Von Severin Weiland und Philipp Wittrock
Berlin - Angela Merkel hat derzeit viel zu erdulden. Kaum hat FDP-Vizekanzler Philipp Rösler mit einem geordneten Insolvenzverfahren für die Griechen geliebäugelt, schon meldet sich CSU-Verkehrsminister Peter Ramsauer und sieht in einem Ausstieg Athens aus der Euro-Zone "keinen Weltuntergang".
Man darf gespannt sein, wer sich als nächstes meldet. Es geht hin und her in der schwarz-gelben Koalition, kein Tag vergeht ohne neuen Zoff. Gutes Krisenmanagement sieht anders aus.
Vor allem der Zustand der Liberalen und ihr jüngster Anti-Europa-Light-Kurs sorgt für Irritationen. In Berlin wird sogar über ein nahendes Ende der Regierung spekuliert. "Will die FDP die Koalition sprengen", bangt die "Bild"-Zeitung.
Fest steht: Die Gräben in der Koalition werden immer tiefer, die gegenseitigen Attacken immer heftiger. Hinter den Kulissen wird gelästert, was das Zeug hält, von Vertrauen ist zwischen den Bündnispartnern nichts mehr zu spüren. Selbst das Verhältnis zwischen Merkel und ihrem Vizekanzler Philipp Rösler hat nun Risse bekommen.
Die Kanzlerin erwartet in der Euro-Schuldenkrise eigentlich konstruktive Beiträge ihrer Minister. Röslers Gedankenspiele über die Griechen-Pleite kommen da höchst ungelegen. Doch der FDP-Chef und seine Gefolgsleute bleiben stur, Merkels Rüffel verhallt ungehört - was in der CDU für massiven Ärger sorgt.
Mancher Christdemokrat vermutet im Euro-skeptischen Populismus eine reine Verzweiflungstat - um bei der Berlin-Wahl am Sonntag vielleicht doch noch die Fünf-Prozent-Hürde zu knacken. Von einem "kurzen Schrei in freiem Fall" spricht Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht im "Tagesspiegel" und spottet: "Was wir hier erleben, ist die politische Insolvenz der FDP."
Die Stimmung ist gereizt. Am Mittwoch kam es zum medialen Schlagabtausch zwischen dem Merkel-Vertrauten Peter Altmaier und FDP-Vize Daniel Bahr. "Ich bin strikt dagegen, dass über eine Insolvenz öffentlich diskutiert wird", sagt Unions-Fraktionsgeschäftsführer Altmaier der "Neuen Westfälischen". Wenn ein Minister und Regierungsmitglied etwas anderes sage, "dann führt das zu Fragezeichen auch bei unseren Nachbarn und Partnern. Und es kommt zu unkontrollierbaren Reaktionen auf den Finanzmärkten."
In der FDP schiebt man den schwarzen Peter weiter. "Ich rate der CDU und Herrn Altmaier, doch einmal ernsthaft mit der CSU zu reden", kontert Gesundheitsminister Bahr. "Bei der Schwesterpartei wird ja bereits über einen Austritt Griechenlands nachgedacht, wir aber wollen dazu beitragen, dass Griechenland in der Euro-Zone bleiben darf." Die FDP habe also einen pragmatischen Lösungsweg für die Koalition vorgeschlagen, sagt Bahr SPIEGEL ONLINE.
Jeder gegen jeden, das scheint derzeit das Motto dieser Koalition zu sein. Die Hoffnung, dass es noch einmal besser wird, dass wieder Ruhe einkehrt, schwindet - egal, wie die Wahl am Sonntag ausgeht. Denn in der Koalition regiert die Angst.
Die Aussichten sind trübe, für Merkel und für die Koalition. Und die Große Koalition, über die immer wieder als Alternative spekuliert wird? Die SPD winkt ab, sie steht als Mehrheitsbeschaffer für Merkel nicht zur Verfügung. Für die Genossen ist klar: Bricht die Koalition, gibt es nur eine Option - Neuwahlen.
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