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Sterbehilfe: Kuschs grüner Kasten bringt den Tod

Von Maike Jansen

Prominenter Sterbehelfer: Der Hamburger Lokalpolitiker Roger Kusch hat einen Apparat vorgestellt, mit dem er unheilbar Kranken zum Tod verhelfen will. Juristisch wähnt sich der Exsenator auf der sicheren Seite - doch was ihn motiviert bleibt im Dunkeln.

Hamburg - Mit einer Sporttasche über der Schulter betritt Roger Kusch, ehemals unter Ole von Beust Justizsenator in Hamburg und seit einem halben Jahr Vorsitzender eines Vereins für Sterbehilfe, den überfüllten Raum der Vereinsgeschäftsstelle. Über ein dutzend Kameras richten sich auf die Tasche: Kusch nimmt einen grünen, etwa schuhkarton-großen Kasten, mehrere Schläuche, zwei Spritzen und eine Flasche Karottensaft heraus.

Was der Jurist auf dem Tisch ausbreitet wirkt wie ein Experiment für den Chemieunterricht, doch es hat einen ernsteren Zweck: Das Gerät soll einem Menschen ermöglichen, sich selbst zu töten. Per Knopfdruck soll ein Sterbewilliger einen Motor starten, der zwei gefüllte Spritzen langsam entleert und so zunächst ein Betäubungsmittel, dann das Gift Kaliumchlorid ins Blut des Sterbewilligen spritzt. Vier Minuten dauert der gesamte Prozess, aber schon die Überdosis Betäubungsmittel, die nach wenigen Sekunden im Blut ankommt, würde höchstwahrscheinlich zum Herzstillstand, sicher aber zur Bewusstlosigkeit führen, sagt der 53-jährige Kusch.

"Handelsübliches Industriegerät"

"Perverse Selbstmordmaschine" hat die "Bild-Zeitung" den Apparat genannt, Kusch selbst scheint keinen rechten Namen für das Gerät zu finden: "Dürfte ich mal zu meinem...", bittet er die im Weg stehenden Kameraleute, stockt dann und verschluckt den Rest des Satzes. "Ein handelsübliches Industriegerät" sei der Kasten, wird er später immer wieder betonen, alle Bestandteile seiner Maschine seien frei erhältlich. "Wer will, kann das Gerät also selbst nachbauen."

Schon einmal hat Kusch die Maschine vorgeführt. Im Herbst vergangenen Jahres war das, und er hat damals viel Ärger für seine Präsentation bekommen. Ethisch und juristisch: Der Hersteller des Infusionsgeräts hat Kusch mit einer Klage gedroht, nun sind die Beschriftungen auf dem Metallgehäuse mit schwarzem Tape abgeklebt. Aber auch Freunde des Juristen waren entsetzt über seinen Auftritt. "Über Sterbehilfe zu reden ist für die meisten wohl in Ordnung", sagt Kusch. Praktisch zu zeigen, wie sie funktioniert, geht ihnen dann aber doch zu weit."

Wie ein Schüler wirkt der schmächtige ehemalige CDU-Politiker, der nach seinem Austritt aus der Union bei der Hamburger Bürgerschaftswahl Ende Februar mit einer eigenen Partei angetreten war und dabei nur 0,5 Prozent der Stimmen gewann. Wie ein Schüler, der eine Prüfung nicht bestanden und sich deshalb für den zweiten Versuch besser vorbereitet hat. Viele Gespräche hat er in der Zwischenzeit mit Medizinern geführt, um die Wirkung des Kaliumchlorids besser zu verstehen. In der "Neuen Zeitschrift für Strafrecht" hat er einen juristischen Aufsatz veröffentlicht, in dem er die Rechtmäßigkeit seines Handelns erläutert.

"Neu an diesem Apparat ist, dass mit ihm nicht nur ein Gift, sondern auch ein Narkosemittel gespritzt wird", erläutert Kusch. Weil nicht auszuschließen sei, dass Kaliumchlorid Schmerzen beim Sterbenden hervorrufe. Unsicher wirkt der Ex-Senator in seinen Ausführungen, beeilt sich bei jedem medizinischen Fachausdruck zu betonen, dass er "ja kein Mediziner" sei.

