Streit über Staatsausgaben: Schwarz-Gelb will beim Sozialetat sparen
Deutschland muss sparen - aber wo? Führende Politiker von Union und FDP haben sich nun festgelegt: Sie wollen die Sozialausgaben kürzen, im Gespräch sind auch Einschnitte bei Hartz-IV-Leistungen. Die SPD kündigt Widerstand an, sie fordert eine Extrasteuer für Reiche.
Berlin - Etwas mehr als 75 Milliarden Euro: So viele Schulden hat der deutsche Staat im vergangenen Jahr angehäuft, in diesem Jahr dürfte die Summe noch höher liegen. Insgesamt beläuft sich die Verschuldung der öffentlichen Haushalte auf 1,7 Billionen Euro. Für die meisten Ökonomen und Politiker steht damit fest: Deutschland muss sparen, und zwar radikal. Die Frage ist nur - wo soll man anfangen?
Union und FDP haben offenbar eine Antwort gefunden. Führende Vertreter der schwarz-gelben Koalition schlugen über Pfingsten Einsparungen im Sozialetat vor.
Den Anfang machte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU). Er sagte ausdrücklich, es gebe Spielraum im Arbeitsministerium. Hier könne - anders als bei den Bildungsausgaben - gespart werden. "Wir müssen unsere sozialen Sicherungssysteme so ausrichten, dass sie zur Aufnahme regulärer Beschäftigung motivieren und nicht gegenteilige Anreize setzen."
CSU-Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich forderte gar, den gesamten Haushalt auf dem Niveau von 2010 einzufrieren. Kein Ressort dürfe verschont bleiben, die Arbeitsagenturen müssten ohne Zuschüsse auskommen. Auch die CSU-Mittelstandsunion lehnte Tabus bei den Sparbemühungen ab.
Unionsvize Michael Meister sagte der "Rheinischen Post", alles müsse auf den Prüfstand: "Ich meine wirklich alles. Man kann nichts ausnehmen, auch nicht die sozialen Leistungen." Die Zeitung schreibt, in der Koalition werde diskutiert, Leistungen für Langzeitarbeitslose einzuschränken - also für Hartz-IV-Empfänger.
Auch die Liberalen drängen auf Ausgabenkürzungen im Bereich Arbeit und Soziales. Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) sagte der "B.Z.", er sehe Sparpotenztal vor allem bei Verwaltungsaufgaben der Bundesagentur für Arbeit. Außerdem müsse das Kurzarbeitergeld zurückgefahren werden, sobald sich die Konjunktur erhole.
Tatsächlich lässt das gigantische Haushaltsloch den verantwortlichen Politikern nur zwei Möglichkeiten: Entweder kürzen sie die Ausgaben, oder sie steigern die Einnahmen. Letzteres jedoch geht in der aktuellen Lage nur über höhere Steuern - und genau dies haben FDP und CSU stets abgelehnt. Im Gegenteil: Beide Parteien haben ihren Wählern versprochen, die Steuern zu senken.
Kein Wunder also, dass auch CSU-Chef Horst Seehofer zu eisernem Sparen mahnt. Konkret warnte er vor höheren Abgaben bei der Arbeitslosenversicherung und im Gesundheitswesen: "Steigende Beiträge wären eine Katastrophe." Der Gesundheitsprämie - von der FDP gefordert und der CSU abgelehnt - gibt Seehofer kaum noch eine Chance. Sie sieht einheitliche Versicherungsbeiträge vor, wobei Geringverdiener Zuschüsse bekommen sollen. "Für eine Gesundheitsprämie wird es keinen einzigen Euro aus der Steuerkasse geben", sagte Seehofer der "Bild"-Zeitung.
Bei von der Leyen ist am meisten zu holen
In einem Punkt haben die Politiker von Union und FDP recht: Im Etat von Arbeits- und Sozialministerin Ursula von der Leyen (CDU) ist am meisten zu holen - er ist mit 140 Milliarden Euro der mit Abstand größte Posten im Bundeshaushalt. Darüber hinaus argumentieren die Koalitionäre, dass Einsparungen im Arbeits- und Sozialbereich allemal besser seien als bei den Bildungsausgaben.
