Streit über katholische Holocaust-Leugner Ranke-Heinemann wirft Papst Bagatellisierung des Antisemitismus vor

Diese Papst-Entscheidung provoziert weltweit Kritik: Benedikt XVI. hat den Holocaust-Leugner Richard Williamson wieder in die katholische Kirche aufgenommen. "Untragbar und beschämend", sagt Theologin Uta Ranke-Heinemann SPIEGEL ONLINE - und macht dem Papst Vorwürfe.


Hamburg - Papst Benedikt XVI. hat mit der Rehabilitation des Holocaust-Leugners Williamson und drei weiteren Bischöfen der erzkonservativen Pius-Brüderschaft einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen. Die vier Bischöfe waren 1988 ohne Zustimmung des Vatikans vom ultrakonservativen französischen Erzbischof Marcel Lefebvre geweiht worden.

Theologin Uta Ranke-Heinemann: Papst-Entscheidung "untragbar und beschämend"
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Theologin Uta Ranke-Heinemann: Papst-Entscheidung "untragbar und beschämend"

Die Theologin Uta-Ranke Heinemann erhebt schwere Vorwürfe gegen Benedikt XVI. SPIEGEL ONLINE sagte sie, der Papst, der den Anspruch erhebe, in Glaubens- und Moralfragen unfehlbar zu sein, bagatellisiere mit dieser Ex-Exkommunikation den Antisemitismus. Und das sei kein Zufall: "Die 2000-jährige Geschichte des Christentums ist eine Geschichte 2000-jähriger Judenverfolgung", sagte die Papst-Kritikerin.

"Dass ein deutscher Papst einen Holocaust-Leugner wie einen heimgekehrten Sohn väterlich umarmt, das ist für alle Deutschen in besonderem Maße untragbar und beschämend", sagte Ranke Heinemann, die selbst 1987 exkommuniziert wurde.

Einer der jetzt Rehabilitierten ist der in Großbritannien geborene Richard Williamson, der wiederholt den systematischen Völkermord an Juden während des Nationalsozialismus angezweifelt hat. Zuletzt erklärte in einem am Mittwoch im schwedischen Fernsehen ausgestrahlten Interview, er glaube nicht an die Existenz von Gaskammern. Zudem behauptete er, in den deutschen Konzentrationslagern seien nicht sechs Millionen Juden getötet worden, sondern bis zu 300.000. Die Staatsanwaltschaft Regensburg ermittelt gegen Williamson, weil er das Interview bei einem Besuch im Priesterseminar der Bruderschaft Pius X. in Zaitzkofen gegeben hatte.

Zentralrat warnt vor "Eiszeit", Vatikan spricht von "Geste des Friedens"

Vor allem bei jüdischen Organisationen sorgte die Entscheidung von Benedikt XVI. für Entsetzen. Der Vizepräsident des Zentralrats des Juden in Deutschland, Dieter Graumann, bezeichnete die Entscheidung Benedikts im "Handelsblatt" als einen "schier unfassbaren Akt von Provokation". Dass ausgerechnet ein deutscher Papst eine neue Eiszeit zwischen Juden und Katholischer Kirche heraufbeschwöre, sei besonders schmerzlich, verwunderlich und verurteilenswert.

Unverständnis äußerte auch der Präsident der italienischen Rabbiner, Giuseppe Laras. Dieser nicht notwendige Schritt des Vatikans sei in einer heiklen Phase des jüdisch-christlichen Dialogs erfolgt. "Wir können nicht in den Kopf des Papstes sehen, wollen das auch nicht, aber das ist sicher kein Handeln, das Entspannung bringt."

Die Deutsche Bischofskonferenz distanzierte sich von Williamson. Die Leugnung des Massenmordes an den Juden durch den britischen Bischof sei "inakzeptabel" und gehöre nicht zur Lehre der katholischen Kirche, sagte Matthias Kopp, Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, im ZDF-Morgenmagazin. "Williamson wird früher oder später seine Äußerung zurückziehen müssen." Die Kirche habe "Mechanismen", um entsprechend auf ihn einzuwirken. Die Empörung der jüdischen Gemeinden über die Leugnung sei "sehr gut nachvollziehbar", sagte Kopp.

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Hans Joachim Meyer, sagte, Leute wie Williamson seien eine "schwere Belastung" für die Kirche. Man habe immer gewusst, dass zwischen der Ablehnung der Ergebnisse des Zweiten Vatikanischen Konzils durch die Traditionalisten und ihrer "reaktionären und freiheitsfeindlichen Haltung" ein enger Zusammenhang bestehe, heißt es in einer Erklärung des Zentralkomitees.

Der Vizepräsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Heinz-Wilhelm Brockmann, verteidigte in der "Frankfurter Rundschau" den Schritt des Papstes als Versuch, "mehr Einheit in der Kirche herzustellen". Der Vatikan gehe auf eine Gruppe zu, die sich in vielen Fragen von der Kirche entfernt habe. Offenbar seien die öffentlichen Reaktionen nicht bedacht worden, aber die Bruderschaft werde durch die Aufhebung der Exkommunikation zum Gesprächspartner, sagte Brockmann. Die Leugnung des Holocausts nannte er "völlig unakzeptabel und eine schreckliche Verbohrtheit". Wenn sich ein Bischof in einer politischen und geschichtlichen Bewertung derart vergreife, bedeute dies aber nicht, "dass der Papst bei der gesamten Bruderschaft bei einer Exkommunikation bleiben muss, die aus ganz anderen Gründen ausgesprochen worden ist".

Vatikan-Pressesprecher Frederico Lombardi wies die Kritik zurück und nannte Benedikts Dekret eine "Geste des Friedens". Der Vatikan teile in keiner Weise die Äußerungen zum Holocaust: "Die Exkommunikation hat damit gar nichts zu tun."

Der traditionalistischen Priesterbruderschaft St. Pius X gehören nach eigenen Angaben 493 Priester an, 600.000 Gläubige haben sich ihr angeschlossen.

sac/dpa/ap/Reuters



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