Strategische Aufklärung Bundeswehr belauscht die Welt

Sie werkeln in Bunkern, auf Schiffen, in Panzern, lesen anderer Leute Fernschreiben, Faxe und E-Mails: Deutsche Soldaten hören mit Hilfe riesiger Antennen Funksprüche der Russen in Georgien ab, belauschen Telefonate der Taliban. Neuerdings späht die Bundeswehr mit Satelliten die ganze Welt aus.

Von Alexander Szandar


Das Klinkergebäude am Rand des Gewerbegebiets der rheinischen Ortschaft Gelsdorf ginge glatt als Sitz eines mittelständischen Unternehmens durch. In den schmucken Neubau zu gelangen, ist allerdings nicht einfach. Ein Stacheldrahtzaun umgibt das Areal: "Militärischer Sicherheitsbereich". Betreten ist nur mit einer speziellen Code-Karte möglich, Wachleute kassieren Mobiltelefone und Kameras ein. Fahrzeuge müssen durch eine Schleuse: Erst wenn das Gatter hinter dem Wagen eingerastet ist und die Insassen kontrolliert sind, rollt das vordere Tor beiseite und gibt die Weiterfahrt frei.

"Willkommen im Hochsicherheitstrakt", sagt schmunzelnd der Hausherr Friedrich Wilhelm Kriesel, 60, der einen grauen Schnauzbart trägt und eine blaue Luftwaffen-Uniform: "Willkommen im Kommando Strategische Aufklärung."

Aus seinem Büro in Gelsdorf unweit der vormaligen Bundeshauptstadt Bonn befehligt der Brigadegeneral knapp 7000 Soldaten. Etliche sitzen in einem sieben Etagen tiefen Bunker unter dem Grashügel gleich links neben der Einfahrt. Dort befindet sich die "Operationszentrale" des "KSA", dessen Hauptaufgabe laienhaft mit dem Begriff Spionage beschrieben wäre, offiziell aber "Aufklärung" lautet. Wegen der Kaukasus-Krise herrscht dort seit Wochen Hochbetrieb.

"Wir sind kein Geheimdienst", sagt der General, "wir arbeiten aber eng mit dem Bundesnachrichtendienst zusammen." Und so tragen die Berichte und Vorlagen, die Kriesels Mitarbeiter für Kanzleramt, Verteidigungsministerium und den BND verfassen, meist rote Stempel: "Geheim - amtlich geheimgehalten" .

Die Stationierungsorte der geheimniskrämerischen Truppen, die oft schlicht als "Fernmelder" firmieren, haben exotische Namen wie Faisabad, Masar-i-Scharif oder Prizren. Andere Stützpunkte klingen eher nach öder Abgeschiedenheit: Bramstedtlund, Bad Aibling, Daun in der Eifel. Dafür zählt die Ausrüstung zum Modernsten, was die Bundeswehr zu bieten hat.

Mit Hilfe riesiger Antennen hören Kriesels Leute aus Deutschland seit Wochen die Funksprüche der russischen Luftstreitkräfte ab, die im Kaukasus erst ein Manöver absolvierten und dann Anfang August plötzlich Bomben auf Georgien warfen. Um die 400 Meter Durchmesser hat etwa der kreisrunde Antennenwald bei Bramstedtlund unweit von Flensburg, der noch im Kalten Krieg unter dem Deckwort "Kastagnette" für die Abhörstelle namens "Fernmeldebereich 91" angelegt wurde.

Soldaten belauschen auch Telefonate von Taliban und Drogenbaronen am Hindukusch, die Mafia im Kosovo. In Rheinbach trainieren Computer-Hacker in Uniform, wie man Netzwerke und Web-Seiten lahmlegt. Spezialisten im ostbayerischen Hof tüfteln an Geräten und Software, mit denen sich Funkverbindungen, Radargeräte, Laserstrahler und Raketen potentieller Gegner stören lassen.

