Streit um TV-Engagement SPD fordert von ARD und ZDF einjährige Radsport-Pause

SPD, Grüne und Linkspartei sind für den Ausstieg - FDP und Union dagegen. Nach den jüngsten Doping-Beichten streiten Politiker darüber, ob die öffentlich-rechtlichen Sender dem Radsport jetzt den Rücken kehren sollten.

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Hamburg - Peter Danckert ist dieser Tage auf allen Kanälen. Nach den Doping-Geständnissen mehrerer ehemaliger Telekom-Radprofis und von Sportmedizinern ist der Vorsitzende des Sportausschusses des Bundestages ein gefragter Mann. Für den SPD-Politiker gerät in dem Doping-Skandal auch der gebührenfinanzierte öffentlich-rechtliche Rundfunk wegen seiner Radsportübertragungen in den Fokus der Kritik.

Danckert forderte ARD und ZDF auf, "mindestens für ein Jahr" aus der Radsportberichterstattung auszusteigen: "ARD und ZDF haben eine besondere Verantwortung", sagte Danckert im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Durch einen solchen Boykott würden Sponsoren das Interesse am Radsport verlieren, "dann setzt sich eine Kette in Gang: keine TV-Bilder, keine Sponsoren, kein Geld - erst dann macht sich der Radsport Gedanken über Konsequenzen zur Doping-Problematik", sagte Danckert.

Das Verhalten der Öffentlich-Rechtlichen sei in der Vergangenheit "nicht akzeptabel gewesen", sagte Danckert. "Mit Hagen Boßdorf hat die ARD einen Freund des Radsports engagiert, der alles verniedlicht hat", sagte Danckert.

Boßdorf war langjähriger Sportkoordinator der ARD, die er nach Ablauf seines Vertrags verlassen hatte. Er stand wegen eines Falls von Schleichwerbung und Stasi-Vorwürfen in der Kritik, aber auch wegen seiner Nähe zum Telekom-Radsport-Team T-Mobile und dem früheren Tour-de-France-Sieger Jan Ullrich. So hatte Boßdorf etwa an der Ullrich-Autobiographie "Ganz oder gar nicht: Meine Geschichte" mitgewirkt und Telekom-Veranstaltungen moderiert.

Nach den Doping-Geständnissen der früheren Team-Telekom-Radprofis Erik Zabel und Rolf Aldag appellierte Danckert auch an Jan Ullrich, klar Stellung zu beziehen. Ullrich war im vergangenen Jahr wegen der Verwicklung in die Dopingaffäre um den spanischen Arzt Eufemiano Fuentes von der Tour de France ausgeschlossen worden. "Wenn er sich dazu nicht äußert, wird Ullrich das erleben, was im Volksmund mit folgenden Worten beschrieben wird: Den letzten beißen die Hunde."

"ARD und ZDF haben sich schuldhaft verstrickt"

Schwere Vorwürfe gegen die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten erhob auch Winfried Hermann, sportpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag: "ARD und ZDF haben sich schuldhaft verstrickt, indem sie Rad-Akteure als Kommentatoren bezahlt haben", sagte Herrmann im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Über Jahre hinweg habe es kein kritisches Nachfragen gegeben, auch heute sei sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk keiner Schuld bewusst. Im Fall weiterer Enthüllungen seien ARD und ZDF "in der Pflicht, aus der Radsport-Berichterstattung auszusteigen", sagte Hermann.

Der Grünen-Politiker kritisierte zudem das Anti-Doping-Gesetz, über dessen Entwurf der Bundestag heute ursprünglich abstimmen sollte: "Der Entwurf ist völlig unzulänglich. Es gilt das Prinzip: Im liberalen Rechtsstaat darf sich jeder umbringen - auch mit Doping", sagte Hermann. Notwendig sei eine umfassende Strategie gegen Doping. "Sonst gibt es keinen sauberen Hochleistungssport", sagte Hermann.

Dagmar Enkelmann, Parlamentarische Geschäftsführerin der Linksfraktion im Bundestag, nannte die dopingbelasteten Radsportrennen "unappetitliche, dem Sportsgeist in seinem ursprünglichen Sinn widersprechende Veranstaltungen". Für derartige Sportereignisse sollten "keine öffentlichen Gelder, auch keine Rundfunkgebühren" verwendet werden, sagte Enkelmann. "Solange Radsportverbände eine echte Aufklärung torpedieren, sollten ARD und ZDF aus der Berichterstattung aussteigen", sagte Enkelmann.

Dagegen sprach sich der sportpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Detlef Parr, gegen ein Ende der Radsportberichterstattung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk aus. "Der kritische TV-Journalismus hat jetzt eine riesige Chance. Schöne Bilder allein reichen nicht mehr", sagte Parr im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Ähnlich argumentierte der sportpolitische Sprecher der Unionsbundestagsfraktion, Klaus Riegert. Durch die Doping-Geständnisse der Radsportler Zabel und Aldag bestünde die Möglichkeit für einen Neuanfang. "Es wäre falsch, die neuen Geständnisse zum Anlass für eine solche Entscheidung zu nehmen", sagte der CDU-Politiker im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Man würde damit das Signal senden, dass sich Sponsoren und Medien von Sportlern abwenden, die ehrlich sind und offen über Fehler sprechen."

