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S.P.O.N. - Im Zweifel links: Stark durch Streik

Eine Kolumne von

"Streikrepublik" Deutschland? Erzieher, Lokführer, Postboten, Lehrer - sie alle streiken Zur Großansicht
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"Streikrepublik" Deutschland? Erzieher, Lokführer, Postboten, Lehrer - sie alle streiken

Lokführer, Postler, Kindergärtner - Deutschland im Arbeitskampf. Aber die Warnungen vor der "Streikrepublik" sind Unsinn. Es wird Zeit, dass sich die Arbeitnehmer ihr Stück vom Kuchen holen.

Arbeitskampf - wir haben das Wort lange nicht gehört. Nun ist es in aller Munde. Überall im Land wird gestreikt. Postler wehren sich gegen den Verkauf ihrer Filialen. Die Gewerkschaft der Lokführer (GDL) kämpft um ihr Streikrecht. Erzieher fordern mehr Geld. Höchste Zeit, nach so vielen Jahren des gebückten Ganges. Aber es geht um mehr als die Höhe der Löhne. Der Wert der Arbeit wird neu verhandelt.

Die Büchsenspanner des Kapitals werden unruhig. Die wirtschaftsfreundlichen Blätter "Welt" und "Handelsblatt" warnen vor der "Streikrepublik". Die Arbeitgeber fürchten das Schlimmste: 2015 könnte das stärkste Streikjahr seit beinahe zehn Jahren werden. Das Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln rechnet damit, dass heuer mehr als 430.000 Arbeitstage ausfallen. Schon im vergangenen Jahr hatte der Chefvolkswirt der Allianz gesagt: "Ich fürchte, dass viele Menschen glauben, dass wir nach Jahren der Lohnzurückhaltung nun in ein goldenes Jahrzehnt einsteigen." Und das wäre - natürlich - "sehr gefährlich".

Medien auf der Seite der Arbeitgeber

Gefährlich? Für wen? Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" hat gerade noch einmal die implizite Drohung des Kapitals erläutert: "Der Wettstreit um größere Anteile am Wohlstandskuchen führt leicht dazu, dass der Kuchen insgesamt nicht mehr wächst, sondern schrumpft." So ist das also. Es soll jeder schön an seinem Platz bleiben. Wer mehr will, der bekommt am Ende weniger. Jedenfalls wenn er ein Arbeitnehmer ist. Wobei in Wahrheit ja der Arbeitnehmer seine Arbeit gibt, und der Arbeitgeber sie nimmt. Das nur am Rande.

Es ist immer wieder bemerkenswert, dass die Sorge um den Kuchen nur dann aufkommt, wenn sich die Arbeitnehmer ein größeres Stück genehmigen wollen. Wenn die Unternehmen ihre Gewinne steigern, wenn die Aktionäre ihre Coupons zur Bank tragen. Wenn für die Leute, die die Arbeit machen, nur Krümel bleiben, beklagen sich unsere Zeitungen nicht darüber.

Das ist die Gerechtigkeit der Habenden. Man kennt das: Da sitzen drei am Tisch und es werden zwei Stücke vom Kuchen abgeschnitten - und der dritte nimmt sich den Rest und sagt mit vollem Mund: Was wollt ihr? Sind doch drei Stücke...

Brave Gewerkschaften

Es war das Versäumnis der Gewerkschaften, diesem Treiben viel zu lange tatenlos zuzusehen. Und die Spaltung der Arbeitnehmerschaft in vergleichsweise gut verdienende Industriearbeiter und den immer schlechter gestellten Rest hinzunehmen. Kein Wunder, dass der Bundespräsident im vergangenen Jahr den scheidenden DGB-Chef Michael Sommer mit diesen warmen Worten verabschiedete: "Danke, lieber Herr Sommer, für Ihre Hingabe und Ihre Hartnäckigkeit, für Ihre Weitsicht und auch für Ihre Kompromissbereitschaft, wenn sie nötig wurde."

