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08. September 2011, 12:41 Uhr

Studie über "Wutbürger"

Alt, stur, egoistisch

Von Franz Walter

Sie protestieren gegen Großprojekte wie Stuttgart 21, Windräder und Hochspannungsmasten, werden deshalb "Wutbürger" genannt. Doch Göttinger Forscher haben jetzt herausgefunden: Den Empörten geht es neben der Kritik vor allem auch um Eigennutz.

Brennende Autos, plündernde Demonstranten, Straßenschlachten mit Polizisten: Die in mehreren europäischen Städten revoltierende Jugend sorgte in den vergangenen Monaten für Schlagzeilen. Sie verdrängte damit in der öffentlichen Wahrnehmung die "Wutbürger", die im vergangenen Jahr in Deutschland mit ihren Protesten für Aufsehen gesorgt hatten.

Denn der bundesdeutsche "Wutbürger" ist gegenüber dem jungen englischen "Sozialrebellen" oder den französischen "jeunes de banlieus" doch eher etwas gesetzter: weniger viril und militant, dafür stärker kleinbürgerlich und mosernd.

Die "Wutbürger" zwischen Stuttgart und Hamburg sind natürlich nicht verschwunden. Im alternden Deutschland werden sie auch in den nächsten Jahrzehnten vermutlich stärker die Akteure der Unzufriedenheit und des Protests bleiben als die kleine Gruppe juveniler Nachwuchskohorten in dieser Republik.

Dabei ist der Begriff des "Wutbürgertums" nur schwer zu definieren, zumal auch seine Aktionsformen und Forderungen nur schwer überschaubar sind: Das sind zum einen Initiativen wie die Opposition gegen Stuttgart 21, die zum Motor für den Wahlerfolg der Grünen wurden. Dann gibt es aber zum Beispiel die Kampagnen gegen Windräder, die mit der Kernforderung der grünen Atomkraftgegner eher im Widerspruch stehen.

Welche politische Richtung das alles nimmt, ob die einzelnen Strömungen des Widerstands gegen spezifische Großprojekte zusammenfließen oder aber durch verschiedene Interessen auseinanderstreben, lässt sich in diesem Jahr 2011 keineswegs seriös vorhersagen.

Deshalb soll hier nicht weiter darüber spekuliert werden. Stattdessen folgt ein Überblick über die empirischen Ergebnisse einer großangelegten Untersuchung junger Forscherinnen und Forscher des Göttinger Instituts für Demokratieforschung zur Zusammensetzung, zu den Einstellungsmustern und den Orientierungen von Zugehörigen verschiedener Protestgruppen. Die Göttinger Wissenschaftler wandten sich im Juni dieses Jahres mit ihren Erhebungsbögen an

Insgesamt wurden rund 2000 Stellungnahmen ausgewertet. Der typische "Wutbürger" sieht demnach so aus:

Stuttgart 21 - zwei Drittel der Demonstranten älter als 46 Jahre

In Stuttgart fragte die Göttinger Gruppe bereits im Herbst 2010 nach, schon vor dem Schlichtungsverfahren und noch zu Zeiten der CDU/FDP-Regierung von Stefan Mappus. Man hätte seither eine Radikalisierung der politischen Überzeugungen, auch eine größere Distanz oder zumindest Enttäuschung über die vorsichtig lavierende grüne Regierung in Baden-Württemberg vermuten können. Aber die Daten belegen so etwas nicht: Zwar äußerten sich 73 Prozent der Befragten enttäuscht über das Schlichtungsverfahren und dessen Resultat. Doch richtete sich die Frustration nicht gegen die neuen grünen Herren in der Villa Reitzenstein.

Die Befragten waren zufrieden mit der Arbeit der neuen Landesregierung, der Auftritt des Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann wurde gar noch ein wenig besser bewertet. Gute Noten bekam aber vor allem der in der Presse eher hämisch betrachtete Verkehrsminister Winfried Hermann.

In der Sozialstruktur der dort Protestierenden hat sich ebenfalls kaum etwas geändert:

Bemerkenswert ist aber, wie vielfältig die Meinungen der einzelnen Protestbürger in der Frage der Partizipationsdemokratie sind. Die überwiegende Mehrheit ist für Volksabstimmungen, glaubt aber zu 80 Prozent nicht, dass damit der Streit in Stuttgart zufriedenstellend gelöst werden kann. Und: Nur 28 Prozent würden das plebiszitäre Votum anerkennen, wie auch immer es ausfallen mag.

Windräder, Stromleitungen - Immobilienwerte stehen auf dem Spiel

Protestgruppen gegen Windkraft, obererdige Stromleitungen oder Flughafenerweiterungen müssen der Bürgerbewegung gegen Stuttgart 21 von der Zusammensetzung nicht ähneln.

