Stephan Weils Triumph: Der Mann der letzten Meter
Stephan Weil hat eines der knappsten Wahlrennen der vergangenen Jahre für sich entschieden - trotz Steinbrück-Patzer und Gegenwind aus Berlin. Geholfen hat dem SPD-Mann ausgerechnet jener Charakterzug, der als seine große Schwäche galt: seine spröde Unaufgeregtheit.
Er hat es geschafft. Stephan Weil hat gerade sein Interview beendet, seinen vorerst letzten Fernsehauftritt nach so vielen an diesem Wahlabend. Dann dreht er sich weg von den Kameras, hin zu seinen Anhängern, zieht sich mit einem kräftigen Ruck den Knopf aus dem Ohr.
Es ist eine Geste der Befreiung, und Hunderte glückselige Genossen im großen Saal des Alten Rathauses in Hannover verstehen sie. Ohrenbetäubender Jubel schallt Weil entgegen, der 54-Jährige reißt die Arme hoch, wirft sie überschwänglich nach vorne, immer wieder, lächelt breit und zufrieden hinein in diese Wand aus Euphorie. Die Pose an sich ist triumphal, auftrumpfend, selbstgefällig - Weil wirkt jedoch eher wie ein Junge, der sich freut. Einen Moment verharrt er, dann fordert ihn die Führungsriege der niedersächsischen SPD auf die große Bühne am anderen Ende des Saals: "Wir begrüßen den künftigen Ministerpräsidenten von Niedersachsen!"
Sechs Kilometer entfernt starrt der noch amtierende Regierungschef im Hangar 5, einer Party-Location südlich vom Alten Rathaus, auf eine Leinwand. Gerade hat die ARD ihre letzte Hochrechnung verkündet, demnach führt Rot-Grün mit einem einzigen Sitz. David McAllisters Blick ist versteinert, die Hand umklammert sein Blackberry - und dann muss er mit ansehen, wie Weil als nächster Ministerpräsident gefeiert wird.
Beharrlich und zäh
Der Sozialdemokrat sagt vor den Kameras, er sei durch "eine Achterbahn der Gefühle" gefahren. Weil meint damit nicht nur den Wahlabend, bei dem mal Schwarz-Gelb ein Sitz mehr zugesprochen, dann wieder ein Patt zwischen den Lagern ausgerufen wurde. Der SPD-Mann meint auch das gesamte letzte Jahr.
Zwar führten SPD und Grüne lange mit sattem Vorsprung - dank der schwächelnden FDP schien die Wahl bereits ein Selbstläufer zu werden. Das Blatt wendete sich, McAllister zelebrierte im Endspurt eine Mac-Show mit "I'm a Mac"-Schildern, Dudelsack-Tönen im Wahlkampf-Song, Mega-Plakaten - und Kanzlerin-Auftritten. Gleichzeitig hievte er die FDP durch eine Leihstimmenkampagne über die Fünfprozenthürde: Je öfter und lauter McAllister die Hilfe für die FDP verneinte, desto besser wirkte diese - so gut, dass sich die CDU erheblich geschwächt auf der Oppositionsbank wiederfindet.
Doch nicht nur der Schlussspurt des Amtsinhabers machte Weil zu schaffen, sondern auch sein eigener Mann aus Berlin: SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück verhagelte ihm den Wahlkampf mit seinen Nebeneinkünften und der Kanzlergehaltsdebatte. Dabei war es Weil gewesen, der darauf gedrängt hatte, die K-Frage schnell zu klären. Doch plötzlich ging es nur noch um die Patzer des polternden Steinbrück - und Weils Vorsprung schmolz immer weiter dahin.
Dennoch ließ sich der Noch-Bürgermeister von Hannover zumindest äußerlich nicht aus der Ruhe bringen. Selbst am Wahlsonntag ging er nachmittags noch eine Runde joggen, McAllister zeigte sich da schon mal gut gelaunt im Landtag. Weil zog den Wahlkampf auf seine Weise durch, ließ sich nicht beirren. Er tourte durch Niedersachsen, das zweitgrößte Flächenland der Republik zwischen Nordsee und Harz ist verdammt groß. Er verteilte Rosen, besuchte Großküchen - eine Kampagne auf Strecke, beharrlich und zäh, mehr als 35.000 Kilometer hatte er am Schluss auf dem Tacho. Und das war auch nötig, denn über die Grenzen der Landeshauptstadt hinaus kannte ihn zuvor kaum ein Niedersachse.
