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Sterbendes Land: Keine Zukunft für die Kuhzunft

Von Jochen Bölsche

Bauerndörfer ohne Bauern, Landgemeinden ohne Gemeinderat, ohne Kneipe, ohne Arzt - das Dorfsterben hat begonnen. Nicht einmal die Kirche ist heilig. Kritiker befürchten eine "soziale und politische Erosion größten Ausmaßes". Doch das Land ohne Volk hat keine Lobby in Berlin.

Soll man Reisende aufhalten? Ja, findet Gerd Goebel, Bürgermeister im niedersächsischen Tiftlingerode, einem Dorf nahe dem ehemaligen Todesstreifen, einem dieser von Abwanderung und Geburtenrückgang geplagten Orte, von denen es Abertausende gibt - Dörfer ohne Laden und ohne Bank, ohne Bäcker und ohne Kneipe.

Bürgermeister Goebel stemmt sich gegen den Abwärtstrend. Er möchte verhindern, dass weiterhin die Jüngeren abwandern und Tiftlingerode "zum Altersheim wird". Statt dessen will er erreichen, dass die Einwohnerschaft wieder wächst.

Um die Zahl der Bürger von seinerzeit 984 auf mindestens 1000 zu erhöhen, ließ Goebel von 2003 an die Kinderspielplätze renovieren und eine zusätzliche Grundschulklasse einrichten. Medienwirksam offerierte er allen jungen Paaren im Dorf als Babyprämie einen kostenlosen Leihwagen für drei Monate, dazu Lottoscheine, Zoobesuche und allmorgendlich knackfrische Brötchen. Zweimal pro Monat, versprach der Bürgermeister, werde er persönlich den Babysitter spielen.

Wegzugsprämien für Bewohner sterbender Dörfer?

Goebels Kalkül, mit dem Image des familienfreundlichen Dorfs Zuwanderer anzulocken, ging auf. Im April vorigen Jahres begrüßte er den sechsjährigen Till, der mit seinen Eltern zugezogen war, als 1000. Bürger, pflanzte ihm zu Ehren eine "Tilly-Eiche" auf dem Schulhof - und ergatterte allerhöchstes Lob: Beim Festakt zum hundertjährigen Bestehen des Deutschen Städtetages in Berlin rühmte Bundespräsident Horst Köhler den kreativen Kommunalpolitiker aus Niedersachsen als strahlendes Beispiel.

Kann man Reisende aufhalten? Nein, fürchtet Jochen Ragnitz, Wirtschaftsexperte in Halle. Selbst wenn sich einzelne Gemeinden noch gegen den Trend stemmen können - unweigerlich würden binnen 15 Jahren ganze Regionen im Innern und an den Rändern der Republik bis zu zwei Drittel ihrer Bewohner verlieren. Geldverschwendung, meint der Wissenschaftler, wäre es daher, jetzt noch Unsummen in die Infrastruktur solcher Landstriche zu investieren, sinnvoll dagegen, "Anreize" zu schaffen, um auch noch die dörfliche Restbevölkerung zum Fortzug in die Ballungsräume zu bewegen.
Bleibebonus oder Wegzugsprämie, Dauersubventionierung oder Tabula rasa in den Abwanderungszonen - um nicht weniger geht es in einer Diskussion, die oft noch hinter vorgehaltener Hand geführt wird: Wie soll das Land umgehen mit all dem Raum ohne Volk, den die demografische Wende voraussichtlich in jedem zweiten Landkreis und in jeder zweiten Stadt hinterlassen wird?

Vom Ausgang der Debatte wird die Zukunft weiter Teile der Republik abhängen - und nicht zuletzt das Überleben einer Kultur- und Siedlungsform mit jahrtausendealter Tradition: des Dorfs in seiner überkommenen Gestalt mit Kirche, Krug und Kramladen, mit Landarzt, Landwirt und Landgendarm.

