Streit mit Sarkozy Deutsche Roma-Lager? Fehlanzeige

Frankreichs Präsident Sarkozy behauptet, auch Deutschland wolle Roma-Lager räumen - was Kanzlerin Merkel dementiert. Denn Menschen, die wild campieren, sind hierzulande die absolute Ausnahme. Allerdings haben Roma mit Diskriminierung zu kämpfen, selbst Kindern droht Abschiebung.

DDP

Von Andreas Grieß, und


Hamburg/Berlin - Die Äußerung von Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy sorgte für helle Empörung: "Frau Merkel hat mir gesagt, dass sie beabsichtigt, in den kommenden Wochen Roma-Lager räumen zu lassen." Merkel dementierte prompt. Sie habe mit Sarkozy weder über vermeintliche Roma-Lager in Deutschland noch über deren Auflösung gesprochen.

Tatsächlich gibt es hierzulande auch gar keine größeren Roma-Lagerplätze wie in Frankreich, wo Landfahrer in großer Zahl campieren oder sich sogar kleine Hütten zusammenzimmern. "Mir sind in Deutschland keine solche Lager bekannt, wie es sie in Frankreich oder Italien gibt", sagt Herbert Heuß, Wissenschaftler vom Zentralrat der Sinti und Roma in Deutschland zu SPIEGEL ONLINE.

Die Roma, die etwa aus Rumänien auf der Suche nach Arbeit nach Deutschland kommen, seien auch keine Nomaden, die in Wohnwagen leben. "Sie kommen aus rumänischen Dörfern und leben auch dort in Häusern." Auch in Deutschland würden sie dann in festen Behausungen unterkommen. Dass Roma in Parks kampierten - wie im vergangenen Jahr in Berlin -, sei eine absolute Ausnahme, so Heuss.

Wie viele Roma nur für kurze Zeit aus Osteuropa gekommen sind und sich derzeit in Deutschland aufhalten, darüber gibt es ohnehin keine Zahlen. Die meisten hier lebenden Roma kommen aus dem ehemaligen Jugoslawien.

Wahr ist, dass die Roma auch in Deutschland mit großen Problemen zu kämpfen haben.

Wie beispielsweise Dzoni Sichelschmidt. Der 39-Jährige wollte nie nach Deutschland auswandern. Wäre es nach ihm gegangen, wäre er jetzt Tierarzt im Kosovo.

Integration? Für Roma hierzulande nicht vorgesehen

Doch als Mitte der neunziger Jahre in seine alte Heimat der Krieg kam, flüchtete Sichelschmidt wie Tausende andere Roma nach Deutschland - wo seit Jahren sein Onkel als Gastarbeiter lebte. Heute hat Sichelschmidt hier Fuß gefasst. Er lernte seine Frau kennen, eine Deutsche. Ihr gemeinsamer Sohn wurde hier geboren.

Trotzdem sagt Sichelschmidt: "Die Roma sind in Deutschland für keine Form von Integration vorgesehen. Als ich hierher kam, hat mich keiner gefragt, was ich kann oder welchen Schulabschluss ich habe." Sichelschmidt kämpfte sich durch. Inzwischen arbeitet er als Sozialpädagoge in Hamburg.

In vielen EU-Ländern müssen sich Roma durchkämpfen - und viele machen die Erfahrung, dass sie unerwünscht sind:

  • Besonders krass tritt das derzeit in Frankreich zutage. Nicht-französische Roma werden von der Regierung Sarkozy zur Gefahr für die innere Sicherheit stilisiert. Roma-Lager werden rigoros geräumt, in Massenabschiebungen wurden allein im Juli fast 1000 Menschen in ihre Herkunftsländer gebracht.
  • Der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi machte bereits 2008 mit einem harten Kurs gegen Roma Schlagzeilen. In Rom leben nach offiziellen Angaben rund 7200 Angehörige der Minderheit in etwa 100 Lagern, Hilfsorganisationen zufolge sind es fast doppelt so viele. Die Regierung will die Siedlungen jetzt abreißen und die Menschen in die Außenbezirke umsiedeln.
  • In Finnland wurden Lager geräumt.
  • Schweden und Dänemark wiesen Roma aus.
  • In Ungarn oder Rumänien gibt es Übergriffe gegen Roma.

Auch in Deutschland werden Roma diskriminiert, sagt der Politikwissenschaftler Peter Widmann von der TU Berlin. Auf rund neun Millionen wird die Zahl der Roma in Europa geschätzt, etwa 120.000 davon leben in der Bundesrepublik. Bei Bewerbungen und der Wohnungssuche haben sie kaum eine Chance, sagt Widmann.

