Hochrisiko-Wahlkampf Steinbrücks Endspiel

Der Kandidat geht volles Risiko: Mit ausgestrecktem Mittelfinger und einem Führungsanspruch für Gespräche mit der Union nimmt Peer Steinbrück die Schlusskurve des Wahlkampfs. Kann das gutgehen?

SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück: "Ich bleibe im Fahrersitz"
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SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück: "Ich bleibe im Fahrersitz"

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Berlin - Wo immer auch Peer Steinbrück gerade auftritt, stets beendet er seine Reden mit dem Siegesszenario. "In ein paar Tagen", ruft er dann seinen Fans zu, "sind wir die zerstrittenste und schlechteste Bundesregierung seit der Wiedervereinigung los." Ich bin bald Kanzler - das ist die Botschaft.

Steinbrück weiß, dass dies nicht sehr wahrscheinlich ist. Aber sein Wahlkampf befindet sich jetzt im finalen Stadium. Der Kandidat ist in Trance. King Peer gegen den Rest der Welt. Umfragerückstand? Zweifel in der eigenen Partei? Mir doch egal, ich mach jetzt mein Ding. Es ist Steinbrücks Endspiel.

Hauptsache Dynamik - das scheint das Motto zu sein, auf das der Sozialdemokrat in den letzten Tagen setzt. Er macht einen Erpressungsversuch öffentlich, er formuliert einen Führungsanspruch für mögliche Gespräche über eine Große Koalition, er zeigt auf einem Foto den Stinkefinger. Den Stinkefinger!

Steinbrück, der so gern die "mitteleuropäischen Umgangsformen" hochhält, macht plötzlich auf Bushido. Eine Woche vor der Wahl. War doch Ironie, sagt er. Klar. Aber verstehen das die Leute? Kann ihm das helfen im Schlussspurt?

Steinbrück gibt sich unbeirrt

Eher unwahrscheinlich. Es ist nicht so einfach mit dieser Geste. Einerseits bedient er damit ein Image, das er früher einmal hatte, für das die Leute ihn schätzten. Klare Kante, auch mal gegen den Strich, ein Raubein. Kein glattgeschliffener Kieselstein im Politikbetrieb, sondern ein eigener Kopf. In der Politik, so sieht Steinbrück es, darf es nicht nur merkeln, es muss auch mal krachen. Der Mittelfinger? Steinbrück pur, wenn man so will.

Andererseits: Steinbrück ist Kanzlerkandidat und nicht Leadsänger einer Heavy-Metal-Band. Er will ein Land regieren, Vorbild sein. Er beklagt, dass nicht genug über Themen geredet wird, und lenkt selbst von der programmatischen Debatte ab. Er würde gerne sympathischer rüberkommen und verschreckt das Publikum mal eben mit einer Pöbel-Pose. "Die, die immer schon Vorbehalte gegen ihn hatten, dürften in ihren Vorbehalten nun gestärkt sein", formuliert es Manfred Güllner, der mächtige Meinungsforscher.

Steinbrück gibt sich unbeirrt. Er wollte das Foto, unbedingt. Seht her: So bin ich. Er hofft, dass es sich auszahlt. Doch seine Leute wissen auch - es ist ein riskantes Manöver.

So wie die Nummer mit der Großen Koalition. Das Bündnis mit der Union ist eigentlich Tabuthema im Wahlkampf. Doch plötzlich streuen Steinbrücks Vertraute, dass er fest vorhat, auch dann im "Fahrersitz" zu bleiben, wenn die SPD nach der Wahl mit der Union über eine Große Koalition verhandeln sollte.

Führungsanspruch ist Signal in die Partei

In der Partei sind manche irritiert. Klar: Wer sich in der SPD jetzt schon mit einem schwarz-roten Szenario beschäftigt, droht den Eindruck zu erwecken, als glaube er nicht mehr an Rot-Grün. Und war eine Koalition mit den Schwarzen nicht so ziemlich das Letzte, was die Sozialdemokraten wollten?

Steinbrück macht trotzdem einen kleinen Aufschlag. Warum? Er wird kein Minister mehr unter Merkel, das hat er mehrfach ausgeschlossen. Es dürfte ihm also darum gehen, schon vor möglichen Gesprächen den Preis für ein Bündnis hochzutreiben, der Union zu signalisieren, dass man nicht billig zu haben ist. So wie das Gerhard Schröder und Franz Müntefering 2005 gemacht haben. Taktische Spielchen.

Aber sein Führungsanspruch ist vor allem ein Signal in die Partei hinein. Steinbrück, so ist zu vermuten, will sicherstellen, dass nach der Wahl nichts aus dem Ruder läuft in der Partei, dass niemand die Nerven verliert und plötzlich radikal umsteuert. Steinbrück selbst mag sich im Falle einer Großen Koalition verabschieden, aber seine Politikvorstellung soll die Partei weiter prägen. Realismus in der Europa-, Wirtschafts- und Sozialpolitik. Bloß keine Spielchen.

Der linke Flügel dürfte mit Steinbrücks Führungsanspruch so seine Probleme haben. Aber Kritik äußert so kurz vor der Wahl niemand. Steinbrücks Endspiel will jetzt keiner stören. Wer weiß schließlich schon, wie das ausgeht.

insgesamt 266 Beiträge
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Seite 1
Christian Wernecke 13.09.2013
1.
Zitat von sysopAPDer Kandidat geht volles Risiko: Mit ausgestrecktem Mittelfinger und einem Führungsanspruch für Gespräche mit der Union nimmt Peer Steinbrück die Schlusskurve des Wahlkampfs. Kann der Vabanque-Kurs gut gehen? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/steinbrueck-setzt-im-wahlkampf-schlussspurt-auf-risiko-a-922084.html
Wen will er denn als Kanzler so den Stinkefinger zeigen? Putin? Obama? Leute, das Ding ist ein absolutes No Go! Damit hat er sich bestenfalls für Raab-Fans wählbar gemacht (wobei ich Stefan Raab keinesfalls beleidigen will!!!! ;-) ).
GSYBE 13.09.2013
2. Kann der Vabanque-Kurs gut gehen?
Nun ja, zumindest liegen die Nerven im anderen Lager blank, wenn man bedenkt, dass Westerwelle jetzt schon anfängt, um Union-Stimmen zu betteln. Ist die FDP bei 4,99% ist´s aus; dies wissen Beide, Schwarz und Gelb.
Teddi 13.09.2013
3. Tut mir leid,
aber das ist nun mal die aufmüpfige Geste des Verlierers.
Proggy 13.09.2013
4. All In
Beim Poker nennt man so etwas "All in". Dort hat man dann aber auch den Anstand, wenn man verliert, den Spieltisch zu verlassen. Ich hoffe, diesen Anstand hat Peer Steinbrück auch , denn er hat kein gutes Blatt - alles nur Bluff. Da kann der Gegner beruhigt 'callen'.
muelklau 13.09.2013
5. Endlich klare Kante
bei den Inhalten bietet PS eh schon mehr als die Kanzlerin. die Geste zwar grenzwertig muss aber auch im Kontext gesehen werden ua. der Art des Interviews. man stelle sich mal Angela Merkel bei einem Gestik-/Mimik-Interview vor. also zumindest langweilig ist Steinbrück nicht!
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