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Streit über PID: Bischöfe predigen gegen Embryonentests

"Das ist eine Diktatur des Glücks": Deutsche Bischöfe fordern zu Weihnachten ein komplettes Verbot von Embryonentests bei künstlicher Befruchtung. Die Präimplantationsdiagnostik mache Menschen zum Herrn über andere Menschen und über Krankheiten - Eltern dürften aber kein Recht auf ein gesundes Kind haben.

Untersuchung im Labor: Der Bundestag muss eine Regelung für die PID finden Zur Großansicht
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Untersuchung im Labor: Der Bundestag muss eine Regelung für die PID finden

Berlin - Deutschlands Bischöfe protestieren in Weihnachtspredigten gegen die Präimplantationsdiagnostik (PID), mit der Eizellen vor der künstlichen Befruchtung auf Gendefekte untersucht werden können. "Es besteht die Gefahr eines Dammbruchs, wenn sich der Mensch zum Herrn über andere Menschen macht und bestimmt, welches Leben sich entwickeln darf und welches nicht", sagte Erzbischof Robert Zollitsch, Vorsitzender der katholischen Deutschen Bischofskonferenz.

Bei der PID werden im Reagenzglas erzeugte Embryonen außerhalb des Mutterleibs auf Erbkrankheiten untersucht. So sollen Fehl- und Totgeburten oder die Geburt eines schwerkranken Kindes vermieden werden. Hinter dieser Weltanschauung stehe eine irregeleitete Sucht nach Glück, sagte Zollitsch: "Die Rückseite der Vergötzung des Glücks ist brutal: möglichst gesund, möglichst so, dass ich möglichst viel möglichst genussvoll erleben kann." Wer so denke, für den sei klar, dass missgebildeten Menschen ein glückloses Leben erspart werden müsse. "Wer entscheidet, welche Krankheit ein glückliches Leben verhindert?" fragte Zollitsch. "Das ist ein von der Diktatur des Glücks pervertierter Humanismus, der sich seiner selbst auch noch gewiss ist." Wenn man durch PID "die Möglichkeiten dazu schafft, Embryonen mit möglichen Behinderungen oder Anlagen zu möglichen Krankheiten durch Selektion auszuscheiden und zu töten, dann wird dies auch geschehen".

Präimplantationsdiagnostik (PID)
Worum geht es?
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Bei dem Verfahren werden einem im Reagenzglas entstandenen Embryo ein bis zwei Zellen entnommen. Es geht darum, deren Erbgut zu untersuchen. Ziel ist es, unter anderem Krankheiten aufzudecken, die auf zu viele oder zu wenige Chromosomen zurückgehen. Beim Down-Syndrom ist beispielsweise das Chromosom 21 dreimal vorhanden. Möglich sind auch Untersuchungen auf einzelne veränderte Gene, die beispielsweise für Muskelschwund, Lungen- und Stoffwechselkrankheiten oder die Bluterkrankheit verantwortlich sind.
Verfahren 1: Diagnose im Blastomerenstadium
Bei dieser am häufigsten angewendeten Untersuchung werden dem Embryo am dritten Tag nach der Befruchtung im Reagenzglas ein oder zwei Zellen zur Untersuchung entnommen. Der Embryo befindet sich zu diesem Zeitpunkt im sogenannten Blastomerenstadium. Das heißt, seine vier bis acht Zellen gelten als totipotent - jede einzelne könnte sich in der Gebärmutter noch zu einem vollständigen Organismus entwickeln. Totipotente Zellen sind nach dem deutschen Embryonenschutzgesetz einem Embryo gleichgestellt.
Verfahren 2: Diagnose im Blastozystenstadium
Auch zu einem späteren Zeitpunkt ist im Prinzip noch eine PID möglich, zum Beispiel im sogenannten Blastozystenstadium. Dann besteht der Embryo aus etwa 50-200 Zellen. Die Zellen der sogenannten inneren Zellenmasse gelten als pluripotent, das heißt aus ihnen können sich noch verschiedene Gewebe entwickeln. Die Diagnose im Blastozystenstadium hatte der Berliner Arzt angewendet, dessen Fall vor dem BGH verhandelt wurde.
Alternative: Polkörperdiagnostik
Bei diesem Verfahren wird nur die Eizelle untersucht - und zwar vor Abschluss der Befruchtung. Im Blick stehen die Polkörper, die beim Reifen der Eizelle entstehen. Sie enthalten einen Satz des mütterlichen Erbgutes. Damit lassen sich zumindest die mütterlichen Erbanlagen der Eizelle indirekt auf Chromosomen-Fehlverteilungen überprüfen. Väterliche Vorerkrankungen können so hingegen nicht untersucht werden. Weil bei dieser Methode kein Embryo manipuliert wird, steht sie nicht im Widerspruch zum Embryonenschutzgesetz.
Diese Haltung erschwere auch das Leben von Behinderten in der Gesellschaft. "Es entsteht ein - vielleicht auch nur unterschwelliger - Druck, Menschen mit Behinderungen oder Eigenheiten nicht mehr zu akzeptieren." Dadurch werde die Gesellschaft weniger menschlich, nicht glücklicher.

Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck schloss sich der Verbotsforderung an. In seiner Predigt am Heiligabend sagte der katholische Geistliche, bei der PID übernehme niemand die notwendige Schutzfunktion für das werdende Leben. "Über das Leben darf und kann niemand entscheiden. Das Leben ist Geschenk, es kommt von Gott; wir Menschen werden damit beschenkt." Der Staat und die Politik könnten ihre Schutzfunktion für entstehendes Leben nur durch ein Verbot der PID wahrnehmen.

Friedrich: Kein Recht auf ein gesundes Kind

Auch der evangelische Landesbischof Johannes Friedrich hat sich in seiner Weihnachtspredigt am Samstag in München gegen die Methode gewandt. "Gott kennt uns, bevor wir geboren werden, und hält uns bis zu unserem letzten Atemzug in seinen Händen", sagte er. Das Leben beginne mit der Verschmelzung von Samen und Eizelle, es sei ein Geschenk Gottes und keine Verfügungsmasse der Menschen. Daher könne es kein Recht auf ein gesundes Kind geben. Christen könnten nicht akzeptieren, wenn durch die Zulassung der PID ein Instrument geschaffen würde, "das erklärtermaßen das Ziel der Selektion" habe.

Eine fraktionsübergreifende Gruppe von Parlamentariern hatte zuletzt einen Gesetzentwurf vorgestellt, der die PID in engen Grenzen erlauben soll. Die Gegner wollen allerdings bald nachziehen.

Im deutschen Embryonenschutzgesetz von 1990 wurde die Präimplantationsdiagnostik noch nicht ausdrücklich geregelt und galt daher als strafbar. Mit einem Urteil vom Juli dieses Jahres hat der Bundesgerichtshof (BGH) allerdings die Auswahl künstlich befruchteter Eizellen bei Paaren mit einer Veranlagung zu schweren Genschäden erlaubt. Deswegen steht nun eine gesetzliche Regelung an. Die Abstimmung im Bundestag soll ohne den sogenannten Fraktionszwang stattfinden.

plö/dpa

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 518 Beiträge
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1. Atheist
bonheur 25.12.2010
Diese Kuttenträger haben es gerade nötig, über Andere bestimmen zu wollen. Beide Konfessionen sollen sich raushalten, da sie vom natürlichen Leben keine Ahnung haben, auf der anderen Seite aber von natürlichen Menschen gezeugt worden sind.
2. !
großwolke 25.12.2010
Komisch... war da nicht letztens erst ein ganz toller Essay im Spiegel, in dem eigentlich recht klar beschrieben war, was für eine Heuchelei diese Anti-PID-Predigerei in Anbetracht des real existierenden Abtreibungsrechtes ist? Nein, ich irre mich, es waren derer sogar zwei: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-71558828.html http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-74822669.html In Anbetracht der Debatte um die Änderungen im ungarischen Medienrecht bin ich fast schon versucht, auch für unser Land eine kleine Novelle zu fordern: Einen Zwang zu vollständiger Berichterstattung. Bietet das Thema, wenn überhaupt, dann doch bitte nur in seiner ganzen inhaltlichen Breite dar. Dann wird jedem sofort klar, was für ein Hirnriss dieser Sturmlauf gegen die PID eigentlich ist.
3. Die Popen
w.-d.w 25.12.2010
Zitat von sysop"Das ist eine Diktatur des Glücks": Deutsche Bischöfe fordern zu Weihnachten ein komplettes Verbot von Embryonentests bei künstlicher Befruchtung. Die Präimplantationsdiagnostik mache Menschen zum Herrn über andere Menschen und über Krankheiten*- Eltern dürften aber kein Recht auf ein gesundes Kind haben. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,736544,00.html
nehmen sich Rechte raus die ihnen nicht zustehen, wenn sich ihre "Schafe" daran halten, dann ist das deren Sache - Sache der Schafe eben ...vernunftbegabte Menschen können über so viel Anmaßung denen nur den Vogel zeigen.
4. .
reuanmuc, 25.12.2010
Zitat von sysop"Das ist eine Diktatur des Glücks": Deutsche Bischöfe fordern zu Weihnachten ein komplettes Verbot von Embryonentests bei künstlicher Befruchtung. Die Präimplantationsdiagnostik mache Menschen zum Herrn über andere Menschen und über Krankheiten*- Eltern dürften aber kein Recht auf ein gesundes Kind haben. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,736544,00.html
Die Bischöfe sollten erst mal richtig Deutsch lernen, um zwischen einem Recht und einem Rechtsanspruch unterscheiden zu können. Selbstverständlich haben Eltern ein Recht auf ein gesundes Kind, aber einen Rechtsanspruch gibt es nicht und kann es auch mit PID nicht geben. Die Predigt ist wieder völlig daneben und ist menschenfeindlich und zynisch. Anderes ist von den Kirchenfunktionären nicht zu erwarten. Man kann nur hoffen, dass die Gläubigen das allmählich erkennen und die Konsequenzen ziehen.
5. Recht
dr_gisela_v._kerf-binsing 25.12.2010
Zitat von sysop"Das ist eine Diktatur des Glücks": Deutsche Bischöfe fordern zu Weihnachten ein komplettes Verbot von Embryonentests bei künstlicher Befruchtung. Die Präimplantationsdiagnostik mache Menschen zum Herrn über andere Menschen und über Krankheiten*- Eltern dürften aber kein Recht auf ein gesundes Kind haben. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,736544,00.html
Immerhin haben die Eltern ein Recht darauf, diese Burschen, die sich ständig aus Geltungssucht in alle Dinge einmischen wollen, zu ignorieren. Wie alle anderen übrigens auch.
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Künstliche Befruchtung
In-vitro-Fertilisation
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Bei der In-vitro-Fertilisation (IVF), lateinisch für "Befruchtung im Glas", vereinigen sich weibliche Eizellen mit männlichen Spermien im Reagenzglas. Je nachdem, welche Methode angewandt wird, kommt es in 50 bis 70 Prozent der Versuche zur Befruchtung. Zwei bis fünf Tage später werden üblicherweise zwei Embryonen in die Gebärmutter eingepflanzt. Etwa 14 Tage danach verrät ein Schwangerschaftstest, ob die Prozedur erfolgreich war. Unter dem Strich führt die künstliche Befruchtung in 20 bis 40 Prozent der Fälle zu einer Geburt. Mehr auf der Themenseite...
Die Methoden
Die künstliche Befruchtung kann auf unterschiedliche Arten vorgenommen werden:

Klassische In-vitro-Fertilisation (IVF): Zunächst werden durch eine Hormonbehandlung Eizellen im Körper der Frau zum Reifen gebracht und später entnommen. Sie kommen zusammen mit den männlichen Spermien in ein Reagenzglas, wo im Idealfall eine spontane Befruchtung stattfindet.

Intrazytoplasmatische Spermien-Injektion (ICSI): Sind die Spermien in ihrer Beweglichkeit gestört oder nur in geringer Zahl in der Samenflüssigkeit enthalten, kommt die ICSI-Methode zum Einsatz: Ein einzelnes Spermium wird unter dem Mikroskop direkt in die Eizelle injiziert.

Sonderformen der Injektion werden angewandt, wenn es weitere Probleme mit der Spermiengewinnung gibt. Bei einer wird das zu injizierende Spermium zusätzlich anhand seiner äußeren Merkmale ausgesucht. Sind die Samenwege des Mannes verstopft, können Mediziner die Spermien auch direkt aus Hoden oder Nebenhoden gewinnen.
Rechtliche Lage
In Deutschland ist die künstliche Befruchtung rechtlich gestattet, wenn es bei einem Paar ein Jahr lang trotz regelmäßigen Geschlechtsverkehrs nicht zu einer Zeugung gekommen ist. Die In-vitro-Fertilisation macht es auch möglich, befruchtete Eizellen zu spenden oder ein Kind durch eine Leihmutter austragen zu lassen. Beides ist in Deutschland jedoch durch das Embryonenschutzgesetz verboten, während die Samenspende erlaubt ist.
Geschichte
1968 gelang es dem englischen Forscher Robert Geoffrey Edwards zum ersten Mal, im Labor eine menschliche Eizelle zu befruchten. Zehn Jahre später, am 25. Juli 1978, wurde Louise Brown im Oldham General Hospital in Manchester geboren. Sie war das erste Kind, das aus einer künstlichen Befruchtung hervorging. Inzwischen ist das Verfahren medizinischer Standard: 2004 kamen weltweit geschätzte 1,5 Millionen Kinder dank künstlicher Befruchtung zur Welt. Eine "monumentale" Veränderung, fand das schwedische Karolinska-Institut, das Edwards 2010 mit dem Medizin-Nobelpreis auszeichnete.


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