Fackelmärsche für die Rettung der Dorfschule

Eine Schlüsselfunktion für die Lebensfähigkeit von Landgemeinden kommt der Dorfschule zu, deren Sterben längst begonnen hat, nicht nur im Osten. Im Saarland beispielsweise, wo die Landflucht überall ihre Spuren hinterlassen hat, will Kultusminister Jürgen Schreier in den nächsten vier Jahren jede dritte Grundschule schließen. Schon protestieren Dörfler mit Fackelmärschen und Unterschriftensammlungen. Erstmals, sagt der Minister, werde nun für die Saarländer "fassbar, was es konkret bedeutet, wenn eine Gesellschaft zu wenig Kinder hat".
Im Osten lässt sich schon seit Jahren beobachten, was auf den Westen, und dort vor allem auf die Schrumpfzonen, zukommen wird. Schon jetzt haben sich fast überall in den neuen Bundesländern die Grundschülerzahlen gegenüber der Wendezeit halbiert, nahezu 2000 Schulen sind bereits dichtgemacht worden. Und mittlerweile hat der "historisch einmalige Rückgang" (Sachsens Kultusminister Steffen Flath) auf dem Boden der einstigen DDR bereits die weiterführenden Lehranstalten erreicht; erste Sekundarstufe-I-Schulen sind geschlossen worden. Bis 2008 werden im Osten auch die Oberschülerzahlen auf 40 Prozent des einstigen Standes abgesackt sein.

Während das Schulsterben im Osten anschließend langsam abebben wird, steht es dem Westen noch bevor: In den alten Ländern erreicht die Schülerzahl derzeit mit knapp 10,2 Millionen ihr Maximum. Von nun an aber bis 2020 wird sie auf weniger als 8,3 Millionen sinken, überdurchschnittlich stark auf dem Lande.

"Praxis zu verschenken mit Wohnung im ersten Stock"

Lässt sich vom Osten lernen? In den neuen Ländern haben einzelne Dörfer ihre eigene Schule retten können, indem sie Zwergschulunterricht in jahrgangsübergreifenden Klassen eingeführt haben. Wo aber, wie so häufig, Schulbus-Wartehäuschen die alte Dorfschule ersetzt haben, ist für viele Kinder die Nacht schon um fünf Uhr früh zu Ende.

Und oft bewahrheitet sich der Erfahrungssatz: Stirbt die Schule, stirbt das Dorf. "In Orten ohne Schule gibt es keinen Familienzuzug, wohl aber massiven Wegzug," berichtet das Schweriner Bildungsministerium. Auch eine Ansiedlung neuer Betriebe, ohnehin schwierig genug, kann dann am Fehlen qualifizierter Nachwuchskräfte scheitern.

Mit der Schule verlässt oft die letzte staatliche Institution den Ort. Dorfpolizisten etwa gibt es vielerorts seit langem nicht mehr. Selbst im reichen Baden-Württemberg sind 208 der noch verbliebenen 578 Polizeistationen gestrichen worden.

Und immer weiter werden auf dem Land auch die Wege zur nächsten Klinik und zum nächsten Arzt. Jedes siebte Krankenhaus wird nach Expertenschätzungen binnen zehn Jahren aufgeben müssen. Vor allem in den neuen Bundesländern stehen bereits jetzt Hunderte Landarztpraxen leer, obwohl an manchen Häusern Schilder hängen wie "Praxis zu verschenken mit Wohnung im ersten Stock".

"Tante Emma liegt auf der Intensivstation"

Das ist erst der Anfang. Im Osten wird jeder dritte Landarzt in den kommenden fünf Jahren in Rente gehen. Für die Nachfolge sind selbst arbeitslose Hippokratesjünger aus Berlin schwer zu begeistern. Viele lassen sich eher von einem norwegischen Krankenhaus oder einer properen Pharmafirma anwerben, als für vergleichsweise geringes Honorar ein medizinisches Notstandsrevier im kulturellen Ödland zu betreuen.

