Sterbehilfe Ein Wunsch, den man nicht abschlagen darf

Der Bundestag hat eine Liberalisierung der Sterbehilfe abgelehnt. Vielleicht hätte mancher Abgeordnete anders abgestimmt, wenn er Erfahrungen mit einem leidenden Menschen gemacht hätte, dessen letzter Wunsch es ist, selbstbestimmt sterben zu dürfen.

Therapeutin hält die Hand einer todkranken Hospiz-Bewohnerin (Archivbild)
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Therapeutin hält die Hand einer todkranken Hospiz-Bewohnerin (Archivbild)

Ein Kommentar von Bartholomäus Grill


"Wir sind die Volksvertreter, vertreten wir das Volk!", rief der CDU-Abgeordnete Peter Hintze in der ungewöhnlich emotionalen Bundestagsdebatte über die Neuregelung der umstrittenen Sterbehilfe. Die Mehrheit des Volkes ist laut Umfragen für eine Liberalisierung. Die Mehrheit der Parlamentarier stimmte dagegen - und hat dadurch eine historische Chance vergeben.

Viele Abgeordnete hatten sich intensiv mit den Grenzfragen des assistierten Suizids auseinandergesetzt, aber vermutlich haben nur wenige persönliche Erfahrungen damit gemacht. Sie kennen das Dilemma nicht, in dem man sich befindet, wenn sterbenskranke Familienangehörige oder Freunde den Wunsch äußern, freiwillig aus dem Leben zu scheiden. Und man wünscht ihnen nicht, je in diese Situation zu geraten.

Was tun, wenn der eigene Bruder unheilbar krank ist und unter furchtbaren Schmerzen dem Ende entgegengeht? Wenn er sagt: "Ich will sterben."

Wir waren dagegen - und halfen trotzdem

Mein jüngerer Bruder Urban wurde von einem Mundbodenkarzinom regelrecht zerfressen. Er hatte alles versucht, alles durchgemacht, zwei Operationen, Chemotherapie, bioelektrische Bestrahlung. Doch der Krebs wucherte weiter. Erst verlor er den Geschmackssinn, allmählich auch die Sprache, schließlich wurde das Atmen immer schwerer. Urban sah einem qualvollen Erstickungstod entgegen. "Mein Körper ist ein Gefängnis", sagte er, "ich habe nur noch eine Freiheit, die Freiheit zu sterben." Und er beschloss, in die Schweiz zu fahren, zu den Sterbehelfern von Dignitas.

Wir waren ganz entschieden dagegen. Wir waren ratlos, verzweifelt, diskutierten nächtelang. Den Bruder in den Tod transportieren - undenkbar, völlig ausgeschlossen. Urban sagte: "Helft mir, wenn ihr mich liebt."

Wir Geschwister halfen ihm bei seiner letzten Reise. Er starb im November 2004 in Zürich. Sein letzter Wunsch war, dass seine Leidensgeschichte aufgeschrieben wird, damit sich auch in Deutschland endlich etwas ändert. Dass schwerstkranke Menschen nicht mehr gezwungen sind, diese entwürdigende Fahrt in den Tod auf sich zu nehmen. Dass sie sterben dürfen, wenn sie sterben wollen.

Es war unendlich schwer, die Entscheidung meines Bruders zu akzeptieren. Dennoch bin ich nicht zu einem bedingungslosen Befürworter der Sterbehilfe geworden. In ihrer kommerzialisierten Form könnte sie tatsächlich gefährliche Auswüchse annehmen. So besehen war der Beschluss des Bundestages durchaus richtig. Doch er war zugleich falsch, weil er die Beihilfe zum Freitod, die keinerlei Profitabsichten verfolgt, weiterhin kriminalisiert.

Jeder Fall muss individuell entschieden werden

Es ist kein Verbrechen, wenn Ärzte, Schwestern oder Pfleger Todkranken helfen, ihr Leiden zu beenden. Passiv oder indirekt wird das ja längst stillschweigend praktiziert: durch das Abschalten von Apparaturen, die nicht das Leben, sondern das Sterben verlängern. Oder durch terminale Sedierung, also durch die hohe Dosierung schmerzstillender Medikamente, die den Tod in Kauf nimmt.

