ThemaMerkels RegierungRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Strategiedebatte bei den Grünen Eine Partei, alle Optionen

Grünen-Politiker Künast und Trittin: "Mehrheiten links der Mitte"?Zur Großansicht
REUTERS

Grünen-Politiker Künast und Trittin: "Mehrheiten links der Mitte"?

2. Teil: Wie die grüne Oppositionsstrategie aussehen sollte

Die Grünen sollten der Versuchung widerstehen, sich von der Linkspartei in einen sozialpolitischen Überbietungswettbewerb treiben zu lassen. Zu ihrem "Markenkern" gehört eine nachhaltige Finanzpolitik, die kommenden Generationen keinen Schuldenberg aufbürdet. Es ist zutiefst unsozial, laufende Staatsausgaben auf Pump zu finanzieren, und es ist ein gefährliches Spiel, Sozialausgaben auf Kosten der Investitionen hochzufahren. Wir haben bereits jetzt eine dramatische Schieflage in den öffentlichen Haushalten. Rentenzuschüsse, Pensionszahlungen und Schuldendienst übertreffen bei weitem die Investitionen in den künftigen Wohlstand des Landes. Die Ausgaben für Soziales und Arbeit sowie für Zinsen machen bereits 57 Prozent des Bundeshaushalts aus. Auf Forschung und Bildung entfallen ganze 3,5 Prozent. Die Vergangenheit frisst die Zukunft auf.

Die Lage wird noch dramatischer durch die neu aufgenommenen Schulden für Bankenrettungsfonds und Konjunkturprogramme sowie die Unterfinanzierung der Sozialsysteme. Wer so tut, als ließen sich die öffentlichen Haushalte allein über höhere Einnahmen ins Lot bringen, ist nicht von dieser Welt. Es geht nicht ohne Ausgabenbegrenzung bei Personal und Sozialleistungen. Alles andere verschiebt die Probleme in eine Zukunft, die durch eine abnehmende Zahl von Beitragszahlern und eine wachsende Zahl von Leistungsempfängern gekennzeichnet sein wird. Die Grünen sind als Partei der Nachhaltigkeit am ehesten fähig, auf diese Fragen unbequeme, aber ehrliche Antworten zu geben. Ob die SPD dazu fähig sein wird, kann bezweifelt werden - die Linkspartei ist es auf absehbare Zeit sicher nicht.

Lagerübergreifende Politik bedeutet keine Kuschelopposition

Von heute aus betrachtet, haben die Grünen noch keine realistische Koalitionsoption für die nächste Bundestagswahl. Schwarz-Gelb wird aller Voraussicht nach 2013 wieder antreten, die gemeinsame Mehrheit zu verteidigen. Dagegen auf eine "linke Mehrheit" zu setzen, spielt Union und FDP in die Hände. Umgekehrt macht es auch keinen Sinn, auf "Jamaika" zu spekulieren; das würde die Grünen nur in ihrer Oppositionsrolle behindern. Ihr Ziel muss sein, die jetzige Koalition zu stürzen und selbst drittstärkste Partei zu werden. Dann sind alle Optionen offen, von Ampel bis Schwarz-Grün.

