SPD und das Kanzlergehalt: Wie Peer Steinbrück fast einmal in die Wirtschaft wechselte

Peer Steinbrück in schweren Erklärungsnöten: In einem Interview verteidigt der SPD-Spitzenkandidat seine Äußerungen zum Kanzlergehalt, relativiert sie aber zaghaft. Unterdessen wird eine alte Anekdote aus seiner Karriere ausgegraben - in den Neunzigern erwog er den Abschied aus der Politik.

SPD-Politiker Steinbrück: "Ich sage, was ich denke, und ich tue, was ich sage" Zur Großansicht
dapd

SPD-Politiker Steinbrück: "Ich sage, was ich denke, und ich tue, was ich sage"

Berlin - Peer Steinbrück hat seine Kritik an den Bezügen deutscher Regierungschefs verteidigt. Zugleich wurde am Wochenende zum Thema in Medienberichten, dass der SPD-Kanzlerkandidat Ende der neunziger Jahre erwog, Präsident eines Sparkassen- und Giroverbandes zu werden.

"Ich habe mitnichten gefordert, das Kanzlergehalt zu erhöhen", sagte Steinbrück dem Berliner "Tagesspiegel am Sonntag". Er habe lediglich die Meinung vertreten, dass Bundeskanzler im Vergleich zu Führungskräften in der Wirtschaft eher gering bezahlt seien. Das hätten er und auch andere schon viele Male zuvor gesagt, und dazu stehe er. "Diese Wahrheit werde ich nicht verschweigen, auch nicht als Kanzlerkandidat."

Steinbrück war vor der Debatte über seine Äußerungen zum Kanzlergehalt bereits wegen hoher Vortragshonorare in die Kritik geraten und in diesem Zusammenhang der Maßlosigkeit beschuldigt worden. Der 65-Jährige hatte kurz vor dem Jahreswechsel beklagt, dass nahezu jeder Sparkassendirektor in Nordrhein-Westfalen mehr verdiene als die Kanzlerin. Diese Aussage sorgte auch in der eigenen Partei für Irritationen.

Regierungschefin Angela Merkel (CDU) kommt mit Kanzlerbesoldung und Abgeordnetenbezügen auf knapp 300.000 Euro im Jahr. Steinbrück räumte ein, dass seine Äußerung bei Geringverdienern missverstanden werden könnte. "Natürlich kann man davon gut leben", sagte er. Vor allem aus der Perspektive einer alleinerziehenden Frau mit 1000 Euro monatlich.

Den Schluss, er wünsche sich für sich persönlich ein höheres Einkommen, wenn er Kanzler werden sollte, wehrte Steinbrück entschieden ab. "Das ist wirklich Unfug", sagte er. Wem die Entlohnung nicht reiche, der sollte sich nicht bewerben. Er wolle auch in Zukunft nicht nur laut aussprechen, was opportun erscheine, so Steinbrück. "Ich sage, was ich denke, und ich tue, was ich sage."

Interesse am bestdotierten öffentlichen Job in Schleswig-Holstein

Pikant ist, dass Steinbrück vor fast 15 Jahren selbst einmal mit dem Gedanken gespielt hat, Präsident des schleswig-holsteinischen Sparkassen- und Giroverbandes zu werden. Aktuell berichtet die "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" ("FAS") darüber, in Schleswig-Holstein wurde das Thema im Spätsommer 1998 heiß diskutiert.

Die Frage einer Kandidatur um das Amt des Sparkassen-Präsidenten sei an ihn herangetragen worden, erklärte Steinbrück im September 1998 laut den "Kieler Nachrichten". Dieses "Ansinnen" habe er "als ehrenvoll und so gewichtig empfangen, dass es einer ernsthaften, möglichst diskreten Behandlung bedurfte". Nach Abwägung aller Aspekte sei er zu dem Schluss gekommen, sich nicht für eine Kandidatur zur Verfügung zu stellen, hieß es in dem Bericht. Laut "FAS" dagegen sei eine Ernennung Steinbrücks für den Posten aufgrund von Widerstand aus der SPD nicht in Frage gekommen.

Steinbrück war zu der Zeit Wirtschaftsminister in Schleswig-Holstein, hatte sich aber mit Ministerpräsidentin Heide Simonis entzweit. Anlass dafür war seine Bemerkung, das Land könne sich "Klein-Klein auf Pepita-Niveau" nicht leisten. Simonis bezog dies auf sich und ihre kleinkarierten Kostüme und drohte Steinbrück öffentlich mit Entlassung.

Steinbrück habe daher zwischenzeitlich Interesse an dem am besten dotierten öffentlichen Job in Schleswig-Holstein - dem des Präsidenten beim Sparkassen- und Giroverband - gehabt, schrieben die "Kieler Nachrichten" schon 1998. Der Posten war laut "FAS" damals mit 400.000 Mark dotiert, mehr als Simonis verdiente.

