Vorher hat er einem Journalisten in den Block diktiert, was er machen würde, um das Unternehmen mit seinen 700 Arbeitsplätzen zu retten: Erstens so schnell wie möglich eine Transfergesellschaft schaffen, um das Fachpersonal zu halten, zweitens eine Landesbürgschaft bereitstellen. Die Regierung von David McAllister hätte die Firma "sträflich vernachlässigt".

Da ist Steinbrück in seinem Element, er gibt den Kümmerer. Der Sozialdemokrat lässt sich mit seinem Parteifreund Weil mit Arbeitern ablichten, mit den Betriebsräten und auch in einer der Stahlröhren, sogenannten Schüsse, aus denen die Fundamente für die Offshore-Windräder zusammengeschweißt werden. Es wirkt ein bisschen so, als ob die beiden in einem Tunnel stehen, aus dem sie so schnell nicht wieder rauskommen, denn die Fotografen wollen viele Bilder machen - und das dauert.

Weil ist in dieser Situation der wesentlich lockere, er holt erstmal sein iPhone raus, um die Reporter zu fotografieren, die ihn und Steinbrück ablichten - "das glauben mir meine Enkelkinder sonst nicht". Der Kanzlerkandidat, nicht eben als Freund der sozialen Netzwerke bekannt, guckt verdutzt und grinst: "Das stellen wir bei Facebook ein."

Schweigen bei der CDU

An diesem Freitag zeigt sich Weil als Gute-Laune-Sozialdemokrat, die Diskussion um Steinbrück versucht er möglichst weit wegzuschieben: "Ich fühle mich unterstützt". Die Umfragen würden zeigen, "die Debatte perlt an uns ab". Und er schiebt hinterher: "Das finde ich gut." Weil weiß eben doch genau, dass auch die Wähler in Niedersachsen genau schauen, was der SPD-Kanzlerkandidat so treibt, dass es um Sympathiepunkte geht, die schnell verspielt sein können.

Zumindest eine Sorge ist die SPD an diesem Tag los: Der politische Gegner hält still. Nur 80 Kilometer weiter östlich tritt an diesem Abend Kanzlerin Angela Merkel auf. In Wilhelmshaven trifft sich die CDU-Führung zur Klausurtagung, und die Parteiprominenz nutzt die Gelegenheit, um für die Wiederwahl von McAllister zu werben. Merkel begleitet den Ministerpräsidenten in die Stadthalle, wo 1500 Anhänger zum Neujahrsempfang der örtlichen CDU versammelt sind. Wenn jemand unter ihnen allerdings auch auf scharfe Attacken gegen Steinbrück gehofft hat, so wird er enttäuscht: Den Namen ihres Herausforderers erwähnt Merkel mit keinem Wort. Soll sich doch die SPD mit sich selbst beschäftigen, scheint ihr Motto zu sein. Merkel beschränkt sich lieber auf reinen Landtagswahlkampf, setzt ein paar Spitzen gegen Sozialdemokraten und Grüne, die "Schuldenorgien" feiern und wichtige Infrastrukturprojekte mit "ewigem Gelaber" zerreden würden.

Startrampe Hannover

In Emden gibt Steinbrück derweil den Zurückhaltenden, er sieht etwas verkrampft aus, wie er da vorne auf der Bühne steht, die eine Hand in der Hosentasche. Er rede dieses Mal nicht am Pult, begründet er seinen Griff zum Mikro, das auf einem Stehtisch liegt, "damit ich nicht wieder Bemerkungen mache, die ich hinterher wieder einfangen muss". Zumindest da hat er einige Lacher auf seiner Seite.

Steinbrück weiß, es muss am 20. Januar mit dem Wahlsieg im Norden klappen. "Diese Startrampe", wie es Weil ausdrückt, braucht Steinbrück dringender denn je, will er in diesem Wahljahr noch eine Chance als Kanzlerkandidat haben. Er kann es, hat Altbundeskanzler Helmut Schmidt gesagt. Jetzt muss Steinbrück zeigen, dass er Fingerspitzengefühl hat.

In Ostfriesland bekommt er gerade einmal eine Minute lang Beifall.

