Manager gegen SPD-Kanzlerkandidat: Wirtschaft wendet sich von Steinbrück ab

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SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück will auch im Unternehmerlager Stimmen sammeln, doch die Wirtschaft geht auf Distanz. Führende Manager greifen den Sozialdemokraten an, Umfragen zufolge setzen die Firmenchefs klar auf Angela Merkel.

SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück: Die Wirtschaft wendet sich von dem Sozialdemokraten ab Zur Großansicht
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SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück: Die Wirtschaft wendet sich von dem Sozialdemokraten ab

Berlin - Bei den eigenen Leuten ist Peer Steinbrück neuerdings gut gelitten. Seine Vorschläge zur Bankenregulierung, zu höheren Steuersätzen für Spitzenverdiener sowie sein Bekenntnis zur Frauenquote haben viele in der SPD mit ihrem Kanzlerkandidaten versöhnt. Allerdings gibt es plötzlich ein anderes Problem: Die Wirtschaft geht zum einst als Pragmatiker gelobten Steinbrück mehr und mehr auf Distanz.

Von dessen Comeback als Sozialdemokrat ist unter Managern offenbar kaum einer begeistert. "Steinbrück bedient Neidreflexe, indem er die Besteuerung von Vermögen und Personenunternehmen ganz oben auf die Agenda setzt", sagt Lencke Wischhusen, neue Chefin des Verbandes der Jungen Unternehmer. Wischhusens Vorwurf an Steinbrück: "Dabei vergisst er, dass diese wachstumsfeindliche Politik den Unternehmen die Möglichkeit nimmt zu reinvestieren, Eigenkapital aufzubauen und so langfristig Arbeitsplätze zu schaffen und auch in der nächsten Krise für Stabilität zu sorgen."

Auch der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Hans Heinrich Driftmann, kritisiert Steinbrück. "In Zeiten von Steuereinnahmen auf Rekordniveau halte ich es für völlig falsch, über Steuererhöhungen nachzudenken." Driftmann warnt: "Das kostet Wachstum und Arbeitsplätze." Und Arbeitgeberchef Dieter Hundt nennt die von Steinbrück mitgetragenen rot-grünen Pläne "hochgradig schädlich" für die Wirtschaft.

Steinbrück wollte in der Wirtschaft punkten

Die Unternehmer tun sich traditionell schwer mit der SPD - aber Steinbrück schien bisher alles andere als ein traditioneller Sozialdemokrat zu sein. Deshalb, so hofften er und die SPD-Führung, könnte ein Kanzlerkandidat Steinbrück auch in der Wirtschaft punkten.

Doch danach sieht es im Moment nicht aus, zumal auch zwei aktuelle Umfragen unter Spitzenmanagern eine starke Entfremdung der Wirtschaft von Steinbrück zeigen. Mehr als drei Viertel der deutschen Top-Entscheider wollen einer Erhebung des Magazins "Capital" zufolge, dass Kanzlerin Angela Merkel auch nach der kommenden Bundestagswahl im Amt bleibt. Die Studie des Allensbach-Instituts unter 500 Führungsspitzen aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung kommt zu folgendem Ergebnis: Zwar halten 60 Prozent der Befragten Steinbrück für den bestmöglichen SPD-Kanzlerkandidaten - aber nicht einmal jeder Fünfte wünscht ihn sich als deutschen Regierungschef.

Die Unternehmer mögen Steinbrück zwar, auch wegen seiner Erfolge als Finanzminister in der Großen Koalition zwischen 2005 und 2009 - aber im Zweifel setzen sie eben doch auf die CDU-Kanzlerin.

Ähnlich ist das Bild in der jüngsten "Handelsblatt"-Umfrage unter 700 Führungskräften von deutschen Konzernen und mittelständischen Unternehmen. "Die große Mehrheit der Führungskräfte möchte in der Tat Merkel als Kanzlerin auch nach dem Jahr 2013 behalten", sagt Forsa-Chef Manfred Güllner, dessen Institut die Studie durchgeführt hat. Zumal man Steinbrück offenbar wenig Prokura in der SPD zutraut. "Ich kann bisher nicht erkennen, dass er die Fehlentwicklungen in seiner Partei korrigiert", sagt Arbeitgeberchef Hundt. Nur sieben Prozent der von Allensbach Befragten glauben, dass Steinbrück den Kurs seiner Partei bestimmt.

Unternehmensbosse als dankbare Wahlkampfziele

Die Wirtschaft gegen Peer Steinbrück - nicht alle Sozialdemokraten halten das für einen Nachteil. Viele in der SPD sehen die Bosse als dankbare Wahlkampfziele. Das Kalkül: Je massiver führende Wirtschaftsvertreter gegen die Genossen Stimmung machen, desto stärker werden das eigene Profil und die Botschaft sichtbar, die man gerne ins Zentrum der Kampagne für 2013 stellen würde: mehr soziale Gerechtigkeit.

