Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal: Wo ist die deutsche Maggie Thatcher?

Eine Kolumne von

Kann die Regierung endlich einschreiten? Statt über neue Gesetze gegen Stress am Arbeitsplatz zu sinnieren, sollte sie lieber gegen Stress im Alltag vorgehen - und die Gewerkschaften an die Leine legen.

Es heißt, in Deutschland würden mit dem Streik der Lokführer italienische Verhältnisse einkehren. Das ist der falsche Vergleich. Wenn es so weiter geht, landen wir nicht bei italienischen, sondern bei britischen Verhältnissen. Das ist weit bedrohlicher.

Der Blick in die Geschichte der Nachbarinsel zeigt, wohin ein Industrieland kommt, wenn Gewerkschaften ungehindert ihre Interessen gegen die Allgemeinheit durchsetzen. "Secondary picketing" nannten sie dort im Winter 1978/79 ihre Methode, durch gezielte Aktionen Teile des öffentlichen Lebens lahmzulegen. Nachdem die Tanklastwagenfahrer kein Benzin mehr auslieferten, traten die Eisenbahner in den Ausstand, dann die Fahrer von Krankenwagen und die Müllabfuhr. "Kein Land hat bis jetzt den Weg vom entwickelten zum unterentwickelten Land zustande gebracht", sinnierte der "Guardian" im berühmten Winter of Discontent: "Großbritannien könnte das erste sein."

Es ist zweifellos der große bleibende Verdienst von Margaret Thatcher, die Macht der Gewerkschaften gebrochen zu haben. Wer über die Unnachgiebigkeit der Eisernen Lady klagt, vergisst, wo Großbritannien stand, bevor sie das Ruder übernahm: Nach fast fünf Jahren Labour-Regierung war die Produktivität auf das Niveau der DDR gesunken. Dafür konnten die Arbeiterführer ungehindert damit drohen, das Land ins Chaos zu stürzen, wenn die Gegenseite nicht umgehend ihren Forderungen nachkam.

Man wünschte sich, auch wir hätten eine Margaret Thatcher, die mit dem Streikspuk Schluss macht, der Deutschland in Atem hält. Aber wir haben nur Andrea Nahles. Also wechseln sich die Eisenbahner und die Piloten nun im Wochentakt ab, um ihre Macht zu demonstrieren. "Erzwingungsstreik" nennt das der Anführer der Eisenbahner.

Schon jetzt ist klar, dass der Ausstand nicht nur Nerven, sondern auch Arbeitsplätze kosten wird, weil er die Unternehmen zu einem Zeitpunkt schwächt, an dem sie mit den Frühsymptomen eines Konjunktureinbruchs zu kämpfen haben. Doch alles, was man von der Arbeitsministerin zu sehen bekommt, ist ein Foto mit dem Verband, den sie tragen muss, weil sie sich beim SMS-Tippen eine Sehnenscheidenentzündung zugezogen hat. Wer auf Dienstwagen und Regierungsflieger ausweichen kann, sieht die Dinge weniger dringlich als Leute, die auf funktionierende Transportmittel angewiesen sind.

Wer ist der Feind der Streikführer?

Es ist nahezu lächerlich: Ständig redet die Regierung davon, dass sie die psychische Belastung am Arbeitsplatz minimieren wolle. Vor wenigen Wochen erst hat Nahles eine "Anti-Stress-Verordnung" angekündigt. Dabei wäre der einfachste Weg, die Volksgesundheit zu heben, dafür zu sorgen, dass die Leute wie geplant das Wochenende oder den Urlaub verbringen können, statt mit ihren Kindern auf Bahnhöfen und Flughäfen festzuhängen.

Im Arbeitsministerium arbeiten sie angeblich mit Hochdruck an einem Gesetz, dass streikfreudige Lilliputorganisationen wie die Gewerkschaft der Lokführer in ihrem Einfluss beschränkt werden. Im November soll es vorliegen, aber der Regierungssprecher dämpft bereits die Erwartungen: Gründlichkeit gehe hier vor Schnelligkeit. Wie schnell die Arbeitsministerin sein kann, wenn ihr etwas wirklich am Herzen liegt, hat sie gezeigt, als sie ihre Rente mit 63 durch den Bundestag peitschte. Mit der Tarifautonomie kann sich dabei niemand herausreden: Die hat schon beim Mindestlohn keinen mehr interessiert.

