Studie der Ebert-Stiftung Wie Nichtwähler ticken

Die Zahl der Stimmenthalter steigt - sie kommen vor allem aus den unteren Schichten. Eine Studie der Ebert-Stiftung warnt vor den Risiken dieses Trends, hat Status und Motive der Nichtwähler genau untersucht. Längst nicht alle sind für die Parteien auf Dauer verloren.

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Wiese vor dem Reichstagsgebäude: Nichtwähler wünschen sich eine kümmernde Politik
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Wiese vor dem Reichstagsgebäude: Nichtwähler wünschen sich eine kümmernde Politik


Berlin - Es brauche Zeit, das scheue Wild "Wähler" davon zu überzeugen, dass es sich lohne, wieder zurück auf die Lichtung zu kommen, sagte Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) einmal in einem Interview mit dem SPIEGEL. Das bayerische SPD-Urgestein Ludwig Stiegler drückte es da derber aus: "Der Wähler is a Sau!" Keine hundert Tage sind es mehr bis zur Bundestagswahl am 22. September - und der Wähler scheint unberechenbarer denn je.

Der Anteil derjenigen, die sich erst kurz vor der Abstimmung entscheiden, ob und welche Partei sie wählen, steigt nach Angaben von Meinungsforschern. Das Phänomen der Stimmverweigerer beunruhigt seit langem die Parteien, gilt die Wahlbeteiligung doch als Gradmesser für die Stabilität der Demokratie. Diese scheint gefährdet, beobachtet man den wachsenden Anteil der Bürger, die den Gang in das Wahllokal verweigern.

Wählen nicht mehr Bürgerpflicht

Bei der Bundestagswahl 2009 lag die Wahlbeteiligung gerade einmal bei 70,8 Prozent - der tiefste Wert seit 1949. Vor allem die SPD hatte ein riesiges Mobilisierungsproblem: Über 2,1 Millionen ehemals sozialdemokratische Wähler stimmten nicht ab, bei der Union waren es rund 1,2 Millionen Anhänger. Von "einem kontinuierlichen Vertrauensschwund" der beiden großen Parteien spricht eine aktuelle Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES), die am Montagnachmittag in Berlin vorgestellt wird.

Längst sehen die Menschen Wählen nicht mehr als Bürgerpflicht. Dies führe dazu, dass Regierungen von einem immer kleineren Teil der Bevölkerung gewählt werden. Weiter heißt es in der Untersuchung: "Abgesehen von Portugal ist in den letzten drei Jahrzehnten nirgendwo der Rückgang der Wahlbeteiligung bei Wahlen zum jeweiligen Parlament so groß wie in Deutschland."

Von Demokratie entfremdet

Das Meinungsforschungsinstitut Forsa befragte für die Studie 3501 Wahlberechtigte, die sich selbst als Nichtwähler bezeichnen. Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick:

  • Die meisten Nichtwähler sehen sich als "Wähler im Wartestand": Laut Studie gibt es nur eine kleine Gruppe von Dauer-Nichtwählern: Zwölf Prozent der Befragten geben an, dass sie an keiner der vergangenen vier Bundestagswahlen teilgenommen haben. Die meisten sind "sporadische Nichtwähler": 46 Prozent der Befragten haben nur bei einer der vergangenen Abstimmungen im Bund gefehlt. Sie fühlen sich selbst nicht als Nichtwähler. 24 Prozent der Befragten werden als Wahlverweigerer bezeichnet - sie haben sich nur an einer oder zwei Abstimmungen auf Bundesebene beteiligt. Die Erst-Nichtwähler machen 16 Prozent der Befragten aus. Sie wollen sich am 22. September erstmals enthalten. Bisher haben sie votiert oder waren noch nichtwahlberechtigt.

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FES-Studie: Die Struktur der Nichtwähler

  • Nichtwähler stammen vor allem aus den unteren sozialen Schichten: Diese sind durch eine geringe Schulbildung, ein geringes Einkommen und einen geringeren sozialen Status gekennzeichnet. Besonders alarmierend ist hier jeweils der große Anteil der Dauer-Nichtwähler: 20 Prozent der Mehrfach-Wahlverweigerer verfügen über ein monatliches Nettoeinkommen von unter 1000 Euro, 69 Prozent über einen Hauptschul - oder Realschulabschluss. Die Studie spricht von einer "Schieflage in der politischen Repräsentanz", die sich verschärfe. Bürger mit hoher Bildung, gesichertem Einkommen und beruflichen Netzwerken hätten ohnehin bessere Möglichkeiten, ihre eigenen Interessen zu vertreten. "Eine niedrige Wahlbeteiligung führt somit auch zu mehr sozialer Ungerechtigkeit", so das Fazit.

  • Nichtwähler sind durchaus politisch interessiert und informiert: Auch wenn sie nicht abstimmen gehen, Stimmenthalter halten sich über das politische Geschehen auf dem Laufenden. 60 Prozent der Befragten geben an, sich noch stark für Politik in Deutschland zu interessieren. Allerdings zeigen gerade die unter 30-Jährigen, die Arbeiter, die Hauptschulabsolventen und Dauer-Nichtwähler das geringste Interesse. 34 Prozent der Befragten kennen ihren Bundestagsabgeordneten.

