Streit über Grüne Energie Deutschland macht Wind

Hässliche neue Öko-Welt: Die Bundesregierung will Atomkraftwerke durch Tausende Windräder ersetzen - um den Preis einer verschandelten Landschaft. Schon jetzt gehen Bürger auf die Barrikaden, Deutschland droht ein neuer Großkonflikt.

Von , , und Tijs van den Boomen

Kanzlerin Merkel: Kurswechsel in der Energiepolitik
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Kanzlerin Merkel: Kurswechsel in der Energiepolitik


Berlin - Die Operation Atomausstieg ist angelaufen. Raus aus der Technologie mit dem Restrisiko, so schnell wie möglich raus: Das ist die Devise, die Kanzlerin Angela Merkel vorgegeben hat. Der Kurswechsel soll jetzt klar benannt und "auch wirklich vollzogen" werden, macht Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) klar. Das Raus-Dekret bedeutet zugleich: So schnell wie möglich rein in die erneuerbaren Energien.

Hört sich prima an. Aber es wird einen gesellschaftlichen Großkonflikt heraufbeschwören - und die deutsche Kampfzone Energiepolitik mitnichten befrieden.

Denn die Regierung bastelt an einem Masterplan, der es in sich hat. Zum Auftakt haben Röttgen und Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) schon mal " sechs Punkte für eine beschleunigte Energiewende" präsentiert. Es ist ein Vorgeschmack auf das, was diesem Land bevorsteht: rein in neue Konflikte.

Planungsrechtliche Hemmnisse? Kein Problem!

Überall in Deutschland sollen jetzt Windräder aufgestellt werden, leistungsstarke Stromautobahnen die Elektrizität vom windreichen Norden in den Süden transportieren. Ein Fünf-Milliarden-Euro-Sonderprogramm zum Ausbau der Windparks in Nord- und Ostsee soll noch in diesem Frühjahr gestartet werden. Und ganz zentral, schreiben Brüderle und Röttgen, sei eine "gemeinsame Offensive von Bund und Ländern zur Ausweisung von neuen Eignungsflächen für Windkraftanlagen." Planungsrechtliche Hemmnisse wie Abstands- und Höhenbegrenzungen der Windmühlen? "Werden wir beseitigen."

Soll sich der neuen Entschlossenheit dieser Regierung nur keiner in den Weg stellen. Brüderles Beamte feilen an einem "Netzausbaubeschleunigungsgesetz". Der Umbau der Energieversorgung sei "nicht zum Nulltarif zu haben", heißt es dann auch in dem Papier.

Die einstigen schwarz-gelben Atom-Freunde haben den Schalter umgelegt. Sie wollen sich jetzt an die Spitze der Bewegung setzen. Die Chance ist da: Flächenpotenzial für Windräder "ist in ganz Deutschland vorhanden und beschränkt sich nicht auf die heute schon genutzten nördlichen Bundesländer", heißt es in einer Studie des Fraunhofer Instituts. Bayerns Umweltminister Markus Söder hat bereits den "Südwettbewerb" mit dem bald grün-rot regierten Baden-Württemberg um den schnellsten Ausbau der erneuerbaren Energien ausgerufen. Die Anzahl der Windkraftanlagen im Freistaat will der CSU-Politiker verdoppeln, die Leistung vervierfachen.

Das erfordert der Zeitgeist. So sagen es die Wende-Wortführer in Union und FDP. Fakt ist: Mehr als achtzig Prozent der Deutschen wollen raus aus der Atomenergie. Aber ebenso klar ist: Wenn die in Höhe und Abstand entgrenzte Windmühle neben dem Einfamilienhaus rauscht, ist der Wille zur Energiewende weg und die Bürgerinitiative da. Dann regiert nur noch ein Prinzip: Heiliger Sankt Florian, verschone mein Haus, zünde andere an. "Nimby", sagt man im Englischen: "Not in my backyard" - nicht in meinem Hinterhof.

Attacke der Wind-Nimbys

Müssen die Deutschen das AKW-Aus mit einer Verschandelung der Landschaft bezahlen? Schließlich gibt es laut Bundesverband Windenergie schon jetzt 21.607 Hightech-Mühlen in Deutschland. Wird man den Windkraft-Wahn einst mit der Stadtautobahn-Hybris der sechziger Jahre vergleichen, die reihenweise westdeutsche Städte verunstaltete - aber als unheimlich modern galt? Das Bundesamt für Naturschutz warnt bereits, der Erhalt von Landschaft und Artenvielfalt gerate gegenüber dem Ausbau erneuerbarer Energien ins Hintertreffen. Die Abkehr von der Atomkraft diene derzeit als Totschlagargument.