"Viele geben sich nicht als Sinti und Roma zu erkennen"

Diese Erfahrungen machen nicht nur die aus Osteuropa Eingereisten, sondern auch viele der etwa 70.000 Sinti und Roma, die mit einem deutschen Pass in der Bundesrepublik sind. Ein Teil von ihnen entstammt Familien, die seit Jahrhunderten in deutschsprachigem Gebiet leben, andere kamen etwa als Gastarbeiter oder Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien.

Sinti und Roma in Deutschland
Unterschied zwischen Sinti und Roma
Roma ist ein Sammelbegriff für Volksgruppen, die im Volksmund häufig noch heute als Zigeuner bezeichnet werden. Diesen Begriff lehnen Angehörige der Minderheit als diskriminierend ab. Als Sinti bezeichnen sich Angehörige einer Gruppe, die eine eigene Kultur und Sprache besitzt und deren Vorfahren vermutlich vor rund 600 Jahren in deutschsprachiges Gebiet einwanderten. Gruppen, die seit dem 19. Jahrhundert aus ost- und südosteuropäischen Ländern nach Deutschland gekommen sind, nennen sich Roma.
Situation heute
Bundesweit wird die Zahl der Sinti und Roma mit deutscher Staatsangehörigkeit auf etwa 70.000 geschätzt. Neben Deutsch sprechen sie ihre eigene Minderheitensprache Romanes. In Südost- und Osteuropa leben kaum Sinti, sondern verschiedene Roma-Gruppen.

Vor allem in der letzten Hälfte des 20. Jahrhunderts kamen Flüchtlinge, Vertriebene und Arbeitsmigranten mit Roma-Zugehörigkeit nach Deutschland. Genaue Zahlen gibt es nicht, da amtliche Statistiken die ethnische Herkunft nicht erfassen. Unicef rechnet allein aus dem ehemaligen Jugoslawien mit 50.000 Roma-Flüchtlingen, darunter 20.000 Kinder. Viele von ihnen sind von der Abschiebung bedroht und erhalten nur eine begrenzte oder gar keine Aufenthaltsgenehmigung.

Darüber hinaus leben nicht eingebürgerte Roma aus Südosteuropa in Deutschland. Die überwiegende Mehrheit dieser von der Abschiebung bedrohten Flüchtlinge erhält nur eine begrenzte oder gar keine Aufenthaltsgenehmigung.

In Osteuropa leben Roma auch in EU-Ländern oft in besonders prekären Verhältnissen. Durch das Recht auf Freizügigkeit können sie innerhalb der EU reisen.

Herkunft
Die Geschichte der Roma ist nicht eindeutig geklärt. Ihre Vorfahren verließen vor etwa tausend Jahren ihre Ursprungsheimat, die der Sprachforschung zufolge im heutigen Nordwestindien und Pakistan liegt. Historiker gehen davon aus, dass Roma auch als Sklaven verschleppt wurden. Bis zum Ende des 15. Jahrhunderts wurden Sinti und Roma in fast allen europäischen Ländern urkundlich erwähnt. Entgegen gängiger Vorurteile ist die Mehrheit der Roma in Europa heutzutage sesshaft.
Verfolgung und Diskriminierung
Seit dem Spätmittelalter sahen sich Roma immer wieder Unterdrückung und Verfolgung ausgesetzt. Ihnen wurden Berufsverbote auferlegt, und sie wurden vertrieben. Als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach der Abschaffung der Leibeigenschaft in Moldawien und in der Walachei vermehrt Roma nach Deutschland kamen, reagierte der Staat mit scharfen Maßnahmen. So gab es eine polizeiliche Erfassung, zum Beispiel durch die bayerische "Zigeunerpolizeistelle".

In der NS-Zeit wurden Roma Opfer des Rassenwahns und starben in Konzentrationslagern. Da viele Morde nicht registriert wurden, lässt sich die Zahl der Opfer nur schwer ermitteln. Forschungen zufolge starben mindestens 90.000 Roma. Schätzungen gehen aber sogar von bis zu 500.000 Todesopfern aus. Allein in Deutschland wurden in der NS-Zeit 24.000 deutsche Sinti als "Zigeuner" stigmatisiert, zwei Drittel bis drei Viertel von ihnen wurden ermordet. Erst ab den achtziger Jahren wurde die systematische Ermordung der Roma in der Bundesrepublik aufgearbeitet.

