SPD-Geburtstagsparty in Berlin: Steinbrücks rote Sause

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Krise? Welche Krise? Mit einer üppigen Party am Brandenburger Tor zu ihrem 150-jährigen Bestehen macht sich die SPD im Wahlkampf Mut. All die Pannen und miesen Umfragewerte sollen außen vor bleiben, Kanzlerkandidat Steinbrück beschwört den "Aufbruch".

Berlin - Freizeitlook, wohin man schaut. Sigmar Gabriel flaniert im schwarzen Polohemd über die Straßen, Hannelore Kraft im weißen T-Shirt, Klaus Wowereit trägt Tommy Hilfiger. Nur Karl Lauterbach konnte mal wieder nicht von seiner Fliege lassen. "Die hast du auch immer an, ne?", fragt ihn Wowereit. "Ja. Ist aber immerhin besser als 'ne Jacke bei der Hitze", sagt Lauterbach.

Es soll in der SPD ausnahmsweise mal alles ganz locker zugehen an diesem Wochenende. Die Partei hat am Brandenburger Tor in Berlin zum "Deutschlandfest" geladen, was angesichts ihrer ziemlich miesen Lage im Wahlkampf ein wenig vermessen klingt, aber das ist den Genossen heute egal. Es gilt, noch einmal das 150-jährige Bestehen der Partei zu feiern. Und zwar so richtig.

Die SPD hat dort, wo während Welt- und Europameisterschaft die Fanmeile angesiedelt ist, ordentlich aufgefahren. 700 Künstler, vier Bühnen, 2500 Helfer. Zwei Millionen Euro haben sich die Sozialdemokraten das zweitägige Fest kosten lassen. 150.000 Leute sind gekommen. Die Bratwürste schwitzen, das Bier fließt, die Hüpfburgen wackeln. Es ist eine Sause zur Selbstvergewisserung. Wir sind noch da, wir sind noch Volkspartei - das soll das Signal sein.

Natürlich geht es auch um Politik. Es ist Wahlkampf, da gilt es, schöne Bilder zu produzieren und zu zeigen, dass man noch nicht aufgegeben hat. Peer Steinbrück, der Kanzlerkandidat, bestreitet naturgemäß das Hauptprogramm. Am Nachmittag betritt er die leicht überdimensionierte Bühne am Brandenburger Tor. Er blickt Richtung Siegessäule. "Donnerwetter", sagt er. "Es ist ein fantastischer Blick von hier oben. Ich habe in meinem Leben so etwas noch nicht erlebt." Es ist alles etwas dick aufgetragen an diesem Tag.

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SPD-Jubiläum in Berlin: Feiern im Freizeitlook

Steinbrück hält, natürlich, eine teilweise historische Rede. Der Kampf für das Frauenwahlrecht, das Nein zum Irak-Krieg, Willy Brandt, Otto Wels - es ist all das dabei, was die Herzen der Sozialdemokraten erwärmt. Die Menschen jubeln, sie schwenken Fähnchen und rufen seinen Namen. "Vielen Dank", sagt er.

Wirklich Überraschendes bietet Steinbrücks Rede nicht. Routiniert spult er das Wahlprogramm ab. Mindestlohn, Gleichberechtigung, doppelte Staatsbürgerschaft, Chancengleichheit, Zusammenhalt, Kampf gegen Steuerbetrug und Euro-Krise. "Es wird uns Geld kosten, dieses Europa zusammenzuhalten", ruft er. Das kommt weniger gut an. "Am 22. September ist Wahltag. Und ich will Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland werden." Das kommt sehr gut an.

Wieder und wieder betont er, in Deutschland einen "Aufbruch" schaffen zu wollen. Mehr Gerechtigkeit, mehr Chancen, bessere Löhne. Das klingt alles gut, aber das Mantra vom Aufbruch zeigt auch Steinbrücks Dilemma in diesem Wahlkampf. In einem Land, in dem die Wirtschaft einigermaßen läuft und die Arbeitslosigkeit überschaubare Dimensionen hat, finden sich eben nicht allzu viele Menschen, die einen Aufbruch für nötig halten.

Den Anwesenden ist das nicht so wichtig. "Peer, Peer, Peer" brüllen sie, als Steinbrück um kurz nach fünf seine Rede beendet. Der Kandidat lächelt, der Applaus tut gut. "Die Party ist eröffnet", ruft er. Parteichef Sigmar Gabriel und Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier betreten die Bühne. Die "Troika", längst Geschichte, macht noch mal auf Harmonie. Das hat man auch schon länger nicht mehr erlebt in der SPD. Steinbrück kippt ein Bier.

