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Sterbehelfer Roger Kusch: Tod auf Bestellung, Service inklusive

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Hamburgs Ex-Justizsenator Roger Kusch hat einer Rentnerin dabei geholfen, zu sterben - und ihren Tod gefilmt. Der öffentlichkeitswirksame Einsatz ist Teil eines grotesken Feldzugs für eine "Autonomie am Lebensende". Erste Ermittlungen der Staatsanwaltschaft laufen bereits.

Hamburg - Eine Zweizimmerwohnung in Würzburg, die Temperaturen sind auf über 25 Grad geklettert, es ist Sommer. Bettina Schardt, 79, hat sich auf das Bett in ihrem Schlafzimmer gelegt, auf dem Nachttisch stehen drei Trinkbecher, behutsam nebeneinander aufgereiht.

Im ersten ist ein Gemisch aus Wasser und dem Beruhigungsmittel Diazepam. Im zweiten, ebenfalls in Wasser aufgelöst, das Malaria-Medikament Chloroquin, so hoch konzentriert, dass es tötet. Im dritten Becher schwimmt ein süßlicher Sirup - zum Nachspülen. Der Geschmack des Gifts ist unangenehm.

Nur noch ein Moment, dann wird Bettina Schardt die drei Becher austrinken und sterben.

Der letzte Mensch, mit dem die alte Frau spricht, ist keine Tochter oder Schwester, kein Ehemann oder Pfleger, sondern Roger Kusch, 53, Jurist, Ex-CDU-Mitglied und früher Justizsenator von Hamburg. Kusch erzählt die Geschichte ihres Todes vor Dutzenden Journalisten. Bettina Schardt starb am vergangenen Samstag, "sie ist freiwillig aus dem Leben geschieden", sagt er.

Tod auf Knopfdruck

Kusch führt seit Jahren einen Feldzug für das - wie er es nennt - "Recht auf Selbstbestimmung bis zum letzten Atemzug". Ende 2007 hat er den Verein "Dr. Roger Kusch Sterbehilfe e.V." gegründet, der die "Autonomie am Lebensende" propagiert. Doch Vorträge und Fachpublikationen reichen Kusch nicht, Ende März stellte er einen selbstentwickelten Automaten für Sterbehilfe vor: eine Maschine, die zwei mit tödlichen Substanzen gefüllte Spitzen langsam in den Körper des Lebensmüden entleert. Er muss nur auf einen roten Knopf drücken. Damals hatte Kusch angekündigt, dass der Automat "bald" zum Einsatz kommen werde.

Im Fall Bettina Schardt sei die Maschine jedoch nicht benutzt worden, betont er. Gemeinsam mit einem Arzt, der anonym bleibt, habe man entschieden, dass die "orale Einnahme der Substanzen" am sichersten sei. Bettina Schardt war "gesundheitlich problemlos dazu in der Lage, etwas zu schlucken", sagt Kusch. Das Legen einer Kanüle sei deshalb nicht notwendig gewesen.

Um die Freiwilligkeit des Handelns der Frau zu demonstrieren, zeigt Roger Kusch Filmsequenzen, in denen er Bettina Schardt in ihrer Wohnung interviewt. Als er das Band startet, huscht ein Lächeln über sein Gesicht: Mit dem hektischen Stühlerücken, Hälserecken und Gerangel der Fotografen um den besten Blick auf den Bildschirm scheint sich sein Wunsch nach Aufmerksamkeit erfüllt zu haben. Sein Public Viewing der morbiden Art garantiert Publicity.

Die Frau wirkt in den Filmausschnitten völlig gelassen. Abgesehen vom schweren Takt ihres Atems und ihrer gekrümmten Körperhaltung scheint sie gesund und wach. "Ich habe aus dem Internet von Ihrer Maschine erfahren", sagt sie. Per E-Mail nahm sie am 8. April dieses Jahres Kontakt zu Kusch auf. Wenige Tage später besuchte er sie das erste Mal persönlich.

"Ich kann nicht sagen, dass ich leide"

Bettina Schardt sitzt auf einem Liegesessel mit Wolldecken, sie trägt ein rosafarbenes, ärmelloses Blusenhemd. In der Hand hält sie eine Zigarette, an der sie genussvoll zieht. Sie hört aufmerksam zu, als Kusch zum Referat über die rechtlichen Grenzen der Sterbehilfe ansetzt, nickt zustimmend und fast ungeduldig. Informationen über den schnellen und sanften Tod, so scheint es dem Zuschauer, hat sie längst verinnerlicht. Die Frage nach dem Ob stellt sich nicht mehr.

