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Streit über Verdienstkreuz für Felicia Langer: Feigenblatt des schlechten Gewissens

Von wegen nette Anwältin: Felicia Langer hilft den Deutschen, über ihre Schuldgefühle gegenüber den Opfern des Holocaust hinwegzukommen, meint Henryk M. Broder. Dafür wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Nicht, weil sie sich für Palästinenser einsetzt.

Wer demnächst ein Bundesverdienstkreuz bekommt, wird sich fragen müssen, ob er es wegen oder trotz seiner Gesinnung bekommen hat. Und ob mit der Auszeichnung eine Leistung anerkannt werden soll oder nur die hartnäckige Pflege einer Obsession, die mit der Vita des beziehungsweise der Geehrten zusammenhängt.

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dpa

Felicia Langer: Streitbare Aktivistin für Frieden in Nahost

Die Verleihung eines Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse an die "Friedensaktivistin und Menschenrechtlerin" Felicia Langer hat nicht nur viel Staub aufgewirbelt, sie stellt auch eine Grenzüberschreitung dar. Noch nie in der Geschichte der Bonner und der Berliner Republik ist einem bekennenden Kommunisten beziehungsweise einer Kommunistin eine solche Ehre zuteil geworden; noch nie wurde eine Person, deren Hauptbeschäftigung darin besteht, ein Land mieszumachen, mit dem die Bundesrepublik besondere und besonders freundliche Beziehungen unterhält, für ihre Verdienste um die Menschenrechte und Menschenwürde ausgezeichnet. Es ist, als würde man einen Geisterfahrer ohne Führerschein für sein mutiges Verhalten belohnen.

Felicia Langer ist eine Kampfnatur, die sich viel zumutet. In Polen vor dem Krieg geboren, kam sie Anfang der fünfziger Jahre nach Israel, wo sie Jura studierte und Rechtsanwältin wurde. Sie verteidigte vor allem israelische Palästinenser und war in der Kommunistischen Partei Israels aktiv, die zu jener Zeit, ebenso wie die illegale KPD in Deutschland und später die DKP, ein Wurmfortsatz der KPdSU war, von dieser finanziell und politisch vollkommen abhängig. Kurz nach dem Fall der Mauer, 1990, machte sie ihre Kanzlei zu, ging auf Distanz zu den Genossen und zog in die Bundesrepublik.

Sie begründete diesen Schritt damit, eine effektive Verteidigung ihrer Mandanten sei ihr unter den gegebenen Umständen nicht möglich. In den israelischen Medien wurde über ein Zerwürfnis zwischen der Anwältin und der Partei der israelischen Arbeiterklasse berichtet, die damals im Begriff war, ihren explizit antizionistischen Kurs zugunsten einer nur noch "azionistischen" Haltung zu ändern, um ihre Wählerbasis zu erweitern.

Felicia Langer dagegen machte es sich zur Aufgabe, die Deutschen über die Verbrechen der Zionisten in Palästina aufzuklären. Sie tourte durch Volkshochschulen und christliche Bildungsstätten, war Gast auf Pax-christi-Kundgebungen und genoss, wo immer sie auftrat, die Aura einer KZ-Überlebenden, obwohl sie nur im ZK der israelischen KP gewesen war.

Das ist das Dreifachpfund, mit dem sie wuchert: Jüdin, NS-Opfer, Antizionistin. Wenn sie dann den Umgang der Israelis mit den Palästinensern mit der Behandlung der Juden durch die Nazis vergleicht, natürlich ohne das eine mit dem anderen gleichzusetzen, dann macht sie von einer moralischen Lizenz Gebrauch, die jede argumentative Verrenkung rechtfertigt. Für Felicia Langer sind die Juden beziehungsweise die Israelis immer die Bösen, die mit Vorsatz handeln - und die Palästinenser immer die Guten, die in ihrer Verzweiflung in der Wahl der Mittel gelegentlich zu weit gehen, aber prinzipiell im Recht sind.

"Das Recht der Flüchtlinge auf Rückkehr ist ein absolutes Recht, ist Menschen- und Völkerrecht. Auf dieses Recht kann niemand verzichten", sagt sie in einem Interview und meint natürlich nur die palästinensischen Araber, die von den Zionisten vertrieben wurden, und nicht die arabischen Juden, die aus Ägypten, Jemen, Libyen, Syrien, dem Irak und anderen arabischen Ländern nach Israel fliehen mussten. Es sei auch falsch, erklärt sie, "das Rückkehrrecht der Araber immer mit der Vernichtung des Staates Israel" gleichzusetzen, damit werde "bewusst auf die Vernichtung der Juden durch die Nazis" angespielt. Und dann kommt's: "Als eine Überlebende des Holocaust kann ich dazu nur sagen, dass der Holocaust hier politisch in einer Weise missbraucht wird, dass es einer Beleidigung für die Opfer gleichkommt."

