Stoiber-Nachfolge Tandem Beckstein-Seehofer hat die besten Karten

Stoibers Macht auf der Kippe: Möglicherweise ist schon am Montag Schluss für den CSU-Chef und bayerischen Ministerpräsidenten. Innenminister Beckstein und Bundesagrarminister Seehofer sollen ein Führungstandem bilden, lauteten die Gerüchte auf Stoibers Neujahrsempfang.

Von , München


München – Taxifahrer gelten im Allgemeinen als ausgezeichnete Demoskopen. Will man am Freitagabend zum Neujahrsempfang des bayerischen Ministerpräsidenten in die Münchner Residenz chauffiert werden, gibt es die politische Zukunft kostenfrei dazu serviert. "Fünf zu eins, dass es Beckstein macht", sagt der Taxler bei der Hinfahrt gegen 18 Uhr.

Stoiber beim Neujahrsempfang: Die Partei debattiert schon seine Nachfolge
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Stoiber beim Neujahrsempfang: Die Partei debattiert schon seine Nachfolge

Da wusste der Mann noch nichts von den Presse- und Rundfunkmeldungen, die sich am Abend wie ein Lauffeuer verbreiteten. Tenor: Edmund Stoiber geht, eine Handvoll Kandidaten peilt seine Nachfolge an.

Die Macht des Partei- und Regierungschefs bröckelt zusehends. Bayerns Innenminister Günther Beckstein gilt als Favorit für die Nachfolge im Amt des Ministerpräsidenten. CSU-Chef soll Bundesagrarminister Horst Seehofer werden, heißt es am Freitag nach diversen Medienberichten aus CSU-Präsidiumskreisen.

Jetzt scheint alles ganz schnell zu gehen. War nach dem Langfrist-Szenario noch CSU-Fraktionschef Joachim Herrmann der potenzielle Thronfolger Stoibers für einen Wechsel ums Jahr 2010 herum, so sieht nun alles nach einer flotten Übergangslösung aus.

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Stoiber am Ende: Die Spieler im Machtkampf ums Erbe

Am Montagvormittag wird sich Stoiber nach Informationen von SPIEGEL ONLINE nacheinander mit Landtagspräsident Alois Glück (CSU) und Herrmann in der Staatskanzlei treffen. Stoibers Ziel: seine Stabilisierung. Er will ans Verantwortungsgefühl der beiden CSU-Spitzenpolitiker appellieren. Herrmann und Glück hingegen haben offenbar anderes im Sinn: Einen Rückzug Stoibers, in allen Ehren und von ihm selbst initiiert. Danach müsste die Partei entscheiden – aller Wahrscheinlichkeit nach für die Doppelspitze Beckstein-Seehofer.

Vor diesem politisch aufgeladenen Hintergrund steht Stoibers Neujahrsempfang des Jahres 2007. Und noch eines kommt hinzu: die rote Gabi. Die Fürther Landrätin und CSU-Rebellin Gabriele Pauli hatte mit ihren Spitzelvorwürfen gegen die Staatskanzlei Stoibers Niedergang überhaupt erst angestoßen. Auch sie hat sich für den Empfang in der Residenz angemeldet – wie jedes Jahr. Denn Landräte und Bürgermeister sind seit jeher zur größten Polit-Zeremonie in Bayern eingeladen.

Der Abend startet mit dem Defilee: Rund 1500 geladenen Gästen schütteln Edmund Stoiber und Frau Karin (im mintfarbenen, pailettenbesetzten Kleid) die Hände – und alle warten auf Gabriele Pauli. Acht Minuten vor Toreschluss schließlich erscheint sie, lächelt. Stoiber lächelt auch, und Karin sowieso. "Ein gutes neues Jahr", wünscht der Ministerpräsident seiner härtesten Kritikerin. Darauf Pauli: "Viel Erfolg für Sie, egal was auch kommt."

Nur Sekunden dauert der Auftritt. Dann tritt die Rebellin vom Podium ab, verweigert sich einem gemeinsamen Foto. Pauli später dazu: "Das ist hier sein Empfang, ich will Stoiber nicht instrumentalisieren." In den Sälen der Residenz folgen die Gäste der Szenerie gebannt auf Videoleinwänden. Es ist wie Public Viewing zu WM-Zeiten. Sogar Applaus gibt es am Ende für den Pauli-Stoiber-Handschlag.

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Der Handschlag: Pauli trifft Stoiber

Edmund Stoiber darf noch weiter Hände schütteln, über Gabriele Pauli fallen die Kamerateams und Fotografen her. In dem Trubel stürzt Paulis Mitarbeiterin. "Frau Pauli, Frau Pauli, hierher!", ruft es von allen Seiten. "Frau Pauli, bitte lächeln!" Und Frau Pauli dreht sich. Und Frau Pauli lächelt. Immer wieder. Nach zehn Minuten sagt sie: "Puhh, alles ein bisschen turbulent." Nach weiteren fünf Minuten taucht der bayerische SPD-Oppositionschef Franz Maget hinter ihr auf: "Frau Pauli, darf ich Ihnen mal die Hand schütteln?" Pauli schüttelt. Und die Fotografen fotografieren. Jetzt kommt noch Bayerns SPD-Vize Florian Pronold: "Frau Pauli…."

Da merkt die CSU-Rebellin, wie sie von der SPD vereinnahmt wird. Sie lächelt gequält. Umrahmt von Maget und Pronold. Blitzlichtgewitter. "Das ist nicht so gut", sagt sie. Und: "Ich will nicht, dass das ein paar Leute in den falschen Hals kriegen."

Gabriele Pauli wollte Stoiber nicht instrumentalisieren. Jetzt wird sie selbst instrumentalisiert. Ähnlich Stoiber kann sie den Lauf der Dinge nicht mehr beeinflussen. Sie hat etwas angestoßen, andere werden es vollenden.

Der CSU-Chef muss gleich seine Rede halten. Er weiß, dass er nicht mehr Herr über deren Wirkung ist. Egal was er sagt, es wird schief gehen. Bis er so weit ist, zeigen sie auf den Videoleinwänden noch einen Stoiber-Werbeblock: Wie er Russlands Präsident Wladimir Putin bei dessen Besuch in Bayern die Hand schüttelte, wie der Fußball Deutschland regierte und wie der Papst in Bayern war.

Stoiber und die Goldwaage

Dann stellt sich Stoiber hinters Rednerpult mit dem bayerischen Wappen – und richtet eine Bitte ans Publikum: "Geben Sie mir einfach die nächsten Minuten Zeit – und machen Sie keinen Gebrauch von der Goldwaage." Dann spricht er von den Stärken Bayerns, vom Engagement seiner Bürger - wovon man eben spricht bei einem normalen Neujahrsempfang. Aber dieses Jahr ist nichts normal. Und so sagt Stoiber dann doch noch etwas zum Fall Stoiber: "Ich weiß, dass ich im Feuer stehe. Wer in der Küche arbeitet, muss auch Hitze vertragen." Aber er wolle "schon etwas tun, dass es wieder abkühlt".

Doch dafür scheint es zu spät. Bei der CSU ist Feuer unterm Dach. Die "Süddeutsche Zeitung" zitiert ein Präsidiumsmitglied mit den Worten, es hätten bereits "Truppenbewegungen" für Beckstein begonnen. Darauf ein enger Weggefährte Stoibers: "Das wird eine Schlacht." Doch Stoiber sei "ein harter Hund, ein Kämpfer, ein Pflichtmensch", der werde durchhalten.

Wie ein Lauffeuer verbreiten sich in den prunkvollen Sälen der Münchner Residenz die Varianten über Edmund Stoibers Zukunft.

Variante I, Status Quo: Alles bleibt, wie es ist. Die Landtagsfraktion gibt dem Parteichef in der nächsten Woche auf ihrer Kreuther Klausurtagung die von ihm eingeforderte Solidarität. Damit vermeidet sie ein mögliches Post-Stoiber-Chaos: Würden Beckstein und Seehofer als Doppelspitze antreten, könnte auch Wirtschaftsminister Erwin Huber seinen Hut in den Ring werfen. Diadochenkämpfe wären programmiert. Deshalb bleibt es vorerst bei Stoiber, der über den Sommer eine Ochsentour durch die Parteibezirke starten will. "Läuft das gut, stellt er sich dem Parteitag im Herbst zur Wahl", heißt es im Umfeld des CSU-Chefs. Möglicherweise könnte auch zuvor schon ein Sonderparteitag einberufen werden.

Variante II, Putsch: Herrmann und Glück bringen Stoiber am Montag zum Rückzug. Am Dienstag schon könnte sich die Landtagsfraktion dann für Beckstein als neuen Ministerpräsidenten aussprechen. Seehofer würde Parteichef. Die Übergabe Stoibers könnte bis zum Sommer erfolgen.

Variante II gilt als die wahrscheinlichere. Glück und Herrmann wiesen Putschgerüchte zwar zurück ("absoluter Unsinn", "in der CSU wird nicht geputscht"), doch sind die Zwischentöne entscheidend. So sagt zum Beispiel Beckstein: "Ich habe bewusst formuliert: Ich trete nicht gegen Stoiber an." Wenn Stoiber am Montag seinen Rückzug erklärt, muss Beckstein ja tatsächlich nicht gegen Stoiber antreten.

Überhaupt ist der Innenminister an diesem Freitagabend in der Residenz offensichtlich guter Laune. Im zentralen Kaisersaal marschiert er auf und ab, immer wieder bilden sich neue Grüppchen um ihn. Stoiber hingegen steht links hinten in der Ecke. Seine Getreuen um sich gesammelt.

Draußen fahren jetzt die Taxis in langen Schlangen vor. Demoskopisch gesehen verbreitern die Taxler bei jeder Fahrt die Grundgesamtheit ihrer Befragten.

Gegen zwei Uhr nachts stehen die Wetten bereits zwei zu eins für Beckstein.



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