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Stoibers Wahlkampfberater Spreng: "Ich hoffe, ich bin nicht verbrannt"

Michael Spreng war bis vor kurzem Wahlkampfberater von Unions-Kanzlerkandidat Edmund Stoiber. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erzählt er von seinen Fehlern, dem Umgang mit Politikern und Medien und seinen Zukunftsplänen.

Berater Spreng und Kandidat Stoiber: "Ich wusste, auf welche neue Rolle ich mich eingelassen hatte"
DDP

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SPIEGEL ONLINE:

Herr Spreng, wie viele Wahlwetten haben Sie eigentlich verloren?

Michael Spreng: (lacht) Zwei - und die dritte ist noch nicht ausgezählt.

SPIEGEL ONLINE: Und wer durfte sich bislang über ein Präsent von Ihnen freuen?

Spreng: Das war Herr Machnig, der Wahlkampfmanager der SPD. Dem habe ich bereits - wie vereinbart - eine bessere Flasche Rotkäppchen-Sekt zugesandt, eine Glückwunschkarte dabei gelegt. Darauf stand: Matthias Machnig, Wahlsieger.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben wie Machnig hautnah die Höhen und Tiefen des Wahlkampfes miterlebt. In welchem Augenblick sind Sie am stärksten ins Schwitzen geraten?

Spreng: Das ist schwer zu sagen. Was uns in Bedrängnis gebracht hat, war die Irak-Frage. Die Alternative von Krieg oder Frieden, die Gerhard Schröder da auftat, war so einfach nicht zu beantworten. Wir konnten ja nicht auf den Kurs von Schröder einschwenken - das wäre verantwortungslos gewesen. Wir konnten aber auch nicht die Gegenposition beziehen - dann wären wir in die Kriegsfalle der SPD geraten. Also mussten wir eine mittlere Position einnehmen, die dann allerdings auch schwieriger zu kommunizieren war.

SPIEGEL ONLINE: Der frühere Fraktionschef Friedrich Merz hat in einer harten Abrechnung mit der Strategie der Union davon gesprochen, die Partei solle nicht dem Zeitgeist hinterherlaufen, sondern ihn prägen. Fühlen Sie sich da nicht angegriffen?

Spreng: Den Vorwurf kann ich nicht sehen. Herr Merz - soweit ich es überblicke - ist ja bislang der einzige, der Kritik an der Strategie der Union geübt hat. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass Stoibers Strategie, die ich geteilt und auch mitgestaltet habe, richtig war. Und die lautete: Die Wähler in der Mitte zu suchen, nicht in die Polarisierungsfalle zu tappen und einen auf die Themen Arbeitslosigkeit, Wirtschaftswachstum und Steuern konzentrierten Wahlkampf zu führen.

SPIEGEL ONLINE: In der Union hieß es, wenn die Wahl ein Desaster gewesen wäre, hätten sich die internen Kritiker zuallererst Stoibers Berater vorgenommen. Manchen war ihr enges Verhältnis zum Kanzlerkandidaten ja suspekt.

Spreng: Die Gefahr war sicher vorhanden, dass manche in CDU und CSU sich im Falle einer Niederlage am Berater vergreifen würden. Aber das ist nicht eingetreten, weil das Ergebnis einfach zu gut war.

SPIEGEL ONLINE: Das sieht ein Herr Merz anders. Der frühere Fraktionschef spricht von einer Wahlniederlage.

Spreng: Ich bleibe dabei, dass wir mit den 38,5 Prozent einen strategischen Erfolg für die Union erzielt haben. Darauf können beide Parteien, CDU und CSU, aufbauen - sie sind wieder auf gleicher Augenhöhe mit der SPD, auch wenn diese durch die Überhangmandate zur stärksten Fraktion geworden ist.

Stoiber in Dresden: "Drei Tage gebraucht, um eine endgültige Position zur Finanzierung zu finden"
AFP

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SPIEGEL ONLINE: Sie waren vor ihrer Beratertätigkeit Chefredakteur von "Bild am Sonntag". Was war der größte Unterschied, den Sie in Ihrer neuen Funktion wahrgenommen haben?

Spreng: Möglicherweise war es die Konzentration auf eine Sache, auf ein Projekt. Als Berater im Politikbetrieb ist man gezwungen, sich zurückzunehmen, auch persönlich. Ich habe natürlich weiterhin zu vielen politischen Dingen eine differenzierte Betrachtungsweise, aber in dieser neuen Rolle war das natürlich weniger gefragt. Hier ging es vorrangig darum, eine Position überzeugend zu vertreten.

SPIEGEL ONLINE: Der Politikbetrieb ist, aus Sicht vieler Journalisten, schneller geworden. Stimmt diese Einschätzung aus der Sicht eines zeitweiligen Insiders?

Spreng: Im Gegensatz zu einer gut geölten Redaktion, in der ein paar Stichworte genügen, um sich über die Einschätzung eines Themas zu verständigen, ist die Politik ein weitaus schleppenderes Geschäft. Diskussionen verlaufen langwieriger, ebenso die Abstimmung der verschiedenen Positionen. Aber dazu gibt es in der Demokratie keine Alternative. Das habe ich gelernt - und auch, dass mancher Kommentar in den Medien schnell geschrieben und sehr schnell wieder vergessen wird.

SPIEGEL ONLINE: Wo war die Union denn zu langsam?

