Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

SPD-Zukunftskongress: Drei unter Druck

Von

Lange kann es nicht mehr dauern, bis die SPD ihren Kanzlerkandidaten nominiert - zu groß ist der Druck von allen Seiten. Noch steht die Troika: Fraktionschef Steinmeier, Ex-Finanzminister Steinbrück und der Parteivorsitzende Gabriel traten erneut zum Schaulaufen an.

Steinbrück, Gabriel, Steinmeier: "Ihr kriegt Steinbrück nicht über den Umweg Merkel" Zur Großansicht
DPA

Steinbrück, Gabriel, Steinmeier: "Ihr kriegt Steinbrück nicht über den Umweg Merkel"

Berlin - Einen Moment lang scheint eine Sensation in der Luft zu liegen. "Ich will aus Zeitgründen direkt zur Sache kommen", sagt Peer Steinbrück. Es ist Samstagmittag, kurz nach 13 Uhr, der Sozialdemokrat ist gerade ans Mikrofon beim Kongress seiner Bundestagsfraktion getreten. Wird Steinbrück jetzt erklären, dass er SPD-Kanzlerkandidat werden will? Nein. Er beginnt nur ohne Umschweife mit seiner Analyse des Wirtschaftstandorts Deutschland.

Jeder Halbsatz von führenden SPD-Politikern wird in diesen Tagen genauestens beleuchtet. Vor allem, wenn sich einer der sogenannten Troikaner persönlich äußert. Also Steinbrück, Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier oder der Parteivorsitzende Sigmar Gabriel. Denn einer von ihnen soll im kommenden Herbst Angela Merkel besiegen. Ursprünglich sahen die Planungen vor, den Kanzlerkandidaten erst nach der niedersächsischen Landtagswahl am 20. Januar zu küren, inzwischen spricht SPD-Chef Gabriel von einem Zeitpunkt "irgendwann Ende dieses, Anfang kommenden Jahres".

Dass auch dieser Zeitplan nicht mehr zu halten sein wird, ahnt wohl auch Gabriel. Der mediale Druck wird immer größer, auch viele in der Partei wollen so langsam wissen, wer sie in einem Jahr in die Bundestagswahl führen wird. Die Troika war eine gute Idee, solange es ohne personelle Zuspitzung ging, aber am Ende kann eben nur ein Sozialdemokrat gegen Merkel antreten.

Der Kongress im Atrium des Paul-Löbe-Hauses, einem der Bundestagsgebäude in Berlin, bietet an diesem Tag rund zwölf Monate vor der Wahl eine Art Schaulaufen der möglichen SPD-Kandidaten: Die Eröffnung am Samstag übernimmt Gastgeber und Fraktionschef Steinmeier, Steinbrück redet ein paar Stunden später, zum Abschluss ist Gabriel dran.

Die größte Überraschung vorneweg: Gabriel spricht mit Abstand am kürzesten. Gerade einmal 20 Minuten steht jener Mann am Pult, der auf Parteitagen stolze Zwei-Stunden-Reden hält. Diesmal sind es nur ein paar eher grundsätzliche Anmerkungen zum Wesen moderner sozialdemokratischer Politik. Danach wird Gabriel sinngemäß sagen, er habe die Anwesenden endlich ins Wochenende entlassen wollen, daher sein Kurz-Auftritt.

"Wir spielen auf Sieg, nicht auf Platz"

Man könnte allerdings auch sagen: Gabriel nimmt sich gegenüber den Mit-Troikanern Steinmeier und Steinbrück ein weiteres Mal zurück. Dass am Ende der Parteichef selbst gegen Merkel antritt, glaubt kaum noch einer in der SPD. Das Selbstbewusstsein dafür hätte er zweifellos, aber wohl inzwischen auch die Selbsterkenntnis, dass seine schwachen Popularitätswerte in der Bevölkerung eine Kanzlerkandidatur ausschließen. Falls die SPD sich noch ernsthafte Chancen ausrechnet, den nächsten Regierungschef zu stellen.