Die Gewerkschaften waren in Deutschland so "kompromissbereit", dass die Lohnkosten im verarbeitenden Gewerbe von 2003 bis 2013 gegenüber Frankreich, Italien und Spanien um durchschnittlich 15 Prozent fielen. Ökonom Hans-Werner Sinn freut sich: "Das brachte die Wende."

Und wie: In einem Entwurf zum Armutsbericht der Bundesregierung, der im Herbst 2012 an die Öffentlichkeit geraten war, fanden sich diese Zeilen: "Während die Lohnentwicklung im oberen Bereich positiv steigend war, sind die unteren Löhne in den vergangenen zehn Jahren preisbereinigt gesunken. Die Einkommensspreizung hat damit zugenommen." Diese verletze "das Gerechtigkeitsempfinden der Bevölkerung" und könne "den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden". Im abschließenden Bericht war das dann gestrichen.

Ver.di im Recht

Jetzt sollen endlich die gröbsten Ungerechtigkeiten beseitigt werden. Es ist richtig, dass sich die Gewerkschafter von Ver.di das Recht nehmen, nicht nur die Lohnhöhe zum Kampfthema zu machen - sondern die Lohnstruktur. Warum bezahlen wir die Leute, die sich um unser Geld kümmern, besser als die, die sich um unsere Kinder kümmern?

Wonach bemisst sich der Wert der Arbeit? Die herrschende Wirtschaftslehre will, dass der Lohn sich nach der wirtschaftlichen Entwicklung richtet, nach Profit und Gewinnen an Effizienz. Aber das ist ein unsinniger Maßstab, wenn es um die Betreuung alter Menschen geht oder um die Erziehung junger.

"Auch wenn es weh tut"

Das Gerechtigkeitsgefühl der Deutschen ist verletzt. Es ist ein Murren im Land und das wird nun laut im Arbeitskampf. Murren, das ist ein biblisches Motiv. Ernst Bloch hat geschrieben, das Murren der Kinder Israels bedeutet nichts weniger als "das Messen der Taten Jahwes an seiner Verheißung, ... die Messung Gottes an seinem Ideal."

Die Gewerkschaften übernehmen jetzt den Job, die Realität unserer sogenannten sozialen Marktwirtschaft wieder an ihrem Ideal zu messen. Höchste Zeit. Der Links-Politiker Klaus Ernst, selbst lange Jahre IG-Metall-Funktionär, hat gesagt, die Aufgabe der Gewerkschaften sei es nicht, "für Ruhe in den Betrieben und im Land zu sorgen und möglichst wenig zu streiken", sondern die Interessen ihrer Mitglieder möglichst effektiv durchzusetzen, "auch wenn es manchmal weh tut."

