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Steinbrück und Schmidt on Tour: Im Polit-Theater

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Mächtig rührte das Duo Steinbrück und Schmidt die Werbetrommel für eine Kanzlerkandidatur des SPD-Abgeordneten. Doch bei einer Buchpräsentation in Hamburg machte man plötzlich einen großen Bogen um die K-Frage. Und Koketterie schlug stellenweise in Gereiztheit um.

Hamburg - Die Medien müssten doch bitte Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden, maßregelt Peer Steinbrück und schaut verärgert von der Bühne des Hamburger Thalia Theaters herab. Der SPD-Abgeordnete setzt diesen Blick gleich zweimal auf, als er am Sonntag mit Altkanzler Helmut Schmidt das gemeinsame Buch "Zug um Zug" vorstellt.

Zunächst geht es da um das Schachbrett, das auf dem Cover des Gesprächsbandes abgebildet ist. Das Brett steht falsch, der schwarze Turm auch. Eine peinliche Panne, die in den Medien viel Beachtung fand, lässt sie die beiden SPD-Männer doch wie Dilettanten aussehen. "Scheißegal" sei ihnen das, sagte Steinbrück bereits im SPIEGEL. Es gebe doch wohl Wichtigeres, was die Medien zu berichten hätten, ergänzt der 64-Jährige nun im Thalia Theater. Er ist in Rage.

So ganz unwichtig scheint dem SPD-Abgeordneten die Sache aber doch nicht zu sein - sonst würde er nicht gleich zu Anfang der 90-minütigen Plauderei klarstellen: Die Antwort, wie es zu der Panne habe kommen können, sei "ganz banal". Der gehbehinderte Schmidt habe sich nach dem Kaffeetrinken auf den nächstgelegenen Platz an den Tisch mit dem Schachbrett gesetzt: "Wer hätte es gewagt, ihn zu bitten, mit dem Rollator umzuziehen?"

Plötzlich bescheiden

Beim zweiten Mal setzt Steinbrück den maßregelnden Blick auf, als es um ihn selbst geht. Ihn, der sich nicht selbst zum Kanzlerkandidaten der SPD ausruft, sondern das seinen Mentor Schmidt erledigen lässt. Der Altkanzler wirbt seit einer Woche offensiv für Steinbrück als Kanzlerkönner - in Interviews wie dem im SPIEGEL und eben in dem gerade erschienenen gemeinsamen Buch.

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Buch-Show mit Steinbrück und Schmidt: "Wer hätte es gewagt?"
Allerdings will der 92-Jährige sein "Er kann es" an diesem Sonntag so oder ähnlich nicht wiederholen. "Ich habe den Steinbrück als Privatperson gelobt. Ich muss das nicht alle 14 Tage wiederholen", sagt Schmidt hanseatisch schmallippig. Es scheint, als mache das Schmidtbrücksche Duo lieber einen großen Bogen um die K-Frage.

Steinbrück und Schmidt - ausgerechnet! - beklagen sich lieber unisono über die Personalisierung der Politik: Es müsse endlich um Inhalte statt um Personen gehen. Und Steinbrück poltert los: Was das denn sei? Eine große Sonntagzeitung mache fünf Seiten, jawohl, fünf Seiten Schmidt-Steinbrück, beschäftige sich dann erst auf Seite sechs mit der Euro-Krise.

Steinbrücksche Ego-Show?

Ob das mit den Seitenangaben so nun hinhaut, sei dahingestellt. Allerdings gehört die Medienschelte zu den Absurditäten des Schmidt-Steinbrückschen Theaterspiels: Die Inszenierenden beschweren sich über das Ausufern der eigenen Inszenierung. Oder ist es vielmehr so, dass Steinbrück der Verlauf nicht mehr passt? Nicht jedem Genossen gefällt schließlich sein Vorgehen: Einige Sozialdemokraten finden es plump, beklagen den Ritterschlag des Ex-Ministers durch den Altkanzler als Ego-Show an der Partei vorbei.

Moderator Ulrich Wickert - er darf den Stichwortgeber für die beiden Herren geben, was auf Augenhöhe gelingt - hakt nach: Der Kult um den CSU-Politiker Karl-Theodor zu Guttenberg habe gezeigt, dass es eine Sehnsucht nach Persönlichkeiten gebe. Ja, sagt dann Steinbrück und zählt auf: Da gebe es zum einen die Parkettsicheren mit Glamour-Faktor, siehe zu Guttenberg, zum anderen die Elder Statesmen wie Schmidt und mittlerweile auch Joschka Fischer. Und die dritte Kategorie wie Horst Schlämmer. Lacher und Applaus.