Vertreter der Sparkassen kritisierten Steinbrücks Hinweis auf ihre Gehaltsstrukturen. "Wir halten diese Diskussion für überflüssig. Herr Steinbrück muss sich entscheiden - die Fakten liegen ja auf dem Tisch -, ob er sich als Bundeskanzler oder als Sparkassendirektor bewerben will", teilte der Deutschen Sparkassen- und Giroverband der "FAS" in einer Stellungnahme mit.

Grüne gehen auf Distanz, SPD-Spitze führt Krisentelefonat

Kritik am Kanzlerkandidaten kam erneut von der SPD-Linken. "Ich hätte mir gewünscht, dass Steinbrück sich auf die inhaltlichen Botschaften konzentriert, die er auf dem letzten Parteitag in seiner Rede sehr gut dargelegt hat", sagte die Parteilinke Hilde Mattheis der "Tageszeitung". Die SPD habe unter Parteichef Sigmar Gabriel "viele Fehler korrigiert, die mit unserer Gerechtigkeitsidee nicht vereinbar waren". Dazu müsse der Kanzlerkandidat stehen. "Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Steinbrück diese Verantwortung nicht bewusst ist", sagte Mattheis.

Die Grünen, Steinbrücks Wunsch-Koalitionspartner, reagierten irritiert auf dessen Äußerungen. Die stellvertretende Ministerpräsidentin und Bildungsministerin von Nordrhein-Westfalen, Sylvia Löhrmann, sagte der "FAS", das Thema Gerechtigkeit müsse eine entscheidende Rolle bei der Bundestagswahl spielen. "Dabei wird es aber definitiv nicht um eine bessere Bezahlung von Politikerinnen und Politikern gehen."

Die SPD-Spitze versucht unterdessen, den Schaden zu begrenzen. Laut "Bild am Sonntag" fand am Samstag eine Telefonschaltkonferenz zwischen Steinbrück, Parteichef Sigmar Gabriel, Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier und dem niedersächsischen Spitzenkandidaten Stephan Weil statt. Thema sei gewesen, wie die Bundes-SPD die Kanzlergehaltsdebatte vergessen machen und für Rückenwind in Niedersachsen sorgen könne.

wit/dpa/dapd

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 203 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Erbarmen mit Peer!
Europa! 05.01.2013
Zitat von sysopPeer Steinbrück in schweren Erklärungsnöten: In einem Interview verteidigt der SPD-Spitzenkandidat seine Äußerungen zum Kanzlergehalt, relativiert sie aber zaghaft. Unterdessen wird eine alte Anekdote aus seiner Karriere ausgegraben - in den Neunzigern erwog er den Abschied aus der Politik. Steinbrück verteidigt Äußerungen zu Kanzlergehalt - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/steinbrueck-verteidigt-aeusserungen-zu-kanzlergehalt-a-875961.html)
Ein raffinierter Schachzug der SPD-Spitze! Nachdem die "bürgerlichen" Kreise und die Linken sich am dicken Peer abgearbeitet haben, wird er, mit Giftpfeilen gespickt wie ein waidwunder Stier aus dem Rennen genommen und der eigentliche Kandidat benannt. Ich tippe auf eine Kandidatin. (Oder ist die SPD dazu zu "zuverlässig"?)
2. Vaya, vaya, vaya
MaxSeelhofer 05.01.2013
Die Frage lautet immer: würde ich Sie (Name ???) in meiner Firma einstellen? Wir sind eine Klein-/Mittelbetrieb in Peru, internationale Klientele. Voraussetzungen: Universitätsabschluss, plus Spanisch, Englisch, Deutsch: business fluent - wenn möglich auch noch Französisch und Portugiesisch. Und dann noch IT, aber heftig ... Wer, in der deutschen und internationalen Politik/Welt, kann diese Qualifikationen aufweisen? Vermutlich niemand. Unsere Gehaltsofferte: für Peru sehr gut - für die Welt des schönen Seins a non issue.
3.
Stäffelesrutscher 05.01.2013
Zitat von sysopNach Abwägung aller Aspekte sei er zu dem Schluss gekommen, sich nicht für eine Kandidatur zur Verfügung zu stellen, hieß es in dem Bericht. Steinbrück verteidigt Äußerungen zu Kanzlergehalt - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/steinbrueck-verteidigt-aeusserungen-zu-kanzlergehalt-a-875961.html)
Alleine schon die Formulierung »sich für eine Kandidatur zur Verfügung zu stellen« sagt doch einiges über das Selbstverständnis dieses Mannes aus. Das sollte mal einer sagen, dem von der ARGE der Posten eines Müllsammlers in Torfmoorholm »angetragen« wird: »Moin, ich bin der Hinnerk, und ich überlege, ob ich mich für eine Kandidatur als Opticker zur Verfügung stelle.« Der würde was zu hören kriegen!!! Aber Steinbrück ist in bester Gesellschaft. Vor etwa 30 Jahren wurde an der HfbK Hamburg ein neuer Präsident gesucht. Einige dachten, Otto Schily wäre doch eine gute Figur auf diesem Posten. Antwort sinngemäß: »Ich kandidiere nur, wenn Sie mir garantieren können, dass es keinen anderen Kandidaten gibt.« Das ist der Unterschied zwischen »sich bewerben« und »sich zur Verfügung stellen«.
4. Auch als SPD Gegner verspüre ich nur noch Abscheu, vom.....
prologo1 05.01.2013
Zitat von sysopPeer Steinbrück in schweren Erklärungsnöten: In einem Interview verteidigt der SPD-Spitzenkandidat seine Äußerungen zum Kanzlergehalt, relativiert sie aber zaghaft. Unterdessen wird eine alte Anekdote aus seiner Karriere ausgegraben - in den Neunzigern erwog er den Abschied aus der Politik. Steinbrück verteidigt Äußerungen zu Kanzlergehalt - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/steinbrueck-verteidigt-aeusserungen-zu-kanzlergehalt-a-875961.html)
.....von dieser Kampagne gegen Steibrück. Jetzt wühlen sie schon im Lebenslauf eines bisher unbescholtenen Politikers herum, mit dem Ziel die Diffamierung aufrecht zu halten. Der Augstein hat sich schon im Grabe wundgescheuert, vor Gram seiner Nachfolger. Von neutraler Berichterstattung ist SPON Lichtjahre entfernt.
5.
regiles 05.01.2013
"Pikant ist, dass Steinbrück vor fast 15 Jahren selbst einmal mit dem Gedanken gespielt hat, Präsident des schleswig-holsteinischen Sparkassen- und Giroverbandes zu werden. Aktuell berichtet die "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" ("FAS") darüber, in Schleswig-Holstein wurde das Thema im Spätsommer 1998 heiß diskutiert." Mann Mann Mann SPON...... Das ist ja wirklich pikant!!!! Da SPIELTE doch Steinbrück mit dem Gedanken in die Wirtschaft zu wechseln!!!!!! UNGLAUBLICH!!! Ein böser böser Kanzlerkandidat!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Deutschland
RSS
alles zum Thema Peer Steinbrück
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 203 Kommentare
Fotostrecke
Steinbrücks erster Auftritt nach Ausrutscher: Verkrampft und zurückhaltend


