Studie über neue Protestbewegungen: Was treibt die Wutbürger?

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Protestierende Bürger: Auf die Straße! Ins Netz! Fotos
DPA

Sie protestieren gegen Flughäfen, Bahnhöfe und die Gier der Banker: In Deutschland begehren Bürger auf. Was treibt sie an? Was verbindet sie? Eine Studie seziert die neuen Bewegungen - und stellt fest: Die Rebellen sind vor allem grauhaarig, gut gebildet und bestens versorgt.

Hamburg - Sie wollen endlich ihre Ruhe haben - zumindest nachts und das acht Stunden lang. Immer wieder gehen Tausende Berliner und Brandenburger auf die Straße, um am künftigen Flughafen Berlin Brandenburg ein striktes Nachtflugverbot von 22 bis 6 Uhr zu fordern. Ihnen reicht es nicht, dass der Flugverkehr nur zwischen Mitternacht und 5 Uhr ruhen soll. "Kein üBERflug", "Fluglärm macht krank" oder "Platzeck auf die Abflugroute" steht auf ihren Transparenten - sie sind wütend, weil sie das Gefühl haben, dass niemand ihre Sorgen ernst nimmt, sondern der "Katastrophenflughafen" einfach an ihnen vorbei geplant und gebaut wird.

Die Bürger kämpfen an allen Fronten: Sie klagen vor Gericht; sie tauchen da auf, wo der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) auftritt, zum Beispiel beim Hoffest am Roten Rathaus. "Lügenpack" und "Kein Zaster für das BER-Desaster" schmetterten sie ihm entgegen; sie setzen per Volksbegehren durch, dass sich der Potsdamer Landtag erneut mit dem Nachtflugverbot beschäftigen muss.

Der indirekte Weg der Beteiligung allein erscheint vielen Bürgern mittlerweile als zu mühsam, als zu veraltet. Statt auf Wahlen und Lobbygruppen setzen die Menschen auf ihre eigene Kraft: Sie wollen mitreden, selbst verhandeln - und nutzen dafür auch das Netz und die sozialen Medien, um sich bemerkbar zu machen. Die schweigende Masse begehrt auf - und knüpft damit an die Tradition der großen Friedensdemos der achtziger Jahren gegen den Nato-Doppelbeschluss oder gegen die Atomkraft an.

Der Bürger protestiert heute gegen Bahnhöfe, Stromtrassen, Flugzeuglandebahnen und Windräder. Er organisiert Kampagnen gegen Bildungsreformen, mobilisiert gegen die Gier der Banker oder die Macht der Atomindustrie. Die heutige Protestkultur ist vielfältig, flammt in allen Teilen Deutschlands auf - und doch haben die Demonstranten viel gemein.

Das zeigt eine Studie des Göttinger Instituts für Demokratieforschung unter Leitung des Politikwissenschaftlers Franz Walter. "Bürgerproteste in Deutschland" lautet der Titel der vom Konzern BP gesponserten Untersuchung. Sozialwissenschaftler des Instituts haben in dem großangelegten Projekt 200 Aktivisten interviewt oder mit ihnen Gruppendiskussionen geführt, über Monate Demonstrationen, Mahnwachen und Versammlungen vor Ort beobachtet. Sie wollten wissen: Was treibt die Protestierenden an? Was verbindet sie?

Dabei kam heraus: Die neuen engagierten Demonstranten sind vor allem Bildungsbürger, eher Männer und älter, sie haben meist ein geregeltes Einkommen und sind oft in technischen Berufen tätig. Konkret konnten die Autoren herausfiltern:

