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Stockender Kita-Ausbau: Die Krippenlüge

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Alle ein- bis dreijährigen Kinder haben ab Sommer 2013 Anspruch auf Betreuung in einer Krippe - so hat es die Politik beschlossen. Doch ob es genügend Plätze geben wird, ist ungewiss. Chaos in den Ländern verhindert den Ausbau der Betreuung - das Nachsehen haben Eltern und Kinder. 

Corbis

"Üba Tock und üba Teine", singt Lilly. Sie krabbelt auf dem roten Teppich zwischen Schaukelpferden, -schafen und -tigern herum. Tim heult. Oben vom Klettergerüst beobachtet Paul in seinem Polizei-Shirt die Szene - Alltag in einer deutschen Krippe.

Diese Kinder haben Glück. Und ihre Eltern. Die Familien leben in Hamburg, wo es bereits einen Rechtsanspruch für Kinder jeden Alters auf einen Kita-Platz gibt, wenn Mutter und Vater berufstätig sind.

So wie in der Hansestadt soll es bald bundesweit zugehen: Ab 2013 sollen alle Kinder von ihrem ersten Geburtstag an Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz erhalten. Das haben Bund, Länder und Gemeinden 2007 gemeinsam entschieden. 750.000 Plätze sollen es werden - errechnet auf Grund der Annahme, dass der tatsächliche Bedarf erfüllt sein würde, wenn im Schnitt für 35 Prozent der Ein- bis Dreijährigen ein Platz vorhanden ist.

Seit 2008 bauen die Kommunen nun verstärkt Krippenplätze. Nur, ob sie die Vorgaben bis 2013 erfüllen können, das bleibt mehr als fraglich. Die ehrgeizigen Pläne könnten sich schon bald als großes Blendwerk erweisen. An allen Ecken und Enden hakt und stockt der Krippenausbau - Besserung ist nicht in Sicht. Eltern mit kleinen Kindern werden wohl vor allem im Westen des Landes noch lange mit chaotischen Verhältnissen bei der Kinderbetreuung rechnen müssen.

Zwar gibt sich das Familienministerium noch zuversichtlich. Mit einem "Kraftakt" sei es noch möglich das Ziel zu erreichen, sagte Ministerin Kristina Schröder kürzlich. Doch dahinter steckt wohl nicht mehr als Wunschdenken.

Vor allem die Kommunen schlagen Alarm - und sie haben allen Grund dazu.

"Es wird schwierig werden, das Ziel zu erreichen", sagt Ursula Krickl vom Deutschen Städte- und Gemeindebund. Es fehlt das nötige Geld. Der wirtschaftliche Aufschwung komme bei den Gemeinden nicht an, klagt der Verband.

Das ist aber nur das eine Problem. Das andere sind die Länder. Sie übernahmen das Krippenausbau-Programm zwar in ihre Gesetze, ohne aber entsprechende finanzielle Regelungen für die Kosten aufzustellen, die den Kommunen daraus entstehen. Der nordrhein-westfälische Verfassungsgerichtshof hat diese Praxis Ende letzten Jahres gerügt.

278.000 Plätze zu wenig

472.000 Kita-Plätze für Unter-Dreijährige hat das Statistische Bundesamt zuletzt im März 2010 gezählt. Immerhin 55.000 mehr als ein Jahr zuvor - aber noch 278.000 Plätze zu wenig. Und die Zeit drängt. Der Deutsche Städtetag hat errechnet, dass jeden Monat 8000 bis 11.500 neue Plätze entstehen müssten, um das Ziel von 750.000 noch zu erreichen. Kostenpunkt: sechs bis neun Milliarden Euro.