Nur vier Zigaretten

Den bekommen Steinbrück und Schmidt auch an diesem Sonntag reichlich. Das Theater ist ausverkauft: Das Publikum, die meisten Besucher gehören der Altersgruppe 50 plus an, bereitet Schmidt und Steinbrück bei der "Zeit"-Veranstaltung ein Heimspiel. Dankbar hört es den zwei Hanseaten dabei zu, wie sie - zum Teil launig - über die Euro-Krise, die Rente mit 67, den Mindestlohn, die Ablehnung einer Frauenquote für Vorstände und Aufsichtsräte in Unternehmen plaudern, in großer Übereinstimmung, versteht sich. Steinbrück räumt ein, dass die von ihm vorangetriebene Besteuerung der Vermögensgewinne mit nur 25 Prozent ein Fehler gewesen sei. Mit Kritik an der SPD hält sich der ehemalige Bundesfinanzminister zurück.

Selbstverständlich darf sein Förderer rauchen. Man dürfe das in einem Theater, wenn es zum Spiel gehöre, erläutert Wickert anfangs und fügt hinzu: Schmidt sei schließlich ein großer "Staatsschauspieler". Eben deshalb, so ergänzt Steinbrück lächelnd, dürfe er selbst hier nicht rauchen. Tosender Beifall, die Hamburger lieben seinen Humor.

Steinbrücks Frühstart

Die beiden Protagonisten auf der Theaterbühne liefern; streckenweise erzählen sie auch an diesem Sonntag genau das nach, was sie in ihrem Buch, bei ihren Fernsehauftritten und in Zeitungsinterviews so bereits mehrfach gesagt haben. Den Zuhörern ist es egal, sie spenden begeistert Beifall.

Am Ende hat Schmidt an diesem Morgen nur vier seiner Mentholzigaretten geraucht - und viele Besucher sind froh, dass die SPD-Herren das Thema K-Frage nicht weiter strapaziert haben: Steinbrück könne zu schnell verbraucht sein, mahnt die Zuschauerin Ursula Amelung aus Hamburg an. Schließlich seien erst in zwei Jahren Bundestagswahlen geplant. Die 61-Jährige würde ihn allerdings gern als Kanzlerkandidaten sehen - so wie Volker Dohm aus Kiel, ebenfalls 61 Jahre alt. Er spricht von einem "Frühstart" Steinbrücks, über eine "Gratwanderung", die dieser mit seiner Inszenierung wage. Anderseits müsse Steinbrück auf sich aufmerksam machen: "Als einfacher Abgeordneter steht er ja derzeit nicht in der ersten Reihe."

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1. Die Merkel muss weg,
brummero 30.10.2011
Zitat von sysopMächtig rührte das Duo Steinbrück und Schmidt die Werbetrommel für eine Kanzlerkandidatur des SPD-Abgeordneten. Doch bei einer Buch-Präsentation in Hamburg machte man plötzlich einen großen Bogen um die K-Frage. Und Koketterie schlug stellenweise in Gereiztheit um. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,793964,00.html
aber der Steinbrück ist das gleiche Falsche wie der Hosenanzug.
2. ...
Miss Ann Trophy 30.10.2011
Zitat von sysopMächtig rührte das Duo Steinbrück und Schmidt die Werbetrommel für eine Kanzlerkandidatur des SPD-Abgeordneten. Doch bei einer Buch-Präsentation in Hamburg machte man plötzlich einen großen Bogen um die K-Frage. Und Koketterie schlug stellenweise in Gereiztheit um. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,793964,00.html
Da soll wohl der nächste Kanzler grossgeschrieben werden, als wenn der was anders machen würde als Merkel und Co...
3. was soll das
Morotti 30.10.2011
Zitat von sysopMächtig rührte das Duo Steinbrück und Schmidt die Werbetrommel für eine Kanzlerkandidatur des SPD-Abgeordneten. Doch bei einer Buch-Präsentation in Hamburg machte man plötzlich einen großen Bogen um die K-Frage. Und Koketterie schlug stellenweise in Gereiztheit um. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,793964,00.html
Hat das einer schon einmal in Erwägung gezogen das der Schmidt im Auftrag handelt, um den Steinbrück *frühzeitig zu verbrennen?*
4. ist ja gut
Growling Mad Scientist 30.10.2011
Zitat von sysopMächtig rührte das Duo Steinbrück und Schmidt die Werbetrommel für eine Kanzlerkandidatur des SPD-Abgeordneten. Doch bei einer Buch-Präsentation in Hamburg machte man plötzlich einen großen Bogen um die K-Frage. Und Koketterie schlug stellenweise in Gereiztheit um. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,793964,00.html
Ist ja gut, wir haben es ja alle verstanden. Peer Steinbrück wird Kanzler. Igitt, das tropft und klebt ja schon diese Werbung und Postenlanzierung.
5. Frühstart?
malteschoen 30.10.2011
Von mir aus kann er Montag Morgen anfangen.
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Kurzporträts der SPD-Spitze
Parteivorsitzender: Sigmar Gabriel
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Mit 51 Jahren wurde Gabriel, Jahrgang 1959, jüngster Parteichef seit Willy Brandt. In der Großen Koalition war er bis Herbst 2009 Umweltminister und profilierte sich im Wahlkampf mit Attacken gegen die Atomkraft. Nach dem Wahldesaster der Sozialdemokraten griff er entschlossen nach dem Parteivorsitz. Nach einem starken Start hat seine Autorität zuletzt im Streit um Thilo Sarrazin und die Migrantenquote Schaden genommen. Als natürlicher Kanzlerkandidat gilt er inzwischen nicht mehr.