  • Eine wichtige Voraussetzung für das Engagement ist Zeit. Viele Demonstranten sind Vorruheständler, Rentner und Pensionäre. Bei den Protesten finden sich auch viele Hausmänner, Teilzeitangestellte, Freiberufler, Schüler, Pastoren und Lehrer.
  • Die Demonstranten sind eher älter. Unvergessen sind die Bilder grauhaariger Schwaben, die sich bei Stuttgart 21 den Wasserwerfern entgegenstellten, von ihren Kritikern oft als "Alte, die Veränderungen scheuen" beschimpft oder "Senioren mit Trillerpfeifen" verlacht. Die Verfasser der Studie haben jenseits des Spotts herausgefunden, dass das Engagement vielen Älteren "Spaß bringt, den Kreis der sozialen Kontakte erweitert". Auf die Frage nach dem neuen Lebenssinn antwortet ein Befragter, der im Ruhestand ist: "Ich glaube, für die grauen Zellen ist es sehr gut. Man hat das Gefühl, man wird gebraucht; letztendlich, also persönlich, geht es mir gut damit."
  • Wenn es um Proteste in Netzfragen geht - wie etwa gegen das umstrittene Acta-Abkommen - sind die Aktivisten aber jünger. Hier scheint sich laut Politikwissenschaftler Walter "eine neuartige Schülergeneration mit originären Protestformen und politischen Anliegen" zu formieren. Die jungen Aktivisten wachsen mit Smartphones, YouTube und Facebook auf und nutzen die verschiedenen Möglichkeiten des Internets begeistert - auch um gemeinsam politisch zu handeln. Das Engagement der Jungen überrascht manchmal die eigenen Verwandten: "Meine Eltern waren total verdutzt und haben mich eher fragend angeguckt."
  • Die Proteste werden von Männern dominiert, 70 Prozent der Aktivisten sind männlich. Nur wenn es darum geht, Kritik an Bildungsprojekten zu äußern, fühlen sich vor allem Frauen angesprochen.
  • Die Proteste werden von Menschen mit hohem Bildungsabschluss und geregeltem Einkommen getrieben, oder, wie ein Kritiker lästert: "widerstandsbegeisterten Wohlstandsmenschen". 55 Prozent der vom Göttinger Institut Befragten haben einen Studienabschluss oder eine Promotion vorzuweisen. "Auf die Barrikaden gingen vornehmlich Bürger mit hoher Bildung, ordentlichem Einkommen, vielseitigen sozialen Kontakten, anspruchsvollen Berufstätigkeiten", so Walter. Was macht sie so entschlossen? "Personen, die bereits von Kindheit an die Wirkmächtigkeit ihres Tuns gelernt haben, besitzen das Selbstvertrauen, den Optimismus, auch die Ausdauer dafür, mit anderen selbst gegen einflussreiche Kontrahenten ein Projekt hartnäckig zu verfolgen."
  • Wenn es um Projekte wie die Energiewende, Infrastruktur oder Stadtentwicklung geht, fühlen sich vor allem Menschen angesprochen, die in technisch geprägten Berufen arbeiten: Ingenieure, Techniker, Informatiker und Biologen, auch Juristen. Sie sehen sich selbst oft nicht als Visionäre oder Idealisten, sondern wenn sie an die Zukunft denken, "hoffen sie auf zielgerichtete Planung, starke Gesetze und kompetente Politiker". Gerade Ingenieure reagierten "tief beleidigt, wenn man sie zu den 'spinnerten Wutbürgern' zählt".
  • Auf einen bestimmten Glauben lassen sich die Aktivisten nicht festlegen. Über die Hälfte der Befragten ist konfessionslos. Doch die Hilfe der Kirche wird bisweilen gern gesehen: Die Occupy-Demonstranten etwa durften sich im Winter in kirchlichen Räumen aufwärmen und wurden dort verpflegt.

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Bildungsbürger auf den Barrikaden: Alles über die Studie
Zusammenfassend charakterisierte SPIEGEL-Autor Dirk Kurbjuweit in einem Essay: "Der Wutbürger buht, schreit, hasst. Er ist konservativ, wohlhabend und nicht mehr jung. Früher war er staatstragend, jetzt ist er zutiefst empört über die Politiker." Und die Buhrufe werden nicht enden. Wissenschaftler Walter glaubt, dass das Zeitalter des Wutbürgers erst begonnen hat. Im alternden Deutschland der nächsten Jahrzehnte werden die Bürgerprotestler eine noch stärkere Rolle bei der Organisation der Unzufriedenheit spielen, sagt er.

Er prophezeit: "Spätestens zwischen 2015 und 2025 werden sich Hunderttausende hochmotivierter und rüstiger Rentner mit dem gesamten Know-how juveniler Demonstrationserfahrungen aus den spätsiebziger und frühachtziger Jahren in die Schlacht werfen." Das Altern der Republik werde also keineswegs zu Gleichgültigkeit in den öffentlichen Angelegenheiten führen - im Gegenteil.