So betonte Finanzminister Schäuble in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", frühkindliche Bildung und Integration, möglichst gute Schulen sowie hochklassige Forschung seien nötig. "Einsparungen auf diesen Feldern sind falsch." Damit widersprach der CDU-Politiker seinem Parteifreund Roland Koch, der als Ministerpräsident in Hessen regiert und eben dies gefordert hatte.
Konkret will die Regierung ihr Sparkonzept Anfang Juni auf einer Klausur in Schloss Meseberg festlegen. Schäuble hatte in einem ersten Schritt Einsparungen von insgesamt drei Milliarden Euro gefordert.
Am Wochenende war bereits die Industrie mit einer Maximalforderung vorgeprescht. Hans-Peter Keitel, Präsident des Bundesverbandes der deutschen Industrie (BDI), verlangte in der "Bild am Sonntag" Kürzungen beim Rentenzuschuss und bei den Hartz-IV-Leistungen. Außerdem schlug er vor, die ermäßigten Mehrwertsteuersätze von sieben Prozent, die zum Beispiel für Lebensmittel gelten, an die regulären Sätze von 19 Prozent anzugleichen.
Guttenberg ist der einzige, der bei sich selbst sparen will
Deutliche Kritik an den Sparplänen kommt von den Sozialdemokraten. SPD-Chef Sigmar Gabriel sagte im Deutschlandfunk, es sei "nicht besonders klug", ausgerechnet bei denjenigen zu sparen, die eine bessere Qualifizierung bräuchten, um sich in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Er habe die Sorge, dass bei den Menschen gespart werde, die wenig verdienten oder auf Sozialleistungen angewiesen seien.
Stattdessen forderte Gabriel erneut eine Finanztransaktionssteuer (siehe Kasten in der linken Spalte). So ließen sich Banken und Spekulanten zur Verantwortung ziehen. Mit dieser Steuer könne Deutschland pro Jahr bis zu 30 Milliarden Euro einnehmen, sagte der SPD-Vorsitzende. Die nordrhein-westfälische SPD-Chefin Hannelore Kraft sprach sich in der "Bild am Sonntag" außerdem für einen höheren Spitzensteuersatz aus.
Ein ähnlicher Vorschlag war zuvor auch in der Union aufgekommen. Saarlands Ministerpräsident Peter Müller (CDU) hatte am Samstag für eine höhere Mehrwertsteuer auf Luxusgüter und eine Anhebung des Spitzensteuersatzes plädiert.
Allerdings wies Unionsfraktionschef Volker Kauder diese Forderung deutlich zurück. "Außer der geplanten Steuer gegen Spekulanten oder einer neuen Abgabe auf die Gewinne von Banken wird es keine Steuererhöhungen geben", sagte der CDU-Politiker der "B.Z. am Sonntag".
Der einzige Minister, der im eigenen Ressort Sparpotential sieht, ist Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU). Er zeigte sich zu Kürzungen im Wehretat bereit. Die Aufgabe, der nachfolgenden Generation nicht nur Schulden zu hinterlassen, werde am Verteidigungsressort ebenso wenig vorübergehen wie an allen anderen Ressorts, sagte er dem "Hamburger Abendblatt". "Es ist selbstverständlich, dass es zum Stopp des einen oder anderen Rüstungsprojekts kommen wird."
wal/Reuters/AFP/apn
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- Montag, 24.05.2010 – 19:11 Uhr
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Allein 2010 lag die Neuverschuldung bei 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), erlaubt sind laut Maastricht drei Prozent. Um diese Schuldenberge wieder abzubauen, hat die schwarz-gelbe Koalition im Sommer 2010 ein Sparpaket aufgelegt. Ob dies allerdings ausreicht, ist fraglich. Denn der Bund muss von 2011 an jedes Jahr zehn Milliarden Euro sparen - allein um die im Grundgesetz verankerte Schuldenbremse einzuhalten.
Die laufenden Ausgaben für den Staatsbetrieb sollen binnen drei Jahren um zehn Prozent gesenkt werden. Zudem will Paris Steuerschlupflöcher stopfen und so in zwei Jahren fünf Milliarden Euro mehr einnehmen. Eine Rentenreform soll außerdem das riesige Defizit in den Sozialkassen senken. Das Rentenalter in Frankreich liegt derzeit für das allgemeine Rentensystem noch bei 60 Jahren.