"Man hat in Deutschland keine Möglichkeit, würdevoll zu sterben", sagt sie nüchtern, "außer man kann sich einen Revolver besorgen oder Gift." Bettina Schardt lacht gequält. "Aber aus dem Haus gehen kann ich kaum, und mein Hausarzt wäre mit einer Frage nach dem Gift wohl überfordert", fügt sie sarkastisch hinzu. "Ich kann nicht sagen, dass ich leide", sagt sie in einer nächsten Sequenz. "Doch manchmal habe ich fürchterlichen Hunger, aber ich bin zu schwach, etwas zu essen. Das Essen ist nur noch eine Pflicht, damit ich bis zum Tod am Leben bleibe."

Panik vor dem Pflegeheim

Kusch sagt später vor der Presse, er sei "absolut und zweifelsfrei" vom Sterbewillen Bettina Schardts überzeugt. Nein, sie war nicht todkrank, sie litt nicht unter permanenten Schmerzen. Vielmehr habe sie eine Krebsbehandlung gegen den Knoten in ihrer Brust abgelehnt. Das Motiv für die Selbsttötung sei die "grauenvolle panische Horrorvision" der Einsamkeit in einem Pflegeheim gewesen. Die kinderlose, alleinstehende Rentnerin habe keinen anderen Ausweg gesehen. Die einzige noch lebende Verwandte, eine Halbschwester, habe am Telefon "Verständnis" für den Suizidwunsch gezeigt.

Auch die Substanzen, betont Kusch, habe nicht er besorgt. Möglicherweise hat Kusch aber bei der Vermittlung eines diskreten Arztes geholfen - Chloroquin und Diazepam sind auf Rezept erhältlich. Irgendwann, nach etlichen Telefonaten und drei Fahrten nach Würzburg, habe Bettina Schardt gesagt, er brauche sich jetzt "um die Mittel keine Gedanken" mehr zu machen. Über die genauen Umstände macht Kusch keine Angaben, es ist möglich, dass der - wie er es nennt - "assistierte Suizid" juristische Konsequenzen hat.

Die Hamburger Staatsanwaltschaft hat bereits Vorermittlungen aufgenommen. "Wir werden jetzt die Fakten sammeln und diese anschließend juristisch bewerten", kündigte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft an. Unter anderem sei zu prüfen, ob in dem Fall die Straftatbestände Tötung auf Verlangen beziehungsweise unterlassene Hilfeleistung erfüllt seien oder ob es sich um straffreie Beihilfe zum Selbstmord handele.

Die Regelungen zur Sterbehilfe in Deutschland
Indirekte aktive Sterbehilfe
Beim Thema Sterbehilfe wird generell zwischen aktiver und passiver Sterbehilfe sowie Beihilfe zur Selbsttötung unterschieden. Eine direkte, aktive Tötung, etwa mit einer Giftspritze, ist auch auf Verlangen strafbar. Erlaubt ist allerdings eine indirekte aktive Sterbehilfe: etwa der Einsatz von Medikamenten, deren Nebenwirkungen die Lebensdauer herabsetzen können. Die aktive Lebensverkürzung wird dabei als ungewollte, aber unvermeidbare Nebenwirkung billigend in Kauf genommen.
Passive Sterbehilfe
Unter passiver Sterbehilfe verstehen Juristen das "Zulassen des natürlichen Sterbens": Hierbei werden lebensverlängernde Maßnahmen wie Beatmung oder künstliche Ernährung unterlassen oder beendet. Auch eine Sterbebegleitung in Form von Beistand, Seelsorge und schmerzstillender Palliativmedizin gilt als passive Sterbehilfe.
Patientenwille
Wichtig ist es, bei der passiven wie auch der indirekten aktiven Sterbehilfe, den Willen des Patienten zu kennen. Denn - vereinfacht gesagt - ist hier fast alles erlaubt, wenn es dem Willen des Patienten dient. Umgekehrt kann das passive Sterbenlassen eines Hundertjährigen eine Tötung sein, wenn dieser leben will.
Patientenverfügungen
Die neue gesetzliche Regelung zur Patientenverfügung (Drittes Gesetz zur Änderung des Betreuungsrechts) wurde im Juni 2009 nach sechsjähriger Debatte vom Bundestag verabschiedet. Danach sind schriftliche Patientenverfügungen für Ärzte und Angehörige verbindlich, unabhängig vom Krankheitsstadium. Das heißt, dass die Verfügung auch befolgt werden muss, wenn der Kranke noch nicht die Sterbephase erreicht hat. Fordert der Patient die Einstellung lebenserhaltender medizinischer Maßnahmen, muss der Arzt dies umsetzen.
Beihilfe zum Suizid
Problematisch wird es bei der Beihilfe zur Selbsttötung. Das grundgesetzlich garantierte Selbstbestimmungsrecht gibt jedem das Recht, aber nicht die Pflicht zu leben. Da somit in Deutschland eine Selbsttötung straffrei ist, ist auch die Beihilfe zur Selbsttötung straffrei, wenn sie vor der Tötung stattfindet - also ein Helfer dem Sterbewilligen etwa ein Glas mit Gift hinstellt, das dieser dann selbstständig austrinkt.