Die deutschen Wind-Nimbys jedenfalls haben sich bestens organisiert. Auf der Internetseite windkraftgegner.de sind über 70 Anti-Initiativen aufgelistet. Sie heißen "Sturm im Storm" oder "Wind gegen Windpark in Aken". Es ist genau wie bei der Regierung: Soll an ihrer Entschlossenheit mal keiner zweifeln.

  • Besonders lautstark machen sie in Brandenburg auf sich aufmerksam, wo im Verhältnis zur Bevölkerungszahl die meisten Windräder der Republik stehen. Alleine in der Uckermark - so idyllische wie dünnbesiedelte Heimat der Kanzlerin - sollen schon nach bisheriger Planung demnächst Dutzende dazukommen. Im Januar demonstrierten mehrere Bürgerinitiativen vor dem Potsdamer Landtag gegen die "Massenbebauung Brandenburgs mit Windkrafträdern".
  • Widerstand gibt es auch in Sachsen: Beispiel Rückersdorf, ein Ortsteil von Neustadt in der Lausitz. Dort sollen in den kommenden Jahren mehrere Anlagen entstehen, die Rede ist von einer zweistelligen Zahl. Selbst ein CDU-Stadtrat hat sich der Bürgerinitiative angeschlossen, die gegen die Windräder kämpft.
  • Sogar in Baden-Württemberg - deutschlandweit zwar Schlusslicht mit einem Windkraftanteil von nur 0,9 Prozent am Nettostromverbrauch - gibt es Protest gegen so ziemlich jede der wenigen bisher gebauten Anlagen. Zuletzt ging es gegen ein geplantes Windrad in Ingersheim, Kreis Ludwigsburg.

Und damit ist noch lange nicht Schluss. Denn während die einen gegen die Windräder mobilisieren, haben die anderen die Stromleitungen im Visier. Irgendeiner regt sich immer auf. Die Deutsche Energie-Agentur dena - finanziert von der Bundesregierung und verschiedenen Konzernen - geht von 3600 zusätzlich benötigten Trassenkilometern aus.

  • Beispiel Thüringen. Hier ist eine mächtige, 380-Kilovolt-Stromautobahn quer durch den Thüringer Wald in Planung. Mehrere Bürgerinitiativen machen mobil gegen die Leitung, darunter Mitglieder aller Parteien. Eine der aktivsten ist Petra Enders, Abgeordnete der Linken im Thüringer Landtag und Bürgermeisterin des betroffenen Örtchens Großbreitenbach. Die selbsternannte Frontfrau gegen den Bau sagt: "Diese Leitung ist unnötig und es gibt Alternativen." Sie spricht von einer "Monstertrasse". Die Alternative? Eine unterirdische Leitung. Aber die würde das zigfache an Kosten verursachen.

Die Nimby-Wut über die große Energiewende wird nicht nur Merkel und Co. treffen. Es sind insbesondere die Grünen, die sich schon jetzt auf harte Konflikte gefasst machen können: Sie waren und sind für einen möglichst raschen Atomausstieg - aber beim Widerstand gegen das, was alternativ vor Ort gebaut werden muss, sind viele Grüne ebenfalls vorne dabei. Inzwischen dämmert den politischen Höhenfliegern der vergangenen Monate, was da auf sie zukommt. "Für uns Grüne bedeutet dies auch, Konfliktfragen zu klären", heißt es im aktuellen Beschluss des Parteirats über die Folgen eines raschen Atomausstiegs. Die Vorsitzende Claudia Roth sagt mit einigem Pathos: "Da müssen wir Grünen unsere Glaubwürdigkeit zeigen."

In Baden-Württemberg können sie bald damit anfangen. Denn der designierte grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann wird ein Land regieren, das mit Blick auf regenerative Energien ein Entwicklungsland ist. Weil mit Neckarwestheim I und Philippsburg I gleich zwei der vier Atomkraftwerke im Südwesten wohl auch nach Ende des Moratoriums nicht mehr ans Netz gehen, muss er beim Umbau der Energieversorgung aufs Tempo drücken. Technisch könnte Baden-Württemberg - einer Studie des Freiburger Fraunhofer-Instituts zufolge - bis 2022 auf Erneuerbare umstellen. Aber um welchen Preis?