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insgesamt 265 Beiträge
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    Seite 1    
1. es sind die
sitcom 30.01.2013
die jetzt in Rente gehen und sich langweilen...
2. Und am Ende....
tg923 30.01.2013
wird das Kreuzchen brav doch wieder bei den selben gesetzt. Einige scheinen garnicht zu wissen, dass mehr als 5 Parteien zur Wahl stehen. Und da sind auch durchaus wählbare dabei und nicht nur rechts oder linksextremes Gedindel.
3.
pepe_sargnagel 30.01.2013
Zitat von sysopSie protestieren gegen Flughäfen, Bahnhöfe und die Gier der Banker: In Deutschland begehren Bürger auf. Was treibt sie an? Was verbindet sie? Eine Studie seziert die neuen Bewegungen - und stellt fest: Die Rebellen sind vor allem grauhaarig, gut gebildet und bestens versorgt. Studie von Franz Walter: Die Feierabend-Revoluzzer rüsten auf - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/studie-von-franz-walter-die-feierabend-revoluzzer-ruesten-auf-a-880235.html)
Gut gebildete Leute wissen auch, dass eine Jugendohne Geld und ohne Perspektive ihre Rente nicht bezahlen kann. Siehe Spanien oder GR, wo mehr als die Hälfte der Jugendlichen unter 25 Jahren keinen Job hat. Wie sollen die für sich selbst sorgen oder für die Rente der Rentner? Na ja - diese Frage mag auch völlig unwichtig sein. Es scheint wichtiger darüber zu reden was Sexismus ist oder welche Partei am Sonntag bei einer Bundestagswahl am meisten Stimmen bekommen würde.
4. Schluss mit der Vera***e
fleischwurstfachvorleger 30.01.2013
Zitat von sysopSie protestieren gegen Flughäfen, Bahnhöfe und die Gier der Banker: In Deutschland begehren Bürger auf. Was treibt sie an? Was verbindet sie? Eine Studie seziert die neuen Bewegungen - und stellt fest: Die Rebellen sind vor allem grauhaarig, gut gebildet und bestens versorgt. Studie von Franz Walter: Die Feierabend-Revoluzzer rüsten auf - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/studie-von-franz-walter-die-feierabend-revoluzzer-ruesten-auf-a-880235.html)
Wir grauhaarigen Panther lassen uns kein "X" mehr für ein "U" vormachen. Die ganzen leeren Versprechungen. Die Hoffnung auf Einsicht bei Banken, Versicherungen, Politikern - alles für den Arsch. Nur wenn es an deren Knete geht, wenn deren eigener Posten in Gefahr ist, wenn die Öffentlichkeit Druck macht, dann bewegt sich was zwischen den Ohren dieser machtbesessenen Jungs und sie machen Zugeständnisse, oder verhalten sich zum ersten Mal in ihrem Leben moralisch und nicht nur nach Recht und Ordnung. Den Politikern muss beigebogen werden, dass sie Volksvertreter sind und deswegen auch gefälligst für das Volk zu arbeiten haben. NICHT für die Industrie. Auch nicht mit der Entschuldigung Arbeitsplätze sichern zu wollen.
5. Sie müssen es ja wissen
fleischwurstfachvorleger 30.01.2013
Zitat von sitcomdie jetzt in Rente gehen und sich langweilen...
Sind Sie irgendein toller junger Experte, mit guter Ausbildung und ohne Ahnung?
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Die Studie

Das Ziel: Die Studie des Göttinger Instituts für Demokratieforschung will die gegenwärtigen und neuen Formen der Proteste verstehen und erklären, die die gesellschaftspolitische Diskussion seit den Protesten um den Stuttgarter Bahnhof bestimmen. Deshalb standen die Aktivisten gegen Großprojekte und Bauvorhaben im Zuge der Energiewende sowie die Hamburger Schulreform, die Organisatoren der Occupy-Camps und der Internetkampagnen im Fokus - und weniger die Akteure der etablierten Ostermärsche, der Friedens- und Umweltbewegung oder Demonstrationen gegen Rechtsextremismus. Die Untersuchung unter Leitung des Politikwissenschaftlers Franz Walter wird vom Konzern BP gefördert. Sie wird am Mittwoch in Berlin auf einer Pressekonferenz vorgestellt, am 8. Februar erscheint sie bei Rowohlt als Buch.

  • Die Methodik: Die Studie ist breit qualitativ angelegt. Die vier Verfasser führten 80 Einzelinterviews mit zentralen Aktivisten und beobachteten zahlreiche Protestaktivitäten. Außerdem arrangierten sie 18 Gruppendiskussionen mit jeweils sechs bis elf Teilnehmern. Insgesamt umfasste die Stichprobe 200 Personen, deren politische Aktivitäten analysiert wurden. In den zwei bis drei Stunden dauernden Gesprächsrunden konfrontierten die Autoren ihre Gesprächspartner mit Szenarien, Plan- und Kreativspielen, um ihre Einstellungen und Werthaltungen herauszufiltern. Aus den Gesprächen ergaben sich etwa 1300 Seiten transkribiertes Material.

  • Der Untersuchungszeitraum: Die Interviews und Gesprächsrunden fanden überwiegend in der ersten Hälfte des Jahres 2012 statt.

  • Göttinger Institut für Demokratieforschung
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