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Steinwürfe auf jüdische Künstler: "Eine abscheuliche Tat!"

Es waren Jugendliche mit arabischem Migrationshintergrund, die in Hannover eine jüdische Tanzgruppe attackierten. Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime erklärt im SPIEGEL ONLINE-Interview, warum die Attacke dennoch nichts mit dem Islam zu tun hat - und warnt davor, die Täter aufzuwerten.

Islamvertreter Mazyek: "Der Fall darf nicht politisch aufgeladen werden." Zur Großansicht
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Islamvertreter Mazyek: "Der Fall darf nicht politisch aufgeladen werden."

SPIEGEL ONLINE: Herr Mazyek, in Hannover haben Jugendliche - die meisten von ihnen mit muslimischem Hintergrund - auf einem Fest der Liberalen Jüdischen Gemeinde eine Tanzgruppe mit Steinen angegriffen, antisemitische Parolen gerufen. Eine Tänzerin wurde verletzt. Hat Sie der Vorfall schockiert?

Mazyek: Das ist ein schrecklicher Vorfall, den wir auf das Schärfste verurteilen. Es muss alles getan werden, um die Täter zu finden und zu bestrafen. Aber der Fall darf nicht unnötig religiös oder politisch aufgeladen werden. Die Mehrheit der Muslime weiß, dass Antisemitismus keinen Platz im Islam hat. Niemand hat klammheimliche Freude geäußert. Ich würde mich sehr freuen, wenn die jüdische Gemeinde in Hannover das Fest im nächsten Jahr noch einmal begeht. Es wäre mir eine Ehre, daran teilzunehmen. Wir alle dürfen uns von solchen abscheulichen Taten nicht entmutigen lassen.

SPIEGEL ONLINE: Die Tatverdächtigen waren zum Teil Kinder, einer soll neun, der andere elf Jahre alt sein. Woher kommt dieser Hass auf Juden?

Mazyek: Keine Gesellschaft ist vor Rassismus und Antisemitismus gefeit. Oft sind es Gruppen, die sich ausgegrenzt fühlen und dann aus diesem Gefühl andere diskriminieren. Dieses Phänomen ist bekannt, und wir müssen es ernst nehmen, ohne dass wir die Taten entschuldigen. In Schulen muss Bildungsarbeit stattfinden und religiöse Aufklärung darüber, wie der Islam zu anderen Religionen steht. Nämlich, dass der friedliche Dialog mit den anderen Religionen im Islam angelegt ist - und dies sagen wir nicht aus"political correctness".

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt der Nahostkonflikt für solche Übergriffe?

Mazyek: Der Nahostkonflikt ist ein politischer Konflikt. Alle, die da Religion mit ins Spiel bringen wollen, gießen Öl ins Feuer. Wir als Zentralrat der Muslime haben daran kein Interesse. Wir haben ein existentielles Interesse daran, mit jüdischen Bürgern in Frieden zu leben.

SPIEGEL ONLINE: Was tun muslimische Verbände gegen Antisemitismus bei muslimischen Jugendlichen?

Mazyek: Ich wehre mich gegen monokausale Zuschreibungen, dass das alleine die Aufgabe der Religionsgemeinschaft ist. Ein Mix macht es aus. Elternhaus, Moschee, Schule und Gesellschaft. Jugendliche, die gewalttätig und antisemitisch sind, sind in den allermeisten Fällen überhaupt keine aktiven Gemeindemitglieder. Der Kampf gegen Antisemitismus muss in Elternhaus und Schule beginnen. Wir rufen in Fortbildungsseminaren mit Imamen und Moscheevorstehern immer wieder dazu auf, von den Aussagen im Koran Gebrauch zu machen, der ganz deutlich Rassismus verbietet und verabscheut.

SPIEGEL: Müssen sich muslimische Verbände in Deutschland stärker mit Juden solidarisieren?

Mazyek: Sie rennen da bei mir offene Türen ein. Wir sollten uns stets mit jenen solidarisieren - seien es Juden, Christen, Muslime oder Atheisten -, die Leid oder Unrecht erfahren haben.

SPIEGEL ONLINE: Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen erklärte, einen solchen Vorfall habe es in der Bundesrepublik noch nie gegeben. Hat der Angriff eine neue Qualität?

Mazyek: Wir müssen aufpassen, dass wir mit solchen Aussagen nicht die Täter aufwerten. Nochmals: Ich werbe dafür, den Angriff nicht unnötig noch weiter politisch aufzuladen und hoffe, dass uns trotz aller Aufregung die Besonnenheit nicht abhanden kommt. Wir müssen den Blick für die Ursachenbekämpfung schärfen.

SPIEGEL ONLINE: Jüngst ergab eine Studie, dass die Gewaltbereitschaft bei Muslimen mit zunehmender Religiosität steigt. Was hat der Islam mit dem Angriff zu tun?

Mazyek: Die Ergebnisse der Studie selbst stellen da keine direkte Verbindung her. Wie auch? Denn je intensiver ein Muslim sich mit seinem Glauben beschäftigt, desto toleranter ist auch seine Haltung zu anderen Religionsgemeinschaften. Mit dem Wissen über den Islam steigt die Mäßigung und Toleranz und nicht umgekehrt.

