Studie zum transatlantischen Verhältnis Warum Europa weniger Amerika braucht

In Washington beginnt das europäische Schaulaufen: Kanzlerin Merkel und Vertreter aus Brüssel treffen sich in dieser Woche mit Obama und Co. Doch Experten warnen: Statt einzeln um die Gunst der Amerikaner zu buhlen, müsse Europa mit einer Stimme sprechen - und die ewige Unterwürfigkeit ablegen.

Von , Washington

Bundeskanzlerin Merkel, US-Präsident Obama: Welchen Europäer hat Obama mehr lieb?
REUTERS

Bundeskanzlerin Merkel, US-Präsident Obama: Welchen Europäer hat Obama mehr lieb?


Es ist Europa-Woche in Washington: Bundeskanzlerin Angela Merkel darf am Dienstag vor beiden Häusern des amerikanischen Kongresses sprechen - diese Ehre war unter ihren Vorgängern zuletzt Konrad Adenauer zuteil geworden. Kurz darauf empfängt Präsident Barack Obama die Spitze der Europäischen Union zum US-EU-Gipfel. Zu Energiefragen soll es ein eigenes Strategietreffen zwischen Europäern und Amerikanern geben.

Fast könnte man glauben, in der US-Hauptstadt kursiere in der Ära Obama endlich eine Telefonnummer für Europa, wie sie Amerikas Ex-Außenminister Henry Kissinger immer gefordert hat. Doch wählt Amerika die jetzt wirklich? Experten vom European Council on Foreign Relations, einer einflussreichen Denkfabrik, die der Milliardär und Philantrop George Soros ins Leben gerufen hat, sind skeptisch. Ihr Auftrag: Europas Rolle in der Welt klarer definieren.

In einer am Montag erscheinenden Studie des Council, die auf umfangreichen Interviews und Recherchen in 27 EU-Staaten beruht und SPIEGEL ONLINE vorliegt, richten die Autoren Jeremy Shapiro und Nick Witney einen deutlichen Appell an Europas Regierungen: Die "Fetischisierung" der transatlantischen Beziehungen müsse aufhören. Es sei höchste Zeit für Europa, ein post-amerikanisches Zeitalter einzuläuten und mit alten Mythen aufzuräumen.

Etwa, dass die Sicherheit des alten Kontinents allein von Amerikas Schutz abhänge, dass europäische und amerikanische Interessen im Kern die gleichen seien, dass europaweite Abstimmung nur schade, weil es die engen Beziehungen einzelner Staaten zu Washington untergrabe.

Washington orientiert sich neu - nach China

"Die USA haben verstanden, dass die Zeit ihrer globalen Dominanz vorbei ist und wollen durch neue Netzwerke die unersetzliche Nation bleiben", heißt es in dem Papier. Das Fazit der Autoren: Washington habe das Denken des Kalten Kriegs hinter sich gelassen, als die Partnerschaft mit Europa besonders wichtig war. Stattdessen orientierten sich die Vereinigten Staaten pragmatisch hin zu neuen Partnern wie China. "Die Beziehung zwischen Peking und Washington wird das 21. Jahrhundert prägen", sagt auch Obama.

EU-Staaten hingegen, so die Studie, hielten am über Jahrzehnte gepflegten Glauben an Amerikas Hegemonie fest, was zu übertriebener Unterwürfigkeit gegenüber Washington führe.

Weil so viele Staatsmänner in Europa an eine besonders enge Beziehung ihres Landes zu den USA glaubten, fänden sie im Umgang mit der Weltmacht keine einheitliche Linie - wie sie in den Beziehungen mit Russland oder China möglich sei. In ihrem Eifer, den Amerikanern zu schmeicheln, verstrickten sie sich in Unternehmungen wie den Afghanistan-Krieg, die Europas Interessen nicht unbedingt dienten.

"Aus der Sicht Washingtons wirkt das Verhalten der europäischen Regierungen beinahe wie das von Kleinkindern. Es geht darum, Aufmerksamkeit zu erhalten", urteilen Shapiro und Witney.

Dabei werde Europa von den USA oft ignoriert, marginalisiert, gelegentlich gezielt gespalten.

  • Beispiel Afghanistan: Obwohl Europa dort fast genauso viel Finanzhilfe wie Amerika zur Verfügung stelle und beinahe 40 Prozent aller ausländischen Truppen, habe es "minimalen Einfluss" auf die Diskussionen um die weitere Kriegsstrategie.
  • Beispiel Naher Osten: Auch in diese Region sende die Europäische Union sehr viel Geld, scheue aber eine eigene Führungsrolle und toleriere Amerikas Zögern.
  • Beispiel Russland: Ein einheitlicher EU-Kurs gegenüber Russland sei wichtig, bleibe aber schwierig, weil europäische Regierungen ständig auf die Reaktion in Washington schielten. Die USA nutzten dies aus, um Europa zu spalten.
  • Beispiel Transatlantic Economic Council: Als der Rat - von Merkel und Ex-Präsident George W. Bush zur besseren Wirtschafts-Kooperation einberufen - in der vorigen Woche tagte, erschien die europäische Delegation in Top-Besetzung, angeführt von EU-Vizekommissionspräsident Günter Verheugen. Die Amerikaner schickten bessere Abteilungsleiter. Fortschritte gab es kaum. Wie auch, wenn das Hierarchie-Gefälle so groß sei, murrt ein Teilnehmer. Eigentlich müssten die Europäer demonstrativ mit weniger prominenten Verhandlungsführern erscheinen.