Und das beteuern sie neuerdings alle. Auch die Kanzlerkandidaten-Favoriten Steinmeier und Steinbrück, beide in der Wählergunst zumindest in Reichweite Merkels. "Wir spielen auf Sieg, nicht auf Platz", sagt der Fraktionschef zum Ende seiner knapp 50-minütigen Rede betont kämpferisch. Das Problem mit Steinmeier ist allerdings, dass ihn immer noch viele Wähler in Deutschland mit der Großen Koalition zwischen 2005 und 2009 in Verbindung bringen, der er als Außenminister und Vizekanzler angehörte. Und: Er hat vor drei Jahren als SPD-Kanzlerkandidat mit 23 Prozent das schlechteste sozialdemokratische Ergebnis der Geschichte eingefahren.

"Dieses Land braucht einen Weckruf", hat der Fraktionschef am Freitagnachmittag bei seinem Grußwort gesagt. Für den Fall, dass er recht hat - ist Steinmeier dafür der Richtige? Der Sozialdemokrat ist freundlich, hochkompetent, erfahren, ein Polarisierer ist er nicht. Und will er die Kanzlerkandidatur überhaupt?

Mit Blick auf das dritte Troika-Mitglied ist die Antwort auf diese Frage klar: Wer Peer Steinbrück in den vergangenen Wochen beobachtet hat, erlebte einen Mann, der es noch einmal wissen will. Mit 65 wäre die Kanzlerkandidatur zudem seine letzte politische Chance. Zuletzt wurde berichtet, das Pendel in der K-Frage neige sich zu Steinbrück, klare Belege dafür gibt es allerdings bisher keine.

Fingerzeig Richtung Steinbrück?

Am Vorabend bei seiner Nominierung zum Bundestagskandidaten im rheinischen Haan ließ Steinbrück mehrfach wissen, dass er nicht nochmals als Juniorpartner in einem Kabinett Merkel sitzen werde. "Ihr kriegt Steinbrück nicht über den Umweg Angela Merkel", so zitiert ihn die "Welt". Das sei ein klarer Fingerzeig auf seine Kanzlerkandidatur, glaubt mancher.

Beim Berliner Kongress wagt sich Steinbrück so weit nicht vor. Aber er gibt sich als sozialdemokratischer Mutmacher. "Etwas mehr Stolz, etwas mehr Selbstbewusstsein tut der SPD gut", sagt Steinbrück. Aber mehr ist ihm zu seinen Ambitionen an diesem Tag nicht zu entlocken. Bei einer anschließenden Diskussionsrunde antwortet das Aufsichtsrats-Mitglied von Borussia Dortmund auf die Frage, was er 2020 machen werde: "Da bin ich Präsident des BVB."

