Studie Ostdeutschland droht zu verarmen

In Deutschland sind immer mehr Regionen von Armut bedroht. Laut einer Studie gibt es jedoch innerhalb des Landes gravierende Unterschiede. Der "Armutsatlas" listet auf, wo viele und wo wenige arme Menschen leben. Demnach ist Geldnot besonders im Osten ein Problem - aber nicht nur dort.


Berlin - Vor allem in den neuen Bundesländern drohen ganze Landstriche zu verarmen. Zu diesem Ergebnis kommt der erste "Regionale Armutsatlas" des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. "Die alte Unterscheidung in Ost und West greift allerdings zu kurz, denn auch die alte Bundesrepublik ist tief gespalten", sagte der Hauptgeschäftsführer des Verbandes, Ulrich Schneider, am Montag in Berlin. Bundesweit klafften die regionalen Armutsquoten von 7,4 Prozent in Villingen-Schwenningen im Schwarzwald bis zu 27 Prozent in Vorpommern auseinander.

Essen in der Suppenküche: Armut ist besonders im Osten verbreitet - aber nicht nur
DPA

Essen in der Suppenküche: Armut ist besonders im Osten verbreitet - aber nicht nur

Der "Regionale Armutsatlas" teilt Deutschland in drei Zonen: einen süddeutschen, einen nordwestdeutschen und einen ostdeutschen Bereich. Am wenigsten von Armut betroffen sind demzufolge die südlichen Bundesländer Bayern, Hessen und Baden-Württemberg. Dort liegt die Armutsquote bei elf Prozent. Im Nordwesten Deutschlands sowie in den Stadtstaaten Hamburg und Bremen gelten etwa 15 Prozent der Bevölkerung als arm. In Ostdeutschland wird jeder Fünfte als arm eingestuft.

Auch in Bayern bis zu 15 Prozent arm

Schneider sagte, dass angesichts dieser regionalen Unterschiede "von gleichwertigen Lebensverhältnissen keine Rede sein" könne. Hinzu kämen gravierende Gefälle innerhalb einzelner Länder. So variiert die Armutsquote allein in Niedersachsen zwischen 12,4 Prozent in der Südheide und bis zu 20,3 Prozent in Ostfriesland.

Auch Bayern sei keineswegs flächendeckend von Armut verschont. Während südlich von München die Quote bei etwa 7,7 Prozent liege, seien mehr als 15 Prozent im östlichen Oberfranken arm. Für Schneider zeigt die Auswertung, dass "Deutschland sozial und regional tief zerrissen ist". In vielen Regionen gebe es einen "Teufelskreis der Verarmung". Ohne rasches und gezieltes Gegensteuern sei die Verödung ganzer Landstriche nicht mehr aufzuhalten. Schneider forderte, den Hartz-IV-Regelsatz von derzeit 351 auf 440 Euro zu erhöhen und die Konjunkturprogramme stärker regional auszurichten.

Der Bundesregierung warf Schneider vor, die regionale und soziale Spaltung Deutschlands zu begünstigen. Die zehn Milliarden Euro, die im Konjunkturpaket II für Investitionen in Bildung und kommunale Infrastrukturen vorgesehen seien, gingen zu einem Drittel an die drei Bundesländer, die mit Abstand die geringsten Armutsquoten aufweisen. "Es macht keinen Sinn, mit der Gießkanne Geld zu verteilen und damit die Ungleichheiten nur weiter zu verstärken", kritisierte Schneider.

Im "Regionalen Armutsatlas" werden Personen als arm eingestuft, denen weniger als 60 Prozent eines mittleren Einkommens zur Verfügung stehen. Einem Ein-Personen-Haushalt mussten dieser Rechnung zufolge 764 Euro zur Verfügung stehen, um nicht als arm zu gelten. Der Paritätische Wohlfahrtsverband nahm den Mikrozensus des Statistischen Bundesamt zur Grundlage seiner Statistik.

ler/AP/dpa



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