Das Wahljahr 2013
20. Januar: Landtagswahl in Niedersachsen
Die Niedersachsen haben entschieden - allerdings sehr knapp. Ein hauchdünner Vorsprung von einem Mandat für eine rot-grüne Koalition ermöglicht es dem SPD-Herausforderer Stephan Weil, den erst seit 2010 amtierenden David McAllister (CDU) als Regierungschef abzulösen. Nach dem anstehenden Machtwechsel zu Rot-Grün wird Schwarz-Gelb nur noch über 15 der 69 Stimmen im Bundesrat verfügen. Die schwächelnde FDP erreichte mit 9,9 Prozent der Stimmen ein sehr starkes Ergebnis - profitierte dabei aber von vielen strategisch wählenden CDU-Anhängern. Dennoch: Durch den Erfolg bleibt Philipp Rösler vorerst Parteichef, Fraktionschef Rainer Brüderle übernimmt lediglich die Spitzenkandidatur für die Bundestagswahl.
September: Landtagswahl in Bayern
Die CSU hofft erneut auf eine absolute Mehrheit, die sie 2008 spektakulär verloren hat. Unter Ministerpräsident Horst Seehofer ging sie eine Koalition mit der FDP ein. Eine Neuauflage ist fraglich, weil die Liberalen laut Umfragen an der Fünfprozenthürde scheitern könnten. Die Sozialdemokraten blicken auf ihr schlechtestes Nachkriegsergebnis zurück. Die Grünen verbesserten sich damals leicht, die Freien Wähler waren erstmals erfolgreich.
September: Bundestagswahl
Die Unionsparteien setzen auf die populäre CDU-Vorsitzende und Bundeskanzlerin Angela Merkel. Ihr Herausforderer ist der frühere SPD-Finanzminister Peer Steinbrück, der Rot-Grün anstrebt. 2009 hatte die Union der SPD die schlimmste Niederlage ihrer Nachkriegsgeschichte beigebracht. Der Fortbestand von Merkels schwarz-gelber Koalition ist ungewiss, weil der FDP nach ihrem großen Erfolg von 2009 das parlamentarische Aus droht.
September: Landtagswahl in Hessen
In Hessen wird der neue Landtag zusammen mit dem Bundestag gewählt. Volker Bouffier führt die CDU erstmals als Ministerpräsident in den Wahlkampf. Sein langjähriger Vorgänger Roland Koch hatte sich 2009 behauptet. Die SPD sieht sich nach ihrer verheerenden Niederlage damals wieder im Aufwind. Die FDP, mit der Bouffier regiert, kam 2009 auf ihr bestes Ergebnis seit den fünfziger Jahren, muss jetzt aber die Fünfprozentklausel fürchten.