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insgesamt 235 Beiträge
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1. Gewerkschaft... eine faule Truppe..
dedroog 14.05.2015
..damals waren mal die Gerwerkschaften für die Arbeitnehmer da und haben vieles an Gerechtigkeit erkämpft!...heute sitzen da nur noch die Verwalter, die sich auf den Loorbeeren der Väter und Großväter satt und faul ausruhen...und als einzige Aktivität fälschlicherweise den Namen führen... Als SPD Schröder damals den Sozialstaat verhökert hat - haben unsere Verdis und Co brav mitgemacht... Vielleicht sollten die Verdis (positive Ausnahme: GDL) endlich mal aufwachen, bevor der Mitgliederschwund einsetzt. Ein gutes Beispiel ist der aktuelle Poststreik von Verdi: Es geht nur darum, die Pfründe der Festkräfte zu vergrößern - um die eigentlichen Knackpunkten wie neue Regionalgesellschaften, Befristungen und illegale Abrufkräfte wird sich nicht gekümmert...könnte Arbeit bedeuten
2.
Aquifex 14.05.2015
"Wonach bemisst sich der Wert der Arbeit? Die herrschende Wirtschaftslehre will, dass der Lohn sich nach der wirtschaftlichen Entwicklung richtet, nach Profit und Gewinnen an Effizienz. Aber das ist ein unsinniger Maßstab, wenn es um die Betreuung alter Menschen geht oder um die Erziehung junger." Blöderweise ist das aber gar nicht die Frage, sondern "wer soll das denn bezahlen?". Wenn Erzieher(innen) ihr Wunschgehalt bekämen, dann muß das entweder die Allgemeinheit tragen - durch Erhöhung von Steuern und/oder Sozialversicherungsbeiträgen - oder eben die, die diesen Service in Anspruch nehmen. Damit würde Kinderbetreuung aber so teuer, daß die Eltern es doch lieber wieder selbst machen, weil die Kosten in keiner Relation zum Nutzen stehen. ...und gant plötzlich wäre dann das Betreuungsgeld eine ganz interessante Sache... Und hier ist dann auch klar, warum das mit den Gehältern der Leute, die sich um unser Geld kümmern, kein Problem ist. Da stimmt das Verhältnis halt (bis es mal richtig große Probleme gibt, aber das ist nochmal eine andere Sache). Der Vergleich ist schlicht albern und dient lediglich der Provokation. Man könnte ja auch fragen, warum man die Leute, die sich um unsere Autos kümmern, besser bezahlt.... Das ist dann aber nicht so provokativ, hmm? Was den Bereich Alten- und Krankenpflege angeht, wäre ich sehr dafür, die entsprechenden Gehälter angemessen hoch anzusetzen und würde dafür auch höhere Abgaben zahlen. Was Kinder angeht möchte ich vor allem an die Vernunft der werdenden Eltern appelieren, sich genau zu überlegen, ob sie ihre Kinder denn nun erziehen können, oder nicht, auf welche Weise auch immer. Wenn sie das nicht können, ist es nur vernünftig, auf Kinder zu verzichten und nicht, wenn sie dann da sind, um Hilfe zu rufen.
3. Pure Polemik, Herr Augstein.
Schlaflöwe 14.05.2015
Die Gewerkschaft der Lokführer kämpft überhaupt nicht um ihr Streikrecht, sie hat es und sie missbraucht es durch den Konkurrenzkampf gegen die Gewerkschaft EVG. Einen Tarifabschluss will sie nicht, Schlichtung lehnt sie konsequent ab. Sie will der EVG Mitglieder abspenstig machen und damit die Machtgier des Gewerkschaftsführers Weselsky befriedigen. Dieses Ziel unterstütze ich ausdrücklich nicht.
4.
ClausWunderlich 14.05.2015
Darum gehts doch nicht sondern darum wie groß das Stück vom Kuchen ist. Und was ich auch "beobachten" kann ist das immer mehr Arbeitnehmer das Stück auch noch selber zahlen. Das geht dann über weniger Personal so das die die was vom Kuchen abbekommen haben mehr arbeiten müssen. Oder es werden Überstunden einfach nicht mehr bezahlt.
5. Erstaunlich,
Bundesbanker 14.05.2015
dass der Spiegel aus der Phalanx der übrigen Medien ausschert und mit wohlgesetzten Worten sagt, wie es wirklich ist! Viel zu lange haben die Arbeitnehmer still schweigend akzeptiert, dass die Reallöhne stetig sinken, die Arbeitgeber sich hingegen Jahr für Jahr ein größeres Stück vom Kuchen genehmigen. Nach dreißig Jahren Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft habe ich mich zuletzt immer öfter gefragt, wessen Interessen meine Interessenvertretung eigentlich vertritt. Klar, der Betriebsfrieden muss gewahrt werden, aber doch sicher nicht dadurch, dass die Gewerkschaften immer diejenigen sind, von denen Mäßigung und Einlenken verlangt wird?!
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Jakob Augstein
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