SPD-Kanzlerkandidat in Athen: Steinbrück, der Barmherzige

Aus Athen berichtet

Mehr Zeit, mehr Rücksicht, mehr Anerkennung: Bemerkenswert deutlich fordert Peer Steinbrück zum Ende seiner Europa-Tour in Athen Solidarität mit Griechenland und konterkariert damit die eiserne Kanzlerin. Fast wäre es eine gelungene Reise gewesen - doch im Hintergrund kriselt es massiv.

SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück: Lauter Nettigkeiten Zur Großansicht
dapd

SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück: Lauter Nettigkeiten

Am Morgen klingt es so: "Man muss darauf achten, dass die Sparauflagen nicht zu einer tödlichen Dosis werden." Am Mittag dann so: "Wir vergessen manchmal, was diese Krise für die Menschen bedeutet." Und nachmittags sagt Peer Steinbrück: "Dieses Land verdient Vertrauen." Drei Auftritte, eine Botschaft: Mit den aus Brüssel diktierten Zumutungen ist es irgendwann auch mal gut. Ein bisschen mehr Milde könnte es schon sein.

Der SPD-Kanzlerkandidat ist in Athen, es ist der Höhepunkt seiner Europa-Reise. Griechenland ist, wenn man so will, das Epi-Zentrum der Schuldenkrise, es ächzt unter den harten Sparauflagen und kommt kaum voran.

Die Jugendarbeitslosigkeit ist auf Rekordhoch, die Investoren scheuen den Gang zurück ins Land. Daheim in Berlin würde manch einer den Hellenen gerne den Geldhahn zudrehen. Steinbrück nicht. Er will dem Misstrauen gegenüber der griechischen Regierung etwas entgegensetzen, das ist das Hauptanliegen seines Besuchs. Er sagt: "Das Land braucht mehr Zeit, um seine Staatsfinanzen wieder in Ordnung zu bringen." Steinbrück, der Barmherzige.

Es ist ein Kurs mit Risiko. Der SPD-Mann weiß, dass jene Frau, die er beerben will, andere Töne anschlägt. Angela Merkel gefällt sich seit Beginn der Krise als eiserne Kanzlerin. Wann immer sie sich zur Zukunft Griechenlands äußert, pocht sie auf Einhaltung der Brüsseler Bedingung, das Defizit auch über massive Sozialreformen in den Griff zu bekommen. Kein Geld ohne Gegenleistung - das ist ihr Credo. Beim Wähler fährt sie damit bislang ganz gut.

Auch Steinbrück will, dass die Bedingungen eingehalten werden. Aber dass er gerne etwas mehr Nachsicht in der Debatte hätte, wird schon am Morgen deutlich. Der Kanzlerkandidat besucht eine Solidaritäts-Einrichtung. In einem cremefarbenen Gebäude im Zentrum Athens lagert die Stadt allerlei Spenden, um sie an Bedürftige zu verteilen. Kleidung, Kinderspielzeug, Stofftiere, es ist alles Willkommen. Steinbrück lässt sich vom Bürgermeister herumführen. In einer Lagerhalle bleibt er stehen, um ihn herum lauter Nudelpakete, Reissäcke und Getränke. "Müsst ihr runterkühlen", sagt er. "Ist doch Essen."

"Stimmt", sagt der Bürgermeister.

Steinbrück gefällt die Einrichtung. Sie passt zu seiner Botschaft. Er findet, dass Europa und auch die Deutschen die sozialen Implikationen der Sparmaßnahmen ruhig mehr mitdenken könnten. Abstiegsängste, Arbeitslosigkeit, Abstürze - "das ist nichts, was uns nicht angeht", sagt er. Sollte Griechenland implodieren, könne das "leicht auf unser Land überspringen, das sich wie Alice im Wunderland sieht und fühlt."

"Das wird auch was kosten"

Den Griechen gefällt das. Sie würden so etwas gerne auch mal von Merkel hören. Steinbrück wird mit Blaulicht und einer kleinen Kolonne durch die Stadt kutschiert, Staatspräsident Karolos Papoulias empfängt ihn ebenso wie der konservative Ministerpräsident Antonis Samaras und Ex-Finanzminister Evangelos Venizelos, der Chef der griechischen Sozialdemokraten. Wo Steinbrück auch auftaucht, stets stimmt er die gleiche Melodie an. Reformen und Sparanstrengungen ja. Aber man soll es bitte nicht übertreiben. Ansonsten droht Griechenland zerfressen zu werden. Und mit ihm Europa.

Man muss sich an solche Sätze aus Steinbrücks Mund erst noch gewöhnen. Milde gehörte bislang nicht unbedingt zu seinen Kernkompetenzen. Und natürlich ist es einfach, als Oppositionspolitiker, der in Brüssel derzeit nichts zu entscheiden hat, mehr Rücksicht zu fordern. Andererseits: Innenpolitisch dürfte Steinbrücks Haltung eher unpopulär sein, es wäre insofern falsch, zu sagen, er mache sich einen schlanken Fuß.

Ob er keine Angst vor der Wirkung in der Wählerschaft habe, wenn er zu sehr als Freund der Griechen erscheine, wird er nach einem der zahlreichen Termine gefragt. Nein, sagt Steinbrück. Griechenland müsse im ureigenen Interesse stabilisiert werden. "Da muss man den deutschen Wählern sagen: Das wird auch was kosten." Wieviel genau, was konkret er unter den Lockerungen des Sparkurses versteht und wie ein Entgegenkommen am Ende aussehen könnte - das sagt er nicht. Er ist trotzdem zufrieden mit dieser Botschaft. Endlich mal auf Gegenkurs zur Kanzlerin.