Der akute Ärztemangel hat dazu geführt, dass Patienten im ausgedünnten Brandenburg 20 Kilometer bis zur nächsten Praxis fahren müssen, in der Uckermark sogar bis zu 60 Kilometer. Und wenn dort ein Landarzt in Urlaub geht, kann es schon mal vorkommen, dass er eine Vertretung aus dem Iran einfliegen lassen muss, weil Berliner Kollegen sich in der Hauptstadt privat zu sehr vernetzt fühlen, um ins Brandenburgische auszurücken.

Weite Wege sind viele Dörfler auch vom Einkaufen gewohnt. Ursache für den Exitus von immer mehr Läden ist, neben dem Bevölkerungsschwund, oft der Discounter auf der grünen Wiese vor der nächsten Stadt, zu dem manch einem kein Weg zu weit scheint. "Jeder achtet nur auf den Cent, nicht auf die Benzinkosten", klagt Helmut Stein, ehemals Betreiber eines inzwischen geschlossenen hessischen Dorfladens.

Auch hier liegt der Osten in der Rückentwicklung ganz vorn. In Brandenburg müssen Kunden, wie Christine Minkley vom dortigen Einzelhandelsverband berichtet, "bis zu 30 Kilometer fahren, um den nächsten Laden zu besuchen". Aber auch im Musterländle Baden-Württemberg wird es schon bald keine Gemeinde unter 3500 Einwohnern mit einem Lebensmittelladen mehr geben. "Tante Emma liegt auf der Intensivstation", schreibt das Fachblatt "Der Handel".

Keine Möglichkeit, eine Rolle Bindfaden zu kaufen

Weniger mobilen Menschen bleibt der Weg in den Nachbarort auf Grund mieser Verkehrsverbindungen immer häufiger versperrt. "Der Fortschritt, wenn man darunter auch eine funktionierende Nahversorgung und die Teilhabe von Frauen und Kindern, Senioren und Jugendlichen am öffentlichen Leben versteht, flieht Dörfer und Gemeinden", schildert die "Stuttgarter Zeitung" den "Irrwitz unserer Moderne". Zwar könne sich längst auch das Landvolk an TV-Decodern für hundert Kanäle delektieren - "aber es gibt für jene, die krank oder ohne Auto sind, keine Möglichkeit mehr, eine Rolle Bindfaden vor Ort zu kaufen".

Auch wenn wieder mal ein Dorfgasthaus dichtmacht, hat vor allem diese Gruppe der weniger Mobilen das Nachsehen. Doch je schlechter die wirtschaftliche Lage einer Region ist, desto mächtiger wird der Trend zum Billigbier auf der heimischen Couch. Gegen die Preise im Supermarkt komme kein Kollege an, sinniert ein mecklenburgischer Gastwirt: "22 Cent für einen halben Liter - das geht doch gar nicht."

In Gegenden wie in Mittelhessen sitzt schon jedes fünfte Dorf auf dem Trockenen. Viele Wirte müssen den Zapfhahn abdrehen, weil die Schwarzgastronomie überhand genommen hat. "Das Land birst von Stadelfesten, Beachpartys und Kiesgrubentreffs, wo mit dem Alkohol so großzügig umgegangen wird, dass jeder Wirt, der es damit ähnlich hielte, für seine Konzession fürchten müsste", meldet die "Süddeutsche Zeitung" aus der bayerischen Provinz.

Ohne Kirche verliert ein Ort sein Gesicht und seine Mitte

Wo es bereits an Wirten, Ärzten, Krämern mangelt, ist oft nicht einmal sicher, ob wenigstens die Kirche im Dorfe bleibt, zumal auch die Christengemeinden weiter schrumpfen. In Kirchenkreisen, berichtet der christlich orientierte "Rheinische Merkur", kursierten Zahlen, nach denen jedes dritte der 24.000 deutschen Gotteshäuser langfristig "zur Disposition" stehe.