Aber alle Initiativen haben ähnliche, ja verblüffend identische Züge: Die Protestteilnehmer sind nicht mehr die Jüngsten. 70 Prozent aller an den Studien beteiligten Personen haben das 45. Lebensjahr bereits hinter sich gelassen. Die Jahrgänge, die sonst üblicherweise die Basis öffentlicher Empörung bilden, also die der 16- bis 25-Jährigen, sind nur zu 1,1 Prozent als "Wutbürger" unterwegs. In der Alterstruktur liegen zudem die größten Differenzen zu den Bürgerinitiativen der siebziger Jahre. Vor 40 Jahren dominierten die 25- bis 40-Jährigen; heute beherrschen die jungen Rentner - damals so gut wie gar nicht präsent - das Bild des Bürgeraufbegehrens.

Die Protestaktivisten sind auffallend akademisch gebildet. Der Anteil von Universitätsabsolventen liegt zwischen 50 und 60 Prozent. Sie können und mögen außerdem über die eigene soziale Lage nicht klagen. Die Gegner des Flughafens Berlin-Brandenburg und der Hochspannungsleitungen sind zu über 90 Prozent zufrieden mit ihren materiellen Lebensumständen.

Ebenso deutlich aber äußern die Protestierenden ihren Unmut über den Zustand der Demokratie in Deutschland, noch stärker beschweren sie sich über die Qualität der Parteien:

Handungsmotive nicht rundum selbstlos

Doch der Anteil aufbegehrender Menschen, die in größerem Umfang als bisher bürgerrechtlich auf allen Ebenen mitmischen wollen, ist erheblich geringer: Es muss sich dann schon um ihre speziellen Alltagsprobleme handeln. Dann aber möchten diese Bürger Entscheidungen nicht so sehr über plebiszitäre Elemente herbeigeführt sehen. Es geht ihnen dann vielmehr darum, als "Betroffene" Einflusskanäle im Gesetzgebungsverfahren für sich wirksam zu nutzen.

Denn natürlich sind die Handlungsmotive der Bürgerproteste nicht rundum selbstlos. Sie werden nicht allein von der Sorge um den Bestand der Fledermäuse, rarer Biotope oder uralter Bäume angetrieben. Die umtriebigen Wortführer gegen Flughafenausbau, Windräder und Oberleitungen sind in bemerkenswert großem Umfang (über 90 Prozent) Grundstückseigentümer und Hausbesitzer.

Sehr prosaisch formuliert: Die Immobilienwerte stehen auf dem Spiel, wenn Stromleitungen und bis zu 150 Meter hohe Windräder in einem bis dahin beschaulichen Kurort den Blick auf eine Caspar-David-Friedrich-Landschaft verstellen, wenn Flugzeuge die Ruhe der Anwohner empfindlich zu stören drohen.

Partei des sozial und materiell privilegierten Protests - die Grünen

Auffallend ist auch die recht hohe Quote an Unternehmern (Arbeiter und Arbeitslose sind nur eine Randgruppe) unter den Beteiligten des Protests. Ein anderes typisches Mitglied der "Bürgerwehrhaftigkeit" ist der verrentete/pensionierte Ingenieur: Fortschrittsfeindlich ist er keineswegs. Er argumentiert jederzeit mit höchstem technischen Wissen, um mit diesem "Fachverstand" Stromtransporttechniken, die sein Umfeld bedrohen, zu verhindern.

Die Partei dieses sozial und materiell durchaus privilegierten Protests waren im frühen Sommer 2011 die Grünen. Wären im Juni Bundestagswahlen gewesen und hätte allein diese Gruppe abstimmen dürfen, wäre Jürgen Trittin wohl Bundeskanzler geworden. Auf Platz zwei folgten dann bereits die Freien Wähler. Das alte Establishment hingegen schien abgemeldet. Im "Wutbürgertum" schafften Sozial- und Christdemokraten, als der Sommer 2011 begann, nur jeweils vier Prozent, scheiterten also gewissermaßen an der Fünfprozenthürde.

Das ist womöglich eine Momentaufnahme gewesen, die besonders Politiker der Grünen nicht zum Übermut verleiten sollte. Denn im "zornigen Bürgertum" lauert ein tiefsitzendes Misstrauen gegen die überlieferte politische Repräsentation generell, wogegen auch Grüne keineswegs immun sind.

Engagierte Bürger werden in den nächsten Jahren ein bleibendes Sozialphänomen darstellen. Denn sie sind protesterfahren, sind hoch qualifiziert und kompetent. Sie verfügen über hohe Qualifikationen haben mittlerweile als "junge Alte" reichlich Zeit - und sie vertreten handfeste, eigene Interessen. Eben das verleiht diesen Bewegungen ihre Schlagkraft.

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