Und so geht mancher von Steinbrücks Leuten schon zum Gegenangriff über. "Auch die deutsche Wirtschaft muss einen Beitrag für mehr Sozialverantwortung leisten", fordert Hessens Landeschef Thorsten Schäfer-Gümbel. "Die Zeit der Kannibalisierung ist vorbei." Der Finanzfachmann rät Teilen der Wirtschaft, sich nicht mehr "in die Büsche zu schlagen". Unternehmen könnten nicht länger nur darauf bedacht sein, Vorteile für sich selbst herauszuholen, sondern müssten sich stärker am Gemeinwohl orientieren.

Steinbrück selbst befindet sich in dieser Frage in einem strategischen Dilemma. Einerseits dürfte für ihn jetzt nicht gleich die Welt untergehen wegen der Distanzierung aus der Wirtschaft. In seinem Umfeld erinnert man dieser Tage daran, dass sein Papier zur Finanzmarktregulierung auch deswegen so einschlug, weil die Deutsche Bank gegen die Pläne damals rasch auf die Barrikaden ging. "Klare Fronten sind manchmal hilfreich", sagt einer, der Steinbrück gut kennt.

Andererseits weiß der Kanzlerkandidat: Verliert er seinen ordentlichen Ruf in der Wirtschaft, verliert er möglicherweise die ihm zugeschriebene Fähigkeit, über das eigene Lager hinaus Wähler an die SPD binden zu können. Allein die Stammwählerschaft aber hätten vielleicht auch andere Sozialdemokraten mobilisieren können.

Vielleicht sogar besser.

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insgesamt 231 Beiträge
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1. So, so...
franks meinung 18.12.2012
Was ja nicht wirklich was heißen soll. Die amerikanische Wirtschaft wendete sich auch von Obama ab. Wer hat gewonnen?
2. Wie jetzt?
fatherted98 18.12.2012
...der Steinbrück ist doch so ein gerngesehener Redner gewesen. Das ganze Sozen-Gelabber ist doch nur aufgesetzt gewesen...in Wirklichkeit ist Steinbrück doch viel Neo-Liberaler als Merkel es je sein wird...schlimm ist nur das solche Leute Kanzlerkandidat bei der SPD werden...da fragt man sich schon was in den Köpfen der Genossen so vor geht?
3. Gute Nachricht!
skipper8888 18.12.2012
Na, wenn das kein Grund ist Steinbrück zu wählen, dann weiß ich auch nicht. Endlich mal ne gute Nachricht!
4. Falsche Freunde
Zaphod 18.12.2012
Nicht die Wirtschaft formt den Menschen, die Menschen formen die Wirtschaft. Diese Binsenweisheit haben viele in den letzten Jahren verlernt. Die "Notwendigkeiten" der Märkte haben die Innen- und Außenpolitik bestimmt. Dass diese Notwendigkeiten letztendlich nur von denen postuliert werden, die davon profitieren, wurde nur selten wahrgenommen. Doch nun bekommen die "Bosse und Leistungsträger" Angst. Sollte es der SPD gelingen, tatsächlich die Menschen dazu zu mobilisieren, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und die "Alternativlosigkeiten" des Marktes zu hinterfragen? Sollten die Menschen erkennen, dass sie es sind, die der Wirtschaft diktieren können, ob und in welchem Umfang menschenverachtend gewirtschaftet wird? Man traut es der SPD nicht zu. Aber offensichtlich haben die "Wirtschaftslenker" Angst, und das ist gut so. Es gibt nur wenig bessere Argumente, die für Steinbrück sprechen.
5.
gog-magog 18.12.2012
Zitat von sysopGetty ImagesSPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück will auch im Unternehmerlager Stimmen sammeln, doch die Wirtschaft geht auf Distanz. Führende Manager greifen den Sozialdemokraten an, Umfragen zufolge setzen die Firmenchefs klar auf Angela Merkel. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/steinbrueck-wirtschaft-wendet-sich-von-spd-kanzlerkandidat-ab-a-873540.html
Auf die Stimmen von Unternehmern, die ihn ohnehin niemals wählen würden, kann Steinbrück mit Sicherheit problemlos verzichten. Es war ja schon immer klar, dass soziale Sicherheit eines Landes für Unternehmen kein Standortfaktor ist, wenn es um die Maximierung des Gewinnes auf Kosten der Gesellschaft geht. Die Steuererhöhungen für Unternehmer und Superreiche, die Steinbrück vorschlägt, sind geradezu lächerlich im Vergleich zu dem, was die Unternehmer zu Zeiten Adenauers, Erhards, Kiesingers oder Kohls zu bezahlen hatten. Nur damals gabs halt noch so etwas wie eine Moral.
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