Die Neuverschuldung lag 2009 bei 11,2 Prozent des BIP. Die Gesamtverschuldung des Staates wurde zuletzt vom Finanzministerium auf 55,2 Prozent des BIP beziffert. Laut Eurostat sind es knapp 560 Milliarden Euro.
Damit will Portugal sein Haushaltsdefizit von 9,4 Prozent des BIP auf sieben Prozent reduzieren. Die Gesamtschulden entsprachen 2009 rund 76,8 Prozent des BIP.
Der italienische Wirtschaftsminister Giulio Tremonti hat zwar angekündigt, dass ab 2011 gespart werden soll. Genaueres hat er bislang aber nicht erklärt. Italien hat in absoluten Zahlen einen Gesamtschuldenstand wie Deutschland von mehr als 1,7 Billionen Euro. In Relation zur Wirtschaftskraft ist der Schuldenberg aber weit größer: Er beträgt rund 114 Prozent des BIP.
Irland hat eine Gesamtverschuldung von mehr als hundert Milliarden Euro. Damit bewegt sich das Land nicht weit von der vorgeschriebenen 60-Prozent-Regel mit Blick auf das BIP. Allerdings lag die Neuverschuldung 2010 bei rund 30 Prozent.
Wegen der politischen Krise - das Land stolpert von einer Regierungskoalition zur nächsten - ist Belgien politisch gelähmt. Größere Sparpakete sind nicht in Sicht.
Doch die Niederländer pochen auf Konsolidierung. Die Regierung identifizierte Sparmöglichkeiten bei den Staatsausgaben von rund 20 Prozent. Die EU würde eine Anhebung des Pensionsalters von 65 auf 67 Jahre begrüßen, wie es in den Niederlanden debattiert wird.
2009 beliefen sich die Schulden des Landes auf 273 Milliarden Euro und damit auf 115 Prozent des BIP. Gegen heftigen Widerstand im eigenen Land hat die Regierung ein 30-Milliarden-Sparpaket durchgesetzt - Renten und Gehälter im Staatsdienst sollen gekürzt, Steuern heraufgesetzt werden.
Ein Sparprogramm der Regierung sieht großflächige Ausgabenkürzungen vor, aber keine Einschnitte bei Pensionen und im Sozialsystem. Kräftige Einsparungen gab es 2009 im Verteidigungsbudget.
Mit Konjunkturprogrammen wurde die Wirtschaft gestützt, das Haushaltsdefizit dürfte 2010 bei 6,1 Prozent des BIP liegen, nach 5,5 Prozent 2009. Das Sparprogramm ist noch nicht klar. Experten rechnen mit Kostensenkungen im öffentlichen Sektor, auch liegen in der Privatisierung von Staatsunternehmen noch Reserven.
Einig ist sich die Koalition aus konservativer ÖVP und sozialdemokratischer SPÖ aber bisher nur bei der Einführung einer Bankensteuer, die die alpenländischen Geldhäuser rund 500 Millionen Euro kosten soll. Insgesamt betragen die Schulden Österreichs derzeit etwa 66 Prozent des BIP.
Auch deshalb stehen drastische Sparprogramme wegen der aktuellen Finanzkrise nicht auf der Tagesordnung. Seit längerem schon will die Regierung das Rentenalter heraufsetzen und die Rentenansprüche senken.
Banken und andere Institute könnten die Kosten für die Finanztransaktionsteuer auf ihre Kunden abwälzen. Höhere Zinsen für Kreditnehmer sowie niedrigere Renditen für Sparer und Anleger wären die Folge. Das aber würde Investitionen, den privaten Konsum - und damit das Wirtschaftswachstum dämpfen.
Die Intransparenz an den Märkten wird tendenziell erhöht. Werden Geschäfte auf den regulären Finanzmärkten besteuert, könnten Händler vermehrt auf alternative Handelsplattformen wie Turquoise oder Chi-X ausweichen. Hier hat der Staat jedoch keinen Zugriff.
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