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FES-Studie: Motive der Nichtwähler

  • Nichtwähler haben überwiegend politische Gründe zur Wahlenthaltung. Hauptmotiv, nicht abzustimmen, ist die Unzufriedenheit darüber, wie Politik betrieben wird. So geben 34 Prozent der Nichtwähler an, dass die Politiker "kein Ohr mehr für die Sorgen der kleinen Leute haben"; 31 Prozent sagen, den Politikern gehe es "nur um ihre eigene politische Karriere". Persönliche Gründe wie Krankheit oder Urlaub (14 Prozent), das komplizierte Wahlsystem (5 Prozent) oder das Wetter (1 Prozent) spielen nur eine geringe Bedeutung. Damit widerspricht die Studie der SPD-nahen FES einer in Teilen der Wissenschaft vertretenen These, dass Bürger nicht wählen gehen, weil sie eigentlich zufrieden mit den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen sind. Zu diesem Schluss war auch eine Expertise der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung 2012 gekommen. Sie bezeichnet den angeblich rationalen Nichtwähler der gehobenen Schichten als "minimales Randphänomenen".

  • Dauer-Nichtwähler haben sich von Demokratie entfremdet. Die Gruppe der Wahlenthalter, die sich wiederholt nicht an den Abstimmungen beteiligt hat, weist die größte Unzufriedenheit mit der Politik auf. Bleiben Nichtwähler dauerhaft den Wahllokalen fern, bestünde die große Gefahr, "dass sie im Laufe ihrer 'Nichtwähler-Karriere' auch die Demokratie als Staatsform immer kritischer bewerten", heißt es in der Studie. Insgesamt finden 13 Prozent der Nichtwähler die Idee der Demokratie weniger gut beziehungsweise schlecht . Bei den Dauer-Nichtwählern sind es 22 Prozent. Mit der im Grundgesetz festgelegten Demokratie sind insgesamt 27 Prozent der Stimmenthalter unzufrieden, 39 Prozent der Dauer-Nichtwähler.

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FES-Studie: Demokratie-Typen

  • Nichtwähler wünschen sich eine kümmernde Politik. 87 Prozent wollen Politiker und Parteien, die "wieder ein Ohr für die wirklichen Sorgen und Nöte der Menschen haben". Dies würde ihre Bereitschaft zu wählen steigern. 72 Prozent wünschen sich eine SPD, die "sich wieder mehr um die kleinen Leute kümmert"; 69 Prozent geben an, dass "CDU/CSU und SPD sich in wichtigen Fragen einigen und nicht immer gegeneinander kämpfen" sollen. Als politisch wichtige Themen nennen Nichtwähler eine gute Bildungspolitik, ein gutes Gesundheitssystem, eine sichere Altersvorsorge und die Sicherung der Arbeitsplätze.

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insgesamt 285 Beiträge
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malte.b 17.06.2013
1. Differenzierung erwünscht
Mittlerweile hat sich zum Glück auch bei den Normalverbrauchern herumgesprochen, dass längst nicht alle Wahlabstinenz (http://wahlabsage.de)ler automatisch mit Demokratieverächtern gleichzusetzen sind. Differenzierung ist in vielen Lebensbereichen ratsam, so auch hier.
schaufel 17.06.2013
2. Tigerente-Ernte
Jupp, vier schwarz-gelbe Jahre voller spätrömischer Dekadenz, uneingeschränkten Vertrauensschwüren, Plagiaten, Basta-Bauprojekten, Milliarden-Verbrennung und versoffenen Spitzenpolitkern haben Ihren Pries. Noch zwei Legislaturperioden in dem Stil und der Weg ist wieder frei für einen deutschen faschistischen Rattenfänger.
schaufel 17.06.2013
3. Tigerente-Ernte
Jupp, vier schwarz-gelbe Jahre voller spätrömischer Dekadenz, uneingeschränkten Vertrauensschwüren, Plagiaten, Basta-Bauprojekten, Milliarden-Verbrennung und versoffenen Spitzenpolitkern haben Ihren Pries. Noch zwei Legislaturperioden in dem Stil und der Weg ist wieder frei für einen deutschen faschistischen Rattenfänger.
jamesbrand 17.06.2013
4. ich
zum Beispiel wähle nicht, weil ich nicht glaube das 30 Millionen Wähler mehr Einfluß haben als 100 Lobbyisten.
gog-magog 17.06.2013
5.
Zitat von sysopDPADie Zahl der Nichtwähler steigt - sie kommen vor allem aus den unteren Schichten. Eine Studie der Ebert-Stiftung warnt vor den Risiken dieses Trends, hat Status und Motive der Stimmenthalter genau untersucht. Längst nicht alle sind für die Parteien auf Dauer verloren. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/studie-wie-die-parteien-nichtwaehler-umstimmen-koennen-a-905808.html
Tatsache ist, dass die großen Parteien erstens keine Politik für den Bürger mehr machen, zweitens sich an Lobbyisten-Zuwendungen fett fressen und drittens nur noch ihre eigene Klientel bedienen. Damit ist es bereits erklärbar, dass immer weniger Menschen die "Partei des geringsten Übels" überhaupt noch wählen, sondern sich einen schönen Wahlsonntag machen. Die Wahlbeteiligung wird erst dann wieder steigen, wenn die Parteien entmachtet werden und nicht mehr in jedem x-beliebigen Gremium vertreten sind, um ihre verdienten Kämpfer auf Kosten des Steuerzahlers mit feisten Pöstchen zu versorgen. Die Alternative zum Nichtwählen liegt für die meisten Leute offensichtlich nur noch im Radikal wählen und da darf man sich fragen, was eigentlich besser ist. Mit persönlich ist lieber, die Leute wählen gar nicht, als die Nazis.
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