Lagerübergreifende Politik bedeutet keine Kuschelopposition. Das Kunststück besteht darin, eine angriffsfreudige, aber konstruktive Oppositionsstrategie zu entwickeln. Haudrauf-Polemik und Dämonisierung des politischen Gegners mag Parteitage erfreuen, aber nicht die aufgeklärte Öffentlichkeit. Von den Grünen werden ein diskursiver Stil und Politikalternativen erwartet, die nicht unter den Problemlagen hinwegtauchen. Dabei geht es nicht nur darum, die Differenz zur Regierungskoalition deutlich zu machen, sondern auch die Unterschiede zu SPD und Linkspartei. Niemandem (außer der Regierung) ist mit einem linken Einheitsbrei in der Opposition gedient. Die Grünen müssen in der Sache polarisieren - nicht entlang von Koalitionsfragen. Ihnen muss es um Mehrheiten für ökologische Politik gehen statt um "Mehrheiten links der Mitte". Mögliche Koalitionen ergeben sich dann aus den Wahlergebnissen und aus der Sache.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
insgesamt 12 Beiträge
Klymer 26.10.2009
sicher können die grünen das. sie sollten im gegenteil darauf achten nicht stillschweigend als anhängsel von rot-rot wahrgenommen zu werden.
Zitat von sysopKönnen die Grünen links von der Mitte stehen - und gleichzeitig Bündnisse mit Union und FDP anstreben? Natürlich, meint Ralf Fücks - das historische Vorbild für diese Flexibilität ist die SPD. Linken Einheitsbrei in der Opposition hält der Chef der Boell-Stiftung für das falsche Konzept. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,657295,00.html
sicher können die grünen das. sie sollten im gegenteil darauf achten nicht stillschweigend als anhängsel von rot-rot wahrgenommen zu werden.
fmies 26.10.2009
Alle die jetzt bei den Grünen oder in der SPD nach links zielen oder mit den Linken zusammengehen wollen, sollten sich doch mal das Wahlprogramm der Linken in NRW für die Landtagswahl 2010 "reinziehen" oder updaten. s. [...]
Alle die jetzt bei den Grünen oder in der SPD nach links zielen oder mit den Linken zusammengehen wollen, sollten sich doch mal das Wahlprogramm der Linken in NRW für die Landtagswahl 2010 "reinziehen" oder updaten. s. www.dielinke-nrw.de Wer dann noch darüber nachdenkt mit den Linken in NRW zu koalieren dem ist nicht mehr zu helfen und das wäre der absolute Tod der SPD und auch der Grünen.
mephistofeles12 26.10.2009
Sie tun´s. Also können sie´s. Der Vergleich mit der SPD hinkt aber schwer. Die war ein Partner auf Augenhöhe und die Grünen sind der kleinste Zipfel von Jamaika. Was an grünen Ideen übrigbleibt, wenn sie sich mit den [...]
Zitat von sysopKönnen die Grünen links von der Mitte stehen - und gleichzeitig Bündnisse mit Union und FDP anstreben? Natürlich, meint Ralf Fücks - das historische Vorbild für diese Flexibilität ist die SPD. Linken Einheitsbrei in der Opposition hält der Chef der Boell-Stiftung für das falsche Konzept. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,657295,00.html
Sie tun´s. Also können sie´s. Der Vergleich mit der SPD hinkt aber schwer. Die war ein Partner auf Augenhöhe und die Grünen sind der kleinste Zipfel von Jamaika. Was an grünen Ideen übrigbleibt, wenn sie sich mit den Protagonisten des Neoliberalismus zusammentun, kann man sich vorstellen. Wählbar sind sie so jedenfalls nicht mehr. Bei der Diskussion werden - auch von Herrn Fücks - Macht und Wirkung zusammengemixt, als ob sie unzertrennbar wären. Wirkung hatten die Grünen wegen der Standhaftigkeit und der Inhalte, die sie vertraten. Wirkung kann man auch in der Opposition erzielen. Aber einen Ministerposten kriegt man da nicht.
gloton7 26.10.2009
Ralf Fücks hat total Recht; er könnte es noch deutlicher sagen: die Grünen haben bei der letzten Wahl versagt, sie haben Schwarz-Gelb durch ihre Dogmen erst ermöglicht! Schwarz-Gelb verhindern - geht es noch dümmer? Wie [...]
Zitat von sysopKönnen die Grünen links von der Mitte stehen - und gleichzeitig Bündnisse mit Union und FDP anstreben? Natürlich, meint Ralf Fücks - das historische Vorbild für diese Flexibilität ist die SPD. Linken Einheitsbrei in der Opposition hält der Chef der Boell-Stiftung für das falsche Konzept. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,657295,00.html
Ralf Fücks hat total Recht; er könnte es noch deutlicher sagen: die Grünen haben bei der letzten Wahl versagt, sie haben Schwarz-Gelb durch ihre Dogmen erst ermöglicht! Schwarz-Gelb verhindern - geht es noch dümmer? Wie verhindern? Durch knallharte Forderungen in der Sache! Dann hätten die Grünen mehr Prozente bekommen können als die FDP. Jetzt selbstgefällig auf dem fünften Platz sitzen zu bleiben, zeigt unbegreifliche Chuzpe. Trittin und Kühnast haben versagt und sollten die Konsequenzen ziehen. Gott sei Dank funktioniert das Verhältnis zur Basis noch besser als bei der SPD, aber nun ist Zeit für einen neuen Kurs mit neuen Gesichtern!
oberhuber 26.10.2009
Unverbesserlicherweise versucht Fücks den Elefanten im Raum immer noch zu ignorieren. Ob es ihm gefällt oder nicht, eine Machtbeteiligung der Grünen steht und fällt mit einer Einbindung der Linken. Die mehr als harzigen [...]
Unverbesserlicherweise versucht Fücks den Elefanten im Raum immer noch zu ignorieren. Ob es ihm gefällt oder nicht, eine Machtbeteiligung der Grünen steht und fällt mit einer Einbindung der Linken. Die mehr als harzigen Koalitionsverhandlungen bei Schwarz/Gelb sollten auch dem Letzten klar gemacht haben, dass Jamaika keine gangbare Option sein kann. Und Schwarz/Rot ist nun mal plausibler als Schwarz/Grün.
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Deutschland
alles zum Thema Merkels Regierung

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Zum Autor
Ralf Fücks, Jahrgang 1951, ist seit 1996 Vorsitzender der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung. 1982 schloss er sich den Grünen an und zog wenig später in die Bremische Bürgerschaft ein. In den neunziger Jahren war er Bundesvorstandssprecher der Grünen und Senator in der Bremer "Ampelkoalition". Fücks schreibt regelmäßig im stiftungseigenen Wahlblog .






TOP



TOP