Parteitag: SPD sehnt sich nach Steinbrück-Neustart

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Zwei Monate fremdelte Peer Steinbrück mit seiner Kanzlerkandidatur. Jetzt will er die Pannenserie endlich beenden und der SPD neuen Schwung verleihen. Der Parteitag in Hannover soll zur Steinbrück-Show werden - allerdings möglichst ohne zu viel Kitsch.

Alle Kanzlerkandidaten bis Steinbrück: Die Elite der SPD Fotos
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Berlin - Wenn Peer Steinbrück über die Lage des Landes redet, taucht ein Versatzstück immer wieder auf. Der designierte SPD-Kanzlerkandidat findet, dass in der Gesellschaft eine "Unwucht" entstanden ist. Die Menschen seien verunsichert, weil die Politik ihre Gestaltungsfähigkeit verloren habe. "Es ist", sagt Steinbrück, "da etwas aus dem Lot geraten in Deutschland."

Das ist erstens nicht ganz falsch und zweitens eine sehr prägnante Formulierung, ein Satz, der hängenbleibt. Aber die Sache mit dem Lot ließe sich dieser Tage genauso gut auf seine Kanzlerkandidatur übertragen, denn man kann sagen, dass auch sie eine gewisse Neujustierung gebrauchen könnte.

Gut zwei Monate läuft - oder besser gesagt: stolpert - Steinbrück inzwischen als Herausforderer von Angela Merkel durchs Land. Die Nebeneinkunftsdebatte hängt wie ein Fluch über ihm, mit einigen Berater- und Vortragspeinlichkeiten lieferte er seinen Gegnern Futter. Wenn das was werden soll mit dem Kanzleramt, muss, so auch die Lesart seiner Unterstützer in der SPD, jetzt mal ein Ruck durch seine Kandidatur gehen. Und zwar am Sonntag.

Dann nämlich treffen sich die Genossen zum Parteitag in Hannover. Es ist keines dieser klassischen Delegiertentreffen mit drei Tagen Debatte, Streit und Dutzenden programmatischen Beschlüssen. Es soll eher eine Art Krönungsmesse sein. Fünf Stunden, mehr nicht. Es ist alles auf Steinbrück zugeschnitten. Er wird offiziell zum Kanzlerkandidat gewählt werden, am besten natürlich mit merkelschem Ergebnis.

Steinbrück werde "über 90 Prozent" der Stimmen erhalten, ist sich Fraktionsmanager Thomas Oppermann sicher, was freilich kein Wunder wäre, denn wenn ein Kanzlerkandidat darunterliegen würde, könnte er eigentlich auch gleich wieder einpacken.

Es geht um Dreierlei

Wichtiger als das Ergebnis ist Steinbrücks Auftritt selbst. Er steht, so abgedroschen das klingen mag, vor der wohl wichtigsten Rede in seiner Laufbahn. Rund eineinhalb Stunden will er zu den Delegierten sprechen. Das ist viel Zeit. Aber er muss auch einiges leisten. Steinbrück braucht eine Rede, von der man später sagen wird, dass mit ihr alles begann. Der Aufschwung. Der Sieg in Niedersachsen. Der Triumph bei der Bundestagswahl. So in etwa sieht jedenfalls das Szenario aus, von dem die Genossen träumen.

Es geht um dreierlei: Steinbrück muss mit seinem Auftritt klarmachen, warum und wofür man ihn und seine Partei bei der Bundestagswahl eigentlich wählen soll. Er muss aufzeigen, was ihn von der Kanzlerin wirklich unterscheidet. Und er muss sich als echter Sozialdemokrat inszenieren und dabei trotzdem Peer Steinbrück bleiben. Das ist alles gar nicht so einfach, vor allem Letzteres. Um sich entsprechend vorzubereiten und am Manuskript zu feilen, sagte der Kandidat zu Wochenbeginn einen Trip nach Brüssel ab. Sicher ist sicher.

Steinbrück wird am Sonntag nicht nur auf sich allein gestellt sein. Er bekommt prominente Unterstützung und ein kleines Rahmenprogramm, was keine Nebensächlichkeit ist, denn die genaue Ausgestaltung dieser Choreografie ist im politischen Geschäft eine heikle Sache. Trägt man zu dünn auf, heißt es später, die Partei sei ideenlos. Trägt man zu dick auf, heißt es später, da mache die Partei aber krampfhaft auf amerikanisch.

Es besteht bei der SPD ein gewisses Risiko, dass das Zweite eintritt. Weil es um das Verhältnis zwischen Steinbrück und seiner Partei vor seiner Ernennung zum Kanzlerkandidaten nicht zum Besten bestellt war, könnte die SPD versucht sein, aus der Krönungsmesse nun eine etwas zu gewollte Harmonieshow zu machen, nach dem Motto: Seht her, wie lieb wir uns haben.

