Störfälle im AKW Krümmel Gabriel drängt Union zu Umkehr in Atompolitik

Die Probleme im AKW Krümmel haben eine neue Energiedebatte ausgelöst. Umweltminister Gabriel verlangt von der Union einen anderen Kurs in der Atompolitik: Längere Laufzeiten für ältere Kraftwerke seien verantwortungslos. Die Krümmel-Panne führte in Hamburg zu Ausfällen bei Strom- und Wasserversorgung.


Berlin - Nach dem neuerlichen Störfall im norddeutschen Kernkraftwerk Krümmel hat Bundesumweltminister Sigmar Gabriel die Union zur Umkehr in der Atompolitik aufgerufen. "Ich fordere Bundeskanzlerin Angela Merkel und Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg im Interesse der Sicherheit der Bürger auf, ihren Kurs aufzugeben", sagte der SPD-Politiker dem Berliner "Tagesspiegel". Die jüngsten Vorfälle in Krümmel bewiesen, dass eine Laufzeitverlängerung für ältere Kraftwerke nicht zu verantworten sei.

Nach Krümmel-Pannen: Gabriel fordert Umkehr in der Atompolitik
ddp

Nach Krümmel-Pannen: Gabriel fordert Umkehr in der Atompolitik

Gabriel kündigte an, er werde "über die Atomaufsicht des Bundes prüfen lassen, ob es in anderen deutschen Kraftwerken ähnliche Probleme mit der Elektronik gibt".

Das Pannen-AKW Krümmel im schleswig-holsteinischen Geesthacht war am Samstagmittag zum zweiten Mal innerhalb weniger Tagen vom Netz gegangen. Ursache war nach Angaben von Betreiber Vattenfall vermutlich eine Störung in einem der beiden Maschinentransformatoren des Kraftwerks. Diese Transformatoren sorgen dafür, dass der vom Kraftwerk erzeugte Strom ins Netz gespeist wird. Erhöhte Radioaktivität sei nicht freigesetzt worden. Nähere Informationen kündigte Vattenfall für Sonntagnachmittag an.

Im nahe gelegenen Hamburg war es kurz nach der Reaktorschnellabschaltung zu einem Spannungsabfall im Stromnetz gekommen. In der Folge fielen im gesamten Stadtgebiet 1500 der insgesamt 1800 Ampeln und etliche Wasserpumpen aus. Dies führte zu Rohrbrüchen, die Wasserversorgung im Westen der Stadt war stark beeinträchtigt, wie ein Sprecher der Wasserwerke am Sonntag sagte. Tausende Hamburger seien seit dem Abend zeitweise ohne Wasser gewesen.

Durch den Ausfall der Wasserpumpen nach der Reaktorabschaltung war der Druck im Wassernetz abgefallen. Als die Pumpen später wieder in Betrieb genommen wurden, kam es zu Druckstößen, die zu insgesamt elf Rohrbrüchen führten, wie der Sprecher erklärte. Bis zum Morgen seien die meisten Schäden behoben worden.

Das AKW Krümmel setzt mit der Schnellabschaltung vom Samstag eine Pannenserie fort. Erst am 19. Juni hatte die Atomaufsicht die Wiederinbetriebnahme des Reaktors nach fast zweijährigem Stillstand genehmigt. Die Anlage war nach einem Transformatorbrand seit dem 28. Juni 2007 vom Netz. Auch während der Reparaturarbeiten wurden immer wieder Störfälle aus dem abgeschalteten Reaktor gemeldet.

Am vergangenen Mittwoch war das AKW wegen eines Transformatorenproblems wieder vom Netz genommen worden. Danach lief es nur mit halber Leistung. Am Freitagabend wurde der Transformator wieder in Betrieb genommen, nur wenige Stunden später gab es den nächsten Störfall.

Die für Reaktorsicherheit in Schleswig-Holstein zuständige Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD) forderte weitreichende Konsequenzen und veranlasste eine erneute Zuverlässigkeitsprüfung des Betreibers.

Die Grünen-Bundesvorsitzende Claudia Roth erklärte, Vattenfall dürfe mit Krümmel nicht länger ein gefährliches Vabanquespiel betreiben: "Das AKW muss jetzt endgültig abgeschaltet werden.

siu/dpa/AP/ddp/AFP



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