Stresstest-Folgen Oettinger rechnet mit AKW-Abschaltungen

Den Stresstest werden nicht alle europäischen AKW überstehen - davon ist Energiekommissar Oettinger überzeugt. Er rechnet damit, dass weitere Atomkraftwerke vom Netz müssen. Während Bundesumweltminister Röttgen einen Energiekonsens anstrebt, ruft die CSU sogar ein Wettrennen um den Atomausstieg aus.

Reaktordruckbehälter im AKW Gundremmingen: Der Stresstest kommt
dapd

Reaktordruckbehälter im AKW Gundremmingen: Der Stresstest kommt


Hamburg - EU-Energiekommissar Günther Oettinger geht davon aus, dass in Folge des europaweiten Stresstests weitere Atomkraftwerke vom Netz gehen müssen. "Wenn es unvorstellbar wäre, dass bestimmte Kernkraftwerke abgeschaltet werden, könnte man den Stresstest ja gleich sein lassen", sagte Oettinger in einem Interview mit dem SPIEGEL. Es sei unwahrscheinlich, dass alle 143 in der EU existierenden Kernkraftwerke den Stresstest bestehen. "Wenn wir die höchsten Sicherheitsstandards anlegen, kann kein Land von vornherein ausschließen, dass es eventuell seine Kraftwerke nachrüsten oder abschalten muss."

Der deutsche EU-Kommissar fordert, am Ausbau neuer Stromnetze und -speicher auch die Verbraucher finanziell zu beteiligen. "Ein Teil der europäischen Netzinfrastruktur muss wohl auch über den Strompreis von morgen finanziert werden", sagte Oettinger dem SPIEGEL. "Ich denke an eine Umlage von etwa einem Cent pro Kilowattstunde, die von den Verbrauchern für diese enorme Aufgabe zu tragen wäre."

Gleichzeitig kritisierte Oettinger die deutsche Förderung der erneuerbaren Energien und deren Auswirkung auf die Strompreise. "Preiserhöhungen, wie wir sie in den vergangenen Monaten etwa aufgrund des Erneuerbare-Energien-Gesetzes erlebt haben, können wir uns nicht länger leisten." Die Strompreise bewegten sich am Rande dessen, was sozial akzeptabel ist, so Oettinger. "Auch der Erfindungsreichtum der Politik für die Haushaltsfinanzierung muss ein Ende haben."

Röttgen wünscht neuen Atomkonsens

Falls einige der deutschen Atomkraftwerke durch die EU-Sicherheitsprüfung fallen, will Kanzlerin Angela Merkel (CDU) nach Informationen des SPIEGEL die AKW entweder direkt durch eine "aufsichtliche Verfügung" im Konsens mit den Ländern vom Netz nehmen - oder über eine Änderung des Atomgesetzes durch das Parlament.

Merkel strebt einen möglichst breiten gesellschaftlichen Konsens bei der anstehenden Energiewende in Deutschland an. Sie will deswegen Anfang Mai mit Vertretern von Kirchen, Umweltgruppen und Gewerkschaften diskutieren, sagte sie der "Bild am Sonntag". Im Juni wolle sie zudem auch auf die im Bundestag vertretenen Fraktionen zugehen und mit ihnen verhandeln.

Auch der Bundesumweltminister setzt auf eine umfassende Konsensstrategie: Norbert Röttgen (CDU) strebt an, dass die schwarz-gelbe Koalition mit SPD und Grünen einen gemeinsamen, langfristigen Kurs für die deutsche Energiepolitik findet. In einem SPIEGEL-Gespräch sagte Röttgen: "Wir haben jetzt die Chance, binnen weniger Monate den Atomkampf zu beenden, der die Republik über Jahrzehnte gespalten hat."

Die Regierungskoalition sollte "es schaffen, einen gemeinsamen Kurs auch mit SPD und Grünen zu finden, im besten Fall sogar einen nationalen Energiekonsens". Röttgen kündigte an, dass die Bundesregierung auch weltweit für ihren neuen kernkraftkritischen Kurs werben werde. "Wir werden unsere Haltung gegenüber anderen Ländern aktiv vertreten", sagte er.

Der Umweltminister betonte, er sehe keine Gefahr einer Stromlücke, wenn Kernkraftwerke vom Netz genommen würden. "Wir haben höhere Erzeugungskapazitäten, als das Land zu Spitzenzeiten braucht", sagte er. Röttgen sprach den Stromkonzernen ab, dass sie die zusätzlichen Strommengen, die ihnen durch die Laufzeitverlängerung zugesprochen wurden, als Geschenk verbuchen können: Er halte es für "entscheidend, dass es bislang noch keine Investitionen auf der Basis der Laufzeitverlängerung gegeben hat, die so etwas wie Vertrauensschutz auslösen könnten".

Nicht auf die lange Bank schieben

Konsens ist das eine, Tempo beim Ausstieg das andere: Bayerns Umweltminister Markus Söder (CSU) hat sogar ein Wettrennen der Bundesländer angekündigt: "In Bayern betrachten wir das jetzt als Wettbewerb mit dem grün-roten Baden-Württemberg", sagte der CSU-Politiker der "Frankfurter Rundschau".

"Wir werden sehen, welches der beiden Länder schneller den Umstieg ins Zeitalter der erneuerbaren Energien schaffen kann." Wichtig sei, dass der Atomausstieg nicht auf die lange Bank geschoben werde.