Am 1. Februar 1998 trat das Rahmenabkommen des Europarates zum Schutz nationaler Minderheiten in der Bundesrepublik Deutschland in Kraft, mit dem auch die deutschen Sinti und Roma als Minderheit anerkannt wurden.

"Viele von ihnen geben sich nicht als Sinti oder Roma zu erkennen", sagt Widmann. Sie verraten nur ihr Herkunftsland. Eine Tatsache, die Sichelschmidt bestätigt: Als er die Familie seiner Frau kennenlernte, gab er sich als Albaner aus. Erst später erzählte er, dass er Roma sei. Er habe Glück gehabt, zu einer weltoffenen Familie gestoßen zu sein, sagt Sichelschmidt. Diese habe kein Problem mit seiner Herkunft.

Die Strategie, nur das Herkunftsland preiszugeben, habe ihre Berechtigung, sagt Widmann. Wer aus dem ehemaligen Jugoslawien stamme, habe es zwar auch schwerer, eine Wohnung oder einen Job zu finden. "Als Roma hat man aber so gut wie keine Chance."

EU-Umfragen belegen, wie groß die Vorurteile noch sind. Ein Viertel der deutschen Befragten gab an, sie würden sich unwohl fühlen, wenn ihr Nachbar ein Roma wäre. 77 Prozent der Europäer waren der Meinung, dass Roma zu sein ein gesellschaftlicher Nachteil ist.

Viele Roma-Familien bläuten schon ihren Kindern ein, in der Schule ihre ethnische Zugehörigkeit nicht preiszugeben, sagt Widmann. "Gerade diejenigen, die ihre Herkunft verschweigen, gelten als gut integriert." Diese große Zahl an Sinti und Roma wird in der Öffentlichkeit aber kaum wahrgenommen - im Gegensatz zu kampierenden Wanderarbeitern. "Der schwer integrierbare Teil ist der sichtbarste", meint Widmann. Das Klischeebild des umherziehenden Zigeuners ist falsch, Roma in Europa sind mehrheitlich sesshaft, belegen Studien. Demnach sind nur fünf Prozent aller Roma saisonweise oder dauerhaft unterwegs.

insgesamt 110 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
RosaHasi 17.09.2010
1. .
also in berlin wurde ein solches lager geräumt und die leute wurde abgeschoben. bitte ordentlich recherchieren.
Beduine, 17.09.2010
2. Merkel ist einfach geschickter...
Sie würde entweder sagen: "Das ist Ländersache, damit habe ich nichts zu tun" oder sie deklariert es als "Heimführung", abgestimmt und im Einklang selbstverständlich mit dem Heimkehrerland, der UNO, dem Nahostquartett und der intergalaktischen Weltraumflotte.
R3CAN 17.09.2010
3. Wo Wann Wie
Zitat von RosaHasialso in berlin wurde ein solches lager geräumt und die leute wurde abgeschoben. bitte ordentlich recherchieren.
Wäre schön zu sagen wann das war wo das war und wie das von statten ging. Hier einfach reinzuschreiben, bitte besser recherchieren aber selber keine Infos liefern ist keine Diskussionsgrundlage...
Eutighofer 17.09.2010
4. Kinder abschieben ?
Zitat von sysopFrankreichs Präsident Sarkozy behauptet, auch Deutschland wolle Roma-Lager räumen - was Kanzlerin Merkel dementiert. Denn Menschen, die wild campieren, sind hierzulande die absolute Ausnahme. Allerdings haben Roma mit Diskriminierung zu kämpfen, selbst Kindern droht Abschiebung. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,713689,00.html
"Selbst Kindern droht die Abschiebung": Ähm, soll man nur die Eltern abschieben und die Kinder alleine hier lassen ? Auch allein eingereiste Kinder sind in ihrer Heimat besser aufgehoben als im Sumpf deutscher Großstädte. Wie aktuelle Beispiele aus Berlin zeigen werden ausländische , alleineingereiste Kinder gerne als Drogenkuriere missbraucht. http://www.bz-berlin.de/aktuell/berlin/kinderdealer-wieder-am-drogen-bahnhof-article928116.html
A.D.H. 17.09.2010
5. Einseitigkeit
Es wird immer nur über angebliche Diskriminierung der Zigeuner (nicht alle wollen Sinti und Roma genannt werden, oder nennen sich selbst Zigeuner) gesprochen, nicht aber über die Probleme die von diesen Gruppen vielfach de facto verantwortet werden. Man löst keine Probleme, in dem man sie aus Gründen der polit. Korrektheit ignoriert.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.