Hymne singen - oder lieber nicht?

Dieses Risiko ist auch den Parteitagsregisseuren bewusst, weshalb sie einige Vorsichtsmaßnahmen getroffen haben, die das Ganze in einem erträglichen Maß halten sollen.

Helmut Schmidt soll - sofern er nicht noch krank wird - kommen und auch sprechen, aber nicht mehr als eine halbe Stunde, was, wenn man die Geschwindigkeit seiner Reden kennt, wohl allenfalls für ein paar Sätze reichen dürfte. Gerhard Schröder wird auch kommen, vorsichtshalber aber überhaupt nichts sagen.

Es soll, so ist zu hören, vor Steinbrücks Rede ein Filmchen eingespielt werden, in dem aber nicht einmal er selbst, geschweige denn seine Familie vorkommt. Die wird dafür aber auf dem Parteitag in natura erscheinen und wohl kaum darum herumkommen, sich am Ende mit dem Kandidaten auf die Bühne zu zeigen. Steinbrück mag seine Familie eigentlich nichts ins Politische ziehen. Aber solche Bühnenfotos sind wichtig. Sie machen aus ihm einen Menschen.

Über den musikalischen Teil des Rahmenprogramms besteht in der SPD dem Vernehmen nach noch Diskussionsbedarf. Klar ist, dass am Ende des Parteitags gemeinsam das Arbeiterlied "Wann wir schreiten Seit' an Seit'" angestimmt wird, so wie das immer der Fall ist. Vorgesehen ist aber auch, zusätzlich die Fußballhymne "You'll never walk alone" zu singen. Ob es aber wirklich dazu kommt, ist noch nicht ganz klar.

Denn das scheint manchen Sozialdemokraten dann doch ein wenig zu dick aufgetragen.

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1. Es gibt nur eine Partei in Deutschland.
prince62 07.12.2012
Zitat von sysopDPAZwei Monate fremdelte Peer Steinbrück mit seiner Kanzlerkandidatur. Jetzt will er die Pannenserie endlich beenden und der SPD neuen Schwung verleihen. Der Parteitag in Hannover soll zur Steinbrück-Show werden - allerdings möglichst ohne zu viel Kitsch. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/steinbrueck-will-auf-dem-spd-parteitag-in-die-offensive-gehen-a-871580.html
Peer Steinbrück? Ach das war doch der Pro-Forma Kanzlerkandidat der deutschen Finanzwirtschaft, der auf dem Ticket der Sozialabbau Partei Deutschlands gebucht wurde, damit der deutsche Urnenpöbel tatsächlich glaubt, daß es in diesem Lande eine Alternative sprich demokratische Verhältnisse gibt. Schon lange her, kommt auch nicht wieder. Die Neue Deutsche Einheitspartei CDU/CS'/SPD/FDP/Grüne hat das Land fest unter Kontrolle, zum Wohle der deutschen Finanz-und Exportindustrie.
2. Frage..
OlMan 07.12.2012
... hat Barbara Anne Hendricks (Bundesschatzmeisterin der SPD) soviel freies Geld in der Kasse, dass sich die Sozialdemokraten die Rede von Steinbrück leisten können?
3. SPD, da war doch was?
unixv 07.12.2012
Sowas wie : Wer nicht arbeitet, braucht auch nicht essen! oder, wie kann der Bürger nur so blöde sein und glauben was wir vor der Wahl versprochen haben! Lass mal stecken SPD und ändert euren Namen, wir brauchen euch nicht!
4. kein Titel!
friedrich_eckard 07.12.2012
Kinder, Betrunkene und Veit Medick sagen die Wahrheit... "Und er muss sich als echter Sozialdemokrat *inszenieren*..." Wie wahr: inszenieren, er ist nämlich keiner. Das ganze Elend dieser Partei in einem kurzen Halbsatz!
5. Dünne Personaldecke
jeschma 07.12.2012
Die personelle Ausstattung der SPD muss wohl so dünn sein, dass diese Gestalt tatsächlich der Spitzenkandidat werden soll. Gott bewahre und vor so einem Kanzler. Aber erfahrungsgemäß hindern sich die Genossen selbst daran, die Wahl zu gewinnen. Ltztes Mal mußte Ulla ihren Dienstwagen durch Europa schicken, dieses Mal bewirbt sich ein ehemaliger Finanzminister, dem die Gesetzestexte durch die Banken selbst formuliert wurden. Prost Mahlzeit !
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