Streit im Kiez: Berliner Politiker will Szene-Clubs retten

Von Christian Pfaffinger und Luise Poschmann

Berlin droht, seine Szene zu verlieren. Immer mehr Clubs müssen schließen, weil Nachbarn sich beschweren und Investoren mehr Profit wollen. Jetzt nimmt die Politik Geld in die Hand, um den Ruf der hippen Hauptstadt zu retten.

Bedrohte Szene: Wo Berliner Clubs verdrängt werden Fotos
Chris Keller / Bobsairport

Berlin - Im Club "Schokoladen" trifft man sie: die alternative Szene, für die Berlin so berühmt ist. Hier treten unbekannte Bands auf, Punks und Songwriter. Auch ein Theater und Ateliers gehören zu dem Projekt in Mitte. Und ein Publikum, das dieses Angebot schätzt, gerne feiert und manchmal in den Hauseingang von Sven Kraus pinkelt. Der 32-jährige wohnt im Haus gleich neben dem Club. Er findet den "Schokoladen" zwar generell gut, ärgert sich aber über Scherben und Urin vor seiner Haustür. Immerhin sei der Krach etwas weniger geworden. Seit letztem Sommer müssen die Konzerte um 22 Uhr vorbei sein. Für einen Szeneladen ist das bitter.

Damit ist der "Schokoladen" nur einer von vielen Berliner Clubs, die mit immer härteren Auflagen zu kämpfen haben. Die Partyhauptstadt fürchtet schon um ihren Ruf, von einem Clubsterben ist die Rede.

Die Szene hat zwei Probleme: Anwohner und Investoren.

Den Nachbarn ist es meistens zu laut, vor allem das Laufpublikum stört sie. Deshalb rufen sie die Polizei. "Dabei beschweren sich meistens immer die Gleichen", meint "Schokoladen"-Sprecherin Anja Gerlich. "Und ein einzelner Mieter kann dafür sorgen, dass ein Club zumachen muss."

Härter trifft den "Schokoladen" allerdings das zweite Problem: der Mietvertrag wurde schon vor Jahren gekündigt, und der neue Investor will keinen Underground-Club sondern schicke Wohnungen in seiner Immobilie. Seit 2005 herrscht Streit, im Februar 2012 sollte der "Schokoladen" geräumt werden. Nach Protesten und Bitten gab es nun einen Aufschub bis Ende März. Das beruhigt die Betreiber nicht. Es gibt zwar ein Angebot einer Stiftung, die das Gebäude kaufen und den "Schokoladen" erhalten würde. Aber Anja Gerlich und ihre Kollegen haben Angst, dass das nicht reicht.

Beschwerden sind das Aus für hippe Clubs

Die Rettung für die Clubs könnte nun aus der Politik kommen. Zum Beispiel von Christian Goiny. Der 46-jährige CDU-Politiker sieht nicht wie ein typischer Club-Gänger aus. Er trägt einen dunkelgrauen Anzug, die Schuhe glänzen frisch geputzt und die Krawatte sitzt perfekt. Trotzdem will der Volljurist aus dem Abgeordnetenhaus Berlins Discos retten - vor Umzug, Schließung, Niedergang.

Deswegen hat Goiny bereits in der letzten Legislaturperiode eine Kleine Anfrage zur Lage der Club-Szene eingebracht. Die Antwort war erschreckend: Schon damals waren 15 Discos akut bedroht. Für Goiny nicht hinnehmbar. "Dass Clubs auch mal den Standort wechseln, ist ganz normal", sagt Goiny. "Das Neue ist, dass praktisch ganze Stadtteile geräumt werden." Vor allem der Prenzlauer Berg drohe zu einer Schlafstätte zu verkommen.

Vor einem Jahr machte dort das legendäre "Knaack" nach fast 60 Jahren dicht, vor wenigen Wochen dann das hippe "Icon", und Ende Januar schloss der von DDR-Nostalgie beseelte "Klub der Republik". Bei allen dreien hatten sich Anwohner über Lärm beschwert. Zugezogene seien das, murren die Clubbesitzer.

Zur Verbesserung der Lage der Musikszene Berlins hat sich das rot-schwarze Bündnis unter dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) ein sogenanntes "Music Board" in den Koalitionsvertrag geschrieben. Eine Million Euro soll laut Senatskanzlei bereitgestellt werden, um die Musik- und Clubszene in Berlin zu unterstützen, beispielsweise bei der Vernetzung oder der Standortsuche.

Dem CDU-Politiker Goiny schwebt ein Konzept vor, in dem es Töpfe für alle Bereiche gibt - Großveranstaltungen, Jugendmusikförderung, aber eben auch für kleinere Projekte. Weiter ausgeführt ist das Konzept noch nicht. Orientierung soll aber das international erfolgreiche Medienboard Berlin-Brandenburg bieten. Finanzielle Hilfe, gekoppelt mit öffentlicher Vermarktung.

Es sind Menschen wie Lutz Leichsenring, die große Hoffnungen in das "Music Board" setzen. Der 33-Jährige ist in der Berliner Clubszene aktiv und engagiert sich in mehreren Initiativen für einen Erhalt der Discos - Aufmerksamkeit hat er in jedem Fall schon geweckt. Leichsenrings nächstes Ziel: der aktive Einsatz der Politik auch für die Clubs. "Bisher machen Ämter und Investoren gemeinsame Sache, Clubbetreiber werden nicht als Unternehmer ernst genommen", sagt er.