Natürlich ist Experten wie Professor Thomas Sternberg vom Zentralkomitees der deutschen Katholiken sehr wohl bewusst, dass Kirchen "Kristallisationspunkte" sind und "wesentlich Heimat" ausmachen: "Ohne sie verliert ein Ort sein Gesicht und seine Mitte."

Doch die sakralen Bauten bilden zugleich eine schwere Last, vor allem im Osten, wo nur ein Bruchteil der Bevölkerung Kirchensteuer zahlt. Gerade im Gebiet der Ex-DDR wird ein Heidengeld schon für die Notsicherung jahrzehntelang vernachlässigter, einsturzgefährdeter Kirchen benötigt - in Mecklenburg allein binnen zehn Jahren rund eine Viertelmilliarde Euro.

"Stopp, es reicht, wir können nicht mehr"

Ausweglos mutet die Lage von Orten an, die zusätzlich unter einer Reihe misslicher Entscheidungen auf höchster Ebene zu leiden haben: Entwicklungen in Berlin oder Brüssel gehen seit langem überproportional oft zu Lasten der Schrumpfregionen in Ost und West.

Wenn die Bundeswehr die Zahl ihrer Standorte binnen fünf Jahren, wie beschlossen, von 572 auf 392 reduziert, sind vielfach abgelegene Gemeinden betroffen wie zum Beispiel der erzgebirgische Ort Schneeberg. Dort, wo bereits vier von acht Schulen geschlossen werden mussten, lässt der Abzug von 1400 Mann samt Partnern und Kindern den Bürgermeister Frieder Stimpel nahezu verzweifeln: "Stopp, es reicht, wir können nicht mehr."

Mit der Schließung der ländlichen Standorte habe der Bund "zum wiederholten Mal seinen gesetzlichen Auftrag zum Schutz strukturschwacher Gebiete verletzt," moniert der Städte- und Gemeindebund. Doch solche Klagen stoßen im Verteidigungsministerium auf taube Ohren: Das Haus, heißt es dort, entscheide nach betriebswirtschaftlichen Kriterien, basta.
Erst recht lehnen die Bahn und die Post es ab, verantwortlich gemacht zu werden für die Auswirkungen ihrer unternehmerischen Entscheidungen auf die Lebensfähigkeit der Orte im Hinterland und im Hinterwald. Die Post, kritisiert der Gemeindebund, habe seit ihrer Privatisierung "jegliches Augenmaß für ihren öffentlichen Auftrag verloren". Während der gelbe Riese in China und in den USA "Milliarden in den Aufbau der dortigen Infrastruktur" investiere, habe der Monopolist in seinem "Schließungsrausch" weite Teile der deutschen Provinz "praktisch zur postfreien Zone" erklärt.

Zum Geldabheben muss Oma in die Nachbarstadt

Erst wurden massenhaft Briefkästen abgeschraubt und Postämter durch Postagenturen ersetzt, nun werden mehr und mehr Postagenturen dichtgemacht. Briefmarken gibt's dann nur noch beim Zusteller, wenn man ihn denn abpassen kann. Und zum Geldabheben muss sich die Oma mit ihrem Postsparbuch auf die Reise in die Nachbarstadt begeben.

Und längst hat auch die Bahn in ihrem Drang an die Börse den Service in der unrentablen Fläche reduziert und Fahrpläne zusammengestrichen, Zug um Zug. Mancher Triebwagen ruckelt nur noch so lange über Land, wie die Politiker genügend Geld für die Bezuschussung des Regionalverkehrs zusammenkratzen können.

