Rot-grünes Duo Steinbrück und Trittin: Plötzlich Freunde

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Wenn Rot-Grün gewinnt, dürften SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück und Grünen-Spitzenmann Trittin die Koalition anführen. Jetzt machen sie bei einem gemeinsamen Auftritt in Berlin auf Harmonie - dabei verband die beiden bisher wenig.

AFP

Berlin - Es gab eine Zeit, da arbeitete sich Jürgen Trittin an kaum einem Politiker so ab wie an Peer Steinbrück. Der Grüne zieh den Sozialdemokraten gerne des "Dilettantismus" und nannte ihn unglaubwürdig. Das war zur Zeit der Großen Koalition, Steinbrück war damals Finanzminister, Trittin ein Wortführer der Opposition.

Jetzt sitzen Sozialdemokraten und Grüne beide in der Opposition - und alles ist anders. Um Angela Merkel bei der kommenden Bundestagswahl das Kanzleramt zu entreißen, sind sie wieder zusammengerückt. So eng, dass Trittin und Steinbrück an diesem Mittwochmittag gemeinsam in der Bundespressekonferenz auftreten. Plötzlich sind sie beste Freunde.

Differenzen? Iwo. Ab jetzt wird gekuschelt. "Herr Steinbrück hat das ja gerade schon richtig gesagt" oder "Ergänzend zu dem, was Herr Trittin gerade ganz zutreffend gesagt hat" - solche Schmeicheleien sind von den beiden nun zu hören.

Offiziell geht es an diesem Tag ja um die Vorstellung der rot-grünen Vorschläge zur Lösung der Bankenkrise. Sie sehen unter anderem einen Bankenrettungsfonds in der gemeinsamen Währungszone mit einem Volumen von bis zu 200 Milliarden Euro und einen europäischen Altschuldentilgungsfonds vor. Die beiden Bundestagsfraktionen haben einen gemeinsamen Antrag erarbeitet, der im Januar ins Parlament eingebracht werden soll - auch damit will man natürlich die Nähe betonen. Aber vor allem sollen die Menschen im Lande jetzt die neue Herz-und-Seele-Einheit Steinbrück/Trittin kennenlernen.

Steinbrück und Trittin wollen ein prima Duo sein

Es wird demonstrativ gescherzt und gefrotzelt. Steinbrück und Trittin tun fast so, als hätten SPD und Grüne die Bundestagswahl schon gewonnen. Dabei sieht es in den Umfragen zurzeit nicht besonders gut aus für eine gemeinsame Mehrheit. Deshalb ist es umso wichtiger, die Wähler in den kommenden Monaten glauben zu machen, dass ein Kanzler Steinbrück und sein wahrscheinlicher Vize Trittin ein prima Duo wären.

Mancher Grüne erinnert sich immer noch mit Schaudern an die Koalition unter dem Ministerpräsidenten Peer Steinbrück in Nordrhein-Westfalen. Das ist jetzt alles vergessen. Ob er Trittin denn als geeigneten Finanzminister sehe, wird Steinbrück irgendwann gefragt. "Wir wollen erst mal den Bären erlegen, ehe wir das Fell verteilen", antwortet der Sozialdemokrat in gewohnter Diktion. Dann folgt der neue, der zahme Steinbrück. "Die Zusammenarbeit mit den Grünen ist gut", sagt er. "Und den Kollegen Trittin kenne ich als sehr kenntnisreich und verlässlich." Aus dem Mund Steinbrücks ist das als Lob für einen anderen Politiker kaum zu toppen.

Trittin darf mindestens so viel reden wie Steinbrück

Und auch sonst gibt sich der SPD-Kanzlerkandidat alle Mühe, das Bild des SPD-Zampanos zu widerlegen, der die Grünen und ihre Leute einst als bessere Hilfskräfte behandelte. Trittin darf mindestens so viel reden wie er, immer wieder nickt der Sozialdemokrat zustimmend während der Ausführungen des Grünen-Politikers.

Und Trittin präsentiert sich mindestens so brav. "Wir haben mit der SPD unterschiedliche Phasen erlebt und Erfahrungen gemacht", sagt er. "Aber so wie zwischen Union und FDP war es noch nicht einmal in NRW." Außerdem habe die gemeinsame Oppositionszeit seiner Partei und den Sozialdemokraten gezeigt, "dass es was Schlimmeres gibt als Rot-Grün". Diese Darstellung findet dann auch Steinbrück sehr lustig.

Steinbrück und Trittin sind echte Politprofis. Deshalb werden sie bis zum Wahlsonntag im September 2013 alles dafür tun, dass ihre Zusammenarbeit klappt und sie im Duo funktionieren. Dass Trittin viel besser mit SPD-Chef Sigmar Gabriel und Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier kann - was hilft's? Die Sozialdemokraten haben Steinbrück zum Kanzlerkandidaten gemacht, also hakt er sich jetzt mit ihm unter.

Und natürlich hat Trittin ein Interesse daran, dass die Kanzlerkandidatur Steinbrücks endlich ins Rollen kommt, damit dessen Strauchelstart in Vergessenheit gerät. Denn nur wenn der Kandidat Steinbrück bei den Deutschen ankommt, können die Grünen gemeinsam mit der SPD regieren. Trittin, der sich mit schlechter Presse aus seiner Zeit als Umweltminister gut auskennt, hat folgenden Tipp für den Sozialdemokraten: "Man muss zu seinen Überzeugungen stehen - dann stellt man fest, dass Schlagzeilen sich plötzlich ändern."

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1. mit Steinbrück
earl grey 12.12.2012
Zitat von sysopAFPWenn Rot-Grün gewinnt, dürften SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück und Grünen-Spitzenmann Trittin die Koalition anführen. Jetzt machen sie bei einem gemeinsamen Auftritt in Berlin auf Harmonie - dabei verband die beiden bisher wenig. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/steinbrueck-und-trittin-in-der-bundespressekonferenz-a-872495.html
Gott bewahre uns vor Trittin... mit Steinbrück könnte ich ja noch zur Not leben...
2. "dabei verband die beiden bisher wenig" Zitat
biwak 12.12.2012
Dazu sind sie sich auch zu ähnlich. So sind Beide an der Spitze einer Partei, mit deren Grundwerten sie nicht viel am Hut haben.
3.
c++ 12.12.2012
Beide treten als Finanzspezialisten ihrer Partei auf. Trittin ist Diplom-Sozialwirt und ehem. Mitglied beim Kommunistischen Bund, Steinbrück ist ein ausgewiesener Finanzfachmann, soweit es um die Mehrung der eigenen Finanzen geht. Wer diesem Duo nicht alles zutraut, dem ist nicht mehr zu helfen.
4. Absolut menschlich
beobachter48 12.12.2012
Ja, was der Geruch des Troges so alles möglich macht.
5. ein Déjà-vu
toskana2 12.12.2012
Zitat von sysopAFPWenn Rot-Grün gewinnt, dürften SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück und Grünen-Spitzenmann Trittin die Koalition anführen. Jetzt machen sie bei einem gemeinsamen Auftritt in Berlin auf Harmonie - dabei verband die beiden bisher wenig. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/steinbrueck-und-trittin-in-der-bundespressekonferenz-a-872495.html
Joschka und Gerdi lassen grüßen, - ein Déjà-vu, das uns Fortuna ersparen möge! Zwei Volkstribune, die sich gefunden haben. Daran wird sich die Leidensfähigkeit, resp. das Langzeitgedächtnis dieses Volkes messen lassen!
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