Vielmehr gehe es jetzt um ein Diskussionsklima, in dem darüber gesprochen werden müsse, "ob wir von unseren Sportlern Leistungen erwarten dürfen, die ohne die Wirkung von Chemie gar nicht erbracht werden können", sagte Riegert. Auch Zuschauer, Medien und Verbände müssten sich deshalb kritische Fragen stellen. "Bei der Tour de France hat doch nie jemand gefragt, ob man vielleicht den einen oder anderen Berg ausklammern sollte", sagte Riegert.

"Wichtige Beiträge im Kampf um das Doping"

Die ARD räumte heute selbstkritisch ein, "in der Vergangenheit Fehler gemacht" zu haben. So sei es ein Fehler gewesen, "zu Zeiten des einzigen deutschen Profiteams eine Nähe zu pflegen, die möglicherweise den ein oder anderen kritischen Ansatz nicht so hat in Erscheinung treten lassen, wie es notwendig gewesen wäre", sagte ARD-Sprecher Peter Meyer.

Dann ging Meyer zur Vorwärtwsverteidigung über: Der Sender habe auch "früher über die Doping-Probleme im Radsport berichtet" und "insbesondere seit dem vergangenen Sommer Druck auf die Rennställe und Veranstalter am Verhandlungstisch aufgebaut". Zudem habe die ARD durch diverse Sendungen "wichtige Beiträge im Kampf gegen das Doping geleistet" und eine Doping-Redaktion etabliert.

Konsequenzen aus den neusten Geständnissen will die ARD offenbar vorerst nicht ziehen, obwohl der ARD-Vorsitzende Fritz Raff gestern - also vor den Geständnissen von Zabel und Aldag - erklärt hatte, der Sender erwäge einen Ausstieg, "wenn neue gewonnene Erkenntnisse der nächsten Tage und Wochen uns dazu zwingen". Akuten Handlungsbedarf sieht der Sender derzeit offenbar nicht: "Die ARD wird die weitere Entwicklung genau verfolgen und ihre Haltung zu den Radsport-Übertragungen regelmäßig anhand dieser Entwicklung überprüfen“, sagte Meyer.



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Seite 1
shokaku 24.05.2007
1.
Natürlich beides.
inci 24.05.2007
2.
Zitat von sysopRadsport-Beichten - sind Radfahrer Täter oder Opfer?
lieber sysop, sie sind teil eines systems, so wie sie und ich auch. lediglich die höhe des schmerzensgeldes dürfte in den individuellen fällen stark differieren. und, sind wir nicht alle ein bißchen dedopt.....?
Newspeak, 24.05.2007
3.
Beides. Opfer, weil sie in Kauf nehmen ihren Körper für ihren Sport massiv zu schädigen und weil das Vertrauensverhältnis zwischen Trainer, Arzt und Athlet häufig von ersteren missbraucht wird, ohne daß es dem einzelnen Sportler immer bewusst wäre. Andererseits ist es zu billig, den Sportler von jeder Schuld freizusprechen, ich denke, die allermeisten Sportler, die dopen, wissen ganz genau, was sie tun und haben auch ein gutes Gespür dafür, daß sie betrügen. Und dopen trotzdem. Insofern sollten sie auch die volle Härte des Gesetzes zu spüren bekommen, sie verschaffen sich ja auch bei erfolgreichem Doping, d.h. durch Betrug, ansehnliche Summen durch Sponsorenverträge, Werbung etc., warum also sollten sie als Begünstigte bei einer Bestrafung leer ausgehen? Oder man ist konsequent und gibt jede Form von Doping frei, dann hat man halt einen Wettkampf, weniger um die Lesitungen des Sportlers, als um die beste Chemiefirma...wer das dann sehen möchte...
console 24.05.2007
4. Ich sehe sie eher als Opfer.
Da es bei der Tour kein Trikot für den ersten ungedopten Fahrer gibt, bleibt einem Leistungssportler über kurz oder lang nur der griff zu Unerlaubtem. Wenn man dies auch noch vom eigenen Teamarzt bekommt, um so leichter... Ganz nebenbei: Das Leistungsgefälle unter den Fahrern ist für mich schon immer sehr auffällig gewesen. Wenn eine Gruppe zeitgleich das Ziel erreicht, und auch nur einer aus dieser Gruppe gedopt ist, was ist dann mit den anderen?
Pinarello, 24.05.2007
5.
Zitat von sysopRadsport-Beichten - sind Radfahrer Täter oder Opfer?
Siehe Udo Bölts Geständnis: "Mit EPO angefangen zu dopen weil die Zukunft des Telekomengagment auf der Kippe stand, in den Anfangsjahren des Telekomteams ist man immer hinterher gefahren und mit EPO-Doping konnte man mit allen anderen mithalten". Stellt sich jetzt die Frage, erst Opfer und dann Täter oder umgekehrt. Zum damaligen Zeitpunkt, wir reden ja von Anfang bis Mitte der 90er Jahre, gab es für einen Profiradrennfahrer gar keine andere Möglichkeit, außer auf seinen Beruf Rennradfahrer gleich zu verzichten. Anzumerken bleibt auch, daß der Radsportverband UCI unter seinem Präsidenten Hein Verbruggen die Dopingsproblematik ebenfalls unter den Keller kehrte und nur nach solchen Substanzen wie Anabolika fahndete, weil man wußte daß die eh nicht mehr genommen werden.
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