Der gelernte Lehrer aus Goslar ist seit 1977 SPD-Mitglied. Mit 40 Jahren war er jüngster deutscher Ministerpräsident in seinem Heimatland Niedersachsen (1999-2003). Nach der Abwahl wechselte Gabriel nach Berlin und gab ein Intermezzo als "Pop-Beauftragter" der Sozialdemokraten, was ihm eher Spott als Anerkennung einbrachte ("Siggi Pop"). Gabriel ist mit einer Zahnärztin verheiratet.
Parteivize: Manuela Schwesig
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Manuela Schwesig schaffte in nur sechs Jahren den Aufstieg von der Finanzbeamtin zur SPD-Vizechefin. Frank-Walter Steinmeier pries die 1974 geborene Schwesig einst als "strahlenden Nordstern der SPD". Im Präsidium ist sie für Familienpolitik zuständig und katapultierte sich vor allem während der Verhandlungen um die Hartz-IV-Reform in die Schlagzeilen.

Die gebürtige Brandenburgerin studierte Steuerrecht und folgte ihrem Mann nach Schwerin. Dort engagierte sie sich zunächst in der Kommunalpolitik, bevor sie im Oktober 2008 ins Schweriner Kabinett eintrat - als bundesweit jüngste Landesministerin. Sie ist Mutter eines Sohnes.
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Kraft, 1961 geboren, ist SPD-Landeschefin und Ministerpäsidentin von Nordrhein-Westfalen. Seit Mitte Juli 2010 führt sie eine rot-grüne Regierung in Düsseldorf - die ersten beiden Jahre als Minderheitsregierung, seit der Landtagswahl im März 2012 mit einer deutlichen Mehrheit.

Die gelernte Bankkauffrau und studierte Wirtschaftswissenschaftlerin sieht sich selbst als Pragmatikerin, die keinem SPD-Flügel angehört. Auch ohne den typischen Stallgeruch und die übliche Ochsentour machte sie im größten SPD-Landesverband schnell Karriere - zunächst als Europa- und dann bis Mai 2005 als Wissenschaftsministerin. Später wurde sie Fraktionschefin in Düsseldorf. Kraft ist verheiratet und hat einen Sohn.
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Regierender Bürgermeister von Berlin und schon seit neun Jahren an der Spitze einer rot-roten Koalition. Gilt deshalb - für nicht wenige in der SPD irrtümlich - als Linker sowie als Wegbereiter einer bundesweiten Öffnung zur Linkspartei.

Wowereit, Jahrgang 1953, ist der Senior innerhalb der SPD-Spitze. Gelernter Jurist, passionierter Partygänger, Skat- und Golfspieler. Lebt mit einem Arzt zusammen. Bekanntester Satz, immer noch: "Ich bin schwul - und das ist auch gut so."
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Bis Herbst 2009 war Scholz, geboren 1958, Bundesarbeitsminister. Aber auch jetzt ist er wieder gut beschäftigt: Im Februar 2011 holte er bei der Bürgerschaftswahl in Hamburg die absolute Mehrheit und ist seitdem Erster Bürgermeister in der Hansestadt.

Der Fachanwalt für Arbeitsrecht hat in der SPD schon viele Karrierestationen hinter sich: Innensenator in Hamburg, SPD-Generalsekretär und Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion. Scholz ist verheiratet mit einer Hamburger SPD-Politikerin.
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Die Hamburgerin, Jahrgang 1967, mit türkischen Wurzeln hat einen steilen Aufstieg in der SPD hinter sich. Seit 2009 sitzt sie im Bundestag, im Dezember 2011 übernahm sie einen der Posten als Bundes-Vize. Vorher arbeitete sie unter anderem als Intergrationsbeauftragte der SPD-Fraktion. Für Aufsehen sorgte sie 2010 mit dem Appell, die Is­lam­kon­fe­renz von Bun­desin­nen­mi­nis­ter Hans-Pe­ter Friedrich (CSU) zu boy­kot­tie­ren. Sie hatte dem Minister vorgeworfen, einen pauschalen Terrorverdacht gegen Muslime zu unterstellen. Özoguz ist mit einem Hamburger SPD-Politiker verheiratet und lebt in Oldenfelde sowie einer Berliner Dienstwohnung.
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Nahles, geb. 1970, ist schon lange bei der SPD aktiv. Vor ihrer Wahl zur Generalsekretärin war Nahles stellvertretende SPD-Vorsitzende. Einst war sie Chefin der Nachwuchsorganisation Jusos und für kurze Zeit schon einmal als Generalsekretärin vorgesehen: 2005, gegen den Willen von Franz Müntefering, der deshalb nicht mehr Parteichef sein wollte.

Nahles stammt aus Rheinland-Pfalz, sie ist Germanistin und bekennende Katholikin. Liiert ist sie mit einem Bonner Kunsthistoriker.


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