Im Gegensatz zum Strafrecht verbietet das Standesrecht den Ärzten in Deutschland jedoch die Beihilfe zum Suizid. So dürfen die dafür geeigneten Wirkstoffe für diesen Zweck nicht verordnet werden, es handelt sich deshalb unter Umständen um einen Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz.

Die Bundesärztekammer hatte außerdem bereits vor einiger Zeit erklärt, dass es sich bei einem ärztlich assistierten Suizid aus ihrer Sicht um Tötung auf Verlangen handele. Diese wird laut Strafgesetzbuch mit einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis fünf Jahren geahndet (Paragraf 216, StGB).

Aus seiner Sicht hat sich Kusch nicht strafbar gemacht. Ein medizinisch-psychiatrisches Gutachten bestätige, dass die Frau im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte gewesen sei. Sie habe sich selbst die Medikamente besorgt. Auch habe er "aus Gründen der Straflosigkeit" den Raum verlassen, als sie die Becher mit der tödlichen Dosis getrunken habe.

Doch wo zieht der Ex-Senator seine Grenzen? Was ist, wenn ein kerngesunder 20-Jähriger, der bei einem tragischen Unfall seine Familie verloren hat und keinen Sinn mehr darin sieht, zu leben, um Kuschs Sterbe-Service bittet? Was ist, wenn auch dessen spezielle Gründe "absolut und zweifelsfrei plausibel" erscheinen?

Kusch kann darauf keine klare Antwort geben. Er sei nicht der Richter, der über den Tod entscheide, sagt er ruhig. Für ihn stelle sich nicht die Frage, ob man jemanden davon abbringen sollte, seine Suizidgedanken in die Tat umzusetzen. Vielmehr sei es ein Zeichen von Menschenwürde und Respekt, wenn man den ausdrücklichen Wunsch eines Sterbewilligen anerkenne - und einen Hilfsbedürftigen dabei unterstütze, in Würde aus dem Leben zu gehen. Was ihm dabei helfe, die Plausibilität eines Suizidwunsches zu erkennen, sei seine "allgemeine Lebenserfahrung".

Was sagt man zu einem Sterbenden?

Während seiner Ausführungen gerät Kusch kein einziges Mal ins Stocken oder sucht nach Worten. Er ist sich seiner Sache sicher. Den Moment des Sterbens zeigt Kusch nicht öffentlich, doch den Tod Bettina Schardts beschreibt er ebenso bedacht, wie er auch über medizinische Details oder juristische Hintergründe referiert. Am vergangenen Samstagvormittag fuhr er in die Würzburger Altstadt, in den ersten Stock des Hauses in der Röntgenstraße, in die Wohnung von Bettina Schardt. Sie selbst habe die Giftmischungen angerührt und alles "hergerichtet", sagt Kusch. Er habe derweil die kleine Kamera im Schlafzimmer installiert, die er auch schon für die Interviews verwendet hatte.

Man habe gescherzt, sagt Kusch. Was denn die passende Abschiedsformel wäre, hätten sich beide gefragt? Auf Wiedersehen, das sei ihr Vorschlag gewesen - doch den habe sie schnell zurückgenommen. Lebewohl, fiel ihm ein, doch auch das ging nicht. Zum Schluss schauten sie sich einfach nur "tief in die Augen", erzählt der Jurist. Nach dem ersten Becher verließ er das Zimmer.

Für die Kamera hatte Bettina Schardt noch scherzhaft diesen Satz gesagt: "Vielleicht sage ich Ihnen im letzten Moment, wir trinken jetzt doch lieber einen Kaffee."

Was mit dem Videomaterial der Todesszene geschehe, das wüsste er noch nicht, sagt Kusch. Erst müsse er "das Geschehene verarbeiten". Doch Bettina Schardt habe ihm freie Hand gelassen, was er mit dem Film mache. Und auch für seine Injektionsmaschine gebe es schon einige Anfragen."Der Apparat ist und bleibt einsatzbereit", sagt Kusch.

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Kuschs Sterbehilfeeinsatz: "Assistierter Suizid"


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