Spreng: So pauschal kann man das nicht sagen. Große Volksparteien sind von Natur aus schwerfälliger als ein Medienbetrieb. Im Falle der Hochwasserkatastrophe dauerte es drei Tage, bis CDU und CSU ihre endgültige Position bei der Finanzierung der Fluthilfe gefunden hatten.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie in den acht Monaten Ihrer Beratertätigkeit ein größeres Verständnis für Politiker entwickelt?

Spreng: Ich glaube schon. Die übergroße Mehrheit der Politiker, die ich kennen gelernt habe, betreibt die Politik sehr intensiv, mit einem hohen persönlichen, geistigen und körperlichen Aufwand. Ich habe dem einen oder anderen Abbitte im Nachhinein getan - weil man als Journalist ja doch allzu häufig zu schnellen Urteilen neigt. In der Medienbranche gilt eben häufig genug das Gesetz: Lieber einen guten Freund verlieren, als eine gute Pointe.

SPIEGEL ONLINE: Immer wieder wurde Ihnen von Medien vorgehalten, Sie hätten Stoiber weichgespült.

Spreng mit dem CDU-Politiker Christian Wulff: "Große Parteien sind schwerfälliger als ein Medienbetrieb"
FRANK OSSENBRINK

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Spreng: Ich habe meine Ideen an einer zentralen Stelle mit eingebracht, aber weichgespült habe ich Herrn Stoiber nicht. Er ist ein Mensch, der offen ist - und was ihm einleuchtet, das nimmt er auch an. Ich fand, dass das Programm der Union und von Herrn Stoiber Ecken und Kanten genug hatten.

SPIEGEL ONLINE: Manche in der Union hätten sich einen aggressiveren Stoiber gewünscht.

Spreng: Das mag sein. Aber mit einem betont kantigen, konservativen und polarisierenden Wahlkampf wäre es von Anfang an aussichtslos gewesen - und wir wären nie in die Nähe von 40 Prozent gekommen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich früher mit Gerhard Schröder geduzt...

Spreng: ...mal geduzt, mal.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es etwas, wofür Sie ihn bewundern?

Spreng: Bewundern ist nicht die passende Kategorie. Schröders große Fähigkeit besteht darin, Themen aus der Luft aufzuschnappen, sie zu erwittern. Das ist sein unbestreitbares Talent, das er aus meiner Sicht aber im Falle des Irak nicht verantwortlich eingesetzt hat. Das war Populismus.

SPIEGEL ONLINE: Was hätten Sie ihm denn, wären Sie sein Berater gewesen, im Wahlkampf geraten?

Spreng: Ich war es nicht und hätte es auch nicht gewollt.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem haben Sie ihn ja beobachtet.

Spreng: Nun gut, Schröder hätte von Anbeginn nicht darauf setzen dürfen, dass mit der Kandidatur von Stoiber der Wahlkampf von alleine läuft, dass die alten Feindbilder funktionieren und die Emotionen geweckt werden. Er war nicht darauf vorbereitet, dass Stoiber ihn in eine Falle laufen lässt. Zu lange hat Schröder auf die ruhige Hand vertraut, auch in seinem Wahlkampfstil. Erst durch die Flut ist er wieder zum Kanzler geworden und konnte durch die neugewonnene Autorität auch die Irak-Frage für den Wahlkampf instrumentalisieren. Ohne die Flut, da bin ich sicher, hätte er die Wahl verloren. Und zwar deutlich.

Medienberater Spreng: "Ein Buch mit vielen saftigen Details würde meinen Ruf langfristig beschädigen"
AP

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SPIEGEL ONLINE: Werden wir denn das, was Sie an der Seite Stoibers erlebt haben, demnächst in einem Buch nachlesen können?

Spreng: (lacht) Leider nein.

SPIEGEL ONLINE: Es wäre aber doch sicherlich reizvoll?

Spreng: Natürlich, eine solche Fülle an Erlebnissen ist für einen Journalisten immer eine Versuchung. Doch was brächte es? Ein Buch mit vielen saftigen Details müsste es ja schon sein. Das würde vielleicht kurzfristige Aufmerksamkeit bringen - meinen Ruf aber langfristig beschädigen. Nein, das wäre nicht nur ein Akt der Illoyalität gegenüber Herrn Stoiber, sondern auch menschlich unanständig. Das einzige, was ich mir vorgenommen habe, ist ein Buch oder ein längerer Artikel über die beiden TV-Duelle. Denn auf die werden sich, da bin ich mir sicher, auch die nächsten Kanzlerkandidaten und ihre Berater einzustellen haben.

SPIEGEL ONLINE: Droht Ihnen nicht die Gefahr, jetzt für jeden journalistischen Job verbrannt zu sein?

Spreng: Ich hoffe nicht. Es wird sich die nächsten Monate zeigen, in wie weit meine 30 Jahre als Journalist schwerer wiegen als meine acht Monate als Berater. Im Übrigen: Es gibt manche Journalisten, die sind in ihrer Arbeit parteiischer als ich es an der Seite von Herrn Stoiber war.

SPIEGEL ONLINE: Was sind Ihre Zukunftspläne?

Spreng: Mein Ziel ist es, ein Portfolio an verschiedenen Beratungsaufträgen zu sichern und in Berlin ein Büro aufzumachen.

Das Interview führte Severin Weiland

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