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Störfall im Kraftwerk Krümmel: Vattenfall nach AKW-Panne in Erklärungsnot

Nicht der Betreiber alarmierte die Atomaufsicht, sondern die Polizei: Nach der erneuten Panne im AKW Krümmel hat Vattenfall sich für seine schlechte Informationspolitik entschuldigt und Details über den Störfall bekanntgegeben. Demnach waren die Folgen schlimmer als zunächst angenommen.

Hamburg - Beschwichtigungsversuche nach der erneuten Panne im norddeutschen Kernkraftwerk Krümmel: Das Betreiberunternehmen Vattenfall hat sich für die Informationspannen nach der erneuten Schnellabschaltung des AKW entschuldigt. "Ich will ganz deutlich sagen, dass dies für uns nicht akzeptabel ist", sagte Ernst Michael Züfle, Geschäftsführer von Vattenfall Europe Nuclear Energy.

AKW Krümmel: "Für die Ursache des Kurzschlusses keine Erklärung" Zur Großansicht
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AKW Krümmel: "Für die Ursache des Kurzschlusses keine Erklärung"

Das Aufsichtsamt hörte zuerst über die Polizei von dem Zwischenfall, ehe Vattenfall sich selbst meldete. "Die Objektsicherung des Kraftwerks hat die Landespolizei in Geesthacht informiert, und die Polizei hat die Information an das Innenministerium weitergegeben", sagte Züfle. Von dort sei das Sozialministerium benachrichtigt worden.

Nach Angaben des Unternehmens war es zu einem Kurzschluss in einem Transformator gekommen. Dadurch wurden der Reaktor abgeschaltet und die Anlage vom Netz getrennt. Mit Hilfe der Transformatoren wird der vom AKW erzeugte Strom auf die nötige Spannung zur Einspeisung ins Stromnetz gebracht.

"Sicherheit vor Schnelligkeit"

Er bedauere, dass es durch die Schnellabschaltung erneut zu einer Verunsicherung der Bevölkerung gekommen sei, erklärte der Geschäftsführer. Im Jahr 2007 hatte ein ähnlicher Vorfall mit einem anderen Transformator zu einem Brand geführt, in dessen Folge das Kraftwerk knapp zwei Jahre still stand. Offenbar ist Krümmel nun nur knapp einem ähnlich folgenschweren Trafobrand entgangen.

Züfle betonte, dass es sich bei dem jetzt ausgefallenen, 33 Jahre alten Transformator um jenes zweite Aggregat handle, das nicht vom Brand am 28. Juni 2007 betroffen war. Durch das Feuer und die Zerstörung des Trafos 2007 sei eine vollständige Ursachenermittlung damals nicht möglich gewesen. Seither sei jedoch der jetzt defekte Pannentrafo ebenfalls gründlich überprüft worden. "Für die Ursache des neuen Kurzschlusses haben wir bisher keine Erklärung", sagte er.

"Unter anderem die Herstellerfirma und Sachverständige haben uns die uneingeschränkte Gebrauchsfähigkeit bestätigt." Warum der Kurzschluss dennoch nicht vermieden werden konnte, müsse jetzt geklärt werden.

Audio-Überwachung war nicht in Betrieb

Die Panne vom Samstag war schlimmer als zunächst bekannt. Nach dem ursprünglichen Transformatorunfall gab es Folgeschäden bei der Schnellabschaltung: Wegen eines defekten Brennelements kam es zu einer Erhöhung der Radioaktivität im Reaktorwasser. Außerdem kam es zu Problemen bei der Kühlung des Reaktorwasser-Reinigungssystems. Des Weiteren war ein Elektronikteil beschädigt, das eine Sicherungsmutter steuert.

Wie 2007 sei auch jetzt wieder Öl ausgelaufen, aber nur zum Teil in der dafür vorgesehen Auffangwanne festgehalten worden, erklärte Züfle. Ein anderer Teil sei ins Erdreich unter dem Trafo gedrungen, das dann habe abgetragen werden müssen. "Es gehört zur Charakteristik von Trafos, dass sie Kurzschlüsse haben können. Unser Kraftwerk ist dafür ausgelegt", so der Geschäftsführer.

Zudem ist die von der Kieler Atomaufsicht vorgeschriebene Audio-Überwachung im AKW Krümmel am Samstag offenbar nicht in Betrieb gewesen. Die "Welt" berichtet, dies hätten Mitarbeiter von Vattenfall Europe ebenso wie das aufsichtsführende schleswig-holsteinische Sozialministerium bestätigt. Die Aufzeichnungen hätten Aufschluss über die Umstände der Schnellabschaltung des Reaktor bringen können.

Am 25. Februar 2009 hatte das Kieler Ministerium Vattenfall zur Einführung der Audioaufzeichnungen auf der Reaktorwarte verpflichtet. Dies sei eine Anpassung an Sicherheitsstandards, die in anderen sicherheitsrelevanten Branchen seit vielen Jahren gängige, anerkannte und bewährte Praxis seien - beispielsweise in der Luft- und Seefahrt.