Beschleunigt wird der Trend noch durch die jüngste Kürzung der Zuschüsse zum Nahverkehr um 2,1 Milliarden Euro bis 2009, die das Bundeskabinett im Februar beschlossen hat. "Der Bund," protestierte der Lüneburger Oberbürgermeister Ulrich Mädge, "vernachlässigt damit vor allem die Fläche" - deren Bewohner, die ohnehin betroffen sind vom Abbau der Pendlerpauschale, nun auch noch mit Fahrpreiserhöhungen und Streckenausdünnungen im öffentlichen Nahverkehr rechnen müssen. Die Fahrgast-"Allianz pro Schiene" fürchtet für die nahe Zukunft: "Es drohen massive Verschlechterungen."

Den Bauerndörfern gehen die Bauern aus

Verlass ist in der Ära der Landflucht nicht mal mehr darauf, dass wenigstens der Landwirt auf dem Land bleibt und sich dort redlich ernähren kann. Die Agrarpolitik trägt seit Jahrzehnten dazu bei, dass einstigen Bauerndörfern mehr und mehr die Bauern ausgehen, dass sich die Dörfer als soziale Einheit auflösen.

Viele Landwirte - früher Stützen und Wortführer der ländlichen Gesellschaft - scheinen angesichts provinzfeindlicher Entscheidungen in Berlin oder Brüssel zu resignieren. Manch einer mag schlicht nicht mehr. Nahezu 50.000 Landwirte würden laut Bauernverband sofort den Beruf wechseln, wenn die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt nicht so schlecht wären.

So ziehen immer mal wieder protestierende Milchbauern wegen ruinöser Erträge mit ihrem Vieh etwa vors Brandenburger Tor, um die Politiker aufzufordern: "Melkt die Kühe selber." Manche halten Transparente mit dem Klageruf empor: "Keine Zukunft für die Kuhzunft."

Tatsächlich wird allein in Bayern die Zahl der Milchbetriebe binnen zehn Jahren von 60 000 auf 30 000 schrumpfen, wie das Münchner Institut für Agrarökonomie meldet. Denn das Brüsseler Subventionssystem bevorzugt große Einheiten, fördert die Agrarindustrie und bestraft den Familienbetrieb.

"Soziale und politische Erosion größten Ausmaßes"

Beim Kuhhandel um Subventionen, derzeit 40 Prozent des EU-Etats, seien "kleine Landwirte nur Statisten", analysiert das Wirtschaftsmagazin "Capital" die Misere der Betriebe, von denen jeder dritte - von Außenstehenden oft unbemerkt - bereits am Rande der Existenzfähigkeit wirtschaftet: "Bauernhöfe sterben langsam. Sie zehren jahrelang von der Substanz, bis der Generationenwechsel den Schlusspunkt setzt."

Schon seit Jahrzehnten beobachten Fachleute wie der emeritierte Kasseler Agrarkultur-Professor Sigmar Groeneveld das "Verschwinden des Landes als Lebensraum" - eine "soziale und politische Erosion größten Ausmaßes", die "längst zum lauten und öffentlichen Skandal geworden sein müsste".

Groeneveld beklagt den Untergang der traditionellen bäuerlichen Lebenswelten samt ihrer Familienbetriebe, der alten Nutztier- und Pflanzenarten, der Blumen und Bäume an den wegrationalisierten Feldwegen. Das Sterben dieser Höfe gehe einher mit dem von Brüssel geforderten und geförderten Aufstieg einer Agrarindustrie, die letztlich zur Arbeitslosigkeit auf dem Lande beitrage.