Gabriel liest Kindern "Emil und die Detektive" vor

Er versetzt die Menschen nicht in einen Rausch, aber er macht seine Sache ordentlich. Das reicht auch schon an diesem Samstag. Denn wenn die Party aus Sicht der SPD-Strategen ein Ziel hat, dann besteht es darin, die Tausenden angereisten Wahlkämpfer mit gutem Gefühl wieder nach Hause reisen zu lassen. Damit sie sich reinhängen, alles geben. Dieses Kalkül dürfte wohl einigermaßen aufgehen.

Der Parteichef gibt sich übrigens vergleichsweise zurückhaltend. Er hat ja auch schon mal eine große Rede halten dürfen zum 150. Geburtstag der SPD. In Leipzig war das, Ende Mai. An diesem Samstag fasst er sich kurz und überlässt die Bühne schnell dem Kandidaten. Wirklich aktiv ist er ausnahmsweise mal nur im Randprogramm.

Am Mittag betritt Gabriel ein Lesezelt. Die SPD-Prominenz liest hier abwechselnd aus Kinderbüchern vor. Gabriel hat sich für "Emil und die Detektive" von Erich Kästner entschieden. Warum? "Ich finde Geschichten mit 'nem Happy End immer gut", sagt er. "Und weil man zwei Dinge lernen kann: Man muss zusammenhalten, und man darf nicht aufgeben."

Die Kinder freut's. Aber der wahre Adressat der Worte ist seine Partei.

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insgesamt 138 Beiträge
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1. Dr.No
peterkamm-mueller 17.08.2013
Auch diese große Sause und Blend-Show wird Peer-Geldbrück keine Stimmen bringen. Die Deutschen haben genug vom Raumschiff-Berlin, der Kapsel Bundestag und den ewigen Wahlgeschenken und Wahlversprechen. Es wird Zeit, anderen Parteien eine Chance zu geben!
2. Volksfest
warndtbewohner 17.08.2013
aber das kann die CDU auch. Bei der SPD Sozialpolitik ist das aber Schluss mit lustig. Ob dass alle die da mitfeiern auch bedenken?
3. Gut so, ...
MephistoX 17.08.2013
Zitat von sysopKrise? Welche Krise? Mit einer üppigen Party am Brandenburger Tor zu ihrem 150-jährigen Bestehen macht sich die SPD im Wahlkampf Mut. All die Pannen und miesen Umfragewerte sollen außen vor bleiben, Kanzlerkandidat Steinbrück beschwört den "Aufbruch". Steinbrück spricht auf SPD-Deutschlandfest - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/steinbrueck-spricht-auf-spd-deutschlandfest-a-917120.html)
... denn ich will den Aufbruch ebenfalls, und der gelingt nun mal mit Merkel nicht ! :) "Meine" SPD sollte jedenfalls clever und konsequent genug sein, sich nach dem 22. September nicht leichtfertig in eine erneute Große Koalition drängen zu lassen !
4. Sprachliche Herabwürdigung à la Spiegel
rstb 17.08.2013
" Wirklich Überraschendes " bietet die Suada von Veit Medick wirklich nicht : alte sprachliche Masche der Herabwürdigung von Ereignissen , die nicht ins politsche Konzept des Spiegels passen. Wen wollen sie noch damit hinterm Ofen hervorlocken ? Sie wundern sich über sinkende Abo-Zahlen ? Ich nicht und andere Leser auch nicht. Das Auswechseln von Leuten an der Spitze des Verlages war auch keine durchschlagende Lösung; eher eine hilflose Geste ins Nichts. Damit ähneln sie der SPD , wie sie sich zur Zeit geriert. Nur erkennen wollen sie das wohl eher nicht.
5. Das ist Ansichtssache
karend 17.08.2013
Zitat von sysopmurks-merkel hat abgewirtschaftet. deutschland braucht jetzt rot-grüne power. nur steinbrück ist in der lage deutschland zu retten. merkel ist komplett gescheitert und wird als chaos -kanzlerin in die geschichte eingehen. rot-grün ist die hoffnung der deutschen. rot -grün wird deutschland in eine bessere zukunft führen und der eu wohlstand und der welt frieden bringen.
Für mich ist Rot-Grün die Hoffnung, dass Deutschland für alle Schulden haftet. Und das ganz freiwillig.
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