Studie Jeder Zweite hält Deutschland für eine Weltmacht

Selbstbewusstsein oder Größenwahn? Die Hälfte der Deutschen hält ihr Land laut einer neuen Umfrage für eine Weltmacht - das Ausland sieht das deutlich anders. Einig ist man sich über den Niedergang der USA und die kommenden Player: China, Russland und Indien.


Hamburg - Es ist das zweite Mal, dass die Bertelsmann-Stiftung rund 9000 Bürger in neun Ländern zur Weltmachtrolle einzelner Länder befragte. Und wie bei der ersten Befragung 2005 demonstrieren die Deutschen eine deutliche Selbstüberschätzung ihrer Rolle in der Welt.

Deutsche Flaggen bei der WM: 49 Prozent der Deutschen halten ihr Land für eine Weltmacht, 46 Prozent trauen ihm auch künftig eine führende Rolle zu
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Deutsche Flaggen bei der WM: 49 Prozent der Deutschen halten ihr Land für eine Weltmacht, 46 Prozent trauen ihm auch künftig eine führende Rolle zu

49 Prozent der Deutschen halten ihr Land für eine Weltmacht, und 46 Prozent gehen davon aus, dass das Land auch in Zukunft eine Führungsrolle in der Welt spielen kann. Ähnlich wichtig nehmen nur die Briten Deutschland - was wohl mit der Geschichte zusammenhängt und mit Kanzlerin Angela Merkel in ihrer jüngsten Vorstellung als EU-Ratspräsidentin und G-8-Vorsitzende.

International hingegen wird Deutschland bei weitem nicht so hoch bewertet. Im weltweiten Schnitt sehen nur 30 Prozent der Befragten Deutschland in einer internationalen Führungsrolle. Für 2020 erwartet dies sogar nur noch ein Viertel.

Die repräsentative Erhebung mit dem Titel "Wer regiert die Welt?" fand in den USA, Russland, Brasilien, China, Indien, Japan, Deutschland, Frankreich und Großbritannien statt. Danach erwarten die Deutschen in den nächsten Jahren eine Kräfteverschiebung in der internationalen Mächtekonstellation zulasten der USA und Großbritanniens und zugunsten von China, Indien und Brasilien. Diese Einschätzung wird weltweit geteilt.

USA sind "große Verlierer der Zukunft"

Die USA seien aus Sicht der Befragten "die großen Verlierer der Zukunft", heißt es in der Studie. Zwar führen die Vereinigten Staaten heute mit 81 Prozent der Nennungen als Weltmacht die Liste deutlich vor China (50 Prozent) an. Dieser Wert schmilzt laut Erwartung der Befragten bis 2020 aber auf 61 Prozent ab. China wird sich demnach um sieben Prozentpunkte auf 57 Prozent verbessern und damit fast gleichauf liegen.

Vor allem Russland konnte in den vergangenen zwei Jahren seinen Ruf als Weltmacht stärken - das Land verbesserte sich im Vergleich zur Umfrage 2005 von Platz sechs auf Platz drei gleich hinter China.

Die EU liegt derzeit mit 33 Prozent auf dem vierten Platz. Vor allem die Europäer selbst halten die EU für eine Weltmacht: 81 Prozent der Deutschen und 76 Prozent der Briten glauben dies. Außerhalb Europas sieht das Bild deutlich anders aus: Nur 13 Prozent der Russen etwa schreiben der EU eine solche Führungsrolle zu - zwölf Prozent weniger als vor zwei Jahren. Das geht einher mit einem messbar größeren Selbstbewusstsein Russlands.

Entscheidend für den Weltmachtstatus eines Landes sind aus der Sicht der Befragten wirtschaftliche Stärke, politische Stabilität sowie Bildung und Forschung. Die Bedeutung von Forschung hat im Vergleich zur Vorgängerstudie zugenommen - um 32 Prozentpunkte in Indien, um 15 Prozentpunkte in Frankreich und um 11 Prozentpunkte in Deutschland.

Die Befragten erwarteten für die künftige Weltordnung kein "harmonisches Gleichgewicht, das etwa von den Vereinten Nationen im Sinne einer Weltregierung gelenkt würde", sagte Josef Janning von der Bertelsmann Stiftung. Um zehn Prozentpunkte stark gewachsen sei das Bewusstsein für Bedrohungen wie Umweltzerstörung. Der Anteil derer, die den Klimawandel als globale Bedrohung wahrnehmen, sei in allen Ländern gestiegen, besonders stark aber in den USA (plus 22 Prozent), in China (plus 17 Prozent) und in Japan (plus 16 Prozent). Im Schnitt betrachteten 54 Prozent aller Menschen Umweltzerstörungen als größte Bedrohung.

cvo/dpa/ap



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