Kriesels Aufklärer werkeln in Bunkern, auf Schiffen, in Langstreckenflugzeugen und geländegängigen Panzerfahrzeugen. Sie lesen anderer Leute Fernschreiben, Faxe und E-Mails, peilen Funksender und Radaranlagen an. Neuerdings können sie mit eigenen Aufklärungssatelliten die ganze Welt ausspähen, bei Tag und Nacht, auch durch Nebel und dicke Wolken.

Ausgerechnet vom russischen Weltraumbahnhof Plessezk startete am 22. Juli der letzte von fünf Radarsatelliten ("SAR-Lupe") ins All, die aus 496 Kilometern Höhe jedes Fleckchen Erde - ausser den Polkappen - überwachen sollen. Noch läuft nur ein Probebetrieb, noch sind sie dem Kommando nicht formal zugeteilt. Dennoch: Wenn Kanzlerin Angela Merkel morgens Aufnahmen in Georgien stehender Russenpanzer wünscht, hat sie abends die Radarbilder nebst einem ausgiebigen schriftlichen Lagebericht auf dem Tisch - sozusagen probehalber.

Zu verdanken ist das aus fünf Himmelsspähern bestehende System der "Wut im Bauch", die der SPD-Verteidigungsminister Rudolf Scharping während des Balkan-Kriegs 1998/99 empfand: Die US-Verbündeten ließen der Bundeswehr nur wenige und dazu noch gefilterte Aufklärungsdaten zukommen. Zornig forderte der SPD-Mann, Deutschland und Europa benötigten "unabhängige" Mittel für die Aufklärung aus dem All.

So entstand 2002 das KSA. Ein Satellitenprojekt mit Frankreich scheiterte an den auf fünf Milliarden Euro geschätzten Kosten. Die Länder tauschen nun aber Daten aus: Von französischen Satelliten kommen bei klarem Wetter aufgenommene herkömmliche Fotos nach Gelsdorf. Die deutschen Späher, die das kleine Bremer Raumfahrtunternehmen OHB Systems für vergleichsweise bescheidene 370 Millionen Euro lieferte, können mit ihren Radaraugen dagegen durch Wolken gucken und erkennen sogar unter dem Blattwerk afrikanischer Wälder versteckte Fahrzeuge.

Im Vergleich zu den Computer-Batterien im Kontrollzentren der europäischen Weltraumbehörde wirkt auch die Satellitenkommandozentrale der Bundeswehr recht bescheiden: Ganze acht PC-Monitore stehen auf weißen Tischen in einer kaum 30 Quadratmeter großen Gelsdorfer Amtsstube. Zwischen zwei Fenstern zum Hof hängt ein haushaltsüblicher Flachbildschirm. Auf einer Weltkarte zeigt er Flugbahn und aktuelle Position der Satelliten.

Rund 90 Minuten benötigen sie für eine Erdumrundung. Der zuständige Oberst Reinhard Pfaff ("Die Radarsatelliten sind ein Quantensprung") lässt sie - per Mausklick - seit Wochen schon über den Kaukasus lenken. Offiziell in Dienst genommen werden sie erst im Herbst, wenn Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) einen vergangene Woche kurzfristig abgesagten Besuch in Gelsdorf nachholt.

Eine Absage erteilte Jung auch dem Wunsch, Spähflugzeuge des Aufklärungskommandos in Richtung Kaukasus zu schicken. Er fürchtet, die mit Elektronik vollgestopften zweimotorigen Propellerflieger des Typs "Breguet Atlantic" könnten über dem Schwarzen Meer von der russischen Marine abgeschossen werden.

Weil die Maschinen womöglich in einen Konflikt verstrickt würden, sagt Jung, sei gemäß den Regeln, die das Verfassungsgericht zum Einsatz deutscher Soldaten in AWACS-Aufklärern der Nato gesetzt habe, die Zustimmung des Bundestags erforderlich. "Wir haben aber kein Mandat", erklärte der Minister, nachdem er am vergangenen Dienstag die beiden grau-weiß lackierten Flugzeuge beim Marinefliegergeschwader in Nordholz besichtigt hatte.