Allerdings bliebe bis dahin immer noch Zeit für eine Kanzler-Amtszeit.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 71 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Maya2003 15.09.2012
Zitat von sysopDPALange kann es nicht mehr dauern, bis die SPD ihren Kanzlerkandidaten nominiert - zu groß ist der Druck von allen Seiten. Noch steht die Troika: Fraktionschef Steinmeier, Ex-Finanzminister Steinbrück und der Parteivorsitzende Gabriel traten erneut zum Schaulaufen an. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,856054,00.html
Die SPD hat drei mögliche Kanzlerkandidaten: Einen von den Seeheimern, einen von den Seeheimern und einen von den Seeheimern. Das wird sicher extrem spannend wer sich am Ende durchsetzt - und dann als VIZEkanzler bei Angie ins Körbchen hüpfen darf. Wahl 2013 - nie war Wahlkanmpf spannender !
2.
marthaimschnee 15.09.2012
Zitat von sysopDPALange kann es nicht mehr dauern, bis die SPD ihren Kanzlerkandidaten nominiert - zu groß ist der Druck von allen Seiten. Noch steht die Troika: Fraktionschef Steinmeier, Ex-Finanzminister Steinbrück und der Parteivorsitzende Gabriel traten erneut zum Schaulaufen an. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,856054,00.html
Ach was! Dieses Land braucht eher eine Notoperation, in der ihm der Dolch aus dem Rücken entfernt wird, den Schröder damals in Form der "Agenda 2010" hineingerammt hat!
3. Steinbrück wird's wohl machen...
babel62 15.09.2012
.denn solange die Bankenkrise / Finanzkrise schwelt, ist er als sauberer Analyitiker und Mann der überlegten Entscheidungen die am deutlichsten überzeugende Alternative zur lavierenden Merkel, die nur allzuoft in dieser Hinsicht Politik nach Meinungsumfragen macht und meint, auf jeden Hype der Bild-Zeitung populistisch reagieren zu müssen. Steinmeier ist zwar intellektuell genauso überzeugend, aber eben zu sehr Diplomat und nicht Mensch der Finanzpolitik.
4. Vertrauen verspielt
hilmarhirnschrodt 15.09.2012
Wer hats gemacht? Die SPD hats gemacht! Die Agenda 2010, unter anderem mit Harz4 und Riester, bedeutet erst einmal recht einseitig noch mehr Profit und Wachstum für Reiche und Ihre Vermögen und jede Menge Belastungen und Zumutungen wie massenhaft Leiharbeit, Lohndumping und Teilzeitjobs für Normalbürger und ganz besonders für Arme und sowieso schon Benachteiligte. Keine Partei hat seit dem zweiten Weltkrieg die Interessen seines Wählerklientel so heuchlerisch und skrupellos verraten wie die SPD unter Schröder, Müntefering, Clement, Müller, Steinmeier und Steinbrück.
5. Die Hartz-Kandidaten
staas 15.09.2012
Zitat von Maya2003Die SPD hat drei mögliche Kanzlerkandidaten: Einen von den Seeheimern, einen von den Seeheimern und einen von den Seeheimern. Das wird sicher extrem spannend wer sich am Ende durchsetzt - und dann als VIZEkanzler bei Angie ins Körbchen hüpfen darf. Wahl 2013 - nie war Wahlkanmpf spannender !
Deutschland kann sich solche Politiker leisten, weil eine außerordentlich duldsame Unterschicht alles akzeptiert, was eine rundum abgesicherte und gegen alle konjunkturellen Risiken geschützte „Elite“ ihr zumutet. Die deutschen Unterschichten protestieren nicht, aber sie reagieren, ganz im Stillen und auf ihre Weise: mit der Einschränkung ihrer Teilnahme am politischen und sozialen Leben (weil wer sozialdemokratisch wählt, mit Hartz gleich vierfach belohnt wird), mit einer Regression auf elementare Bedürfnisse (notgedrungen, weil Niedrigstlöhne nicht für mehr reichen) und seit 40 Jahren, seit den ersten größeren „Sozial- und Arbeitsmarktreformen“ unter dem Spezialdemokraten H. Schmidt, auch mit dem Verzicht auf Familie und Kinder. Unter dem Druck der deutschen „Sozialstaatsreformen“ haben sich die familiären Strukturen der unteren Hälfte der Bevölkerung praktisch aufgelöst (wie alles so kam und warum und was noch kommt).
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Vote
Die drei ???

Wer ist der beste Kanzlerkandidat für die SPD?


Fotostrecke
SPD-Troika: Nur einer kann gegen Merkel antreten

Kurzporträts der SPD-Spitze
Parteivorsitzender: Sigmar Gabriel
REUTERS
Mit 51 Jahren wurde Gabriel, Jahrgang 1959, jüngster Parteichef seit Willy Brandt. In der Großen Koalition war er bis Herbst 2009 Umweltminister und profilierte sich im Wahlkampf mit Attacken gegen die Atomkraft. Nach dem Wahldesaster der Sozialdemokraten griff er entschlossen nach dem Parteivorsitz. Nach einem starken Start hat seine Autorität zuletzt im Streit um Thilo Sarrazin und die Migrantenquote Schaden genommen. Als natürlicher Kanzlerkandidat gilt er inzwischen nicht mehr.

Der gelernte Lehrer aus Goslar ist seit 1977 SPD-Mitglied. Mit 40 Jahren war er jüngster deutscher Ministerpräsident in seinem Heimatland Niedersachsen (1999-2003). Nach der Abwahl wechselte Gabriel nach Berlin und gab ein Intermezzo als "Pop-Beauftragter" der Sozialdemokraten, was ihm eher Spott als Anerkennung einbrachte ("Siggi Pop"). Gabriel ist mit einer Zahnärztin verheiratet.
Parteivize: Manuela Schwesig
Getty Images
Manuela Schwesig schaffte in nur sechs Jahren den Aufstieg von der Finanzbeamtin zur SPD-Vizechefin. Frank-Walter Steinmeier pries die 1974 geborene Schwesig einst als "strahlenden Nordstern der SPD". Im Präsidium ist sie für Familienpolitik zuständig und katapultierte sich vor allem während der Verhandlungen um die Hartz-IV-Reform in die Schlagzeilen.