Dabei ist fraglich, ob diese Zahl an Krippenplätzen überhaupt ausreicht. Die jüngsten vorläufigen Zahlen vom Statistischen Bundesamt lassen für 2010 auf einen Geburtenanstieg hoffen. Und wenn zudem der Anteil der Eltern, die einen Krippenplatz suchen, weiterhin so rasant steigt wie zuletzt, dann könnten wesentlich mehr Plätze nötig sein. Das Deutsche Jugendinstitut hat inzwischen einen Bedarf von 39 Prozent statt der ursprünglichen 35 errechnet. Der Deutsche Städte- und Gemeindebund hält nach einer Umfrage sogar einen Bedarf an Plätzen für 60 Prozent der Ein- bis Dreijährigen für möglich.

Manche ostdeutsche Länder sind schon jetzt sogar von diesem Wert nicht weit entfernt: Brandenburg etwa mit 51 Prozent. Im Westen sieht's dagegen düster aus. So gibt es in Nordrhein-Westfalen gerade mal für 14 Prozent der Kinder im Krippenalter einen Platz, in Niedersachsen für 15,9. Die knappen Plätze sind so begehrt, dass manche Krippen seitenlange Wartelisten haben. Wer sein Kind nicht für sieben, acht oder zehn Stunden täglich anmeldet, hat da kaum eine Chance. In manchen Städten ist deshalb die Praxis verbreitet, dass Eltern für deutlich mehr Betreuungszeit bezahlen als sie tatsächlich nutzen.

Kommunen fordern neuen Gipfel

Die Kommunen wollen nun auf keinen Fall am Ende als die alleinigen Versager dastehen, wenn der Ausbau im Westen in zweieinhalb Jahren nicht fertig sein sollte. "Wir fordern einen neuen Gipfel, um den tatsächlichen Bedarf zu ermitteln", so Ursula Krickl vom Deutschen Städte- und Gemeindebund. Und ums Geld soll es dabei natürlich auch gehen.

Dabei sind noch mehr Probleme zu lösen: Es fehlen Erzieher. Wie viele, darüber gehen die Meinungen auseinander. Thomas Rauschenbach, Direktor des Deutschen Jugendinstituts, kommt in einer Studie auf 9000 fehlende Erzieher bis 2013, der Deutsche Städte- und Gemeindebund geht von bis zu 60.000 fehlenden Fachkräften aus.

Doch die Lücke wird nicht leicht zu füllen sein, denn der Reiz des Jobs ist begrenzt. Einer Studie der Universität Dortmund zufolge ist die Aussteigerquote aus dem Erzieher-Beruf hoch: ein Drittel.

Die Gründe sind offensichtlich: Der Job ist körperlich anstrengend. "Mein Rücken tut abends saumäßig weh. Ich sitze den ganzen Tag auf dem Boden oder auf winzigen Stühlen", sagt Erzieherin Marina in Hamburg. Und dabei ist sie erst 23 Jahre alt.

Ein anderer Grund ist die Bezahlung: Erzieher liegen der Untersuchung zufolge mit ihrem Netto-Verdienst 224 Euro unter dem Durchschnitts-Einkommen. Und das, obwohl die Ausbildung in manchen Bundesländern fünf Jahre dauern kann - so lange wie ein Hochschulstudium. Und bei dem gesellschaftlichen Anspruch, dass Erzieher den Grundstein für Bildung und soziale Kompetenz der Kinder legen sollen.