Die Piloten streiken zum achten Mal innerhalb von sechs Monaten, die Lokführer bereiten sich auf den sechsten Streik innerhalb weniger Wochen vor, wobei schon lange nicht mehr klar ist, wen die Streikführer als ihren eigentlichen Feind ansehen: die Vorstände der Unternehmen, die sie in die Knie zwingen wollen, oder die Kunden, die sie zur Machtdemonstration quälen. Wenn das Ganze vorbei ist, wird der schöne Begriff "Solidarität" endgültig so verschlissen sein, dass jeder normale Mensch nur noch lachen kann, wenn er ihn das nächste Mal in einem Arbeitskampf hört.

In den Zeitungen wird der Anführer der Lokführergewerkschaft Claus Weselsky als eine Art sächsischer Napoleon porträtiert, dem es nur um sein Ego geht. Aber das lässt außer acht, dass er sich bis heute auf den Beistand seiner Kollegen im Gewerkschaftslager verlassen kann. Niemand steht dort auf und ermahnt den Mann, es nicht zu übertreiben. So wie auch niemand aufgestanden ist, als Weselsky Behinderte als etwas bezeichnete, das herauskommt, "wenn sich zwei Kranke miteinander ins Bett legen".

In jeder anderen politischen Organisation wäre man nach so einem Satz raus, nur nicht in der deutschen Gewerkschaftswelt. Der einzige mit Gewicht, der dort an den Äußerungen öffentlich Anstoß nahm, war der Vorsitzende der konkurrierenden Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft, dessen Sohn behindert zur Welt kam, bevor er starb.

Wie man sieht, ist den Anführern der deutschen Gewerkschaftsbewegung schon vor längerem ein Gefühl dafür abhanden gekommen, was anständig ist und was nicht. Um das zu beweisen, brauchte es gar keinen Streik.

Lufthansa-Streik am 20. und 21. Oktober
Die Piloten der Lufthansa werden ab Montag, 13 Uhr, bis Dienstag, 23.59 Uhr streiken - betroffen sind Kurz- und Mittelstreckenflüge und am Dienstag ab 6 Uhr auch Langstreckenflüge. Die wichtigsten Infos für Reisende finden Sie hier.

Newsletter
Kolumne - Der schwarze Kanal
Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 331 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Klare Ansagen
karend 21.10.2014
"I want my money back." Das werden wir nicht hören.
2.
t.h.wolff 21.10.2014
Wieder so ein Bericht aus der Anderswelt des Autors.
3. Gewerkschaften an die Leine legen? Nicht die Platzhirsche!!!
westerwäller 21.10.2014
Nahles arbeitet ja daran, die Monopolstellung des DGB wieder herzustellen ... Trotz der höchstrichterlichen feststellungen, dass dies verfassungswidrig ist ... Der DGB hält sich bedeckt und lässt seine SPD-Lobby arbeiten ...
4. Mutti
fpwinter 21.10.2014
mischt sich da halt nicht ein. Ob wohl sie ihre Tina-Politik ("das ist alternativlos") 1:1 von Maggie Thatcher übernommen hat ("There is no alternative"). Andrerseits: wer braucht hier schon eine neue Margaret Thatcher...?
5. Bloß das nicht.
hemtech 21.10.2014
Maggie Thatcher hat England gründlich deindustriealisiert, ohne die negativen Ergebnisse aufzufangen. Die Folge ist ein heutiges England, absolut abhängig vom Finanzstandort London, wo weder Produkte hergestellt noch irgend etwas exportiert wird. Der gesamte Norden ist verarmt, wo früher Zechen und Werften waren, herrscht heute Arbeitslosigkeit. Das brauchen wir hier nun wirklich nicht. Und ehrlich, wann gab es denn die letzten nennenswerten Lohnerhöhungen, nicht nur bei der Bahn? Wir haben da ein Defizit, lasst also die Tarifpartner aushandeln, was sie glauben aushandeln zu müssen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Jan Fleischhauer


Facebook

Anzeige
  • Jan Fleischhauer:
    Der schwarze Kanal
    Was Sie schon immer von Linken ahnten, aber nicht zu sagen wagten.

    Rowohlt Taschenbuch Verlag; 224 Seiten; 12,99 Euro.

  • Bei Amazon bestellen.

SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: