Studie zu Migranten Neue deutsche Elite

Bestens ausgebildet, gut bezahlt, religiös liberal: Migranten in Deutschland können zur neuen Elite des Landes werden, wie eine neue Studie dokumentiert. SPIEGEL ONLINE erklärt, warum manche Einwanderer den Aufstieg schaffen - und andere nicht.

Von Franz Walter


Göttingen - Man hatte verblüffend lange warten müssen, bis man in Deutschland den Pauschalbegriff von den Personen mit "Migrationshintergrund" durch Differenzierung aufgelöst bekam. Genauer: Es dauert bis zum September 2007, als endlich eine erste umfassende Lebensweltanalyse der verschiedenen Migrationmilieus in Deutschland durch das Heidelberger Institut "Sinus Sociovision" vorgelegt wurde. Die Forschungen dazu sind fortgesetzt und durch weitere Befragungen zusätzlich fundiert worden. Am Dienstag wird in Berlin der neueste Befund der Expertise, die von acht Einrichtungen in Auftrag gegeben wurde, der Öffentlichkeit vorgestellt.

Zugrunde gelegt sind acht verschiedenen Milieus:

  • Religiös-verwurzeltes Milieu (7 Prozent): vormodern, patriarchalisch und religiös
  • Traditionelles Arbeitermilieu (16 Prozent): klassische Handarbeiter, sicherheitsorientiert
  • Statusorientiertes Milieu (12 Prozent): Aufsteiger, leistungs- und anerkennungsorientiert
  • Entwurzeltes Milieu (9 Prozent): Prekariat ohne klare Identität
  • Intellektuell-kosmopolitisches Milieu (11 Prozent): globalorientiertes Bildungsbürgertum
  • Multikulturelles Performermilieu (13 Prozent): bikulturell, westlich, erfolgsorientiert
  • Adaptives Bürgerliches Milieu (16 Prozent): sicherheits- und harmonieorientierte Mitte
  • Hedonistisch-subkulturelles Milieu (15 Prozent): unangepasstes, resistentes Jugendmilieu

Wir reden von immerhin 15,3 Millionen Deutschen, wenn wir den Begriff "Migrationshintergrund" verwenden. Das sind 18,6 Prozent der Wohnpopulation hierzulande, wobei der Anteil in der jüngeren Generation noch steigt. Von den Kindern bis zu fünf Jahren wird jedes dritte in einer Familie mit Migrationsbiografie groß. In der Gesamtbevölkerung Deutschlands befinden sich 13 Prozent im Alter von 20 bis 29; unter Migranten liegt die Quote bei 23 Prozent. 15 Prozent aller Bewohner in Deutschland sind über 70, aber nur drei Prozent der Bürger, deren Familien zugewandert sind.

Die meisten Migranten stammen aus Russland

In den alten Bundesländern gehört bereits ein Fünftel der Bewohner zur Gruppe mit einer Migrationsgeschichte; in der ostdeutschen Region liegt der Anteil nur bei sieben Prozent. Weit überproportional findet man die Migrationskultur mit einem Viertel aller dort lebenden Einwohner in den Großstädten, während in Dörfern und Kleinstädten lediglich drei Prozent eine solche Provenienz aufweisen.

Das Herkunftsland Nummer eins ist die frühere Sowjetunion mit 21 Prozent der Migration in Deutschland, gefolgt von der Türkei mit 19 Prozent. Zwölf Prozent kommen aus südeuropäischen Ländern, elf Prozent aus Polen.

Die Migration ist also keineswegs mehrheitlich muslimisch, wie man zuweilen annehmen könnte, wenn man aufgeregte Kommentare zum Kampf der Kulturen liest. Vielmehr dominieren die Katholiken, die ein Drittel der Zuwanderungsmilieus ausmachen. Zu den Muslimen zählt dagegen lediglich ein Fünftel.

Religiöser Fundamentalismus ist es offensichtlich nicht, was die Migration in Deutschland charakterisiert: 84 Prozent der jüngst von Sinus Befragten vertraten die Meinung, dass Religion eine reine Privatsache sei. Noch dezidierter fiel die Zustimmung zu der Aussage aus, dass die Gesetze des Staates wichtiger seien als die Gebote auch der eigenen Religion.

Insofern scheinen die weltanschaulich-religiösen Barrieren, welche kulturelle und gesellschaftliche Integration vereiteln könnten, nicht ganz so groß zu sein, wie häufig ängstlich unterstellt. Hält man sich nur an die Ergebnisse der vorliegenden Studie, dann wäre im Gegenteil praller Optimismus angesagt. Für das Gros der Bürger aus Migrationsmilieus ist die Integration weder eine offene Frage noch ein ungelöstes Problem. Bemerkenswert ist in der Tat, dass der Anteil formal Hochgebildeter in den Gruppen der Migration höher liegt als im Rest der Bevölkerung, übrigens auch die Quote der Besserverdienenden. Dazu: Mehr als 80 Prozent äußern, dass sie "gerne" oder "sehr gerne" in Deutschland leben; und nur ganz wenige bezeichnen ihr Herkunftsland als "eigentliche Heimat".



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 257 Beiträge
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Seite 1
newliberal 09.12.2008
1. Hmm
Zitat von sysopBestens ausgebildet, gut bezahlt, religiös liberal: Migranten in Deutschland können zur neuen Elite des Landes werden, wie eine neue Studie dokumentiert. SPIEGEL ONLINE erklärt, warum manche Einwanderer den Aufstieg schaffen - und andere nicht. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,594896,00.html
Na ja, können, vielleicht, unter Umständen, in Zukunft. Wenn ich mir so die Bildstrecke ansehe bin ich nicht so überzeugt. Ausser einem wirklich brillanten Regisseur der Spitzenklasse, einem erfolgreichen Unternehmer, einem Fussballtalent, sehe ich eine Ex-Pornoaktrice (immerhin) und vor allem viele, viele Gutmenschpolitiker. Wenn das die Elite sein soll die Deutschland in eine erfolgreiche Zukunft führen soll..... Es kann sein, dass hier eine Elite heranwächst, es kann aber auch sein, dass wir hier auf französische oder schlimmer noch jugoslawisch-kosovarische Zustände zusteuern. Ich glaube eher Letzteres, hoffe aber Ersteres. Time will tell.
dafko32u43274dksa93 09.12.2008
2. Aussage?
Was genau soll der Artikel jetzt eigentlich aussagen? Wenn ich lese, dass Migranten DIE neue deutsche Elite sind, wirkt es auf mich, als ob DIE deutsche Elite der Zukunft NUR aus Migranten besteht. Aber soll das wirklich ausgesagt werden? Falls ja: Oh, das schürt ja direkt Überfremdungsängste! :-P Falls nein: Bitte ein wenig klarer formulieren. ;-)
Chris110 09.12.2008
3. das soll Elite sein?
Zitat "Nach der Schule spielte die Deutsche zunächst in Hardcore- Pornos mit, bis sie schließlich als seriöse Schauspielerin Anklang fand" Sehen Sie, das hat für mich mit Elite nichts zu tun. Und auch für sonst niemanden, da steht Spiegel mal wieder alleine da. Elite ist etwas ganz anderes, keiner von denen gehört dazu.
Teodore 09.12.2008
4. Eine erfrischende Analyse
Da wird eine verzerrte Wahrnehmung oder Darstellung auf erfrischende Weise zurechtgerückt. Natürlich ist der klassiche Auswanderertypus fleißig, hungrig, aufstiegsorientiert. Offenbar gibt es im Ausland viele Menschen, die in Deutschland eine Perspektive sehen. Diesen Optimismus können wir gebrauchen. Ich kenne selbst Migranten, die mit einem Fleiß auch sogenannte niedere Arbeiten verrichten, weil sie sich -an sich selbstverständlich- aus eigener Leistung verbessern wollen. Ein wohltuender Kontrast zur satten Jämmerlichkeit, wie sie so häufig anzutreffen ist.
Adran, 09.12.2008
5. blubb
Natürlich ist das so, und wird immer so sein. Das die ganze Migrationsthematik immer als neues Phänomen dargestellt wird, ist schlicht lachhaft, wenn man sich die Geschichte an sieht. Und ob die nun Kurt Tucholsky, oder Fatih Akin heißt, spielt nie eine Rolle.. Migraten und Integration gab es immer, und wird es immer geben, genauso wie jede migratengeneration auch ihre Eliten und Leistungsträger hervorbringen wird, und auch ihr eignes "Prekariat" Wo ist das also neu, oder irgendwie ein Problem? Auch bei der Integration der Hugennoten gab es seiner Zeit Probleme, aber heute sind sie integriert, und man sieht mit Stolz auf diese Wurzeln. Ergo wird das auch bei der "Neuen" Migration so sein.. ;)
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