Doch das trauen sie sich nicht. Also werden sie das nächste Mal wieder in voller VIP-Stärke anreisen und sich nachher ärgern.

Forum - Wie hat sich ist das deutsch-amerikanische Verhältnis entwickelt?
insgesamt 358 Beiträge
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Seite 1
Hartmut Dresia, 02.11.2009
1.
Zitat von sysopBei ihrem Besuch in Washington genießt Kanzlerin Merkel die Aufmerksamkeit der Amerikaner. Doch die Europäer zeigten sich gegenüber den USA übertrieben unterwürfig, kritisiert eine brisante neue Studie. Wie hat sich das deutsch-amerikanische Verhältnis unter Barack Obama bisher entwickelt?
Die Stimmung ist gut, die Lage angespannt. Man denke nur an die Militäreinsätze in Afghanistan. Nun kommt das Weltklima als Streitpunkt hinzu. Obama wird es noch schwerer haben als Merkel, die geforderten zusätzlichen Milliarden innenpolitisch zu begründen: Prima Klima - wenn Deutschland in die leere Kasse greift (http://www.plantor.de/2009/prima-klima-wenn-deutschland-in-die-leere-kasse-greift/)
SaT 02.11.2009
2. Wo bleibt das europäische Selbstbewusstsein?
Zitat von sysopBei ihrem Besuch in Washington genießt Kanzlerin Merkel die Aufmerksamkeit der Amerikaner. Doch die Europäer zeigten sich gegenüber den USA übertrieben unterwürfig, kritisiert eine brisante neue Studie. Wie hat sich das deutsch-amerikanische Verhältnis unter Barack Obama bisher entwickelt?
Ich kenne zwar die Studie nicht, trifft aber zu - besonders seit ein Präsidenten Obama im weißen Haus regiert (unter Bush gab es vorsichtige Absetzbewegungen). Wo bleibt das europäische Selbstbewusstsein? Europa und die USA sollten Partner auf Augenhöhe sein. Merkel wird dieses Selbstbewusstsein kaum repräsentieren. Wo bleiben deutsche Sicherheitsbeamte die das weiße Haus vor einem Merkelbesuch stürmen und „sichern“ wie dies die Amerikaner mit dem Kanzleramt machen bevor Obama vorbeikommt?
immerfreundlich 02.11.2009
3.
Zitat von sysopBei ihrem Besuch in Washington genießt Kanzlerin Merkel die Aufmerksamkeit der Amerikaner. Doch die Europäer zeigten sich gegenüber den USA übertrieben unterwürfig, kritisiert eine brisante neue Studie. Wie hat sich das deutsch-amerikanische Verhältnis unter Barack Obama bisher entwickelt?
"unsere amerikanischen Freunde" - dieser Satz unterwürfiger Heuchelei kommt zwar nicht mehr so devot über die Lippen der (west)deutsch-geprägten Politiker, ist aber immer noch im System verankert Da wünscht man sich eine Emanzipation. Dank Busch junior haben sich verschiedene europäische Länder bereits emanzipiert Mit Obama wird hoffentlich nicht die "Begeisterung" das Hirn ausschalten. Die USA und deren Politiker haben immer und ausschliesslich die Interessen der USA im Sinn gehabt. Die europäischen Staaten sollten dieses Verhalten auch gegenüber den USA übernehmen - das ist zumindest meine Sichtweise
anders_denker 02.11.2009
4.
Zitat von SaTIch kenne zwar die Studie nicht, trifft aber zu - besonders seit ein Präsidenten Obama im weißen Haus regiert (unter Bush gab es vorsichtige Absetzbewegungen). Wo bleibt das europäische Selbstbewusstsein? Europa und die USA sollten Partner auf Augenhöhe sein. Merkel wird dieses Selbstbewusstsein kaum repräsentieren. Wo bleiben deutsche Sicherheitsbeamte die das weiße Haus vor einem Merkelbesuch stürmen und „sichern“ wie dies die Amerikaner mit dem Kanzleramt machen bevor Obama vorbeikommt?
derartiges sollte man sich einfach mal verbitten. eiegntlich sollte es jedes volk bereits als demütigung verstehen, wenn jeder führer irgeneines landes derartigen zinober veranstaltet. selbst den nordkoreanern traue ich zu gute sicherheitsmaßnahmen treffen zu können. abgesehen davon - das was im artikel steht, mag nichts neues sein, es denkt sich mit meinem langjährigen empfinden und dem was ich erwarten würde... nur so deutlich wird es selten ausgesprochen. bush hat es fast geschafft das politische europa (neues europa) zu spalten. was die eu braucht ist eine einheitliche stimme nach außen, eine starke eigenmächtige präsenz und vor allem den mut auch gege die interessen der usa zu sein.
tb0t 02.11.2009
5. divide et impera
mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen
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