"So, das war's"

Kein Mediziner, aber Jurist. Und als solcher wähnt sich Kusch völlig abgesichert: Mit zwei Ärzten will er zusammenarbeiten, die zunächst ein Gutachten des Sterbewilligen erstellen, das im wesentlichen drei Fragen beantwortet: Ist der Patient unheilbar krank? Äußert er den Sterbewunsch bei vollem Bewusstsein? Hat er sich ausreichend über die Alternativen zum Suizid informiert?

Kann der Gutachter alle drei Fragen mit Ja beantworten, kommt der Ex-Senator ins Spiel. Denn er selbst ist es, der den Apparat aufbaut, die Spritzen befüllt und den Kasten anschließt. Wie das genau geht, zeigt er den versammelten Journalisten mit Leitungswasser und Karottensaft. Schwungvoll zieht er am Ende der Vorführung den Stecker aus der Steckdose: "So, das war's."

Warum er das auch im Ernstfall selbst machen will, wird Kusch an diesem Tag immer wieder gefragt: "Ich möchte das niemand anderem zumuten", lautet seine knappe Antwort. Denn eines, da ist sich der Jurist schon jetzt sicher, wird sein Handeln zur Folge haben: Es wird Strafanzeigen geben, lange Gerichtsverfahren, schwerwiegende Vorwürfe. "Ich bin mir dennoch sicher: Was ich mache, ist nicht strafbar", verkündet der 53-Jährige. Denn laut Kusch ist Suizid in Deutschland kein Straftatbestand, die Beihilfe zum Suizid demnach ebenfalls straffrei.

"Ja, ähm, ich hoffe, dass ich das kann"

Hat der Jurist damit den schmalen Grat gefunden, nach dem in der Debatte um die Sterbehilfe schon so lange gesucht wird? Das Gesetz unterscheidet bisher zwischen aktiver und passiver Sterbehilfe: Zur aktiven Sterbehilfe zählt die Tötung auf Verlangen, zur passiven Sterbehilfe die Unterlassung lebensverlängernder Maßnahmen (wie etwa künstlicher Beatmung). Stimmen ein Patient oder dessen Angehörige letzterem zu, macht sich ein Arzt nicht strafbar. Er darf dem Patienten aber kein Mittel verabreichen, das den Sterbeprozess beschleunigt - auch nicht, wenn der es ausdrücklich wünscht.

"Juristisch entscheidend ist dieser Knopf", verkündet Kusch beinahe stolz und hält einen orangefarbenen Schlauch in die Luft, an dessen Ende ein roter Knopf befestigt ist. Den drückt am Ende der Sterbewillige, nicht sein Helfer. "Er hat immer noch die freie Entscheidung", betont Kusch. Er klingt stolz, dass er mit diesem Trick, das Gesetz umgehen kann.

Heftige Kritik

Entsprechend heftig waren die Reaktionen. Die Hamburger Ärztekammer und das bayerische Justizministerium kritisierten Kusch und seine "Tötungsmaschine". Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Ärztekammer Hamburg, stieß ins selbe Horn: "Wir brauchen keine Tötungsmaschine, sondern eine Sterbebegleitung und palliativmedizinische Betreuung, die den Menschen am Ende ihres Lebens Schmerzen und Ängste nimmt." Auch die bayerische Justizministerin Beate Merk reagierte entsetzt. "Eine Tötungsmaschine ist die falsche Antwort auf Situationen schwer kranker Menschen", hieß es in einer Erklärung. Das widerspreche "unserer Wertvorstellung von einer humane, christlichen Gesellschaft."

Überhaupt wird nicht klar, woher das Engagement des Ex-Senators für die Sterbehilfe rührt: "Als Ehrenamtlicher will ich meine Fähigkeiten anderen zur Verfügung stellen", antwortet Kusch vage. Ob er sie wirklich hat, die Fähigkeit, anderen Menschen beim Sterben zu helfen? Immerhin ist er unmittelbar dabei, wenn der Sterbende seinen letzten Atemzug macht, muss einem Menschen einen Knopf in die Hand geben, dessen Auslösung ihn töten wird. Darauf angesprochen zögert Kusch. Gerade noch hat er flüssig gesprochen, lang und breit die relevanten Paragraphen zitiert. Jetzt stottert er: "Ja, ähm, ich hoffe, dass ich das kann." Der eloquente Jurist ist auf einmal verschwunden. Zurück bleibt ein Mensch, für den der Tod wohl auch mehr bedeutet als ein kurzer Druck auf einen Knopf.

Mit Material von AP

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