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30. Dezember 2012, 06:59 Uhr

Steinbrück über die Kanzlerin

"Merkel hat einen Frauenbonus"

Peer Steinbrück stolpert von Panne zu Panne. Erst wünscht er sich ein höheres Kanzlergehalt, was selbst Parteifreunde verstört. Nun macht der SPD-Kandidat eine irritierende Bemerkung über Kontrahentin Angela Merkel: "Sie ist beliebt, weil sie einen Frauenbonus hat."

Berlin - Vielleicht hat er es nicht so gemeint, doch die Worte des SPD-Kanzlerkandidaten über seine CDU-Kontrahentin sind äußerst ungeschickt gewählt: "Angela Merkel ist beliebt, weil sie einen Frauenbonus hat", sagt Steinbrück in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" ("FAS").

Es ist nicht die einzige Aussage, mit der Steinbrück an diesem Wochenende irritiert. Am Samstag hatte er eine - eigentlich unnötige - Debatte über das Gehalt des Bundeskanzlers losgetreten: "Nahezu jeder Sparkassendirektor in Nordrhein-Westfalen verdient mehr als die Kanzlerin", sagte der SPD-Mann. Parteifreunde reagierten verstört, die CDU lästerte. Schließlich steht Steinbrück nun als jemand da, der stets aufs Geld schaut - selbst bei einem so wichtigen Amt wie dem des Bundeskanzlers. Und dies, nachdem bereits seine üppigen Nebeneinkünfte für Furore gesorgt hatten.

Dass sich der SPD-Kandidat nun auch noch über einen angeblichen "Frauenbonus" der CDU-Kanzlerin auslässt, verstärkt den Eindruck: Der Mann hat bisweilen ein Problem mit seiner Wortwahl.

Dabei liegt es Steinbrück eigentlich fern, Merkel auf der persönlichen Ebene anzugreifen. Dies zeigen seine weiteren Äußerungen über die Kanzlerin, die durchaus als Lob gelten können: Die weiblichen Wähler würden in hohem Maße anerkennen, dass Merkel "sich in ihrer Partei, aber auch jenseits davon, besonders in Europa, seit langem durchsetzt", sagte der Kanzlerkandidat. "Das ist nicht mein Nachteil, sondern ihr Vorteil." Die Kanzlerin habe "sich in einer Männerwelt durchgesetzt, wirkt sehr unprätentiös und tritt bescheiden auf", so Steinbrück. Das werde auch von Wählerinnen und Wählern der SPD anerkannt. "Das heißt aber nicht, dass ich als der Gottseibeiuns wahrgenommen werde."

"Das würde als Schauspielerei entlarvt"

Steinbrück machte klar, dass er nicht versuchen werde, sich grundsätzlich zu ändern oder an einem Coaching teilzunehmen, bei dem man lernt, Beliebtheitspunkte zu sammeln. "Das würde ohnehin als Schauspielerei entlarvt", sagte Steinbrück. Die Beliebtheit eines Politikers sei für eine Wahl nicht entscheidend, so der Kanzlerkandidat. 2005 etwa sei er beliebter gewesen als sein damaliger Kontrahent Jürgen Rüttgers (CDU). Trotzdem habe er die Landtagswahl verloren.

Was die Rolle seiner eigenen Frau betrifft, hat Steinbrück eine klare Vorstellung: Aus dem Wahlkampf will er sie heraushalten. Im "FAS"-Interview kündigte er an, dass seine Ehefrau im Bundestagswahlkampf nur sehr selten öffentlich in Erscheinung treten werde. Er und seine Frau wollten sich nicht "auf einen amerikanisierten Wahlkampf einlassen", sagte Steinbrück und fügte scherzend hinzu: "Das Risiko, dass meine Frau eine flammende Rede auf mich hält, würde ich auch nicht eingehen." Außerdem komme die Gattin eines Kanzlerkandidaten im Parteigesetz und in der Verfassung nicht vor.

Steinbrück und seine Frau Gertrud schätzen nach eigener Aussage die zurückhaltende Art, die Merkels Ehemann Joachim Sauer auf der politischen Bühne pflegt. "Ich finde es sehr respektabel und richtig, wie Frau Merkel und ihr Mann das handhaben. Das würden wir auch so machen", sagte der Kanzlerkandidat.

SPD soll das Thema Europa nicht kleinkariert behandeln

Im Gespräch mit der "FAS" äußerte sich der Kanzlerkandidat auch zur Europapolitik. "Wir stimmen Rettungsmaßnahmen zu, weil wir das für den richtigen und verantwortlichen Kurs in unserer Europapolitik halten, und weil wir auch in der Opposition Entscheidungen treffen müssen, an die wir in der Regierungsverantwortung nahtlos anknüpfen müssen", so Steinbrück.

Auf den Einwand, dass seine Partei damit kaum punkten könne, antwortete er: "Das mag sein. Aber ich rate der SPD dringend, das Thema Europa im Bundestagswahlkampf nicht kleinkariert oder kleinmütig zu behandeln. Europa muss stabilisiert werden aus nationalem Interesse und aus europäischer Verantwortung."

Kritik übte der Sozialdemokrat an der Sparpolitik im Kampf gegen die Schuldenkrise. 90 Prozent dessen, was der Europäische Rat beschlossen habe, ziele auf die Konsolidierung von Staatshaushalten. Einige Länder müssten dieses und nächstes Jahr fünf Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts einsparen. Steinbrück rechnete vor, dass dies - auf deutsche Verhältnisse übertragen - 150 Milliarden Euro wären.

"Was glauben Sie, was da bei uns auf den Straßen los wäre", sagte der Sozialdemokrat. Die Sparpolitik sei "zu hart" und führe in die Depression. "Manche Gesellschaften gehen in die Knie. Mit der Konsolidierung ist es wie mit manchen Medikamenten. Die eine Dosis kann Leben retten, die andere ist tödlich."

cib

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