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Studie zu Muslimen: Stunde der Angstmacher

Von und

Eine Studie über junge Muslime sorgt für Aufregung - Innenminister Friedrich warnt prompt vor Fanatismus. Tatsächlich eignet sich das Papier kaum als Munition in der Integrationsdebatte. Es liest sich vielmehr wie ein Aufruf an die Deutschen, sich Fragen zu stellen.

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dapd

Minister Friedrich: "Import autoritärer Ansichten"

Berlin - Das Thema Integration bringt Innenminister Hans-Peter Friedrich kein Glück. Wenn sich der CSU-Mann mit dem Thema befasst, kann das schon mal ziemlich schiefgehen. Unvergessen bleibt, wie er zur Empörung der Migranten-Gemeinschaft erklärte, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Und jetzt ist es wieder mal so weit.

Die "Bild"-Zeitung berichtet über eine Studie zu Muslimen aus seinem Hause - und schlägt Alarm. Von einer "Schock"-Studie ist die Rede, die zu belegen scheint, dass muslimische Migranten mehr oder weniger ein Unglück für Deutschland sind.

Garniert wurde der Artikel mit einem knackigen Zitat des Innenministers. Man "akzeptiere nicht den Import autoritärer, antidemokratischer und religiös-fanatischer Ansichten. Wer Freiheit und Demokratie bekämpft, wird hier keine Zukunft haben", sagte Friedrich.

Das Problem für Friedrich: Fach-Abgeordnete seiner eigenen Koalition wussten gar nicht, worüber er da eigentlich spricht. Die Studie, um die es ging, wurde erst am Donnerstagmittag auf der Homepage des Ministeriums online gestellt. Eine öffentliche Vorstellung des Papiers gab es nicht, vielleicht auch, weil Friedrich selbst die mehr als 700 Seiten Studie nicht fassen konnte. Auch die Opposition schießt sich auf ihn ein. Friedrich selbst zeige keine Integrationsbereitschaft, sagte Grünen-Mann Volker Beck.

Doch damit nicht genug: Vor allem ist die Untersuchung weitaus differenzierter, als es die von Friedrich mit verursachte Aufregung vermuten lässt. Sie eignet sich kaum, um Reflexe zu bedienen. Es geht in dem Papier mit dem Titel "Lebenswelten junger Muslime in Deutschland" detailliert um die Einstellung von deutschen, nichtdeutschen Muslimen und nichtmuslimischen Deutschen. Es geht um Antisemitismus, es geht um das Gefühl, abgelehnt zu werden, es geht um Vorurteile gegenüber dem Westen, Religiosität, Sarrazin - und darum, wie das alles zusammenhängt. Wohlgemerkt lassen sich die Ergebnisse der Studie nicht auf alle Muslime in Deutschland hochrechnen - das betonen auch die Forscher nachdrücklich. Sie schreiben sogar: Man dürfe es nicht.

Studie: Muslimische Lebenswelten sind höchst ambivalent

Sie haben 717 zufällig ausgewählte junge Muslime angerufen - das erste Mal im Herbst 2009, das zweite Mal wurde etwa die Hälfte dieser Gruppe im Jahr darauf befragt. Außerdem riefen sie bei rund 200 deutschen Nichtmuslimen an, um einen Kontrollwert zu haben. Die Wissenschaftler haben zudem Tausende Einträge in Internetforen ausgewertet, die von Muslimen genutzt werden. Sie haben die Berichterstattung deutscher, türkischer und arabischer TV-Sender analysiert. Auch haben sie Gespräche mit muslimischen Familien geführt, allerdings nur relativ wenige - an der Interviewstudie nahmen lediglich 18 Muslime teil.

Gleich am Anfang der Studie steht ein Zitat eines Befragten, das einen Hinweis gibt, worum es den Forschern tatsächlich geht. "Du bist so durcheinander zwischen den Welten." Es ist ein Einstieg, der sich nicht dazu eignet, Ressentiments auf irgendeiner Seite zu bedienen. So geht es weiter. In dem Papier steht Beruhigendes - und Besorgniserregendes - für alle Seiten.