"Wenn", so argumentiert der Agrarkundler, "die landwirtschaftlich genutzten Flächen aus den Händen der Dorfbewohner entschwinden und so genannte Tieflader-Bauern als Fremde die Dorfgemarkungen übernehmen, dann verschwinden die letzten Beziehungen der Menschen zu ihrem Land. Dann verschwinden die Kleinbetriebe und ihre Bauerngärten... Mit großer maschineller Schlagkraft und mit Fruchtfolgen, die diesen Namen nicht mehr verdienen, können dann leicht 800 oder auch 1000 Hektar Fläche von zwei so genannten 'Vollbeschäftigten' bewirtschaftet werden. Das ist die Flächengröße ganzer Dorfgemarkungen. Man braucht dann keine Dorfbevölkerung mehr. Aber man darf sich dann auch nicht über wachsende Arbeitslosigkeit wundern. Man braucht in einer solchen Agrarindustrie keine Menschen mehr, die Schafe scheren oder Kühe melken können."

"Auf dem Land ist es menschenwürdiger"

Der Niedergang der Provinz vollzieht sich, je nach Region, in unterschiedlichem Tempo. Im Osten sind neben den Landgemeinden auch die meisten Städte schon vom Abwärtssog erfasst. Im Westen wiederum existieren selbst in den Randlagen noch Dörfer, in denen allenfalls erste Krisensymptome erkennbar sind.

Dort, in Aberhunderten von Gemeinden, überwiegen noch immer jene Vorzüge, die Christine Brandmeir, Generalsekretärin bei der katholischen Landjugend, dem Dorfleben attestiert: "Auf dem Land ist es menschenwürdiger", sagt sie - nicht nur dank der Naturnähe und der guten Nachbarschaft, sondern auch wegen der Möglichkeit, in örtlichen Angelegenheiten leichter mitreden und mitwirken zu können, als das in der Anonymität der großen Städte möglich ist.

Doch auch die bürgernahe Verwaltung auf dem Lande ist längst in die Zange aus Finanznot und Landflucht geraten. Geldknappheit und Abwanderung führen dazu, dass sich immer mehr Gemeinden genötigt sehen, ihre Bürgervertretungen zu verkleinern oder ihre Eigenständigkeit gänzlich aufzugeben und ihr Gemeindebüro oder Dorfrathaus zu schließen.

Zehntausende von Feierabendpolitikern sind überflüssig

Beispiel Brandenburg: In dem Bundesland ist die Zahl der selbständigen Gemeinden seit der Wende von fast 2000 auf 727 zusammengeschnurrt. Wer nicht freiwillig mit dem Nachbardorf fusionieren wollte, wurde vom Land zwangsvereinigt. Ein Volksbegehren gegen den weiträumigen Demokratieabbau scheiterte, wie der Berliner "Tagesspiegel" kommentierte, an der "inzwischen großen Lethargie" in der entkräfteten, erschöpften Provinz.

Wenn solche Sparmaßnahmen Schule machen, werden bundesweit Zigtausende von idealistischen Feierabendpolitikern überflüssig - was allerdings manch ein Parteifunktionär insgeheim mit Erleichterung quittieren würde. Denn in den ausgedünnten Regionen ist nicht nur die Bereitschaft gesunken, Posten in der Feuerwehr oder im Sportverein zu übernehmen, auch den Parteien fällt es immer schwerer, geeignete Bewerber für Ratsmandate zu finden. Selbst in größeren Kommunen wie Schwerin, klagte das grüne Stadtpräsidiumsmitglied Edmund Haferbeck, fehle mittlerweile "die intellektuelle Basis, um die Stadt voranzubringen".

Dass der finanzielle Spielraum der Gemeinden gerade im ländlichen Raum gen Null tendiert, dass es in den Gemeinderäten mehr denn je gilt, Gelder zu streichen statt Zuschüsse zu gewähren - all das trägt nicht dazu bei, Ehrenamtliche für ein Engagement für die kommunale Selbstverwaltung zu gewinnen. Und der Fortzug jedes einzelnen Steuerzahlers, ob in West- oder Ostdeutschland, vermindert das Finanzaufkommen gerade auf dem Land - einer Region, die bei der Verteilung von Steuereinnahmen ohnehin traditionell benachteiligt ist.