Das Interview führte Anna Reimann

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Da isser wieder, der Pawlow'sche Reflex
Hans Albers, 26.06.2010
Zitat von sysopEs waren Jugendliche mit arabischem Migrationshintergrund, die in Hannover eine jüdische Tanzgruppe attackierten. Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime erklärt im SPIEGEL ONLINE-Interview, warum die Attacke dennoch nichts mit dem Islam zu tun hat - und warnt davor, die Täter aufzuwerten. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,702798,00.html
Schön die Formlierung "Aiman ERKLÄRT, warum"; hieße es nicht besser "Aiman VERTRITT die Meinung, daß..."? Also ist es wie immer: -Jeder Ehrenmord hat nichts mit der "Religion des Friedens" zu tun -Jede Christenfeindlichkeit auch nicht -Globaler Terrorismus? Auf gar keinen Fall! -Unterdrückung der Frau? Wohin denken Sie? Ach, wie herrlich langweilig - immer dieselben Reaktionen der Moslemvertreter: Entweder: "Islam ist Frieden" Oder: "Schuld sind die anderen, die uns Moslems benachteiligen." Die Frage, die ich mir nur Stelle: Warum wird der Vorfall bei Juden so hochgespielt und bei anderen nicht? Wie auch immer: Handeln! Handeln, da keine religiösen oder sonstigen Extremisten was in diesem Land zu suchen haben. Danke!
2.
G2c 26.06.2010
Zitat von sysopEs waren Jugendliche mit arabischem Migrationshintergrund, die in Hannover eine jüdische Tanzgruppe attackierten. Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime erklärt im SPIEGEL ONLINE-Interview, warum die Attacke dennoch nichts mit dem Islam zu tun hat - und warnt davor, die Täter aufzuwerten. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,702798,00.html
"Mazyek: Die Ergebnisse der Studie selbst stellen da keine direkte Verbindung her. Wie auch? Denn je intensiver ein Muslim sich mit seinem Glauben beschäftigt, desto toleranter ist auch seine Haltung zu anderen Religionsgemeinschaften." Die historische Realität beweist das genaue Gegenteil: In allen drei monotheistischen Religionen ist von jeher eine Radikalisierung derjenigen zu beobachten, die sich am intensivsten mit ihrer Religion beschäftigen. Das gleiche trifft sinngemäß auf Ideologien zu.
3. Islam und Judenhass
Rak Ani, 26.06.2010
Zitat von sysopEs waren Jugendliche mit arabischem Migrationshintergrund, die in Hannover eine jüdische Tanzgruppe attackierten. Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime erklärt im SPIEGEL ONLINE-Interview, warum die Attacke dennoch nichts mit dem Islam zu tun hat - und warnt davor, die Täter aufzuwerten. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,702798,00.html
Wie verlogen ist das denn? In der Centrum Moschee in Hamburg wurde die DVD "Die Kinder der Al-Aksa-Moschee" verteilt. In dem für Kinder gemachten Film wird Kindern die Diffamierung und das Töten von Juden als Ziel "spielerisch" eingehämmert. Der Film wird in der Türkei verlegt. Und dann kommt Aiman Mazeyk daher und sagt, es hat nichts mit Islam zu tun? Mit der Türkei natürlich auch nicht.
4. Abwiegeln und schönfärben
hatem1 26.06.2010
Wie immer: der Islam hat mit dem Islam nichts zu tun.
5. Verharmlosung und Verschleierung
hannesjo 26.06.2010
Herr Mazyek redet hier sehr engagiert gegen eine Verallgemeinerung und engstirnige Tendenzen bei stärker religiösen Vertretern des muslimischen Glaubens. Leider völlig unglaubwürdig in meinen Augen, da er konsequent die allgemeine Wahrnehmung ("der Koran rufe zur Toleranz mit anderen Glaubensrichtungen un Nicht-Gottesgläubigen auf" - wie oft hört man das genaue Gegenteil?) und wissenschaftliche Studien als falsch darzustellen versucht. Besonders deutlich wird das in seiner letzten Antwort, mit der er die angesprochene Studie als nichtig erklärt. Meiner Meinung nach müssen wir als Gesellschaft sehr achtsam mit allen unmenschlichen und untoleranten Vorfällen umgehen, und sie nicht einfach kleinreden, wie Herr Mazyek das versucht. Und bevor ich solch ein beschwichtigendes Gerede glaube, bedarf es Taten und Bekundungen aus der muslimischen Gemeinde selbst, nicht nur von seinen auf positive Wahrnehmung fixierten höchsten Vertretern. Von der Basis kommt jedoch in meiner Wahrnehmung leider fast nur Gegenteiliges. Wo bleiben denn öffentliche Bekundungen der muslimischen Welt gegen solche Vorfälle? Das Gegenteil kommt: Wenn in unserer Welt z.B. jemand unter Inanspruchnahme der freien Meinungsäusserung Karikaturen von Mohammed macht, tickt die muslimische Welt weltweit aus, verbrennt dänische Hoheitssymbole und attakiert Botschaften. Und daraufhin trauen sich nicht mal mehr unsere Volksvertreter das gesunde Augenmass und eine grössere Toleranz auf religiöser Seite zu fordern. Das macht mir als nicht gottesgläubigem Menschen grosse Sorgen und fördert nur meine Ansicht dass Gottesglaube gefährlich ist. Soviel zum Thema Toleranz steigt mit der Gläubigkeit, Herr Mazyek. Von daher: Herr Mazyek hat in bester Politikermanier seinen Job erfüllt und versucht die öffentliche Wahrnehmung in seinem Sinne zu beeinflussen. Allein, seine Worte sind für mich bedeutungslos, weil ohne Substanz.
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Aiman Mazyek, geboren 1969 in Aachen, ist seit 2006 Generalsekretär des Zentralrats der Muslime in Deutschland. Mazyek studierte Arabistik, Philosophie, Wirtschaft und Politikwissenschaften in Kairo und Aaachen. 2003 gründete Mazyek zusammen mit Rupert Neudeck die Hilfsorganisation Grünhelme. Bis 2007 war der Sohn eines aus Syrien stammenden Ingenieurs und einer Deutschen Stadtverbandsvorsitzender der FDP in Aachen. Mazyek arbeitet als freier Publizist und Medienberater.


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