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Studie zum Rechtsextremismus: Ausländerfeindlichkeit nimmt im Osten zu

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Rechtsextreme Einstellungen schwächen sich deutschlandweit ab - zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung. Doch die Autoren warnen: Braunes, antisemitisches und autoritäres Gedankengut bleibt weit verbreitet, im Osten zum Teil mit steigender Tendenz.

Berlin - Auf den ersten Blick ist der Befund erfreulich: Die Deutschen sind in der jüngeren Vergangenheit offensichtlich weniger anfällig für rechtsextremes Gedankengut geworden. Antidemokratische Tendenzen, übertriebener Nationalismus und Ausländerfeindlichkeit sind 2008 bundesweit schwächer ausgeprägt als noch vor zwei, vier oder sechs Jahren.

NPD-Werbung in Ueckermünde im Osten Mecklenburg-Vorpommerns: Hoffnung auf mehr Wachsamkeit
REUTERS

NPD-Werbung in Ueckermünde im Osten Mecklenburg-Vorpommerns: Hoffnung auf mehr Wachsamkeit

Das ist das Fazit einer neuen Studie, die die Leipziger Wissenschaftler Oliver Decker und Elmar Brähler am Donnerstag in Berlin vorstellten. Zum vierten Mal seit 2002 haben die Forscher im Auftrag der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung die rechtsextremen Einstellungen der Bundesbürger unter die Lupe genommen. Unter dem Titel "Bewegung in der Mitte" vergleichen die Autoren diesmal die Ergebnisse, die sie über die Jahre gesammelt haben - und stellen fest, "dass die rechtsextreme Einstellung in der Tendenz abnimmt".

Das ist allemal erfreulich, aber eben auch nur eine Erkenntnis der Befragung von rund 2500 Menschen im Mai und Juni. Eine andere lautet: "Rechtsextreme Aussagen finden nach wie vor bei vielen Bundesdeutschen Zustimmung." Und im Osten der Republik ist diese Zustimmung entgegen dem bundesweiten Trend zum Teil sogar noch größer geworden (für Ergebnisse der Studie: siehe Grafiken).

Beispiel Ausländerfeindlichkeit: Noch nie ermittelten Decker und Brähler für Ostdeutschland derart hohe Werte für eine ausländerfeindliche Gesinnung wie 2008. Ein Drittel der Befragten machte sich alle vorgelegten ausländerfeindlichen Aussagen zu eigen. Sie sind der Meinung, dass Ausländer nur nach Deutschland kommen, um den Sozialstaat auszunutzen; dass man sie wieder nach Hause schicken sollte, wenn die Arbeitsplätze knapp werden; dass die Bundesrepublik "in einem gefährlichen Maß überfremdet ist". Für sich genommen fanden einzelne Thesen gar die Unterstützung nahezu der Hälfte aller ostdeutschen Studienteilnehmer. Besonders anfällig dabei: Arbeitslose und Rentner.

Nur weil die Werte für die westdeutschen Bundesländer im Vergleich zu 2006 stark zurückgegangen sind, bleibt unterm Strich eine positive Entwicklung für das gesamte Bundesgebiet stehen. Bei immerhin noch 21,2 Prozent liegt hier die Zustimmungsquote zu den fremdenfeindlichen Ansichten. Vor zwei Jahren waren es 26,7 Prozent.

Antisemitismus auf konstantem Niveau

Beispiel Antisemitismus: Antisemitische Ressentiments halten sich konstant in den Köpfen der Bürger. Deutschlandweit hält der Leipziger Studie zufolge etwa jeder zehnte den jüdischen Einfluss für "zu groß", unterstellt den Juden "üble Tricks" und erkennt in ihnen etwas "Eigentümliches", das angeblich nicht zu uns passt.

In den vergangenen Untersuchungen war der Antisemitismus im Westen stets stärker ausgeprägt. Doch der Osten hat aufgeholt, im negativen Sinne: 7,9 Prozent der Befragten unterschreiben nun die judenfeindlichen Sätze, vor zwei Jahren waren es noch 4,2 Prozent. Im Westen liegt der Wert bei 9,3 Prozent (2006: 9,5), bundesweit ergibt sich daraus ein Wert von 9 Prozent (2006: 8,4).

Dass die Gesamtbilanz am Ende freundlich ausfällt, liegt vor allem daran, dass die rechtsextremen Einstellungen in Westdeutschland in allen untersuchten Dimensionen rückläufig sind. Neben antisemitischen und ausländerfeindlichen Aussagen legten die Forscher den Probanden auch solche vor, die Sympathien für eine rechtsautoritäre Diktatur zum Ausdruck brachten oder etwa den Nationalsozialismus verharmlosen.

Trotz des insgesamt ermutigenden Trends - einzelne Ergebnisse bleiben auch hier erschreckend: So wünscht sich jeder achte "einen Führer, der Deutschland zum Wohle aller mit starker Hand regiert". Sogar jeder fünfte glaubt, dass unser Land in diesen Zeiten eine einzelne starke Partei brauche, "die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert".

Decker und Brähler bescheinigen 7,6 Prozent der Befragten ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild, vor zwei Jahren waren es 8,6 Prozent. Damals war die Quote in Westdeutschland mit 9,1 Prozent allerdings höher als im Osten mit 6,6. Diesmal hat sich das Verhältnis umgekehrt: 7,5 Prozent im Westen gelten als manifest rechtsextrem, im Osten sind es 7,9 Prozent.

"Gesunde Wachsamkeit gegenüber Rechtsextremismus"

Die Forscher warnen jedoch vor einem schlichten Ost-West-Vergleich. Eine solche Unterscheidung werde der Komplexität des Phänomens nicht gerecht, heißt es in der Studie.

Tatsächlich verrät ein Blick auf die Daten der einzelnen Bundesländer, dass ein streng geteilter Befund für Ost- und Westdeutschland kaum möglich ist. Manch braune Idee ist in westdeutschen Bundesländern am stärksten ausgeprägt. Die Wissenschaftler betonen: "Eine Insel der toleranten Glückseligkeit ist Westdeutschland trotz der insgesamt abnehmenden rechtsextremen Einstellung nach wie vor nicht."

Und dennoch: Deutschland verfüge über "eine stabile Demokratie und eine gesunde Wachsamkeit gegenüber Rechtsextremismus", schreiben die medizinischen Soziologen. In den gewonnen Erkenntnissen sehen sie den Beleg, dass die politische und gesellschaftliche Aufklärungsarbeit zum Rechtsextremismus in den vergangenen zehn Jahren Früchte trägt. Wenn dieser Weg weiter fortgeführt werde, dann, so die Autoren, bestehe die Hoffnung, dass rechtsextreme Einstellungen noch weiter zurückgingen - auch in jenen Regionen, in denen von diesem Trend bisher nichts zu merken ist.

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Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland: Grafiken zur Studie


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