Rettungsschirm für Berliner Clubs

Mit dem Geld aus dem "Music Board" könnten zum Beispiel Anwälte bezahlt werden, die in Verhandlungen mit Behörden, Investoren und Anwohnern die Interessen der Szene vertreten. Außerdem sollen Clubs in der Stadtplanung beachtet werden. "Will man nicht gezielt Clubs im Wedding, in Moabit oder Schöneberg ansiedeln?", fragt Lutz Leichsenring und fährt fort: "Die Szene darf nicht in die Randbezirke verdrängt werden. Wir wollen Berlin trendig halten."

In der öffentlichen Debatte wird das "Music Board" schon als Rettungsschirm für die Berliner Clubs gefeiert. Das stört Richard Meng. Er ist Staatssekretär und Sprecher der Senatskanzlei, wo das Projekt angesiedelt ist. Meng kritisiert, dass es in der Diskussion vorwiegend um die Discos geht und die allgemeine Musikförderung in den Hintergrund gerät. Von einem Problem in der Clubszene will Meng nichts wissen. "Ich bezweifle ohnehin, dass es wirklich ein 'Clubsterben' gibt", meint der Sprecher der Senatskanzlei. "Berlins Clubszene hat noch immer eine große Anziehungskraft."

Auch er will das "Music Board" für die Musikszene insgesamt - die Discos seien nur ein Teil des Konzepts. Meng sagt: "Die Clubs sind ein lebendiges Stück von Berlin - trotzdem kann es sein, dass einzelne vielleicht nicht am richtigen Ort sind und sich damit Veränderungen ergeben." Schließlich sei es in einer Großstadt normal, dass die Szene sich verlagere.

Für die akut bedrohten Clubs würde das "Music Board" allerdings ohnehin zu spät kommen. Denn in der Politik mahlen die Mühlen bekanntlich langsam. Vor 2013 ist nicht mit einem fertigen Konzept aus der Senatskanzlei zu rechnen. Anja Gerlich vom "Schokoladen" hofft, dass die Berliner Szene dann mehr Unterstützung erhält. Und dass es den Club selbst bis dahin noch gibt.

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1.
pannenbaker 27.03.2012
Das alte Spiel: Leute, die in der lebendigen Innenstadt wohnen wollen, aber bitte mit der Ruhe eines Häuschens am Waldrand. Und wenn Einzelne es dann geschafft haben, die Vielen zu vertreiben, reibt man sich irgendwann erstaunt die Augen, wenn man feststellt, dass der einst so hippe Stadtteil plötzlich mausetot ist.
2. Besitzstandswahrung
Bourgeois2000 27.03.2012
Zitat von sysopBerlin droht, seine Szene zu verlieren. Immer mehr Clubs müssen schließen, weil Nachbarn sich beschweren und Investoren mehr Profit wollen. Jetzt nimmt die Politik Geld in die Hand, um den Ruf der hippen Hauptstadt zu retten. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,811653,00.html
Klingt erst mal toll aber lebt die berliner Clubszene nicht von ihrer Dynamik. Was kommt als nächstes? Quoten um dafür zu sorgen, dass neue Clubs den alten nicht das Wasser abgraben?
3. Na ja wieder diese typischen Unterstellungen...
n.holgerson 27.03.2012
Na ja wieder diese typischen Unterstellungen... Ich würde mal sagen 99,99% aller Leute in Deutschland wohnen in einer normalen Wohngegend. Da gibt es schon "Probleme" mit dem Nachbarn, wenn der Hund zu oft bellt... Aber hier können sich alle mal schön aufspielen. Da werden die Anwohner als "böse" Menschen hingestellt. Da fordert man Toleranz die der Großteil der Bevölkerung selber gar nie erbringen muss oder würde. Das Problem ist doch eindeutig: Nicht die Clubs an sich sind das Problem, sonder das asoziale Verhalten ihrer Besucher. Würden die ihren Müll nicht überall hinschmeißen, überall hinurinieren und mal ihr Hirn einschalten, wenn sie die Clubs verlassen (Lautstärke). Und das ist doch der eigentliche Witz an der ganzen Sache. Da wird der Anwohner als Störenfried ausgemacht und faktisch ist der asoziale Besucher das Problem. Da fragt man sich doch ernsthaft, für wen sich manche einsetzten.
4.
santosilver 27.03.2012
Zitat von pannenbakerDas alte Spiel: Leute, die in der lebendigen Innenstadt wohnen wollen, aber bitte mit der Ruhe eines Häuschens am Waldrand. Und wenn Einzelne es dann geschafft haben, die Vielen zu vertreiben, reibt man sich irgendwann erstaunt die Augen, wenn man feststellt, dass der einst so hippe Stadtteil plötzlich mausetot ist.
Dieses Argument ist ausgelatscht und tot. Waldrand? Mitten in der City? Das ist schöner Bullshit. Aber wenigstens ab 23 Uhr schlafen können, das ist in einer leistungsorientierten Gesellschaft nicht zu viel verlangt. Ein Bewohner reicht, um einen Club kaputt zu machen? Ein Club reicht, um einen ganzen Block in den Wahnsinn zu treiben. Anstatt hier zu moderieren und zu befrieden, sorgt sich der Senat um den schön-scheusslichen Touristenboom. Keiner will ein spießiges Berlin, aber auch kein Ballermannshausen. Was tun?
5. Go Tempelhof
weizenbier warrior 27.03.2012
Man könnte doch alle Clubs auf das Tempelhofer Feld verlegen und es als "Welt größte Party-Location" verkaufen...
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