Die gebürtige Brandenburgerin studierte Steuerrecht und folgte ihrem Mann nach Schwerin. Dort engagierte sie sich zunächst in der Kommunalpolitik, bevor sie im Oktober 2008 ins Schweriner Kabinett eintrat - als bundesweit jüngste Landesministerin. Sie ist Mutter eines Sohnes.
Parteivize: Hannelore Kraft
DPA
Kraft, 1961 geboren, ist SPD-Landeschefin und Ministerpäsidentin von Nordrhein-Westfalen. Seit Mitte Juli 2010 führt sie eine rot-grüne Regierung in Düsseldorf - die ersten beiden Jahre als Minderheitsregierung, seit der Landtagswahl im März 2012 mit einer deutlichen Mehrheit.

Die gelernte Bankkauffrau und studierte Wirtschaftswissenschaftlerin sieht sich selbst als Pragmatikerin, die keinem SPD-Flügel angehört. Auch ohne den typischen Stallgeruch und die übliche Ochsentour machte sie im größten SPD-Landesverband schnell Karriere - zunächst als Europa- und dann bis Mai 2005 als Wissenschaftsministerin. Später wurde sie Fraktionschefin in Düsseldorf. Kraft ist verheiratet und hat einen Sohn.
Parteivize: Klaus Wowereit
DPA
Regierender Bürgermeister von Berlin und schon seit neun Jahren an der Spitze einer rot-roten Koalition. Gilt deshalb - für nicht wenige in der SPD irrtümlich - als Linker sowie als Wegbereiter einer bundesweiten Öffnung zur Linkspartei.

Wowereit, Jahrgang 1953, ist der Senior innerhalb der SPD-Spitze. Gelernter Jurist, passionierter Partygänger, Skat- und Golfspieler. Lebt mit einem Arzt zusammen. Bekanntester Satz, immer noch: "Ich bin schwul - und das ist auch gut so."
Parteivize: Olaf Scholz
AP
Bis Herbst 2009 war Scholz, geboren 1958, Bundesarbeitsminister. Aber auch jetzt ist er wieder gut beschäftigt: Im Februar 2011 holte er bei der Bürgerschaftswahl in Hamburg die absolute Mehrheit und ist seitdem Erster Bürgermeister in der Hansestadt.

Der Fachanwalt für Arbeitsrecht hat in der SPD schon viele Karrierestationen hinter sich: Innensenator in Hamburg, SPD-Generalsekretär und Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion. Scholz ist verheiratet mit einer Hamburger SPD-Politikerin.
Parteivize: Aydan Özoguz
DPA
Die Hamburgerin, Jahrgang 1967, mit türkischen Wurzeln hat einen steilen Aufstieg in der SPD hinter sich. Seit 2009 sitzt sie im Bundestag, im Dezember 2011 übernahm sie einen der Posten als Bundes-Vize. Vorher arbeitete sie unter anderem als Intergrationsbeauftragte der SPD-Fraktion. Für Aufsehen sorgte sie 2010 mit dem Appell, die Is­lam­kon­fe­renz von Bun­desin­nen­mi­nis­ter Hans-Pe­ter Friedrich (CSU) zu boy­kot­tie­ren. Sie hatte dem Minister vorgeworfen, einen pauschalen Terrorverdacht gegen Muslime zu unterstellen. Özoguz ist mit einem Hamburger SPD-Politiker verheiratet und lebt in Oldenfelde sowie einer Berliner Dienstwohnung.
Generalsekretärin: Andrea Nahles
AP
Nahles, geb. 1970, ist schon lange bei der SPD aktiv. Vor ihrer Wahl zur Generalsekretärin war Nahles stellvertretende SPD-Vorsitzende. Einst war sie Chefin der Nachwuchsorganisation Jusos und für kurze Zeit schon einmal als Generalsekretärin vorgesehen: 2005, gegen den Willen von Franz Müntefering, der deshalb nicht mehr Parteichef sein wollte.

Nahles stammt aus Rheinland-Pfalz, sie ist Germanistin und bekennende Katholikin. Liiert ist sie mit einem Bonner Kunsthistoriker.

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: