Stoibers neue Residenz "Erlöse mich bitte von den Strauß-Möbeln!"

13-Zimmer-Büro, Mitarbeiterstab eines Altkanzlers: Fast eine halbe Million Euro kostet Edmund Stoibers Altenteil jährlich. Edel-Möbel aus seinem alten Arbeitszimmer bekam er obendrauf - Nachfolger Beckstein wollte sie nicht mehr. Denn sie stammen noch von CSU-Legende Franz Josef Strauß.

Von , München


München - Der Abschied fiel Edmund Stoiber so schwer. Nach 14 Jahren: Auszug aus der pompösen Staatskanzlei am Münchner Hofgarten. Exakt hundert Tage ist das jetzt her, und Stoiber hat sich ein paar Straßen weiter eingerichtet: in einem repräsentativen 13-Zimmer-Büro in der Wagmüllerstraße 18. Inklusive Hoftstaat. Zwei Spitzenbeamte, zwei Sekretärinnen, ein Fahrer und die Sicherheit.

Stoiber, Beckstein (Oktober): Edles aus Erlenwurzelholz
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Stoiber, Beckstein (Oktober): Edles aus Erlenwurzelholz

"Austragshäusl" nennen das die Bayern im Allgemeinen. Damit war in früheren Zeiten ein Häuschen auf dem Bauernhof gemeint, in dem der Altbauer nach der Übergabe an seine Buben den Lebensabend verbringen durfte. Übertragen ins Politische: Einem ehemaligen Ministerpräsidenten kann ein Büro mitsamt Personal gewährt werden, finanziert aus dem Landeshaushalt - bis zu vier Jahre nach Ende des Amtsverhältnisses. In Stoibers Fall also bis Ende 2011.

Nur muss das alles so pompös sein? Die "Süddeutsche Zeitung" hat ausgerechnet, dass der bayerische Steuerzahler jährlich 450.000 Euro für Stoibers Austragshäusl plus Personal und Büroausstattung hinblättern muss. Vergleichbar ausgestattet sind in Deutschland nur die Altkanzler.

Bayerns neuer Ministerpräsident Günther Beckstein (CSU) verteidigte die üppigen Ausgaben. "Ich halte es für richtig, dass Ministerpräsident a.D. Stoiber eine angemessene Büroausstattung hat", sagte er. Auch CSU-Chef und Finanzminister Erwin Huber betonte, Stoiber brauche ein "funktionierendes Büro". Dies sei "für Bayern nutzbringend". Beide verwiesen unter anderem auf Stoibers neue Aufgaben in der EU.

Doch das Ambiente in Stoibers Büro ist mehr als funktional: Er arbeitet nicht vor schnöder Ikea-Regal-Kulisse, sondern residiert im Ambiente des 19. Jahrhunderts. Da findet sich ein Ensemble aus Erlenwurzelholz im Empirestil aus der königlich-bayerischen Hofschreinerei. Über derlei Noblesse verfügt kein Altkanzler. Stoiber hat dieses Mobiliar aus seinem früheren Arbeitszimmer in der Staatskanzlei mitgenommen.

Allerdings hat ihn Beckstein darum gebeten - nach Informationen von SPIEGEL ONLINE hatte sich Stoiber ursprünglich ganz anderes Staatskanzlei-Mobiliar ausgesucht, das er in die Wagmüllerstraße zu überführen gedachte. Doch Beckstein intervenierte: Er halte diese Empirestil-Möbel nicht aus, soll der Franke gesagt haben. Wohl nicht aus generellen Geschmacksgründen - sondern wegen seines Verhältnisses zu CSU-Übervater Franz Josef Strauß, kurz FJS, dessen Lieblingsmöbel die Stücke aus Erlenwurzelholz waren.

Erlöst von Strauß' Empire-Umfeld

Beckstein soll Stoiber bei der Amtsübergabe im vergangenen Jahr gebeten haben, nicht nur seine FJS-Büste aus dem Arbeitszimmer mitzunehmen, sondern auch die Möbel. Beckstein zu Stoiber: "Erlöse mich bitte von den Strauß-Möbeln." Denn er sei darauf das ein oder andere Mal von Strauß niedergemacht worden.

Der Strauß-Verehrer Stoiber übernahm die Möbel. Er erlöste seinen Nachfolger - und bleibt nun selbst im gewohnten Empire-Umfeld.

Neben dem Mobiliar sorgte allerdings noch eine Austragshäusl-Personalie für Kritik: Stoiber durfte einen zusätzlichen Beamten in die Wagmüllerstraße mitnehmen - einen EU-Spezialisten.

Stoiber ist seit kurzem von EU-Kommissionschef José Manuel Barroso mit der Leitung einer Expertengruppe zur Entbürokratisierung betraut worden. Und nun bezahlt Bayern Stoibers Mitarbeiter für den Europa-Job? Kein Problem, teilte die Staatsregierung auf eine Anfrage der Grünen im Landtag mit: "Für die Dauer der Arbeit von Ministerpräsident a. D. Dr. Stoiber an der Spitze einer hochrangigen Kommission zum Bürokratieabbau in Europa wird ein weiterer Mitarbeiter mit einschlägiger Europaerfahrung eingesetzt." Und im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE ergänzte ein Sprecher der Staatskanzlei: Stoiber habe "14 Jahre höchst erfolgreiche Arbeit für Bayern geleistet". Seine derzeitige Ausstattung sei "nicht luxuriös, sondern angemessen". Der Beamte für die Arbeiten zur EU-Entbürokratisierung liege "im massiven Interesse Bayerns".

Grünen-Haushaltsexperte Thomas Mütze ist empört: "Wir werden den Antrag stellen, dass die zusätzliche Stelle gestrichen wird. Das soll Europa bezahlen." Natürlich habe ein ehemaliger Ministerpräsident gewisse Ansprüche im Ruhestand, aber man müsse über die Verhältnismäßigkeit reden, sagte Mütze SPIEGEL ONLINE.

Und das will der Grüne so schnell wie möglich tun. Denn es gehe vor allem um die Zukunft: "Wir wissen ja nicht, wie lange Beckstein noch im Amt ist. Da hätten wir dann das gleiche Problem wie bei Stoiber jetzt."

Möglicherweise. Ganz sicher aber hätte Bayern dann ein paar Empirestil-Möbel übrig.



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