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1. .
beobachter1960 07.01.2011
Das Problem ist doch einfach zu umreissen: Die "große" Politik macht Vorgaben und feiert die Ankündigung als Erfolg. Die "mittlere" Politik übernimmt, mault und feiert ebenfalls. Die "untere" Politik hat die Arbeit und ist immer der Prügelknabe. Wird zuviel ausgebildet kommen die Steuerbündler und jammern über Steuerverschwendung, jeder Krippenplatz ist ein toller Erfolg für den Bund, aber ganz unten ein Kostenfaktor über den gejammert wird. Von der Projektierung eines Krippenplatzes bis zur Inbetriebnahme vergehen nun mal etliche Jahre die nur Kosten verursachen. Wer das nicht will darf sich dann über ausbleibende Plätze nicht beschweren. Die einfachen Leute sollen sich auf einen Arbeitsplatz ausbilden lassen ohne mit dieser Ausbildung sonst etwas anfangen zu können. Und wenn der kluge Politiker dann mal schnell spart ist man ein Hartzler und kriegt Kloppe von den Schlauen. Ich werde meiner Tochter auch raten lieber BWL zu studieren statt Erzieherin. Da kann sie bei der FDP eintreten, im Kostümchen rumrennen, Arbeitsplätze abbauen und wird gut bezahlt. Und vor allem sind immer die anderen die Bösen.
2. Das kostet Wirtschaftsaufschwung! ...und Euch Rentnern die Rente!
VorwaertsImmer, 07.01.2011
Wenn Fachkräfte - IngenieurInnen, MeisterInnen fehlen. Wenn Menschen, die arbeiten möchten nicht arbeiten können. Dann kostet das richtig viel Geld. Die KOSTEN FEHLENDER KITAs rechnet niemand aus! Es wird immer nur ausgerechnet was das "Gedöhns" kostet wenn es um die Bereitstellung des Geldes für Kinder geht. Dann schon lieber mal die Rente erhöhen - das ist dringender wichtiger. Liebe VdK Funktionäre, Politiker: Wenn die Rentner-Demokratie dazu führt das für Kinder zu wenig gemacht wird - dann fehlen die Beitragszahler! Die eigentliche Rentengarantie sind die Jüngeren. Es müssendie Bedingungen geschaffen werden damit Jüngere mehr arbeiten können, mehr Beiträge zahlen können. Sonst haben wir demnächst eine massive Rentenkürzung!
3. Wenn vergleichen, dann richtig
beegee 07.01.2011
Der Artikel ist in weiten Teilen richtig. Die Politik will den Ausbau - von oben herab, will aber nicht dafür bezahlen. Die Städte und Gemeinden sind klamm. Aber: Bei der ach so guten Quote im Osten der Republik muss man vielleicht auch erwähnen, dass dort die Kita-Gruppen viel größer sind. Soll heißen: Mehr Kinder für eine Erzieherin/einen Erzieher. Das macht den Job noch deutlich anstrangender und den Effekt der frühkindlichen Bildung - denn Kitas sollen genau das leisten - wesentlich geringer. Nur "Aufbewahren" kann jeder. Aber statt die Städte und Gemeinden finanziell zu unterstützen, die Bezahlung besser zu machen, die Kitas auszubauen usw. buttert Frau Schröder in den kommenden Jahren bis zu 14 Millionen Euro in irgendwelche Modellregionen und -porjekte, mit denen mehr Männer in den Beruf gezogen werden sollen. Ob's das bringt?
4. Mütter und Väter
Caroline 07.01.2011
Alle ein- bis dreijährigen Kinder haben einen berechtigten Anspruch auf ein Familienleben mit Vater und Mutter! DANN wären sie erst so weit, einige Stunden am Tag getrennt von zu Hause zu verkraften. Diesbezüglich ist Deutschland völlig unterentwickelt - man fragt sich, wieso!
5. Als Vater und Stiefvater
arioffz 07.01.2011
Zitat von sysopAlle ein- bis dreijährigen Kinder haben*ab Sommer 2013*Anspruch auf Betreuung in einer Krippe*-*so*hat es die Politik beschlossen. Doch ob es genügend Plätze geben wird,*ist*ungewiss. Chaos in den Ländern*verhindert den Ausbau der Betreuung - das Nachsehen haben*Eltern und*Kinder.* http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,738108,00.html
von insgesamt 5 Kindern, kann ich nur feststellen wir, wir als Gesellschaft im ganzen schei.en auf Kinder. Deshalb rate ich meinen Kindern von Kindern ab. Alles nur leere Worthülsen von diesen .... aus Berlin und hier bei uns in München, kannste alle in der Pfeife .....!
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