Am 25. März reichte Vattenfall beim Oberverwaltungsgericht Schleswig Klage gegen die Anordnung ein. Das Ministerium forderte, dass Vattenfall die Anlage zur Audioüberwachung fristgerecht in Betrieb nimmt. Vattenfall erklärte sich zur Installierung der Anlage bereit, wollte diese aber zunächst nicht in Betrieb nehmen. Voraussetzung für den Einsatz seien klare Regelungen insbesondere mit Blick auf die Auswertung der Daten und den Datenschutz.

Erst vor gut zwei Wochen war Krümmel wieder ans Netz gegangen. Die Verunsicherung könne er nachempfinden, betonte Züfle. Vattenfall hege aber keine Zweifel an der Sicherheit der Anlage und habe die Absicht, das Kraftwerk wieder ans Netz zu bringen. "Ich bin überzeugt davon, dass das Kernkraftwerk Krümmel sicher betrieben werden kann", sagte Züfle. Es sei noch eine Laufzeit von acht bis neun Jahren geplant.

Atomkraftwerke in Deutschland
Zahlen
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In Deutschland sind formal derzeit noch 17 Atomkraftwerke in Betrieb. Tatsächlich am Netz sind aber deutlich weniger: Brunsbüttel ist nach mehreren schweren Pannen seit weit mehr als einem Jahr abgeschaltet. Krümmel wurde nach einem Brand im Juni 2007 erst im Juni 2009 wieder hochgefahren. Der älteste Meiler, Biblis A, ist seit Ende Februar nicht mehr am Netz und wird derzeit gewartet. Der benachbarte Block Biblis B ist seit Januar 2009 wegen Revisionsarbeiten abgeschaltet. Das AKW Stade ging Ende 2003 außer Betrieb und wurde 2005 stillgelegt. Obrigheim ging Mitte 2005 außer Betrieb.
Geografische Verteilung
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Die meisten Atomkraftwerke gibt es in Bayern. Dort stehen fünf AKW: Isar 1 und 2, Gundremmingen B und C, sowie Grafenrheinfeld. In Baden-Württemberg gibt es vier Atomkraftwerke: Neckarwestheim 1 und 2, sowie Philippsburg 1 und 2. Je drei Anlagen stehen in Schleswig-Holstein (Brunsbüttel, Brokdorf und Krümmel) und in Niedersachsen (Unterweser, Grohnde, Emsland). In Hessen stehen Biblis A und Biblis B.
"Für den weiteren Prozess gilt: Sicherheit vor Schnelligkeit", hob Züfle hervor. Erst wenn alle technischen und organisatorischen Fragen eindeutig geklärt seien, werde in enger Abstimmung mit der Aufsichtsbehörde das Atomkraftwerk wieder in Betrieb genommen. Wann dies so weit sein werde, lasse sich noch nicht sagen. Zur Aufarbeitung der Vorgänge hat Vattenfall seine interne Revision beauftragt.

Gabriel kündigt härtere Gangart bei AKW-Aufsicht an

Züfle gab auch Einzelheiten der Kosten der zweijährigen Reparatur Krümmels bekannt: Demnach wurden 300 Millionen Euro in die Arbeiten investiert, außerdem kam es zu Umsatzausfällen von einer Million Euro pro Stillstandstag.

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel hat sich indes in das Genehmigungsverfahren eingeschaltet. "Wir sind uns einig, dass ein Wiederanfahren des Reaktors nur nach vorheriger Zustimmung der Bundesaufsicht erfolgen wird", erklärte er in Berlin. Zudem sollten "anlagenübergreifend die elektrischen Systeme in den Atomreaktoren" überprüft werden. Als Kritik an der zuständigen schleswig-holsteinischen Sozialministerin Gitta Trauernicht, SPD, wollte Gabriel seine Ankündigung zur Bundesaufsicht nicht verstehen. Deren Vorgehen sei "angemessen und richtig" gewesen. Trauernicht ordnete eine Zuverlässigkeitsprüfung des Betreibers an.

Die Grünen-Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl, Renate Künast, hat Vattenfall die Eignung für das Betreiben von Atomkraftwerken abgesprochen. Dies würden die "ewigen Pannen" im Kernkraftwerk Krümmel beweisen, sagte Künast dem "Tagesspiegel". "Es zeugt von gefährlichem Dilettantismus, dass Vattenfall das AKW in nur zwei Wochen zweimal vom Netz nehmen muss."

Nach der Panne kam es zu schweren Störungen im Stromnetz von Hamburg und Teilen von Schleswig-Holstein. So fielen die meisten Ampeln der Stadt aus. Vattenfall räumte einen Spannungsabfall nach dem Abschalten ein. Dieser Einbruch von weniger als einer Sekunde habe dazu geführt, "dass sich einzelne Kundenanlagen vom Netz getrennt haben".

Die Hamburger Wasserwerke berichteten, durch den Ausfall seinen große Schäden im Leitungsnetz entstanden, weil sich Pumpen plötzlich wieder einschalteten. Vattenfall sagte, darüber sei nichts bekannt. Beschwert hätten sich aber etwa Einkaufszentren und Industriebetriebe.

han/dpa/AFP/ddp

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