Zugeständnisse an die Energieunternehmen lehnte Söder ab. "Es geht nicht um einen Kuhhandel, sondern um Sicherheit und die nationale Energieversorgung. Da gibt es keine Tauschgeschäfte", sagte er. Es sei aber sinnvoll, wenn der Bund Gespräche mit den Energieversorgern aufnehme. Diese sollten die Chance nutzen und auf erneuerbare Energien umsatteln. Die Übertragung der Strommengen abgeschalteter Kernkraftwerke auf weiterlaufende Reaktoren lehnte Söder ab. "Es wäre das falsche Signal, weil man damit das Atomzeitalter verlängert", sagte er.

Forum - Wäre der Wohlstand ohne Atomkraft gefährdet?
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Seite 1
gunman, 02.04.2011
1. Was meint dieser mit "europäisch" ?
Zitat von sysopDie Debatte um die Abkehr von der Atomenergie dauert an. Besonders die Folgen für die Wirtschaft werden kontrovers diskutiert. Wie abhängig ist der Wohlstand in Deutschland von der Kernenergie? Wäre er durch den Ausstieg ernstlich gefährdet?
"Den Stresstest werden nicht alle europäischen AKW überstehen - davon ist Energiekommissar Oettinger überzeugt." http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,754633,00.html Das möchte ich sehen, wie Oettinger z.B. auch nur ein einziges franz. Kernkraftwerk "abschaltet". Ein viertklassiger EU-Politiker in grenzenloser Selbstüberschätzung. Oder meint der Typ mit "europäisch" die deutschen Kernkraftwerke? Dass jetzt die deutsche Atomindustrie an die Wand gefahren, ist wohl ausgemacht. Dazu braucht hier niemand die EU/Oettinger.
rolli 02.04.2011
2.
Zitat von sysopDie Debatte um die Abkehr von der Atomenergie dauert an. Besonders die Folgen für die Wirtschaft werden kontrovers diskutiert. Wie abhängig ist der Wohlstand in Deutschland von der Kernenergie? Wäre er durch den Ausstieg ernstlich gefährdet?
Nein, denn dann könnten alle Subventionen und Haftungsrückstellugnen dafür gestrichen werden und sinnvoll an anderer Stelle eingesetzt oder eingespart werden. Kernenergie ist die volkswirtschaftlich teuerste und dazu lebensgefährlichste Energiequelle. rolli
christiane006, 02.04.2011
3. die Ruinen abschalten
Zitat von sysopDie Debatte um die Abkehr von der Atomenergie dauert an. Besonders die Folgen für die Wirtschaft werden kontrovers diskutiert. Wie abhängig ist der Wohlstand in Deutschland von der Kernenergie? Wäre er durch den Ausstieg ernstlich gefährdet?
f ich kann diese Vokabel Stresstest einfach nicht mehr hören. Man sollte diese Wortschöpfung zum Unwort des Jahres küren. Auch heute weiss man bereits, dass es Kraftwerke gibt, die einen Flugzeugabsturz nicht verkraften würden. Das hat mit Stress nichts zutun, dass ist die vorprogrammierte Katastrophe. Deutschland ist dicht besiedelt, wir können dann ja nach Sibirien auswandern! Das kommt davon, wenn eine Riege von Soziopathen mit Macht ausgestattet wird, die sich nur noch über´s Geld definiert.
CyberDyne 02.04.2011
4. Unsere Politiker gefährden den Wohlstand ...
Zitat von sysopDie Debatte um die Abkehr von der Atomenergie dauert an. Besonders die Folgen für die Wirtschaft werden kontrovers diskutiert. Wie abhängig ist der Wohlstand in Deutschland von der Kernenergie? Wäre er durch den Ausstieg ernstlich gefährdet?
... und nicht die abgeschalteten AKWs.
Huuhbär, 02.04.2011
5. ...
Zitat von sysopDie Debatte um die Abkehr von der Atomenergie dauert an. Besonders die Folgen für die Wirtschaft werden kontrovers diskutiert. Wie abhängig ist der Wohlstand in Deutschland von der Kernenergie? Wäre er durch den Ausstieg ernstlich gefährdet?
Ich finde es unsäglich, unerträglich und teilweise wirklich unanständig in welcher Art und Weise in Anbetracht der unfassbaren Tragödie in Japan eine auf wirtschaftliche Aspekte reduzierte Betrachtungsweise wirklich deplatziert und zynisch. Ich für meine Person stelle schlicht fest, dass es innerhalb weniger Jahrzehnte drei schwere Atomunfälle gab mit den bekannten Folgen. Und ich kann mich auch noch sehr gut an die Kampagnen der Atomindustrie in den 70er und 80er Jahren erinnern, als mit Sprüchen wie „Bei uns kommt der Strom aus der Steckdose“ versucht wurde, die Antiatombewegung lächerlich zu machen. Atomwissenschaftler und Atomlobby wollen den Menschen bis zum heutigen Tags weismachen, dass nur ein minimalstes Restrisiko bestehe, mit einer Wahrscheinlichkeit von weniger als 1 in 1000 Jahren. Aber die Wirklichkeit hat uns alle mal wieder eingeholt. Man muss wohl in Zukunft eher mit einem Super-Gau pro Jahrzehnt rechnen, je mehr AKW’s weltweit betrieben und errichtet werden. Da darf ich doch sicher als Traumtänzer dann eine sachliche und einfache Frage an Sie richten, was wichtiger ist, satte Profite für die Atomindustrie oder die Lebensgrundlage? Warum soll ich mich jetzt als einfacher Bürger mit deren Wohlstandslügen beschäftigen und denen noch Unterstützung geben? Die Frage müßte lauten: Was ist Wohlstand. Für mich ist Wohlstand ohne Krieg oder irgendwelchen anderen von Menschen gemachten Bedrohungen leben zu dürfen. Ein Dach über den Kopf zu haben, essen und trinken, Bildung und meinen Mitmenschen vertrauen.
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