Das geschieht in einer rechtlichen Grauzone. Auch für die aktive Sterbehilfe, bei der letale Mittel verabreicht werden, kann es keine institutionalisierten Regeln geben. Jedes Schicksal ist anders, jeder Fall muss individuell entschieden werden. Mancher Sterbenswillige braucht einfach nur Lebenshilfe. Aber wer todkrank ist und bei klarem Verstand den Freitod wählt, der darf nicht genötigt werden, seinen aussichtslosen Zustand bis zum Ende zu ertragen. Es gibt ein Recht auf Leben. Und es muss ein Recht aufs Sterben geben.

Dieses Recht gilt in Holland, Belgien, in der Schweiz und in manchen Bundesstaaten der USA. In Deutschland wird es den Bürgern weiterhin verwehrt.

Die evangelische und die katholische Kirche gaben nach der Abstimmung im Bundestag eine ökumenische Erklärung heraus und gratulierten den Abgeordneten zu ihrer Entscheidung. Nun sei für Sterbende die "solidarische Zuwendung bis zum letzten Atemzug" garantiert. Mein Bruder empfand gerade die Hilfe zum Tode als solidarische Zuwendung.

Bartholomäus Grill, 61, ist Afrika-Korrespondent des SPIEGEL. Er hat die letzte Reise seines Bruders in seinem Buch "Um uns die Toten" beschrieben.

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jorei1 07.11.2015
1. es ist wirklich eine schande,
wie gerade in diesem fall die interessen einer milliardenschweren pharma- und pflegeindustrie einfach über die schwächsten und hilflosesten menschen drüber fahren. all das scheinheilige geschwätz von der würde des menschen und des sterbens kann ich nicht mehr hören. in wahrheit geht es um willkür und geschäftemacherei, aber nicht mit der sterbehilfe, sondern mit der zwangsweisen lebensverlängerung mit den mitteln der intensivmedizin, der palliativmedizin und der pharmaindustrie. nicht zuletzt profitiert davon die pflegeindustrie. und dann stellen sich unsre volksvertreter hin und faseln was von schutz des lebens. wie verlogen, wie erbärmlich!
winki 07.11.2015
2. Die Lobbyisten der Kirchen haben ganze Arbeit geleistet ...
und die Volksvertreter haben gegen die Mehrheitsmeinung des Volkes entschieden, mal wieder. Das Bundesverfassungsgericht wird wohl Arbeit bekommen.
claus_debold 07.11.2015
3. Willenserklärung
Sterbehilfe hat einherzugehen mit einer klaren Willensentscheidung, die der Betreffende zur rechten Zeit (dann, wenn er bei klarem Verstand ist), abgibt. Die meisten Sterbewilligen sind bei klarem Verstand, weil sie erkennen, dass eine Fortsetzung ihres Lebens unter den gegebenen Umständen keine Bereicherung, sondern nur noch eine proeglongierte Qual darstellt. Die im Grundgesetz zugesprochene Würde des Menschen wird dann verletzt, wenn der Staat ihn dazu zwingt, einem würdelosen Tod entgegen zu leben, anstatt ihm die Wahl auf eine Beendigung seines Lebens freizustellen. Anstatt alleine im dunklen Kämmerchen irgendwelche Tabletten einzunehmen in der Hoffnung, dass sie die Qual beenden, muß gewährleistet werden, dass eben dieser Sterbevorgang in Anwesenheit eines Arztes des Vertrauens und der Angehörigen stattfinden kann. Wenn man bedenkt, welchen emotionalen Aufwand wir bei der Geburt eines Menschen betreiben, muß man sich nur wundern, dass der unvermeidliche Ausstieg behandelt wird wie Müll. Nase zuhalten und ab in die Tonne.
stefan.martens.75 07.11.2015
4. Egal welche Regelung man trifft
Sie wird von der Einen der der Anderen Seite immer angegriffen werden. Und die Argumente sind für beide Seiten reichlich vorhanden und stichhaltig. Ich denke wir haben in Deutschland eine angemessene Regelung und der Weg in die Schweiz ist nun wirklich für jeden zu erreichen der diesen Wunsch wirklich hat. Wir müssen hier auf jeden Fall nicht zum Musterland des Freitods werden...... Und mal ganz ehrlich an die Mittel kommt man auch ohne das der Gesetzgeber das massiv erleichtert und sie für jeden zur Verfügung stellt. An alle Anderen Formen von Drogen kommt man ja auch!
allenamenschonbelegt 07.11.2015
5. immer wieder interessant....
...wie sich unbeteiligte in so wichtigen Themen den betroffenen Menschen Vorschriften machen wollen. Das kennen wir ja auch von der Kirche. ..
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