Mitarbeit: Philipp Wittrock, Wilhelmshaven

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1. Er kann es...
mps58 04.01.2013
Er kann es genauso wenig wie sein greiser Förderer Schmidt es konnte. Beides sind und bleiben nicht lernfähige hanseatische Besserwisser, und Schmidt legte seinerzeit den Grundstein zur Überschuldung der Bundesrepublik. Möge der Wähler uns vor der Fortsetzung dieser unseligen Tradition bewahren.
2. Er versteht es einfach nicht...
hador2 04.01.2013
Ich denke Steinbrück versteht in der Tat das Problem nicht. Er denkt, dass die Leute ihn doch verstehen müssten und es ihm zum Vorteil gereichen müsse wenn er sagt was er denkt anstatt sich aalglatt zu geben wie Merkel. Der Haken an der Sache ist einerseits, dass Steinbrück nicht genügend Ansehen beim Volk hat um damit durchzukommen. Andererseits (und viel gravierender) das Steinbrück bisher eine echte Wahlkampfmessage komplett feht. Steinbrück steht (ob zurecht oder nicht ist eine andere Frage) zumindest für den Großteil der Wählerschaft bisher eigentlich für gar nichts und wenn einem dann derartige Bemerkungen rausrutschen, dann braucht man sich nicht wundern wenn man auf genau diese reduziert wird und nichts anderes hängen bleibt.
3. Mit diesem
schwabenstreich 04.01.2013
NPD als die SPD an die "Macht". Dieser "Fettnäpfchentreter" ist ja noch schlimmer als Scharping. Bei seinen unbedachten Aussagen, kann er womöglich noch ausversehen den 3ten Weltkrieg auslösen. Er ist nicht einmal ein Medientauglicher Blender wie Schröter oder Schröder (genaue Schreibweise wurde von mir verdrängt:). Sorry, null Chance gegen Phlegma Lügenbeutel Merkel-Schäuble !!!!
4. Steinbrück kann es nicht
honkitonk 04.01.2013
Steinbrück ist der falsche Kandidat. Er steht nicht für soziale Gerechtigkeit. Und er hat kein Maß für angemessenes Verhalten. Er trinkt keinen Wein unter 5 Euro, er hält lieber bezahlte Vorträge anstatt im Bundestag an Sitzungen teilzunehmen. Und so weiter und so weiter! Am besten verliert die SPD in Niedersachsen und sie suchen sich einen neuen Spitzenkandidaten. Einer der auch jünger ist, als er mit fast 66 Jahren. Es ist doch schon fast Altersstarrsinn was er zeigt. Nicht auszumalen, was der als Kanzler im Ausland für Schaden anrichtete für Deutschlands Ansehen, wenn er als Oberlehrer auftritt. Und der Weil ist einfach langWEILig. Er konnte es in Hannover nicht und als MP wäre er noch überforderter.
5. Das tote Pferd
jbr71 04.01.2013
Peer Steinbrück will Kanzler werden, für alle Deutschen. Und vorsorgehalber nörgelt er schon einmal daran herum, was er als eventueller Inhaber des dritthöchsten Amtes im Staat als Amtsbezüge erhalten würde. Ich empfehle den Kommentar auf Spiegel.de unter dem Titel "Ein Kanzler ist kein Deutschland CEO". Er verpflichtet sich mit einem Amtseid zu Dienst am deutschen Volk. Dieser lautet: „Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. So wahr mir Gott helfe.“ Der Vergleich mit der freien Wirtschaft und den Sparkassendirektoren ist Blödsinn! Die Gesellschaft kritisiert zu Recht Gehälter und Bonuszahlungen an Vorstände die bis zum 1000fachen eines Arbeitergehaltes betragen und der Kanzlerkandidat der SPD will ein Stück von diesem vergifteten Kuchen. Ich empfehle Herrn Steinbrück ein Besuch auf dem Kirchentag in Hamburg. Die Losung lautet: Soviel Du brauchst. Wieviel brauchst Du, Peer Steinbrück? Peer Steinbrück wird hoffentlich nie Kanzler werden. Die SPD reitet mit ihm ein totes Pferd und gefährdet die Chance auf einen rot grünen Wechsel.
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