Studie über "Wutbürger" Alt, stur, egoistisch

Sie protestieren gegen Großprojekte wie Stuttgart 21, Windräder und Hochspannungsmasten, werden deshalb "Wutbürger" genannt. Doch Göttinger Forscher haben jetzt herausgefunden: Den Empörten geht es neben der Kritik vor allem auch um Eigennutz.

Von Franz Walter

Protest gegen Stuttgart 21: Hätten nur sie abgestimmt, wäre Trittin wohl Bundeskanzler
DPA

Protest gegen Stuttgart 21: Hätten nur sie abgestimmt, wäre Trittin wohl Bundeskanzler


Brennende Autos, plündernde Demonstranten, Straßenschlachten mit Polizisten: Die in mehreren europäischen Städten revoltierende Jugend sorgte in den vergangenen Monaten für Schlagzeilen. Sie verdrängte damit in der öffentlichen Wahrnehmung die "Wutbürger", die im vergangenen Jahr in Deutschland mit ihren Protesten für Aufsehen gesorgt hatten.

Denn der bundesdeutsche "Wutbürger" ist gegenüber dem jungen englischen "Sozialrebellen" oder den französischen "jeunes de banlieus" doch eher etwas gesetzter: weniger viril und militant, dafür stärker kleinbürgerlich und mosernd.

Die "Wutbürger" zwischen Stuttgart und Hamburg sind natürlich nicht verschwunden. Im alternden Deutschland werden sie auch in den nächsten Jahrzehnten vermutlich stärker die Akteure der Unzufriedenheit und des Protests bleiben als die kleine Gruppe juveniler Nachwuchskohorten in dieser Republik.

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Wutbürger in Zahlen: Materiell abgesichert, politisch unzufrieden
Dabei ist der Begriff des "Wutbürgertums" nur schwer zu definieren, zumal auch seine Aktionsformen und Forderungen nur schwer überschaubar sind: Das sind zum einen Initiativen wie die Opposition gegen Stuttgart 21, die zum Motor für den Wahlerfolg der Grünen wurden. Dann gibt es aber zum Beispiel die Kampagnen gegen Windräder, die mit der Kernforderung der grünen Atomkraftgegner eher im Widerspruch stehen.

Welche politische Richtung das alles nimmt, ob die einzelnen Strömungen des Widerstands gegen spezifische Großprojekte zusammenfließen oder aber durch verschiedene Interessen auseinanderstreben, lässt sich in diesem Jahr 2011 keineswegs seriös vorhersagen.

Deshalb soll hier nicht weiter darüber spekuliert werden. Stattdessen folgt ein Überblick über die empirischen Ergebnisse einer großangelegten Untersuchung junger Forscherinnen und Forscher des Göttinger Instituts für Demokratieforschung zur Zusammensetzung, zu den Einstellungsmustern und den Orientierungen von Zugehörigen verschiedener Protestgruppen. Die Göttinger Wissenschaftler wandten sich im Juni dieses Jahres mit ihren Erhebungsbögen an

  • die Protestbewegung gegen das unterirdische Bahnhofsprojekt Stuttgart 21,
  • die Vertreter und Sprecher von Initiativen gegen Windräder und Freileitungen in ganz Deutschland,
  • die Teilnehmer einer Großdemonstration Pro Erdkabel in Hannover gegen Hochspannungsleitungen,
  • die Demonstranten gegen den Ausbau des Flughafens Berlin Brandenburg.

Insgesamt wurden rund 2000 Stellungnahmen ausgewertet. Der typische "Wutbürger" sieht demnach so aus:



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 477 Beiträge
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M@ESW, 08.09.2011
1. _
Natürlich geht es immer nur um Eigennutz. Kann gar nicht so viel essen wie ich wegen meiner "Koblenzer Nachbarn" kotzen möchte die einfach nicht ihr blödes Gericht loslassen können.
MissBildung 08.09.2011
2. klar
natürlich geht es den Protestierenden nicht um eine politische Richtung sondern nur um Eigennutz. In der Mehrheit sind dies Menschen, die sich über Konsequenzen ihres Handelns keine Gedanken machen und es lieben, anderen Vordenkern hinterherzulaufen. Da kauft sich Herr Meier also lieber ein Haus auf dem Land mit schöner Aussicht und denkt so der Gesellschaft wegen der hohen Preise in der Stadt ein Schnippchen zu schlagen. Das die riesige freie Fläche vor seinem Haus irgendwann bebaut wird, möglicherweise mit Solaranlagen, Hochstromführungen etc. nein so ein Gedanke kommt erstmal nicht. Klar protestiert man auch gegen deutsche Atomkraftwerke. Das dies nutzlos ist, weil an der Grenze des Nachbarlandes wieder welche stehen, wird ignoriert. Wenn dann die Energiepreise anziehen, dann wird gemotzt. So habe man das auch wieder nicht gewollt und sichtbare Stromkabel am eigenen Grundstück, nein das geht gar nicht. Mein Tenor: Das ist die Konsequenz von der jahrelangen Bürgerverdummung, anders kann ich mir die panischen Reaktionen von Wutbürgern auf Modernisierung nicht erklären.
ooyoo 08.09.2011
3. Ganz gute Beschreibung
Egoistisches Nichtwollen ohne zu sagen, was man will.
Bundeskanzler Ackermann 08.09.2011
4. Eigennutz
Warum sollten Bürger auch uneigenüntzig handeln, wenn Politiker, Konzerne usw. das auch nicht un?
zynik 08.09.2011
5. studie
Zitat von sysopSie*protestieren gegen Großprojekte wie Stuttgart 21, Windräder und Hochspannungsmasten, werden deshalb "Wutbürger" genannt. Doch Göttinger Forscher haben jetzt herausgefunden: In Wahrheit geht es den Empörten weniger um Kritik an politischen Prozessen, sondern um blanken Eigennutz. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,784664,00.html
Es wird auch keine Möglichkeit ausgelassen jegliche Form von zivilem Widerstand zu diskreditieren. Wer hat die Studie diesmal finanziert? Die Bahn? Fazit: Engagement -wofür oder wogegen auch immer- lohnt in unserer Demokratie nicht und macht einen lediglich zum "Wutbürger".
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