Für Stadtbewohner ein "Lackschuh-Privileg"

Während etwa in Niedersachsen einer Landgemeinde pro Einwohner ein Euro zugewiesen wird, fließen in die Kassen einer Großstadt jeweils 1,80 Euro. Kommunalexperten sprechen von einem historisch begründeten "Lackschuh-Privileg" der Städte: Beim Aufbau des Steuersystems vor siebzig Jahren galt noch die Ansicht, dass das Landvolk im Gegensatz zu den Lackschuhträgern keine Kanalisation braucht, sondern mit seinen Holzschuhen über unbefestigte Straßen laufen kann.

Zum Lachen finden die Finanzverwalter in den Entvölkerungsregionen die Laien-Ansicht, Gemeinden könnten sich dank des massenhaften Fortzugs gesundschrumpfen. In Wahrheit bedeutet der demografische Wandel eine massive Belastung für die Kassen der betroffenen Kommunen:

Unverhältnismäßig viel Geld verschlingt, wegen hoher Fixkosten, die Unterhaltung überdimensionierter Verkehrsnetze, Schwimmbäder oder Kläranlagen, die für die zwei- oder dreifache Einwohnerzahl konzipiert worden waren. Weil bei abnehmender Bevölkerung pro Kopf immer mehr Siedlungsfläche samt Infrastruktur bereitgehalten wird, werde das Leben für die Zurückgebliebenen immer "ressourcenaufwendiger und teurer", sagt der Dresdner Siedlungsforscher Stefan Siedentop.

Mezzogiorno zwischen Elbe und Weser

So stecken die klammen Kommunen in einer Zwickmühle - was immer sie auch tun, sie stoßen an die Grenzen ihrer Handlungsfähigkeit. Jede Schließung eines Freibades, eines Sportplatzes oder eines Jugendzentrums, zu der sie sich gezwungen sehen, mindert weiter ihre Attraktivität - und verstärkt aufs neue den Fortzugsdrang vor allem der Jüngeren und der Gebildeten.

Um den Osten sei es schon heute in vielerlei Hinsicht schlechter bestellt als um Italiens Süden, den Mezzogiorno, urteilt der Münchner Wirtschaftforscher Hans-Werner Sinn. Für die neuen Länder haben Ökonomen bereits den sarkastischen Begriff "Ossogiorno" geprägt.

Ein anderer Kalauer bietet sich an: Der "Wessigiorno" ist näher, als manch einer ahnt. Zur Jahreswende kam aus Brüssel die Nachricht, als erste westdeutsche Region könne auch das strukturschwache Elbe-Weser-Dreieck jene Finanzhilfen beanspruchen, die bislang Süditalien, Griechenland und ähnlichen Armutszonen vorbehalten waren, in denen die Wirtschaftskraft 75 Prozent des Durchschnitts der alten 15er-EU unterschreitet.

Lesen Sie in der nächsten Folge:
Polinnen als letzte Hoffnung - Auf der Suche nach einem guten Job oder einer guten Partie fliehen junge Frauen massenhaft vom Land in die Städte. Zurück bleiben frustrierte Männer, die sich in Fernsehsucht, Suff und Fremdenhass flüchten.