In ihrem Fazit betonen die Forscher deshalb:

  • Es gebe nicht die eine muslimische Lebenswelt in Deutschland, sondern zahlreiche ambivalente.
  • Außerdem zeige die Untersuchung, dass sich alle in Deutschland lebenden Generationen unabhängig von ihrer Religiosität und dem Grad der Integration in die deutsche Gesellschaft mehrheitlich deutlich vom islamistischen Terrorismus distanzierten. Sie litten allerdings unter der Pauschalverurteilung der Muslime als Terroristen.
  • Die Mehrheit aller Befragten sei zudem bestrebt, sich zu integrieren - sie wollen ihre Herkunftskultur bewahren und gleichzeitig die deutsche Mehrheitskultur annehmen.
  • In der Gruppe der nichtdeutschen Muslime hätten allerdings 48 Prozent starke Separationsneigungen. Außerdem gebe unter den 14- bis 32-jährigen befragten nichtdeutschen Muslimen eine große Gruppe von "stark Religiösen" mit starken Abneigungen gegenüber dem Westen, tendenzieller Gewaltakzeptanz und ohne Integrationstendenz - 24 Prozent. Und das sehen auch die Forscher problematisch. Sie erklären sich das auch mit traditioneller Religiosität, autoritären Einstellungen, der Orientierung an "Macht" und "Erfolg".

Es ist dieses letzte Ergebnis, auf das Friedrich seine Kommentar verengt hat - aber es ist ein Befund, der sich auch als Aufforderung zu einer sachlichen Debatte der deutschen Gesellschaft liest. Warum kann Deutschland vor allem die jungen Muslime nicht gewinnen? Die, von denen die meisten hier geboren sind? Ist das nicht auch als riesiges Versäumnis der deutschen Gesellschaft zu lesen? Und wie ist der Zusammenhang zwischen Zugehörigkeitsgefühl und der deutschen Staatsbürgerschaft, den die Studie immer wieder herstellt? Haben die "integrationsunwilligen" jungen Muslime keinen deutschen Pass, weil sie sich nicht integrieren wollen - oder wollen sie sich nicht integrieren, weil sie keinen deutschen Pass haben?

Und was hat nun Sarrazin damit zu tun?

Für all jene, die sich integrieren wollten, sei das jedenfalls eine große Herausforderung, schreiben die Wissenschaftler: Muslime in Deutschland müssten ein positives Selbstbild entwickeln, auch wenn sie sich als Muslime oft abgelehnt fühlen.

Der Forscher Wolfgang Frindte, der maßgeblich an der Studie beteiligt war, geht in einem Exkurs auch der Frage nach, was die Diskussion um die Sarrazin-Thesen mit den Ergebnissen der Befragung zu tun haben könnte. Denn die Telefoninterviews mit den jungen Muslimen wurden vor und nach dem Höhepunkt der Debatte geführt. "So fällt auf, dass vor allem zwischen den nichtdeutschen Muslimen "vor" und "nach" Sarrazin bedeutsame statistische Unterschiede hinsichtlich der abgefragten Einstellungen und Meinungen bestehen. Die "nach Sarrazin" Befragten geben deutlich stärker zum Ausdruck, dass die Muslime die Kultur ihres Herkunftslandes bewahren sollten. Auch Vorurteile gegenüber Juden, dem Westen oder religiös-fundamentalistische Überzeugungen seien stärker. Es liege nahe, dass die Debatten um Sarrazin "einen von niemandem gewollten Effekt" gehabt hätten, nämlich "dass sich die nichtdeutschen Muslime noch weiter aus der Mehrheitsgesellschaft ausgeschlossen wahrgenommen haben und deshalb mit noch stärker ausgeprägten Vorurteilen und noch stärkerer Abgrenzung reagiert haben".

Die Wissenschaftler kommen zu einem Ergebnis, das wie eine direkte Aufforderung an Innenminister Friedrich zu verstehen ist: Es müsse Muslimen leichter gemacht werden, beide kulturelle Identitäten in Deutschland zu leben - damit könne auch der Radikalisierung vorgebeugt werden. "Die häufig problematisierte Diskriminierung von Muslimen durch Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft beeinflusst diese Prozesse negativ."

Thilo Sarrazin selbst nutzt die Aufregung um die Studie für eigene Zwecke. Der Zeitung "Die Welt" sagte er, er fühle sich "glänzend" bestätigt. Die Parteien müssten, "die Wirklichkeit der muslimischen Einwanderung mit mehr Realismus und weniger Wunschdenken" sehen.

Am Nachmittag schließlich hörte sich dann die Stellungnahme Friedrichs schon deutlich anders an. "Die Muslime in Deutschland lehnen Terrorismus kategorisch ab", sagte er. Es liege in der Verantwortung der Medien, "nicht den Fokus auf eine kleine Minderheit, die Probleme macht", zu richten. Die Studie habe auch ergeben, dass sich viele junge Muslime ungerecht behandelt und unter Generalverdacht gestellt fühlten.

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