Von Veit Medick
Berlin - Der Kandidat hat offenbar viel Zeit mitgebracht. Es ist kurz nach halb acht am Donnerstagabend, Peer Steinbrück sitzt in der SPD-Zentrale und redet über den Wahlkampf, über soziale Ungerechtigkeiten und die Kanzlerin. Es werde, so der Sozialdemokrat, ja sicher noch andere Fragen an ihn geben. "Mit diesen Fragen rechne ich so gegen 23 Uhr", scherzt er.
Steinbrück weiß, dass er so lange nicht wird warten müssen. Wo er auch auftritt, wo er auch hinkommt, stets geht es um seinen verunglückten Start als SPD-Kanzlerkandidat. Das ist auch hier im Willy-Brandt-Haus nicht anders. Steinbrück hat ein paar Dutzend Journalisten geladen, es geht überraschend offen zu. Jeder Satz kann zitiert werden. Es hat sich einiges angestaut, das muss jetzt alles mal raus. Steinbrück unplugged.
Schnell wird klar: Der Kandidat ist genervt. Von der Debatte um seine Honorare. Von der Kritik an seinem Stil. Von den Diskussionen um seine Sympathiewerte bei Frauen.
Natürlich gehe das nicht spurlos an ihm vorüber, sagt er. Aber er sei nun mal wie er ist. Er werde sich sicher nicht einer Art "politischer Geschlechtsumwandlung" unterziehen. Er werde auch nicht "plötzlich geschauspielert auf die Anschmeiße gehen", so der Ex-Finanzminister. "Irgendwie muss ich mir auch selber treu bleiben. Sie werden mich in diesen elf Monaten nicht viel anders erleben als ich bin." Damit das mal klar ist.
Steinbrück bringt Verstärkung mit
Es ist ein bemerkenswerter Auftritt. Trotzig, ruppig. Er teilt auch schon mal aus, wenn ihm Fragen nicht passen. Aber frustriert wirkt er nicht. Eher angriffslustig. "Depressionen können Sie sich nicht leisten in Wahlkämpfen", sagt Steinbrück. Er hat Verstärkung mitgebracht. Sein Wahlkampfmanager Heiko Geue ist gekommen. Auch sein Sprecher Michael Donnermeyer und seine Büroleiterin Sonja Stötzel sitzen neben ihm. Wir sind bereit, soll das wohl heißen. Egal, was da draußen über uns erzählt wird.
Aber ein Steinbrück im Kampfmodus ist eben auch immer eine Gefahr. Er sagt dann Dinge, die ihm Probleme bereiten können, nicht zuletzt in seiner Partei. So ist das auch an diesem Abend. Und das kommt so.
Steinbrück verteidigt, mal wieder, seine lange Liste an Nebentätigkeiten. Er wehrt sich auch gegen die Kritik daran, dass er seine Politiker-Bahn-Card für manche Vortragsreise benutzte. Steinbrück macht klar, dass er die Debatten angesichts der großen politischen Fragen in dieser Zeit für ziemlich hysterisch hält. Übrigens auch die Sache mit Roman Maria Koidl.
Diesen Koidl hatte sich Steinbrück als Online-Berater ausgeguckt. Doch weil der österreichische Unternehmer unter anderem mal für zwei Hedgefonds gearbeitet hatte, gegen die die SPD bekanntlich seit Jahren zu Felde zieht, herrschte in der Parteizentrale Alarm und Koidl musste seinen Hut nehmen, noch bevor er richtig angefangen hatte.
Ja, räumt Steinbrück ein, im Willy-Brandt-Haus hätte dessen Vergangenheit durchaus Fragen aufgeworfen. Doch so richtig Verständnis scheint er dafür nicht zu haben. Er setzt stattdessen zu ein paar wohlwollenden Sätzen über den Österreicher an. Ihm sei Koidls Expertise in Internetfragen wichtig gewesen, sagt er. Eine breite unternehmerische Tätigkeit sei für ihn noch kein Grund, einen Kontakt abzubrechen, sagt Steinbrück. "Ob der mal bei einem Hedgefonds gewesen ist oder bei den Sankt-Pauli-Nachrichten gearbeitet hat, ist für mich nicht entscheidend, solange er sich rechtskonform verhalten hat." Man fragt sich ein bisschen, warum Koidl dann eigentlich gehen musste.
Für die SPD findet er an diesem Abend ein paar nette Sätze. Er habe seine Partei ja mal mit Begrifflichkeiten charakterisiert, "die sich unterschieden haben von der Normalsprache", sagt er. Er freue sich daher umso mehr über die "anständige, sehr berührende Art und Weise", wie die Genossen ihn dieser Tage stützten, nach dem Motto: "Wir passen schon auf, dass du nicht kaputt geschossen wirst."
"Das ist der Maschinenraum"
Einen Einblick in seine Wahlkampfpläne gibt Steinbrück ebenfalls. Auffallend detailliert legt Steinbrück offen, wie seine Kampagne so aussieht. Es gibt eine politische und eine operative Wahlkampfleitung. Zudem sollen sich Mitarbeiter der Parteizentrale - Steinbrück spricht von "Campagneros" - um 13 zentrale Felder kümmern, darunter die Finanzen, den Online-Wahlkampf, Personalfragen und die Kontakte zu den Agenturen. "Das ist der Maschinenraum", sagt Steinbrück.
Er und seine Leute haben die Monate bis zur Bundestagswahl in sechs Phasen unterteilt. Die erste Phase endet demnach am 9. Dezember auf dem Parteitag in Hannover, auf dem sich Steinbrück offiziell zum Kandidaten wählen lassen will. Phase zwei geht bis zur Niedersachsenwahl Ende Januar. Im Frühjahr, so Steinbrück, solle es einen Programmparteitag geben, in dieser Zeit werde er auch sein Kompetenzteam vorstellen. Eine "Mobilisierungsphase", eine "sehr heiße Phase" und der "Endspurt" sollen die Kampagne abrunden.
Aber hält er überhaupt so lange durch? Oder könnte es auch sein, dass er sich noch von der Kandidatur verabschiedet, wenn sich die Debatte um seine Person nicht bald verflüchtigt? Unsinn, so Steinbrück. Lavieren, mal austesten - das ginge in Sachen Kanzlerkandidatur schlecht.
Er könne ja nicht sagen: "Wenn das so ist, Herr Förster, dann lege ich das Reh wieder auf die Lichtung zurück."
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