Zum ersten Teil der Serie: Deutsche Provinz: Verlassenes Land, verlorenes Land

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insgesamt 289 Beiträge
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1.
PhilippSchumann, 14.03.2006
---Zitat von sysop--- Geburtenschwund, Arbeitslosigkeit, Abwanderung: Den ländlichen Gegenden in Deutschland entvölkern sich, die Menschen zieht es in die Städte. Entwickelt sich - wie Wissenschschaftler warnen - auf dem Lande ein "Ozean von Armut und Demenz"? Was kann gegen den Trend getan werden? ---Zitatende--- Die Frage ist natürlich auch, MUSS gegen den Trend etwas getan werden? Muß in jeden sich von alleine entwickelnden Vorgang eingegriffen werden? Muß man die Politiker für alles um Hilfe rufen; wenn nicht eigentlich die vielen Verantwortlichkeiten und Monopole des Staates zurückgefahren werden sollten, um den Menschen selber wieder die Möglichkeit und die Notwendigkeit zur Entfaltung Ihrer Fähigkeiten zurückzugeben? Industrie und Landwirtschaft nehmen mit zunehmender Automatisierung an wirtschaftlicher Bedeutung ab werden einen immer geringeren Stellenwert einnehmen. Es ist völlig klar, daß viele Dörfer ausbluten. In 10 bis 20 Jahren indes wird es für den Großteil der 'Bürojobs' und 'Wissensjobs' nicht mehr nötig sein, das Haus zu verlassen (es handelt sich um einen heute geringen, beständig wachsenden Prozentsatz). Dann werden viele Städter schon aus Flucht der überfüllten Städte die Dörfer neu besiedeln. Man höre auf, bei jeder kleinen Veränderung im Land nach dem Staat zu rufen. Die Leute verhalten sich eh schon größtenteils wie Kinder, und auch das liegt m.E. am paternalistischen, dirigistischen Staat.
2. Braucht´s das?
Norbert-FM, 14.03.2006
Die Frage ist interessant, aber muß wirklich etwas dagegen getan werden? Es gibt in diesen Landstrichen nichts, es gibt keine Jobs, keine Perspektive, kein kulturelles Leben manchmal sind diese Landstriche nicht einmal touristisch wertvoll. Warum sollten also dort noch Menschen leben? Wer einmal durch z.B. Südschweden gefahren ist findet in den dortigen Dörfern auch kaum mehr Einwohner. Die meisten der dort befindlichen Häuser verschwinden oder werden kurzerhand zu Ferienhäusern. Entweder für die eigene Familie oder Touristen. Vielleicht sollte eher über Renaturierungsprojekte als über die aussichtslose Ansiedlung von Arbeitgebern o.ä. nachgedacht werden. Das grösste Problem dabei sind die Menschen die in realitätsferner Beharrung dort bleiben wollen. Ob das schon ein Beispiel für die "Verdummung" ganzer Landstriche ist? Ich wage darauf keine Antwort zu geben.
3.
Jürgenk1, 14.03.2006
Man sieht ja in Halberstadt wie Deutschland in zehn Jahren aussehen wird. Man sollte das einfach akzeptieren. Notfalls kann man die ehemaligen Besatzungsmächte Amerika und Rußland wieder einladen, die meiner Meinung nach viel zu früh abgezogen sind.
4. In der Politik hat man das Thema aber auch schon bemerkt
Majikat, 14.03.2006
In der Politik ist diese Situation - entgegen der Aussagen in diesem Artikel - längst ein Thema. Auswirkungen der demographischen und finanziellen Entwicklung in Deutschland in den nächsten Jahren stehen auf der Tagesordnung. In Sachsen-Anhalt hat die SPD eine Reihe von Papieren vorgelegt, in denen genau das analysiert und diskutiert wird. (http://www.zukunftsprogramm.de/files/zukunft8_laendlraeume.pdf) Die Debatte ist längst im Gange. Nur: Patentlösungen hat niemand, und die werden leider auch auf spiegel-online nicht angeboten. Wie wäre es , wenn man - anstatt die Malaise wieder einmal in gefälligem Stil zu beschreiben - konkrete Vorschläge macht? Damit eben nicht die Dementen und die Alten übrigbleiben. Doch selbst der Vorschlag, Wirtschaftsförderung auf die starken Regionen zu konzentrieren, wird in dem Artikel eher negativ bewertet. Was also dann?
5.
E_N, 14.03.2006
Na denne, Gute Nacht Deutschland. Der letzte macht das Licht aus... Man kann dieser Entwicklung nicht entgegenwirken. IMHO ist der Point of No Return schon lange erreicht. E_N
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