Dagegen hat es sie noch nie irritiert, dass die Palästinenser den Holocaust für ihre Zwecke missbrauchen, indem sie die Lage in Gaza mit der im Warschauer Ghetto gleichsetzen. Auch dass der "palästinensische Holocaust" der erste Völkermord der Geschichte wäre, bei dem die betroffene Population nicht dezimiert wird, wie es bei den Hereros, den Armeniern und den Juden der Fall war, sondern kontinuierlich und erheblich zunimmt, macht sie nicht stutzig.

Felicia Langer ist keine "Israel-Kritikerin", wie ihr immer wieder bescheinigt wird, sie ist eine notorische Israel-Basherin, die ihre Selbstinszenierung als einsame Stimme der Vernunft und der Menschlichkeit auf dem Rücken der Palästinenser betreibt. Sie sind nicht das Objekt ihres Mitgefühls, sondern die Figuren auf dem Schachbrett ihrer Eitelkeit. Sie betreibt emotionalen Kolonialismus. Würde es ihr um die Palästinenser gehen, müsste sie ab und zu auch ein Wort über die Grausamkeiten verlieren, die Fatah und Hamas einander antun oder über die miese Behandlung der Palästinenser in den arabischen Ländern, die ihre "Gäste" als Faustpfand gegen Israel benutzen.

Und was hat die Botschafterin der Menschlichkeit in den letzten 20 Jahren, seit sie ihre Anwaltslizenz zurückgegeben hat, geleistet? Hat sie eine Suppenküche aufgebaut, Kriegswaisen bei sich aufgenommen oder alten Leuten im Krankenhaus vorgelesen? Sie hat ein paar Bücher geschrieben. Das tun viele. Sie wurde ausgezeichnet, weil sie "als eine massiv vom Holocaust Betroffene" eine volkstherapeutische Aufgabe erfüllt, indem sie den Deutschen hilft, über ihre Schuldgefühle gegenüber den Opfern des Holocaust hinwegzukommen. Gerade die Deutschen, die aus der Geschichte gelernt hätten, sagt Felicia Langer immer wieder, müssten die Israelis davor bewahren, die gleichen Fehler zu wiederholen. Bei der Mutation der Täter von gestern in die Bewährungshelfer von heute sind "Überlebende des Holocaust" als moralische Feigenblätter sehr willkommen.

Ob sie das alles aus Berechnung oder aus Naivität tut, kann offen bleiben. Freilich fällt es schwer, an Naivität zu glauben, wenn sie zu einem Buch von Jamal Karsli das "Vorwort" schreibt, worauf dieser stolz auf seiner Homepage hinweist. Zu Erinnerung: Karsli ist der ehemalige Düsseldorfer Landtagsabgeordnete, der mit seinen antisemitischen Äußerungen zuerst die Grünen, dann die FDP kompromittiert hat und sich von beiden verabschieden musste. Einen Prozess gegen Paul Spiegel, der Karsli einen Antisemiten genannt hatte, verlor er in zwei Instanzen, er ist also ein gerichtlich anerkannter Antisemit.

Darauf angesprochen, sagt der Oberbürgermeister von Tübingen, Boris Palmer, der an der Ordensverteilung maßgeblich beteiligt war:

"An meiner Meinung ändert sich auch durch diesen weiteren Scheinbeleg nichts." Denn: "Frau Langer ist eine verdiente Tübinger Bürgerin und ich schätze sie persönlich sehr. Nicht alles, was sie sagt, mag angemessen, vieles einseitig sein. Trotz allem hat sie sich in einem Maße engagiert, das weit über das hinausgeht, was normal ist. Und sie hat dies nicht für sich getan. Ich meine, das rechtfertigt das Verdienstkreuz."

Kaum anzunehmen, dass der Tübinger OB die Verleihung eines Bundesverdienstkreuzes an einen deutschen Kommunisten, der das Vorwort für das Buch eines deutschen Antisemiten geschrieben hat, auch damit rechtfertigen würde, er habe sich in einem Maße engagiert, "das weit über das hinausgeht, was normal ist".

Auch beim Zentralrat der Juden, den Felicia Langer immer wieder als die Fünfte Kolonne der israelischen Regierung in Deutschland bezeichnet hat, hält sich die Empörung in Grenzen. Dieter Graumann und Salomon Korn, die beiden Vizepräsidenten, würden auf ihre Bundesverdienstkreuze verzichten, wenn sie welche bekommen hätten, was aber nicht der Fall ist. Charlotte Knobloch, die Präsidentin des Zentralrates, hat ein Bundesverdienstkreuz, denkt aber nicht daran, es aus Protest zurückzugeben.

Bei der Vergabe an Felicia Langer wurde "nicht recherchiert, bzw. anscheinend zu schnell und fahrlässig gehandelt. Ein Vorsatz ist meines Erachtens nicht zu erkennen". Schrieb Charlotte Knobloch auf Anfrage und trat ihren "schon längst terminierten Urlaub an".

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