Dabei leisten die gut 40 Jahre alten Flieger, die locker 14 Stunden in der Luft bleiben können, gute Dienste. Wie im Kalten Krieg, als unter Codes wie "Eastern Express" regelmäßig Spionageflüge längs der Ostseeküsten der DDR, Polens und der Sowjetunion stattfanden, fliegen sie jetzt wieder weit nach Osten, belauschen die russischen Streitkräfte. Sie waren während der Balkan-Kriege über der Adria unterwegs und halfen 2003 sogar, in der Sahara entführte Deutsche aufzuspüren.

Bis 2010 werden die betagten Breguets wohl noch fliegen. Dann sollen sie durch unbemannte Lauschflieger namens "Eurohawk" ersetzt werden - wenn der Bundestag die nötigen Mittel bewilligt.

Auch die verharmlosend als "Flottendienstboote" bezeichneten Aufklärungsschiffe des KSA dürfen vorerst nicht ins Schwarze Meer. "Alster", "Oker" und "Oste" sind ebenfalls mit Lausch- und Spähelektronik angefüllt. Aus internationalen Gewässern im Schwarzen Meer könnten sie Hunderte Kilometer weit Telefonate ziviler Stellen und Funksprüche der Bodentruppen in Georgien und Russland erfassen. Sie dümpeln derzeit aber im Kieler Tirpitzhafen. Aufsehen erregten sie erstmals vor zwei Jahren: Die "Alster" begleitete die Unifil-Flotte, die vor dem Libanon den Waffenschmuggel für die Hisbollah unterbinden soll.

Israels Militär vermutete zurecht, dass das Schiff alle Sendeanlagen und Radarstationen an Land registrieren und den militärischen Funk abhören würde. Um zu zeigen, wer Herr in der Region ist, flogen israelische Kampfjets einen spektakulären Scheinangriff - den die "Alster" selbstverständlich mit detaillierten Ton-, Video- und Infrarotaufnahmen dokumentierte.

"Wir sind kreative Jäger und Sammler", sagt der General Kriesel. Wie Staubsauger schafften seine Soldaten massenhaft Informationen heran: "Das Problem ist nicht die Nachrichtengewinnung, sondern die rechtzeitige Auswertung." Schließlich wolle man die Truppen in Afghanistan informieren, bevor ein Anschlag verübt wird, "nicht erst hinterher".

Knapp ist da vor allem sprachkundiges Personal. Während es in der Bundeswehr genügend Offiziere gibt, die Russisch sprechen, erwiesen sich Kenner der französischen Sprache beim Kongo-Einsatz 2006 als absolute Mangelware. Am Hindukusch sollten die Fernmelder, die aus Containern in den Bundeswehr-Camps oder mit antennenbewehrten Panzerfahrzeugen wie "Fuchs" und "Dingo" Telefonate belauschen, tunlichst sogar drei exotische Fremdsprachen beherrschen. Die "Aufständischen", wie Taliban, Warlords und Drogenbarone neuerdings pauschal heißen, wechseln im Gespräch gern zwischen Dari, Paschtu und Farsi.

Die Tonaufzeichnungen aus Afghanistan werden deshalb zur Auswertung meist in die rund 800 Soldaten starke KSA-Zentrale übermittelt. Um das Auswerten zu beschleunigen, basteln Tüftler der in Hof ansässigen Abteilung "Weiterentwicklung" an einer "automatisierten Spracherkennungsmaschine", die gesprochene Worte auch in geschriebene Texte umwandeln soll. Sie sind aber noch nicht sehr weit gekommen.

Erfolgreicher waren die Bastler in Uniform bei der Entwicklung von Störsendern, die per Mobilfunk gezündete Sprengfallen zumindest vorübergehend unschädlich machen. Die Soldaten am Hindukusch verfügen nun über sogenannte "Jammer", die einzelne Fahrzeuge aber auch ganze Patrouillen-Konvois gegen ferngezündete Sprengsätze schützen können.

Die Störsender nützen allerdings nichts, wenn eine Sprengladung ganz primitiv mit Hilfe eines Drahtes zur Detonation gebracht wird. So wie es vergangene Woche in der Nähe von Kunduz geschah: Ein Bundeswehrsoldat starb, drei weitere wurden verletzt.



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