Steinbrücks Reise, die in Dublin und London begonnen hatte, hätte durchaus ein Erfolg werden können. Allerdings schwelt im Hintergrund - mal wieder - ein Problem und das sorgt für deutliche Anspannung auf der Reise.

Während er in London über die Bankenregulierung spricht und in Athen für mehr Rücksicht wirbt, überlagern daheim unangenehme Schlagzeilen seine Reise. Ein paar Unterstützer rund um den ehemaligen "Focus"-Redakteur Karl-Heinz Steinkühler haben einen Blog gestartet, um Steinbrücks Image aufzupolieren. Mit der SPD hat die Seite, so jedenfalls die Darstellung Steinbrücks und der Partei, nichts zu tun. Trotzdem ist der "Peerblog" ins Zwielicht geraten, denn finanziert wird er von fünf anonymen Unternehmern und plötzlich will alle Welt wissen, wer das sein könnte und ob Steinbrück die Investoren kennt oder nicht. "Nein", sagt er. Er kenne lediglich einige der Unterstützer, also jene, die für den Blog schreiben. Am Mittwochabend ist der Blog dann offline. Hacker wollen ihn lahmgelegt haben.

Telefonat in der Raumecke

Auf Presseterminen und informellen Gesprächen geht es immer wieder um den Blog. Dass die Sache lästig ist, wird spätestens am Mittwoch in London deutlich. Da wird Steinbrück in der deutschen Botschaft von seinen Leuten mitten aus einem Gespräch geholt. Er muss einen Anruf entgegennehmen. Steinbrück verzieht sich in eine Ecke des Empfangssaals. Man hört nur die Worte "Steinkühler" und "Financiers". Schnell ist klar, worum es geht.

Der Fall ist weniger ein Problem des Kandidaten, als ein weiteres Beispiel für die Ungeschicklichkeiten in seinem Umfeld. Über die Frage, ob Steinbrück die Investoren kennt, gibt es während der Reise eine längere Zeit missverständliche Darstellungen und es dauert ein bisschen, bis sich der Kandidat mit seinen Leuten auf eine gemeinsame Sprachregelung verständigt. Seine wichtigsten Berater sind auf der Reise nicht mit dabei, auch nicht sein Sprecher. Er urlaubt, und das ist im Rückblick wohl keine so gute Idee gewesen. Intern ist der Ärger darüber massiv. Es gibt auf der Reise Momente, da muss Steinbrück selbst Pressesprecher spielen. "Ruhe bitte!", ruft er in der Residenz des deutschen Botschafters in Athen, als einige griechische Journalisten ihn bedrängen, ein paar Fragen zur Euro-Krise zu beantworten. "Das macht so keinen Sinn."

Kurz vor seiner Abreise aus Athen, wird er erneut auf das Thema angesprochen. "Noch einmal", sagt Steinbrück sichtlich angefasst, bevor er ins Auto steigt: "Ich kenne die Financiers nicht, sondern lediglich einige der Unterstützer. Ich bitte Sie, diese Unterscheidung zur Kenntnis zu nehmen."

Dann geht es ab zum Flughafen.

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insgesamt 198 Beiträge
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1. Eure Brichterstatung ist nur noch widerliches Bashing, und.....
prologo1 06.02.2013
Zitat von sysopMehr Zeit, mehr Rücksicht, mehr Anerkennung: Bemerkenswert deutlich fordert Peer Steinbrück am Ende seiner Europatour in Athen Solidarität mit Griechenland und konterkariert damit die eiserne Kanzlerin. Fast wäre es eine gelungene Reise gewesen - doch im Hintergrund gab es ein Problem. Mal wieder. Steinbrück umgarnt Griechen bei Besuch in Athen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/steinbrueck-umgarnt-griechen-bei-besuch-in-athen-a-881909.html)
.....und ihr solltet doch mal die Reisen von den CDU/CSU/FDP Politikern so begleiten und informieren. Warumm war den Schavan in Südafrika??? Kein Wort nichts! Ich bin kein SPD Wähler, aber was Ihr da macht, kotzt mich an. Taste rechts oben DEL !!!!!!!!! prologo
2. Gute Einstellung
mgrasek100 06.02.2013
Steinbrück hat Recht, er wäre ein guter Kanzler
3. Eiserne Kanzlerin
didiastranger 06.02.2013
was fuer ein duemmliches Gewaesch. Die Murksel ist bisher immer eingeknickt. Aber SPON muss ja wieder gegen Steinbrueck schreiben. Ihr seid einfach nur aetzend!
4. kann an Steinbrücks Auftritt ...
Hilfskraft 06.02.2013
nichts bemeckern. Wenn er das so meint, dann ist das so. Kein Grund, die Griechen weiterhin zu verdammen. Wenn Merkel was sagt, ist das noch lange nicht so, eher ganz anders. Meine Entscheidung steht fest.
5. Es ist schon unverschaemt
didiastranger 06.02.2013
wie SPON mit Leuten umgeht. Aber das bestaerkt mich nur noch mehr mein SPIEGEL ABO gekuendigt zu haben. Aehnliches habe ich schon der Zentrale mitgteilt. Auch eure Art der ZENSUR, resp. NICHTZENSUR wenn ein Moderator es zulaesst wenn ein Fortianer behauptet ein politiker trinkt zu viel. Ich warte auf eine entsprechende Stellungnahme der Zentrale.
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