Andere in Europa sind schon weiter. Und gescheitert. Beispiel Holland: Der Stolz der Niederländer auf ihre historischen Windmühlen hat sich nicht auf die modernen Windkraftwerke übertragen. Im Gegenteil, der Widerstand nimmt stetig zu, die selbstgesetzten Ziele geraten außer Reichweite: Nicht einmal 60 Prozent der fürs Jahr 2020 geplanten Leistung von 6000 Mega-Watt dürften dann erreicht sein. Den Holländern mangelt es nicht an technischen Möglichkeiten. Sie wollen einfach nicht. So wehren sich die Einwohner der Insel Urk schon seit Jahren gegen den Bau von 93 Windrädern vor ihrer Haustür.

Die Politik entscheidet längst nicht mehr. Denn man trifft sich jetzt vorm höchsten holländischen Gericht.

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ludna, 12.04.2011
1. Osten
Zitat von sysopHässliche neue Öko-Welt: Die Bundesregierung will Atomkraftwerke durch Tausende Windräder ersetzen - um den Preis einer verschandelten Landschaft. Schon jetzt gehen Bürger auf die Barrikaden, Deutschland droht ein neuer Großkonflikt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,756316,00.html
Was solls, füher haben wir im OSten den Giftmüll vom Westen genommen, heute nehmen wir die Windräder für die Stromerzeugung, damit die Grundstückspreise im netten Baden-Würtenberg nicht sinken.
DK81, 12.04.2011
2. Warum schreibt man diesen Konflikt herbei?
Ich finde Windräder schick und ich hab lieber davon 10 in Sichtreichweite als ein Atomkraftwerk im Umkreis von 100km. Und die priveligierte Minderheit welche von ihrer Veranda unberührte Natur sehen kann, sollte nicht Maßstab unseres Handelns sein. Mal abgesehen davon, dass ein drehendes Windrad doch noch deutlich schicker ist, als ein Großstadthinterhof... Aber ich tausche gerne...
dreamtimer 12.04.2011
3. Masterplaner
Zitat von sysopHässliche neue Öko-Welt: Die Bundesregierung will Atomkraftwerke durch Tausende Windräder ersetzen - um den Preis einer verschandelten Landschaft. Schon jetzt gehen Bürger auf die Barrikaden, Deutschland droht ein neuer Großkonflikt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,756316,00.html
Das entbehrt natürlich nicht ganz der Ironie, dass nun, auf den Zentralismus der Atomindustrie eine Art Hyperzentralismus der Regenerativen folgt. Als Masterplaner der "schnellen Energiewende" hätte ich sicherlich eine Dauererektion.
deppvomdienst 12.04.2011
4. Einen Tod muss jeder sterben
Was hat die Uckermark vom Wirtschaftsboom und Stromhunger Baden-Württembergs, außer einer verschandelten Landschaft? Selbst andauernder Tourismus wird sich nicht einstellen, wenn allerorten die Mega-Windräder ihren Geräuschteppich übers Land legen. Im Kapitalismus gibt es für so etwas einen wunderbaren Ausgleich. Bezahlen! Wie hoch sind die Gewerbesteuereinnahmen, die ein Windpark der Gemeinde bringt? Warum ist das weniger, als ein "Logistik-Zentrum" zahlt? Für den eigenen Strombedarf würde man sich ja noch die Windräder hinstellen ... Auch hierauf wird die Politik noch eine Antwort finden müssen: Warum bekommen die "strukturschwachen Gegenden" für ihr Vermögen, nämlich Fläche und Natur, nicht viel mehr Geld aus den "reichen" Gebieten? Wo ist der Nutzen für die dortige Bevölkerung?
xtraa, 12.04.2011
5. Ein Wort: Offshore.
Da kauften die Energiekonzerne schon vor Jahren Offshore-gebiete vor der Küste und bauten entgegen ihrer Versprechen kein einziges Windrad. Jetzt scheint die Zeit gekommen. Doch um den Umstieg so unbequem wie möglich zu machen, wird auch dieser Ausbau noch als letzter Trumpf der AKW-Lobby ausgespielt und der Bau verzögert.
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