Kopf-, nicht Bauchmensch
Weil gilt als spröde und bieder - als Mann der Zahlen. Fast zehn Jahre lang verwaltete er als Stadtkämmerer die Finanzen von Hannover, bevor er vor sechs Jahren Oberbürgermeister wurde. Doch Weil, das gibt selbst der politische Gegner zu, gilt eben auch als kompetent, sachorientiert und ernsthaft. Der Jurist bezeichnet sich selbst als pragmatisch und bodenständig. Er trinkt gerne Bier, redet über Fußball, am liebsten über seinen Club Hannover 96.
In jedem Fall ist Weil Kopf-, nicht Bauchmensch. Der große Redner ist er ohnehin nicht - anders als Steinbrück, der gerne auf den Bühnen über Steuersünder herzieht, den Schweizern mit der Kavallerie droht und die Euro-Krise für die Allgemeinheit in seiner kantigen-schnoddrigen Art erläutert. Weil wirkt dort eher verloren, erst in den letzten Wochen gewann er mehr an Statur, sprach freier.
Dem Sozialdemokraten liegt eher das Gespräch im kleinen Kreis, dann zeigt er feinen Humor. Weil geht gern auf Menschen zu, spontan und ohne Berater im Schlepptau, hört zu. Er sagt, dass man das als Kommunalpolitiker können müsse, vom Banker bis Obdachlosen mit allen sprechen. Als geradlinig bezeichnen ihn seine Mitarbeiter. Das zeigt sich auch am Wahlabend, trotz unklaren Ausgangs tritt Weil schon am frühen Abend vor seine verunsicherten Genossen. McAllister dagegen verschanzt sich lange einige Meter weiter in den Fraktionsräumen seiner CDU.
"Nicht ganz einfache Bedingungen"
Weil gilt als Genosse durch und durch, als einer, der loyal zu seiner Partei steht, wenn es schwierig wird - etwa in Sachen Steinbrück. Kein böses Wort äußerte er über den glücklosen Kanzlerkandidaten, absolvierte lächelnd einen Termin nach dem anderen mit ihm.
Nur am Wahlabend kann man erahnen, wie sehr ihn die "nicht ganz einfachen Bedingungen" gewurmt haben müssen: "Wenn wir die Wahl verloren hätten, dann wäre es die Niederlage von Peer Steinbrück gewesen", sagt er in einem Interview. Im Hangar 5 quittieren die gebeutelten Christdemokraten dies mit einem lauten "Oho", Weils Nachsatz geht in den Rufen unter: "Jetzt haben wir gewonnen, also ist es auch der Sieg von Peer Steinbrück."
Rot-grüne Freudentänze
Im Alten Rathaus wird derweil fröhlich gefeiert. Weil habe Steinbrück besiegt, sagt einer aus dem Umfeld des designierten Regierungschefs und lächelt breit. Mittlerweile ist eine Horde Grüner eingefallen, sie klatschen und jubeln: "So sehen Sieger aus, schallallalla." Der Grünen-Spitzenkandidat Stefan Wenzel feuert die tanzende rot-grüne Menge an: "Ich kann's immer noch kaum glauben, McAllister ist weg."
SPD und Grüne haben sich viel vorgenommen: Sie wollen die Studiengebühren abschaffen, mehr Krippenplätze schaffen, Ganztags- und Gemeinschaftsschulen fördern; Gorleben soll als Atom-Endlager von der Liste gestrichen werden. Weil will sich wieder um die Regionen kümmern, die mit Bevölkerungsschwund zu kämpfen haben. Jetzt aber wird erst einmal gefeiert, gefeiert, gefeiert.
Und Weil? Der hat sich mit seiner Frau Rosemarie längst still und leise verabschiedet, die ausgelassenen rot-grünen Freudentänze im Alten Rathaus bekommt er gar nicht mehr mit. Ab Montag gilt es für den SPD-Mann trotz der knappen Einstimmen-Mehrheit ein stabiles Bündnis zu formen. Zuvor aber wird er sich noch kurz die Glückwünsche der Parteigranden in Berlin abholen - auch die von Steinbrück.
Die dürften aufrichtig gemeint sein. Weil hat dem Kanzlerkandidaten die langersehnte Startrampe ins Superwahljahr beschert.
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