Studie Die braunen Wurzeln des bayerischen Verfassungsschutzes

Eine neue Studie dokumentiert die NS-Verstrickungen des bayerischen Landesamts für Verfassungsschutz nach dem Krieg. Sogar hochrangige SS-Leute arbeiteten für den Dienst - ihre nachrichtendienstlichen Erfahrungen wurden geschätzt.


Auf den ersten Blick war der Kriminalbeamte Leonhard Halmanseger ein tüchtiger Staatsdiener. Er erledigte seinen Job gründlich und tadellos. Halmansegers Einstellung zum demokratischen Staat sei "bedenkenfrei", schrieb der Chef des bayerischen Landesamts für Verfassungsschutz (LfV), Karl Kurz, im Februar 1952. Der Geheimdienstmann sei ein "flotter, äußerst rühriger Arbeiter, findiger, anständiger Mensch".

Aus heutiger Sicht verwundert diese Beurteilung, denn der ehemalige SS-Hauptsturmführer Leonhard Halmanseger war bis 1945 Beamter der Gestapo gewesen. Bei der Ausschaltung politischer Gegner der Nationalsozialisten hatte er sich besonders hervorgetan. Ende der dreißiger Jahre wechselte er ins Reichssicherheitshauptamt (RSHA), die Berliner Mordzentrale der Nazis.

Nach dem Zusammenbruch des "Dritten Reichs" half Halmanseger seine langjährige Berufserfahrung bei der schnellen Rückkehr in den Staatsdienst. Seit Beginn der fünfziger Jahre arbeitete er für den bayerischen Verfassungsschutz. Halmanseger sei schließlich "ein seit Jahrzehnten auf dem Gebiet des politischen Nachrichtenwesens erfahrener Beamter", wie es in einem Schreiben des LfV vom 14. März 1953 heißt.

Schnelle Rückkehr in Amt und Würden

Es sind Biografien wie jene des Geheimdienst-Mitarbeiters Halmanseger, die von den Historikern Susanne Meinl und Joachim Schröder im Auftrag der Grünen-Landtagsfraktion in Bayern zusammengetragen wurden. Die beiden Historiker haben die Frühgeschichte des Bayerischen Landesamtes für Verfassungsschutz (1949-1965) untersucht. Ihre Studie zeigt nun, dass das bayerische LfV durchsetzt war von Beamten der braunen Garde, die in der jungen Bundesrepublik wieder erfolgreich in Amt und Würden gelangten.

Das bayerische Landesamt für Verfassungsschutz hatte seine Arbeit im November 1950 aufgenommen. Waren bei seiner Gründung nur 26 Mitarbeiter vorgesehen, stieg die Zahl bis 1965 auf 173. Die braune Vergangenheit einiger der vom zuständigen Bayerischen Staatsministerium des Innern vorgesehenen LfV-Beamten war der amerikanischen Besatzungsmacht jedoch schon bald zuwider.

Am 26. April 1951 schrieb der amerikanische Landeskommissar für Bayern, George N. Shuster, an den bayerischen Innenminister, Wilhelm Hoegner (SPD), von sechs der vorgeschlagenen Beamten müsse er vier ablehnen - und verwies auf "Tatsachen in der Vergangenheit dieser Bewerber, die den für Angestellte eines demokratischen Amtes für Verfassungsschutz erforderlichen Grundsätzen nicht entsprechen". Unter den Unerwünschten fand sich auch der ehemalige Gestapo-Mann Leonhard Halmanseger.

Eine Stütze des Amtes

Doch Innenminister Hoegner schien hartnäckig zu bleiben. Denn schon ein halbes Jahr später fand Halmanseger eine Anstellung - offiziell bei der bayerischen Grenzpolizei. Inoffiziell arbeitete er allerdings gleichzeitig für den Verfassungsschutz. Die Historiker Meinl und Schröder weisen in diesem Zusammenhang darauf hin, dass ein Teil der Verfassungsschutzmitarbeiter offiziell auf Stellen der Grenzpolizei geführt wurde, was durchaus auch mit der Gestapo-Vergangenheit einiger LfV-Beamter zu tun gehabt haben könne. Und so galt der ehemalige NS-Beamte Halmanseger schon bald wieder als "eine der Stützen des Amtes" für Verfassungsschutz, wie es in seiner offiziellen Beurteilung von 1953 heißt.

Dass die amerikanische Besatzungsmacht im Laufe der fünfziger Jahre vermehrt NS-belastetes Personal wie Halmanseger in deutschen Behörden duldete, führen die beiden Verfasser der LfV-Studie auf den strikten Antikommunismus im aufziehenden Kalten Krieg zurück: Nun seien eben "langjährige Erfahrungen im Polizei- und Nachrichtendienst sowie eine ausgeprägte antikommunistische Einstellung" gefragt gewesen.

Die Historiker Meinl und Schröder verweisen nicht nur auf personelle Kontinuitäten. Ihr Augenmerk gilt auch der Zusammenarbeit zwischen dem LfV und dem Vorläufer des Bundesnachrichtendienstes, der "Organisation Gehlen". Dabei habe es sich nicht selten um Netzwerke ehemaliger Abwehr- und Gestapo-Angehöriger gehandelt, aus denen Personal über die Organisation Gehlen "direkt oder indirekt" in das bayerische Landesamt für Verfassungsschutz übertrat.

Vom Gestapo-Mann zum CIA-Zuarbeiter

Da gibt es zum Beispiel den Fall von Joseph Schreieder. Bis 1945 hatte er in den besetzten Niederlanden die Abteilung "Gegenspionage" geleitet und unter anderem die Bekämpfung des niederländischen Widerstands organisiert. Kurz nach Kriegsende war er von den Alliierten in Scheveningen festgenommen worden. Doch der niederländische Staatsanwalt beim Sondergericht in s'Gravenhage sprach Schreieder bald darauf frei.

Und so wurde aus dem ehemaligen Gestapo-Mann wenige Jahre später nicht nur ein von der CIA geschätzter Zuarbeiter (Deckname Cabolt) und Mitarbeiter der Organisation Gehlen, sondern schließlich auch ein Beamter des bayerischen Verfassungsschutzes, wo er Juni 1955 anheuerte - Spezialgebiet: Spionagebekämpfung.



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insgesamt 144 Beiträge
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Seite 1
angelaspringer 22.07.2013
1. Tradition wird
in Bayern in Ehren gehalten !!!
Beobachter123 22.07.2013
2. Bestehende Strukturen.
Was meinen sie wieviele Stasi Schergen in Ostdeutschland nach der Wende bei den Behörden übernommen wurden? Man kann den Polizeiapperat leider nicht von heute auf morgen ersetzen.
muffdaddy2 22.07.2013
3.
Naja, ist jetzt auch 60 Jahre her. Warum gerade jetzt dieser Artikel?
Beobachter123 22.07.2013
4.
Auch wenn ich Gefahr laufe geächtet zu werden: Nicht alle Menschen die damals für deutsche Behörden gearbeitet haben waren zugleicht böse Schlächter. Darunter sind spätere Literatur Nobelpreisträger, Mediziner, Raketenforscher und so weiter....
arimahn 22.07.2013
5.
Niemanden wundert es. Niemanden.
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